05.02.1949

PRESSEIn einer Ecke versteckt

Zuerst fiel dem Kleinkrieg zwischen Verwaltung und Redaktion eine Weihnachtsfeier zum Opfer, die die Redaktion der "Neuen Zeitung" in München geplant hatte.
Dann begrüßte Münchens satirischer "Simpl" das junge 1949 mit einer Frontseite, auf der es, als Baby sein Geschäftchen verrichtend, die "Neue Zeitung" (Untertitel "Eine amerikanische Zeitung für deutsche Bevölkerung") liest. Darunter stand: "Ich glaub, die Windeln spar' ich mir und zieh' gleich Uniform an."
Dann brachte die konservative "Frankfurter Rundschau" (Lizenzträger Leopold Goldschmidt wurde einst als politischer NZ-Rundschauer entlassen) ein zweispaltiges "Geschehen vom Tage" mit der Ueberschrift "Neue Zeitung nicht mehr neu". Gewisse Leute in Deutschland, hieß es darin, würden sich verständnisinnig zulächeln, wenn sie "Die Neue Zeitung" lesen, denn da stehe alles, was sie bei sich dächten und nicht zu sagen wagten: gepfefferte Kritik an der amerikanischen Besatzung oder der anglo-amerikanischen Besatzungspolitik.
Dann hetzte die "New York Herald Tribune" ihren bulligen Deutschland-Vertreter Edwin Hartrich auf die "Neue Zeitung", der auch prompt nach München reiste und Amerikas deutsche Stimme, das Blatt, das Time (New York) die deutsche "New York Time" nennt, mit 413 Zeilen heruntermachte: Ueberschrift "Neue Zeitung wird nationalistisch".
Dann bekam der 3000-Marks-Außenpolitiker der NZ, Hans Lehmann (Spesen und Leitartikel-Honorare zusätzlich), einen Brief von seinem Chefredakteur Kendall Foss. "Auf Anordnung von Colonel Textor (US-Pressechef beim Stabe Clays) habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Sie mit Wirkung des heutigen Tages aus dem Dienst der "Neuen Zeitung" entlassen sind. Colonel Textor hat außerdem angeordnet, daß Sie das Haus von Montag (31. 1.) ab nicht mehr betreten dürfen." Der latente Krach war offenkundig geworden. Er spukte in der Münchener Schellingstraße 39, dem ehemaligen Hause von Hitlers "Völkischem Beobachter", seit 1945 Hans Habe als erster NZ-Chefredakteur aus der Pressezentrale im Nauheimer Tielemann-Hotel dort einzog.
Am 18. Oktober 1945 hatte General Eisenhower erklärt: "Die NZ wird das Organ der amerikanischen Militär-Regierung auch dann bleiben, wenn alle anderen von der amerikanischen Armee in Deutschland herausgegebenen Zeitungen durch lizenzierte, von Deutschen herausgegebenen Blätter ersetzt sein werden. 'Die Neue Zeitung', obwohl in deutscher Sprache herausgegeben, beabsichtigt keineswegs eine deutsche Zeitung zu sein."
1945 zog sich Hans Habe besatzungsmüde erst aus Deutschland und dann aus Europa zurück, um Best-Seller wie seine Erfolgs-Kolportage "Wenn 1000 fallen" zu schreiben. Es folgte ihm Hans Wallenberg, vom väterlichen BZ-Chefredakteur journalistisch belastet und einst "Tempo"-Redakteur in Berlin. Er rieb sich so heftig an den amerikanischen Army-Vorschriften, daß er im Januar 1947 das Feld räumen mußte.
Dem vitalen Wallenberg folgte ein hagerer schweigsamer Brillenträger, Jack Fleischer, "Time"- und up-Korrespondent aus Stockholm und Berlin. Morgenthautropfen fielen auf das Clay-Blatt.
Jack Fleischer führte sich mit Verboten und Veränderungen ein. Die Mittwoch- und Samstag-Kaffeerunden der deutschen Redakteure fielen aus. Statt dessen kurzer Befehlsempfang. Leitartikel wurden fernschriftlich an OMGUS Berlin durchgegeben und bei einem Berliner "no" nicht gedruckt.
Spannungen ergaben sich auch daraus, daß Fleischer kategorisch eine Herabsetzung des NZ-Niveaus forderte. Walter von Cube von der Innenpolitik (heut Chefredakteur bei Radio München) antwortete mit einem Fünf-Seiten-Memorandum, in dem vom "erschütterten Vertrauen der deutschen Redakteure" die Rede war und von der Gefahr, den Spitzenplatz in der europäischen Publizistik zu verlieren.
Deutscherseits plädierte man energisch für die Beibehaltung der "hochstehenden Leitartikel", die nach Redaktionsansicht "die Nachfolgeschaft der 'Frankfurter Zeitung' und des 'Berliner Tageblatts' angetreten hätten."
Doch jedes Ressort bekam von Fleischer einen besonderen US-Controller vor die Nase. Das Feuilleton z. B. den 20jährigen Tom Schulz, der mit der Bemerkung "Ewig diese deutschen Artikel" fast nur noch Auslands-Autoren genehmigte.
Der so bevormundete Erich Kästner und andere Spitzenfedern der NZ zogen sich verärgert aus den Redaktions-Stuben zurück. Intrigen und Cliquen bildeten sich in dem kleinen amerikanischen Control-Team und dem 250köpfigen deutschen Redaktions-Personal.
Als der deutschen Leserschaft des Zwei-Millionen-Blattes, die sich durch gestrenge Artikel und Leitartikel mehr und mehr mißverstanden fühlte, die Juni-Abwertung in die Taschen fuhr, verzeichneten die Vertriebsleute der NZ einen sensationellen Auflagesturz. (700000 Ende August, 530000 Ende September. Die rivalisierende britisch kontrollierte "Welt" hatte inzwischen beinahe das Doppelte erreicht).
Die Auseinandersetzungen des deutschen Stabes mit der amerikanischen Leitung wuchsen an Wucht und Ausdauer. "Dann kann man den Worten eines Amerikaners nicht mehr glauben", schnaubte Dr. Lehmann von der Außenpolitik eines Tages und knallte die Tür seines Chefs zu.
Zwei Monate später teilte Jack Fleischer am 27. September dem deutschen Redakteur seinen Rücktritt mit. Er war mit der Politik der Militär-Regierung und seines Besatzungschefs Clay, dessen Reden er immer spaltenlang gedruckt hatte, nicht mehr einverstanden. Und dem US-Nachrichtenchef Colonel Textor waren Fleischers Morgenthautropfen auch zu teuer geworden.
Dem Chef des Berliner Büros, Hobbing, der interimistisch den Chefredakteur-Stuhl bestieg, schrieb Außen-Lehmann seine Meinung schon nach Berlin: Mit der Besatzungsmacht wolle er auf "Rechtsbasis" zusammenarbeiten. Aber Fleischer, nominell "erkrankt", erlebte ein kurzes come back. Es dauerte 17 Tage. In dieser Zeit sollte er seinen Nachfolger Kendall Foss einführen.
Fleischer verbot seinem Landsmann Hobbing das Münchener Haus und kündigte sechs deutschen Redakteuren, inklusive Lehmann und inklusive Hausverbot. Da griff Textor ein. Fleischer mußte sofort weg. Kendall Foss, bis dahin Berliner Korrespondent der. "New York Post", wurde von Enno Hobbing eingearbeitet.
Der angegraute 45 er, Adoptiv-Vater zweier deutscher Kinder, ist Idealist der deutsch-amerikanischen Verständigung. Unter Kendall Foss stieg die Auflage wieder. Heute liegt sie mit 840000 nur noch um 10000 hinter der "Welt".
Kendall Foss begnügt sich bei der Kontrolle seiner Redaktion mit sich selbst und Ernest Cramer, einem jungen Deutsch-Amerikaner. Von den NZ-Amerikanern überstand nur Egon Jameson, Chefredakteur alter Berliner Schule, sämtliche Ungewitter.
Der Copy-Desk, Fleischers amerikanische Vorzensur für sämtliche Artikel, wurde abgeschafft. "Wir experimentieren, um eine neue Formel zu finden, die die 'Neue Zeitung' zu einer Publikation macht, die kein Deutscher missen kann, weil sie den Mut haben wird, Dinge zu sagen, von denen wir alle wissen, daß sie wahr sind." So sprach Kendall Foss.
"Was die Straße spricht" wurde in einer Artikelserie der innenpolitischen Rundschau ausführlich kommentiert. Zum Beispiel: "Amerika, Frankreich und England sind die gleichen Schwindelunternehmen wie Sowjet-Rußland, sie machen es nur etwas feiner. Wir sind jetzt endgültig geheilt." Zwar wurde richtiggestellt, was die Straße falsch spricht. Aber es wurde auch sehr gründlich analysiert, wo der Grund dafür liegt.
Oder die Leitartikelleser erfuhren, daß die amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung der Meinung war, die Engländer seien in bezug auf die deutschen Demontagen nicht sehr objektiv. England würde eher die Situation nützen, um seine Konkurrenzlage auf dem Weltmarkt gegenüber der deutschen Industrie zu verbessern.
Das und manch anderes stand für die Deutschen in der NZ, für die der amerikanischen Steuerzahler, laut "New York Herald Tribune", jährlich 2,5 Millionen Dollar aufblättert.
Die Kritiker des Herrn Foss, schrieb Edwin Hartrich in seinem "New York Herald-Tribune"-Artikel, bemängelten, daß die Deutschen sich der Kontrolle der "Neuen Zeitung" bemächtigt hätten. Das scheine im wesentlichen berechtigt zu sein.
So war es Mr. Hartrich aufgefallen, daß General Clays Kritik am Wiedererwachen des deutschen Nationalismus von der anderen offiziellen US-Zeitung in der amerikanischen Zone, den "Stars and Stripes", mit einer fetten Ueberschrift auf der ersten Seite gebracht wurde. Die "Neue Zeitung" dagegen habe nur einen Absatz darüber sorgfältig in einer Ecke versteckt.
Zum Ruhrstatut seien vier Leserbriefe mit bitterer Kritik veröffentlicht worden, von nur einem gemäßigten Brief begleitet, der sich kritisch zum deutschen Mißvergnügen über die internationale Entwicklung geäußert habe.
Im Hintergrund der Informationen über den Redaktions-Interna, mit denen Hartrich ebenfalls nicht spart, vermutet man in München auch Mr. Jack Fleischer, der inzwischen zur Militärregierung München übergewechselt ist.
Der böse Mann unter den nationalistischen Deutschen war, nach Hartrich, 3000-Marks-Lehmann, der alte Fleischer-Opponent, den Hartrich von Lehmann nennt und ihm übelnimmt, daß er an dem "Naziblatt in Leipzig, Die Allgemeine Zeitung", gearbeitet habe.
Der glatzköpfige Dr. Lehmann diktierte ellenlange Erklärungen darüber, daß es in Leipzig keine "Allgemeine Zeitung" gegeben habe, daß er bei den "Leipziger Neuesten Nachrichten" gearbeitet habe, daß dies eine Bürgerzeitung des versteckten Widerstandes gewesen sei, er überdies nur letzter Mann im Nachrichten-Ressort gewesen sei, das er (als Ueberlebender unter vier NZ-Chefredakteuren) stets politisch einwandfrei befunden worden sei und was dergleichen mehr ist.
Es hat ihm nichts genützt. Er wurde plötzlich, nachdem die allmächtige "Herald Tribune" (die zur Intensivierung ihres Absatzes in Deutschland 100000 Marshall-Dollar bekam) sich eingemischt hatte, politisch untragbar befunden.
Kendall Foss regiert zwar noch im VB-Haus an der Münchener Schellingstraße, aber Gordon Textor ließ es deutlich durchblicken, daß es bei der alten Ordnung bleibe: Amerikanische Direktiven, ausgeführt vom deutschen Stab. Mil.-Gov. werde es auf keinem Fall zulassen, daß "die falsche Art von deutschem Nationalismus" sich in die "Neue Zeitung" einschleiche.
Die Auflage der "Neuen Zeitung" ist seit dem Lehmann-Krach um 12000 gefallen.

DER SPIEGEL 6/1949
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