08.01.1949

Umstrittene Maus-Geburt

Die Engländer sind sich noch nicht ganz einig, ob es sich um einen Unfug, einen guten Anfang, eine Beleidigung oder schlichtweg nur um "Hühnerfutter" handelt. So unterschiedlich waren ihre Kommentare zu der vor kurzem von der Regierung verfügten Schaffung eines 27köpfigen "Rates für Wales". Der Rat soll sich speziell mit den Beschwerden und Problemen jener Landschaft befassen, die ein berühmtes englisches Buch des 19. Jahrhunderts noch das "wilde Wales" nannte.
Heute ist Wales nicht mehr wild. Aber der jahrhundertelange Kampf der Waliser um eine politische Sonderstellung im Rahmen des "Vereinigten Königreiches" hat trotzdem an Schärfe nicht nachgelassen. Die neue Regierungsvorlage dürfte durch ihre Halbheit erst recht nicht geeignet sein, den walisischen Selbständigkeitseifer zu dämpfen.
Wenn auch viele bekannte Engländer - beispielsweise der einstige Ministerpräsident Lloyd George - von Wales kommen und wenn auch viele "typisch" englische Namen wie Jones, Thomas und Griffith in Wirklichkeit typisch walisisch sind, so ist Wales doch auch heute noch in vieler Beziehung anders als England. Seine 2,6 Millionen Einwohner reden gern und viel, singen wie die Engel und ereifern sich über religiöse Fragen. Ein englisches Witzwort meint, daß es wahrscheinlich 2,6 Millionen verschiedene protestantische Sekten in Wales gibt.
Auch äußerlich unterscheidet sich der Waliser vom "typischen" Engländer - er ist klein, dunkel und agil. Mehr als irgendwo anders auf der englischen Insel, hat sich die Erbmasse der Iberer und Kelten, die einst vor den Angelsachsen das Land bewohnten, in den Bergen von Wales erhalten. Wales ist immer ein Zufluchtsort der Bedrängten gewesen.
Mehr als alles andere hat die Bewahrung der keltischen Sprache zu der Eigenstämmigkeit von Wales beigetragen. Die Sprache der keltischen Gruppe steht heute in Europa auf dem Aussterbe-Etat. Irlands Gälisch hat sich zwar noch ganz gut behauptet. Aber in Schottland, auf der Insel Man, in der südwestenglischen Grafschaft Cornwall und in der Bretagne sind die altkeltischen Landessprachen schon fast vergessen.
In Wales hingegen gibt es noch 80000 Menschen, die englisch ebensowenig sprechen wie etwa chinesisch. 800000 Waliser, ein Drittel der Bevölkerung, sind zweisprachig. Diese Prozentsätze liegen höher als für das Gälische in Eire, obwohl sich die Dubliner Regierung schon seit rund 20 Jahren heftig bemüht, die Sprache der keltischen Vorfahren wieder auferstehen zu lassen.
Für den Nicht-Kelten wirkt Walisisch kaum anders als etwa Kisuaheli oder Hindostanisch. Das gedruckte Wort erinnert beinahe an ägyptische Hieroglyphen. In Wirklichkeit lernt sich die Aussprache dieses klangreichen Idioms verhältnismäßig leicht. Grammatik und Syntax sind freilich verteufelt schwer.
Cardiff, die größte Stadt des Fürstentums, heißt auf walisisch: Caerdydd. Der berühmteste Waliser Ortsname findet sich auf der Insel Anglesey. Es ist gleichzeitig der längste Ortsname der Welt: Llanfair Pwllgwyngyll Gogerysch Wyrndrobwll Llandysilio Gogogoch. Zu deutsch: Die Marienkirche in der mit weißen Haselnußsträuchern bestandenen Mulde, bei dem raschen Strudel und der Kirche des Heiligen Tysilio, unweit der roten Bucht.
Die Engländer eroberten Wales gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Kurz danach versprach der englische König den Walisern, ihrem Land einen Fürsten zu geben, der kein Wort englisch spricht. Er verlieh daraufhin seinem erstgeborenen Säugling den Titel eines Fürsten (oder Prinzen) von Wales. Seitdem ist der Titel für den Thronfolger des englischen Königshauses üblich geworden.
Vor 400 Jahren kam es dann zur regelrechten Union zwischen England und Wales. Heute zerfällt das "Vereinigte Königreich" verfassungsmäßig in drei Hauptteile: England und Wales, Schottland und Nordirland.
Nordirland genießt die weitestgehende Autonomie. Es verfügt über ein eigenes Landesparlament in Belfast, entsendet aber auch Abgeordnete nach London. Seine Landesregierung ist mit großen Vollmachten ausgestattet. Nur auswärtige Angelegenheiten, Verteidigung und ähnliches sind London vorbehalten.
Für Schottland ist ein eigener Staatssekretär eingesetzt. Weiter sind Schottland eigenes Recht, eigene Gerichtshöfe und eigene Behörden in London zugestanden worden. Ein eigenes Regionalparlament erhielt Schottland dagegen bisher nicht.
Wales wird verwaltungsmäßig grundsätzlich als ein Teil Englands behandelt. Aber niemand in England leugnet, daß auch spezifisch walisische Probleme existieren. Ueber die der eigenen Sprache und der eigenen Kultur hinaus auch solche wirtschaftlicher und sozialer Art.
An ihrer Lösung ist London stark interessiert. Denn in Wales werden zehn Prozent aller "englischen" Kohle gefördert. Ein Fünftel allen "englischen" Rohstahls kommt ebenfalls von dort. Darüber hinaus ist praktisch die gesamte britische Weißblechindustrie in Wales stationiert. Nach dem letzten Krieg haben außerdem viele Flüchtlinge aus Mitteleuropa in Wales neue Industriezweige aufgebaut.
Im letzten Krieg hat Wales wieder seinem Ruf Ehre gemacht, eine "Zuflucht der Bedrängten" zu sein. Die Kunstschätze der Londoner Kunstgalerie wurden in Nordwales vor deutschen Bomben in Sicherheit gebracht. Auch politisch ist Wales eine Hochburg der Bedrängten. Von den 36 Waliser Mandaten im Londoner Unterhaus gehören acht den Liberalen aller Schattierungen, obwohl diese im Parlament insgesamt nur über vier Prozent der Sitze verfügen. Von den restlichen Waliser Mandaten hat Labour den Löwenanteil ergattert, während die Konservativen nur schwach vertreten sind.
Außerdem wirbt noch eine lokale Partei um die Gunst der Wähler. Die "Waliser Nationalisten" haben zwar bei den Parlamentswahlen ein Fiasko erlebt. Aber sie verfügen über 25000 eingeschriebene Mitglieder und glauben, 25-30 Prozent der Waliser Bevölkerung hinter sich zu haben.
Sie wollen Wales in ein Dominion mit eigenem Parlament und eigenen Diplomaten verwandeln. Cardiff soll von London unabhängig sein. Oder doch nur so abhängig wie Ottawa und Canberra. Weiter soll nach dem Nationalisten-Programm Wales auf alle Streitkräfte verzichten, um die Staatsfinanzen auf eine gesunde Grundlage zu stellen.
In der Praxis läßt sich eine solche Lösung nur schwer vorstellen. Aber es steckt viel Enthusiasmus hinter der nationalistischen Bewegung. Ihr kommt zugute, daß die englischen Behörden und Gerichte oft nicht genügend Verständnis für die Waliser Sprache zeigen.
Nur BBC macht eine Ausnahme. Ihre drei walisischen Regionalstationen senden täglich ein oder zwei Stunden auf walisisch und haben sogar walisische Sprachkurse eingerichtet.
Vor einigen Wochen hat der politische Kampf um die Waliser Mandate erneut begonnen. In spätestens 18 Monaten gibt es in England Parlamentswahlen. Im Hinblick darauf stellte Churchill auf dem letzten konservativen Parteitag in dem nordwalisischen Badeort Llandudno die Forderung, in der englischen Regierung den Posten eines Ministers für Wales zu schaffen.
Bei der letzten Wales-Debatte im Unterhaus Ende November stellten dann die Liberalen den Antrag, Wales ein Regionalparlament nach nordirischem Muster zu gewähren. Englische Regierungen aller Schattierungen haben seit 20 Jahren ähnliche Forderungen geprüft und bisher immer als undurchführbar abgelehnt.
Auch die Sozialisten, die derzeit die Regierung innehaben, mochten sich nicht zu einer so radikalen Aenderung der Wales-Politik verstehen. Sie verkündeten jetzt lediglich die Schaffung eines beratenden Organs, eben des "Rates für Wales", der vom Ministerpräsidenten auf Vorschlag von Waliser Körperschaften ernannt wird und die Londoner Regierung über die öffentliche Meinung von Wales auf dem laufenden halten soll.
Mit diesem Beschluß, der immernin von großer prinzipieller Tragweite ist, wurde zumindest ein neues Stadium in dem jahrhundertealten Selbständigkeitskampf der Waliser erreicht. Die Waliser Nationalisten - und nicht nur diese - sind allerdings damit noch längst nicht zufrieden.
Der Führer der Liberalen Partei Englands, Clement Davies, der selbst die walisische Grafschaft Montgomery im Unterhaus vertritt, nannte die Regierungsvorlage "die kleinste Maus, die ein Berg je geboren hat". Und ein Waliser Nationalist sprach von "Hühnerfutter", mit dem London die Waliser abzuspeisen gedenke.

Witz-Lichter

Die Amerikaner lassen neuerdings bei der Luftversorgung Berlins ihren letzten Schrei auf dem Gebiet der Flugzeugtechnik ertönen, die Super-Super-Super-Festung. Sie ist nach Berichten von Augenzeugen so groß, daß der Pilot einen Kurier mit dem Motorrad losschicken muß, wenn er die Ursache eines verdächtigen Geräuschs in der Maschine ausfindig machen will.
Auf einem der letzten Flüge vernahm der Flugzeugführer solch ein merkwürdiges Geräusch. "Nur ein Fußballspiel auf dem Unterdeck", kam der Bericht des Motorradkuriers. Nach Minuten neuer Lärm. "Ein Wasserballspiel im Schwimmstadion", berichtete der Bote.
Plötzlich eine Erschütterung. "Nichts von Bedeutung. Sir", meldete der Kurier diesmal. "Nur ein russisches Flugzeug, das uns rammen wollte. Es flog durch die Fenster ein und ging auf dem Basketball-Platz zu Bruch."
"Time", New York
Ein Engländer wanderte aufgeregt im Gang eines Londoner Entbindungsheims hin und her, während seine Frau im Geburtssaal lag. Nach einiger Zeit kam eine Schwester und meldete ihm: "Ich gratuliere, Sie sind Vater von Drillingen, drei gesunden Mädchen!"
Kurz darauf kam sie wieder, diesmal mit den Drillingen im Arm: "Sie dürfen sich eins aussuchen!" "Nur eins?", fragte der stolze Vater. "Können wir denn nicht alle drei behalten?" Die Schwester: "Unter unserer jetzigen Regierung geht das nicht. Eines ist für Sie, und die beiden anderen für den Export."
"Nebelspalter", Rorschach (Schweiz)
In Moskau wurde vor kurzem feierlich eine "Woche der Höflichkeit" zelebriert. Stalin ließ alle Moskauer auf dem Roten Platz zusammentrommeln, um ihnen Sinn und Zweck der Höflichkeitsaktion zu erläutern. Mitten in seiner Rede war plötzlich ein heftiges Niesen zu hören.
"Wer hat da geniest?" fragte der Diktator. Niemand antwortete. "Gut", sagte Stalin zu Geheimpolizeichef Beria, "lassen sie jeden in der ersten Reihe niederschießen". Als das geschehen war, fragte der Diktator wieder: "Wer hat geniest?" Keine Antwort.
Als sich der Pulverdampf zum zweitenmal verzogen hatte, hob ein Mann in der dritten Reihe schüchtern seinen Finger: "Ge-Ge-Genosse Stalin", stotterte er, "i -i- ich habe geniest".
"Oh", sagte Stalin milde, "Gesundheit!", und die Höflichkeitswoche konnte ungehindert ihren Fortgang nehmen.
"Time", New York
Ein deutscher Ostzonen-Arbeiter unterhält sich mit einem Kollegen aus der amerikanischen Zone. "Bei uns", sagt der Ostzonen-Mann, "macht die Demokratie immer größere Fortschritte. Als ich kürzlich aus unserem volkseigenen Betrieb auf dem Nachhauseweg war, hielt ein russischer Offizier seinen Mercedes an und sagte: 'Steig' ein, Genosse, ich fahre dich nach Hause'."
Der Arbeiter aus der US-Zone kann mit einem noch besseren Beispiel aufwarten, um die demokratische Wirklichkeit in seiner Zone zu illustrieren. "Bei uns hält der Besatzungsoffizier nicht nur seinen Chevrolet an", so erzählt er, "sondern er fragt auch verbindlich: 'Und wie ist es mit einem kleinen Drink?' Und nach dem Drink: 'Sie haben doch sicher auch noch nichts Anständiges gegessen?' Und nach dem Essen: 'Wollen Sie nicht ein heißes Bad nehmen?' Und nach dem Bad: 'Nun bleiben Sie doch gleich hier. Es ist gerade noch ein Bett frei.'"
"Und das ist alles Dir passiert?" will der Mann aus der Ostzone wissen. "Mir nicht", antwortet der andere, "aber meiner Schwester."
"New York Sun"

DER SPIEGEL 2/1949
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