08.01.1949

Das Leben beginnt mit 80

Dr. Edward L. Bortz, Präsident der American Medical Association, hat Oel ins Feuer gegossen: Er vertrat die Ansicht, die dem Menschen zugemessene Lebensspanne müßte ungefähr 150 Jahre betragen, im Vergleich mit dem durchschnittlichen Lebensalter der Tiere. Dr. Bortz ist eine ärztliche Kapazität, seine Erklärung ließ die Diskussion zum Thema Lebenserwartung erneut entbrennen.
Tiere leben instinktiv richtig, sagte er, Menschen treiben Schindluder mit ihrer Gesundheit. Trotzdem werde die medizinische Wissenschaft in 50 Jahren das durchschnittliche Lebensalter wieder um einige Jahre hinaufgedrückt haben.
Dr. Louis I. Dublin, Statistiker der Metropolitan Versicherungsgesellschaft, wies in einem Vortrag vor dem Harvardinstitut für Volksgesundheit optimistisch stimmende Zahlen vor: 1900 seien drei Millionen Amerikaner 65 Jahre und älter geworden, 1940 schon neun Millionen. 1960 würden es, beim heutigen Stand der Wissenschaft, 14 Millionen sein, im Jahre 2000 21 Millionen.
Man müsse diese Zahlen als Minimum betrachten, sagte der Versicherungsmann. Die Medizin habe nur an der richtigen Stelle den Hebel anzusetzen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts hätten Lungenentzündung, Tuberkulose und Darmerkrankungen an der Spitze der Todesursachen gestanden. Heute müsse man sich mehr um die Herzleiden, um Krebs und Gehirnblutungen kümmern.
Normales Alter: 125-150 Jahre. Die fortschrittsbegierigen Amerikaner verweisen darauf, daß Dr. Bogomolets schon vor Dr. Bortz behauptet hat, man müsse die normale Lebensdauer des Menschen mit 125-150 Jahren ansetzen. Dr. Bogomolets wird in den USA oft und gern zitiert, obwohl er "Held der Sowjetunion" ist.
Der Präsident der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Instituts für klinische Physiologie in Kiew hat ein Buch "Die Verlängerung des Lebens" geschrieben, das in Millionen verbreitet ist. In Amerika hat man das Buch vom verlängerten Leben gefressen, samt dem Rattenschwanz kommentierender Broschüren, die einem Best-Seller folgen.
Die Mehrzahl der Menschen, schreibt der russische Arzt, sterbe "vor ihrer Zeit", weil die Medizin immer noch nicht über genügende Mittel gegen die chronisch-degenerativen Erkrankungen des Alters verfüge. Bogomolets behauptet, daß das Bindegewebe beim Vorgang des Alterns die wichtigste Rolle spiele.
Das Bindegewebe sei von der medizinischen Wissenschaft bisher vernachlässigt worden. Es sei aber maßgebend für die Heilung von Wunden, von Knochenbrüchen und Geschwüren, für die Widerstandskraft gegen Infektionen und bösartige Geschwulste.
Schlüssel ewiger Jugend. Das A und O der Gesundheit nennt Bogomolets das Bindegewebe. Der Mensch altere, wenn es in seinen Funktionen nachlassse. Ein Mittel, diese Funktionen in Gang zu halten, sei der Schlüssel der "ewigen Jugend".
Bogomolets weist seinen Schlüssel vor. Er nennt ihn "Antiretikuläres cytotoisches Serum". Es wurde mit seinen Anfangsbuchstaben berühmt: als ACS.
Das sogenannte cytotoische (zellenstörende) Serum ist schon seit 1900 bekannt. Der Belgier Bordet, Entdecker des Keuchhustenbazillus, fand es als erster. Der Russe Metchnikoff, der die weißen Blutkörperchen als Polizisten erkannte ermaß sofort den Wert dieses Serums. Er beschreibt es:
"Man spritzt spezifische Zellen-rote Blutkörperchen, Leber- oder Nierenzellen - in ein andersartiges Tier Nach mehreren Einspritzungen erwirbt das Blutserum dieses. Tieres giftige Eigenschaften gegenüber diesen spezifischen Zellen.
"Wenn ein derartiges Serum zurückinjiziert wird in das Tier, von dem die Zellen ursprünglich stammen, so wird es diese spezifische Art von Zellen zerstören. Zum Beispiel produziert die Einspritzung von Samenzellen in ein Pferd ein Serum mit spezifischen Toxinen, das bei Tieren, von denen der Samen ursprünglich stammt, Sterilität herbeiführt."
Metchnikoff setzt hinzu, daß winzige Mengen dieses Serums - ähnlich, wie das bei Giften ist - die spezifischen Zellenelemente stimulieren (anregen), anstatt sie zu töten oder aufzulösen. Bordet und Metchnikoff kamen aber nicht weiter. Sie konnten den Toxingehalt eines solchen Serums noch nicht genau bestimmen.
Bogomolets konnte es. ACS war das aufsehenerregende Ergebnis seiner Versuchsreihen. 12 Jahre lang experimentierte er damit an Tieren, 1936 begann er mit klinischen Menschenversuchen. Der zweite Weltkrieg vervielfältigte seine Erfahrungen. Die Lazarette der Sowjetunion wurden zum weiten Experimentierfeld.
ACS bewährte sich bei den verschiedenartigen Verletzungen und Krankheiten: bei Knochenbrüchen, Blutvergiftungen, Gicht, Gelenkentzündungen, Scharlach und Schizophrenie.
Ein Dementi. Meldungen, ACS heile auch Krebs, dementiert Dr. Bogomolets. Es wirke, präzisierte er, nach der operativen Entfernung eines Krebses seiner Wiederkehr erfolgreich entgegen.
ACS ist in der Sowjetunion ein offiziell anerkanntes Heilmittel. Schon 1943 wurden dort drei Millionen Behandlungseinheiten hergestellt. Der Name ACS ist in Rußiand so populär wie DDT und Penicillin im Westen.
Die außer-russischen Wissenschaftler begegnen dem Mittel, "das alles und jedes zu heilen vorgibt", mit Skepsis. Aber Bogomolets erklärt die erstaunliche Vielseitigkeit seines ACS mit der Vielseitigkeit des damit stimulierten Bindegewebes. Und hier münden die Dikussionen wieder ins Thema des "unnötig kurzen" Menschenlebens.
Die Russen rücken nicht sehr viel ACS heraus. Nun stellt Dr. Henry Goldblatt, Direktor des Instiuts für experimentelle Pathologie an der Clevelander Western Reserve University, ACS her, unter Verwendung menschlicher Milz- und Knochenmarkzellen, die in winzigen Dosen gespritzt werden.
Jungbrunnen von morgen. Amerikas Pathologe Numero 1 hat ein ganzes Aerzte-Team angesetzt, den "Jungbrunnen von morgen" zu studieren. Das Kollegium bestätigte Heilungserfolge in fast allen Fällen, die in der medizinischen Literatur Sowjetrußlands angeführt sind. Was den Krebs anlangt, ist Dr. Goldblatt noch zurückhaltend. Die Zeit, darüber ein endgültiges Urteil abzugeben, hält er noch nicht für gekommen.
Zu der Frage der Lebensverlängerung hat er sich bisher nicht geäußert. Die Magazine sind mit ihren Ueberschriften "Das Leben beginnt mit 80" und "Werde 150 mit ACS" möglichen Ergebnissen weit voraus. "ACS allein tut es nicht", bremsten die Aerzte. Eine ganze Reihe von Instituten hat sich an die Erforschung der Alterskrankheiten gemacht.
Dr. A. I. Landis von der Washington-Universität in St. Louis (Missouri) untersuchte die Ursachen, die zu einer der häufigsten Alterserscheinungen führen: die Arterienverkalkung. Er macht ein Protein, das in gealterten Zellen zu stark reagiere und deshalb zu viel Calcium binde, für diese Art Kesselstein verantwortlich. 500 Männer zwischen 18 und 54 haben sich freiwillig für zehn Jahre als Versuchskaninchen für die Bekämpfung der Arterienverkalkung zur Verfügung gestellt.
Mit der Entdeckung eines billigen Heilmittels machte die Wissenschaft hier einen gewaltigen Ruck nach vorn: Das Rutin wird in 38 Pflanzenarten gefunden, vom Stiefmütterchen bis zum Tabak. Im großen gewinnt man es aus frisch geschnittenem grünen Buchweizen.
Dr. I. Griffith jun. von der Pennsylvania Universität hat die Erfahrungen von rund 400 Kliniken darüber gesammelt. Rutin kräftigt schwache Gefäßwände. Eine Rutinbehandlung kann bereits eingetretenen Schlaganfall natürlich nicht ungeschehen machen, sie verhindere aber, meint Dr. Griffith, die Wiederkehr.
Dr. Martin Gumpert trägt zum Thema Langlebigkeit Psychologisches bei. In seinem aufpulvernden Buch "Sie sind jünger als Sie glauben" sagt er, die beste Hoffnung des Menschen auf ein langes Leben liege in der geistigen Haltung zum Phänomen des Todes.
Vernünftiger Kummer. Das gegenwärtige System der Lebensversicherungen, Altersrenten und Pensionen mache das Leben zu einer umständlichen und unnötig langen Vorbereitung für die Todesstunde. Jede Art von "Sicherheit" nehme ein Stück Spannkraft.
"Glauben Sie keinen Augenblick daran", sagt Dr. Gumpert, "daß Sorgen und Mühen das Leben verkürzen. Vernünftiger Kummer hält einen Menschen am Leben."
Wer erst einmal das kritische Jahrzehnt zwischen 50 und 60 überstanden habe, der könne auf ein neues Blühen seiner produktiven Gaben hoffen. Man beachte nur, daß dann hartgekochte Eier, zu fettes Fleisch und überfetter Käse nicht mehr gut tun. Mäßige sexuelle Freuden seien noch lange nicht verwehrt.
Nur durch die Jahre allein, erklärten Chirurgen und Internisten aus Cincinnati in schöner Gemeinsamkeit, würden Alterserscheinungen nicht ausgelöst. Die "Zeitneurose" trage viel mehr zur Entstehung der gefürchteten Alterserscheinungen bei als die organischen Ursachen. Die "Last der Jahre" sei eine fixe Idee. Wenn Hoffnung und Vertrauen schwänden, sinke die Leistungsfähigkeit. Aus eingebildeten Krankheiten entstünden tatsächliche Leiden.
Ob ACS Menschenleben wirklich auf 125 bis 150 Jahre verlängern kann, lassen die Aerzte noch dahingestellt sein. Endgültig dürfte es erst um das Jahr 2070 feststehen. Immerhin sollte man die Chancen um 2000 schon beurteilen können. Da müßten die ACS-Geimpften rüstig, mit energischen Bewegungen, an den ungeimpften vergreisten Gleichaltrigen vorbeistapfen.
Grafiktext
ALTER i.
JAHR
1949
DURCHSCHN. LEBENS
DAUER BIS
MÄNNER FRAUEN
20 1989 1997
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DER SPIEGEL 2/1949
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