22.01.1949

Enklaven-Geheimnisse

In den Weltreisebüros werden die bunten Prospekte des ehemals weltberühmten Kurortes Karlsbad künftig nur noch als Altpapier Verwendung finden können. Auch aus den augenblicklich in Druck befindlichen neuen Schulatlanten der Tschechoslowakei ist der Name Kárlovy Váry alias Karlsbad bereits verschwunden. Die Russen haben es der tschechoslowakischen Regierung so befohlen.
Das Schicksal der böhmischen Bäderstadt ist besiegelt, seit die Russen 1945 die nördlich Karlsbad liegenden Joachimsthaler Uran-Bergwerke übernommen und ausgebaut haben. Nachdem jetzt auch in dem südwestlich von Karlsbad gelegenen Schlaggenwald Uranerz gefunden wurde und hier ein ähnlicher Raubbau wie in Joachimsthal bevorsteht, ist die Zerstörung der Karlsbader Heilquellen nicht mehr aufzuhalten.
Mehr noch als die um Aue und Annaberg, Schneeberg und Oberschlema auf der deutschen Seite des Erzgebirges gelegenen Bergwerke sind in den letzten Jahren die Gruben von Joachimsthal das Zentrum des russischen Uran-Rush geworden. Ihre Ausbeute soll die der bisher größten Uranvorkommen der Welt in Belgisch-Kongo noch übersteigen.
Die bereits im Mittelalter durch ihren Silberreichtum bekannten Joachimsthaler Bergwerke erlangten erstmals um die Jahrhundertwende Weltruhm, als Madame Curie in einer Joachimsthaler Uran-Pechblende das geheimnisvolle Strahlenelement Radium entdeckte. Es bescherte dem bis dahin gottverlassenen Nest am Südhang des Erzgebirges zahllose Sanatorien, Kliniken, Hotels, Laboratorien sowie das Institut für Radiumforschung. Und ständig wachsende Einnahmen.
In Europa wurde bis Kriegsende Radium nur in Joachimsthal gefördert. In den zwanzig Jahren ihrer Eigenstaatlichkeit gewannen die Tschechen hier mehr als hundert Gramm des wertvollen, silberweißen Metalls. Ueber eine Million Tonnen Uranerz mußten dazu abgebaut werden.
Während der deutschen Besetzung wurde die Ausbeute weiter getrieben. Doch die Besetzer ahnten nicht, daß das Joachimsthaler Erz noch wertvollere Kräfte als Radium enthielt. Die böhmischen Uranvorkommen hätten zu einer kriegsentscheidenden Atombomben-Produktion genügt.
Nach dem Krieg interessierten sich die Westmächte brennend dafür, was Prag mit dem einst radioaktivsten Badekurort der Welt vorhabe. Aber Prag blieb stumm. Die Beziehungen zu Moskau waren damals schon sehr eng.
Erst auf der Londoner UNO-Vollversammlung im Januar 1946 schnitt der tschechoslowakische Außenminister Jan Masaryk das Thema Joachimsthal kurz an. Er suchte seine westlichen Kollegen zu beruhigen: "Die Tschechoslowakei wird nie zugeben, daß ihre Uranvorkommen für andere als friedliche Zwecke gebraucht werden. Unser Uran soll nur dazu dienen, der leidenden Menschheit zu helfen."
Erst nach dem Staatsstreich vom Februar 1948, der die Kommunisten zu Alleinherrschern der Moldaurepublik machte, erfuhren die Westmächte, daß Masaryk Märchen erzählt hatte. Der in Prag um Amt und Würden gekommene Abgeordnete Ivo Duchacek floh nach England und packte mit seinen Kenntnissen aus. Und Duchacek wußte viel.
Als Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses der tschechoslowakischen Konstituante hatte er im Januar 1946 Außenminister Masaryk zur UNO-Vollversammlung nach London begleitet. Dort vertraute ihm Masaryk Einzelheiten eines im Oktober 1945 zwischen Prag und Moskau geschlossenen Geheimpaktes an, der das Gebiet von Joachimsthal praktisch zu einer russischen Enklave auf tschechoslowakischem Gebiet machte. Bis dahin hatte Duchacek trotz seiner parlamentarischen Stellung nichts von dem Abkommen gewußt.
Bei der Rückkehr nach Prag erlebte Duchacek mit, wie Masaryk von Ministerpräsident Fierlinger wie ein Schuljunge abgekanzelt wurde. Inzwischen hatte nämlich Moskau wegen Masaryks Londoner Rede bei der tschechischen Regierung protestiert. Die Sowjets witterten einen Verrat ihres Geheimvertrages.
Duchacek zufolge war es der völlig moskauhörige Zdenek Fierlinger, der 1945 als erster Nachkriegs-Ministerpräsident der Tschechoslowakei das von Moskau inspirierte Abkommen beim tschechischen Kabinett durchpaukte. Man müsse den Russen diesen Freundschaftsbeweis liefern, forderte er.
Als sich Benesch und Masaryk wehrten, intervenierte Sowjetbotschafter Zorin mit handfesten Drohungen. So kam im Oktober 1945 der Vertrag zustande, der Joachimsthal oder Jachymov, wie es nunmehr hieß, zu einer russischen Kolonie machte.
Außer Fierlinger, Benesch und Masaryk erfuhren nur die fünf stellvertretenden Ministerpräsidenten und Außenhandelsminister Hubert Ripka von dem Abkommen. Sie wurden zu strengstem Stillschweigen verpflichtet. Als Gesundheitsminister Dr. Prochazka einmal nichtsahnend nach Joachimsthal fuhr, um sich dort vom Stand der hygienischen und sanitären Einrichtungen zu überzeugen, verwehrten ihm russische Posten, den Einlaß. Ahnungsvoll fuhr er nach Prag zurück.
Heute haben die Tschechen in ihrem Jachymov nichts mehr zu sagen. Die Gruben stehen unter russischer Leitung. Das einst super-elegante Palasthotel beherbergt russische Atomforscher, Ingenieure und Techniker. Im ehemaligen Institut für Radiumforschung hat die unvermeidliche NKWD ihr Hauptquartier aufgeschlagen.
In den anderen Hotels und in den Häusern der vertriebenen Sudetendeutschen ist die Bewachungstruppe einquartiert. Ein dreifacher Gürtel von drei bis vier Meter hohen, Starkstrom geladenen Stacheldrahtzäunen sperrt die Eingänge zu den Schächten für alle Unbefugten ab. Die unzähligen, mit Maschinengewehren ausgestatteten Wachtürme sind von sowjetischem Militär besetzt.
In dem etwas abgelegenen Hotel "Adlon" haben die Russen ein Forschungsinstitut für Atomzertrümmerung eingerichtet. Chef dieses Instituts ist der Atomfachmann Professor Wladimir Kirtusow. Unter ihm arbeiten die nach Joachimsthal verschleppten deutschen Gelehrten Dr. Hans Ohnesorg, Dr. Franz Lerchner und Dr. Felix Hammerschmied.
Sie sind nicht die einzigen Deutschen in Joachimsthal. Weitere 3000 deutsche Zwangsarbeiter schuften in den Uranbergwerken. Dazu kommen noch rund 4000 tschechische Arbeitssklaven, meist ehemalige Sozialdemokraten oder "reaktionäre" Elemente aus der Karpatho-Ukraine, der Slowakei und Böhmen.
Sie alle sind im ehemaligen Konzentrationslager Alt-Rohlau in erbärmlichen Hütten untergebracht. Jeden Tag, auch sonntags, werden sie unter strengster Bewachung in Lastautos zu den Bergwerken gebracht. Es fehlt an Werkzeugen und den primitivsten sanitären Einrichtungen. Lungenschwindsucht sowie durch radioaktive Einflüsse hervorgerufene Leiden wie Nekrose und unheilbare Geschwüre sind unter den Uranarbeitern von Joachimsthal alltägliche Erscheinungen.
Zur Auffüllung der durch zahlreiche Krankheits- und Todesfälle entstandenen Lücken wollen die Sowjets jetzt deutsche Arbeiter aus der Ostzone nach Joachimsthal dienstverpflichten. Tschechischen Facharbeitern, die sich freiwillig zum Uran-Bergbau melden, werden märchenhafte Löhne geboten, bis zu 10000 Kronen wöchentlich (etwa 650 DM). Bisher haben sich nur wenige gemeldet.
Vor dem Krieg wurde nur in drei Joachimsthaler Bergwerken Uranerz gefördert. Inzwischen haben die Russen auf der böhmischen Seite des Erzgebirges weitere 25 bis 30 Urangruben in Betrieb gesetzt.
In der weiteren Umgebung von Joachimsthal, bei Weipert und bei Marienbad, wurden kürzlich zwei neue Vorkommen entdeckt. Seitdem sind die Fundorte wie Joachimsthal von der Außenwelt abgeriegelt. Und auf den Karten des Prager Innenministeriums mußten zwei weitere russische Enklaven auf tschechoslowakischem Staatsgebiet eingetragen werden.

DER SPIEGEL 4/1949
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