22.01.1949

BÜHNE UND FILMDas Kopferl wackelte

Familie Hörbiger, teilweise wenigstens, tritt in Deutschland an die Rampe. Mit einem Wiener Ensemble und dem musikantischen Volksstück "Der alte Sünder" begann Familienchef Paul seine erste deutsche Nachkriegs-Tournee. Ueber Nürnberg, Stuttgart und Frankfurt geht es nach Hamburg. Dort hat die "Auslese" die Gastspielreise zuwege gebracht.
Hörbiger spielt ein Wiener Original der Jahrhundertwende, einen Schneidermeister für Aristokraten, der sein Geld durchbringt und in leichtem Blut noch von seinen drei Töchtern übertroffen wird. Die eine Tochter ist Hörbigers leibliche Tochter Christiane. Auch sein Schwiegersohn, der Schauspieler Ptak, ist dabei.
Regisseur und Autor ist der Wiener Volksstück-Dichter Martin Coster, der 1000 Jahre verboten war und seinen größten Bühnenerfolg, den "Hofrat Geiger", unter dem Namen seines Freundes herausbrachte. Mit dem "Hofrat Geiger" hatte Hörbiger seinen ersten großen Nachkriegs-Filmerfolg. In der Schweiz lief der Film unter dem Titel "Mariandl". Monatelang gab es eine Art Mariandl-Epidemie. Das gefühlsselige Mariandl-Lied verfolgte die Eidgenossen noch im Schlaf.
Aus London kommend, stieg Paul Hörbiger im Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel aus dem Flugzeug. Er ist der Alte geblieben, nur die dichten Haare sind um eine Schattierung weißer geworden. In London stand Hörbiger drei Wochen vor der Kamera, für "The third man" (Der dritte Mann).
Er spielt in dem englischen Kriminalfilm einen Hausmeister aus dem Wien von heute. Eigentlich wollten die Engländer einen Original-Wiener, der auch englisch sprechen konnte. Hörbiger spricht aber nur wienerisch, er mußte seinen englischen Rollentext nachsprechen. Das Drehbuch hat er nur im Original gesehen. Die verwickelte Kriminalstory, in der es um Penicillin-Schiebungen geht, ist ihm noch nicht ganz klar geworden.
Seit 40 Jahren singt Paul Hörbiger*) seine Wiener Volkslieder. Die sind es, die ihn zuerst populär machten. Sein Fiakerlied sang er zum ersten Male Kameraden des ersten Weltkrieges an der Alpenfront vor, in 3000 Meter Höhe. Damals wollte er noch Chemie studieren. Bruder Attila riet ihm ab, als Paul nach dem Kriege mit seinen Liedern in Wiener Heurigen-Lokalen die ersten Erfolge hatte.
Dreimal nur ging er zum Schauspielunterricht, er hielt es mehr für einen Jux. In Reichenberg und im Prager Deutschen Theater machte er die erste Bekanntschaft mit den Bühnenbrettern. Berühmt wurde der Ur-Wiener in Berlin, als Nestroyscher "Lumpazi Vagabundus". Den Rest zur Popularität besorgten die vielen Filme, in denen Paul Hörbiger höchst wienerisch plauschte, mit viel Gemüt und Herz und bei allem Humor mit einem Hauch Melancholie.
Nach dem "Anschluß" war Hörbiger den Nazis zu österreichisch. 1938 sang er das Fiakerlied in der Berliner Skala im Originalkostüm. Dreimal erschienen Abgesandte der Reichstheaterkammer, um das Lied zu verbieten. Hörbiger weigerte sich, es ohne schriftlichen Befehl abzusetzen. Die Reichstheaterkammer fürchtete einen internationalen Skandal. Hörbiger sang weiter.
1943 fiel Hörbiger bei Baldur von Schirach in Ungnade. Der Wiener Gauleiter kündigte ihm wegen zu österreichischer Tendenz den Sechsjahres-Vertrag mit der Wiener Burg.
Ende 1944 nahm sich die Gestapo Hörbigers an. Als sie ihm auf den Kopf zusagte, er gehöre einer Widerstandsgruppe an, leugnete er nicht. Einige Monate lief er noch frei herum, man fürchtete unliebsames Auslands-Echo.
Als er dann doch ins Wiener Landesgefängnis gesperrt wurde, meldeten der Moskauer und der Atlantiksender, Hörbiger sei hingerichtet worden. In Wien gab es pro-Hörbiger-Demonstrationen, bei seinen Filmen und einmal auch in einer Kaserne. Hörbigers letzter Film "Schrammeln" wurde abgesetzt, auch die Filme mit Paula Wessely und Hans Moser. Die Wiener glaubten, auch diese beiden seien
der Gestapo zum Opfer gefallen, und schlugen Lärm.
"Ihr Kopferl wackelt", schrie der Kommissar Paul Hörbiger an. Wehrmachtskreise planten mit Wiener Freunden und falschen Kriminalbeamten eine Entführung aus dem Gefängnis. Ehe es aber zur Flucht kam, brach im Gefängnis Typhus aus. Das rettete Hörbiger vor dem Scheinprozeß, für den das Urteil schon fertig war.
Einen Tag, bevor die Russen in Wien einmarschierten, setzte sich die Gestapo ab, und die Gefangenen sollten in ein Lager nach Bayern gebracht werden. Doch beherzte Polizisten fuhren im Ueberfallwagen vor und befreiten die Häftlinge. Hörbiger verließ als erster das Gefängnis. Die Wiener begrüßten ihn mit Jubel, Umarmungen und Küssen.
Ein paar Wochen darauf stand Hörbiger wieder auf der Bühne, und inzwischen hat er drei Filme in Wien gedreht: "Hofrat Geiger", "Der Engel mit der Posaune" (mit Bruder Attila und Schwägerin Paula, s. Spiegel Nr. 35/48) und "Kleine Melodien aus Wien".
Im Mai wird er in einem Film spielen, der nach einer neuen Novelle von Carl Zuckmayer gedreht wird, ein idyllisches, zeitloses Thema. Hörbiger weiß noch nicht, ob er die Rolle eines Pfarrers oder die eines Bierbrauers übernehmen wird. Er würde gern auch wieder in Deutschland filmen. Aber für dieses Jahr hat er keinen Termin mehr frei.
*) Hörbiger, heute 54 Jahre alt, ist gebürtiger Budapester, seiner Abstammung nach aber Tiroler, Sproß einer alten Orgelbauerfamilie aus Hörbig im Zillertal. Sein Vater, Hanns Hörbiger, war der Begründer der Welteislehre, die Entstehung und Entwicklung der Welt durch Eisbildungen verschiedener Formen zu erklären sucht.

DER SPIEGEL 4/1949
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BÜHNE UND FILM:
Das Kopferl wackelte

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