26.02.1949

Auf gute Nachbarschaft

Das Arbeitszimmer im Hause Nr. 9 "Auf dem alten Kirchhof" von Gütersloh gleicht einer Raßkolnikowschen Studentenbude. Auf dem eiergelben Kachelofen kocht Tee. Ein Monokel liegt zwischen Kippen und Notizblättern neben der schwarz-weiß-rot-broschierten Strasserschwarte "Hitler und ich". Die verglasten Türen sind mit bunten Decken zugehangen, die Butzen-Fenster mit grüner Farbe verschmiert. Im Käfig neben dem Stehpult krächzt ein grüner Kakadu. Lora, versichert ihr Herr, spricht an die hundert Worte Deutsch. Aber sie macht den Schnabel nicht auf. Sie läßt ihren Herrn reden, ihren Herrn Arthur Mahraun.
Arthur Mahraun ist heute 59. Mit 35 schrieb er die Bibel des Jungdeutschen Ordens, das "Jungdeutsche Manifest". Mit 200 Seiten entschiedenster Kritik am demokratisch-parlamentarischen System. Am 18. Dezember 1926 wählten ihn dreitausend Jungdeutsche des Reichsordenskapitels in Berlin zum Führer der Jungdeutschen Bewegung. Das Jungdeutsche Manifest wurde in vierzigtausend Exemplaren verbreitet. Ueber 500 Zeitungen besprachen es - gut und schlecht.
Der Jungdeutsche Orden wurde vor 1933 öffentlich auf über eine Million Mitglieder geschätzt. "Heute ist es ja kein Geheimnis mehr", sagt Mahraun, "es waren nie über 37000". Die aber hielten zusammen. Zwanzigtausend waren Abonnenten von Mahrauns Berliner Tageszeitung "Der Jungdeutsche". Zehntausend schworen auf seine Monatsschrift "Der Meister". Dabei war der Jungdo kein Männerbund, wie die meisten anti-republikanischen Verbände der Republik. Die Hälfte der Jungdo-Gefolgschaft waren Frauen und Mädchen.
Ein kleiner Rest schart sich auch jetzt wieder, über alle Zonen zerstreut, um den Hochmeister. Seit 1945 wohnt er in einem uralten Fachwerkhäuschen, wie sie im Halbbogen eine noch ältere, von Bomben ausgeschlagene Kirche der Gütersloher Altstadt umstehen. Mahraun hatte den spitzen Vordergiebel gerade wieder aufgebaut und schlief die erste Nacht im eigenen Bett, als ihn die MP holte.
Seine Töchter - schwarzhaarige Signorina-Typen - reisten ihm mit Widerstands-Manuskript in Montgomerys Meller Hauptquartier nach. Damit schlugen sie, temperamentvolle Töchter einer Mutter aus der Familie des italienischen Kardinals Fesch, einem Onkel Napoleons, auf den Tisch. Am nächsten Tag war der Hochmeister frei.
Seine geliebten Deutschen besorgten ihn darauf ins Interniertenlager Recklinghausen. Preußens ehemaliger Innenminister Karl Severing aus Bielefeld holte ihn wieder heraus.
"Die neuen politischen Gernegrößen" sagt Mahraun, "hatten alles Interesse daran, mich unschädlich zu machen. Ich hatte im Hauptquartier alles getan, die Herren davon zu überzeugen, daß sie die politischen Parteien nicht wieder zulassen dürften. Wenn der Mahraun, sagten sie sich, mit Montgomery klarkommt, dann ist's aus. Anschließend haben mich die Engländer noch drei Jahre verboten."
Das Jahr 1949 mußte ins Land kommen, ehe Mahraun nun endgültig rehabilitiert wurde. Die Wartezeit wurde ihm durch eine Verlags-Lizenz vergolten. Der Verlag heißt "Nachbarschaftsverlag". Seine erste Publikation: Nachdruck von Arthur Mahrauns 1925 veröffentlichter Flugschrift: "Nationaler Friede am Rhein". Untertitel: "Eine der umstrittensten Schriften über das Kernproblem des europäischen Friedens".
Mahraun ist systemgläubig. Sein System heißt: "Auch die zweite Demokratisierung in Deutschland wird scheitern, wenn es nicht gelingt, dem Volke die Organisation seiner selbst zu geben. Es muß ein neuer, lebensnaher politischer Raum geschaffen werden, der auch die Restauration des persönlichen Lebens gestattet. Dieser Raum ist die Nachbarschaft."
Mahrauns Nachbarschaften sollen aus je 500 Bürgern bestehen. In 65000 Nachbarschaften will er das politische Leben der Nation organisieren. "Der Volkswille darf nicht eine Abstraktion bleiben, er muß eine Autorität werden. Deshalb muß man aus der Nachbarschaft ein Instrument machen, das die Volksabstimmung in Permanenz gestattet. Die Volksabstimmung ist das prinzipielle Kriterium der Republiken. Aber so, wie sie im Zeitalter der Massendemokratie gehandhabt wird, muß sie Ausnahme bleiben und kann nicht Regel werden."
"Wenn es den Deutschen gelingt, das politische Massenproblem zu lösen, so sind sie in der Lage, ihre ganze Vergangenheit zu liquidieren. Der Deutsche", sagt Mahraun, "ist eigentlich der geborene Demokrat, man muß ihm nur das richtige System geben." In 24 Stunden könne mit dem Nachbarschafts-System jede Regierung das Ergebnis jeder beliebigen Volksabstimmung haben.
Seine Theorie nennt er ein Föderativ- und Rätesystem ohne Weltanschauung. Vieles darüber könne man beim Freiherrn vom Stein nachlesen.
Stellenweise habe man das auch schon begriffen. Die Forum-Bewegung etwa, die Mr. James Sayers von Mil. Gov. Frankfurt in Deutschland protegiert, ist nach Mahrauns Ansicht etwas ganz Aehnliches. John Mortimer Sharringham, ein Mitarbeiter Lord Beaverbrooks, hat mit Mahraun und seinen Leuten Kontakt. Der österreichische Bundeskanzler Figl ist Mitglied von Sharringhams "Grünem Kreuz", einer internationalen Organisation politischer Idealisten. Mahraun hält Sharringham für einen der kommenden Politiker in England.
Versuche, in Deutschland den Gedanken der Nachbarschaft zu praktizieren, hat nach 1945 der Landarzt und jungdeutsche Bürgermeister Dr. Heinrich Hogreve in Leck (Kreis Tondern) gemacht. Seine 6000 Einwohner, darunter 3000 Flüchtlinge, organisierten sich in Nachbarschaften und verwalteten sich selbst durch permanente Volksabstimmung, bis zur öffentlichen Bezugscheinverteilung. Das Experiment war, nach Jungdo-Mahrauns Meinung, ein einzigartiger Erfolg. Es ging neun Monate lang gut. Dann schritt die Regierungspartei in Holstein ein mit der Begründung: "In Leck maßt sich das Volk staatliche Rechte an." So erzählt Mahraun und fügt hinzu: "Wir werden solche Experimente fortsetzen."
Ueber die theoretischen Grundlagen dieser Versuche wird der Alt-, Hoch- und Exmeister die Deutschen in einem neuen politischen Manifest belehren. Es wird "Politische Reformation" heißen und soll zusammen mit einem Faust-Epos erscheinen. Mahraun schrieb es während seiner inneren Emigration auf den Weidegründen der "Lignose" in Wohlsleben bei Magdeburg. Die Lignose war Großdeutschlands größte Pulverfabrik. Mahrauns offizieller Beruf: Schafhalter.

DER SPIEGEL 9/1949
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