26.03.1949

Du wollen hier arbeiten?

So einen langen Menschen haben wir noch nie bei uns im Haus gehabt", sagt Herr Weinzierl, Wirt des Münchner Fremdenheims "Alpenrose". Die "Alpenrose" hat für ihren Logiergast Kurt Zehe eigens ein Spezialbett-Holzgestell bauen lassen müssen. Denn Kurt Zehe ist 2,14 Meter lang und 312 Pfund schwer.
Seit 14 Jahren ringt er von Berufs wegen. Mit Veranstalter Kowalski und ein paar Ringerkollegen aus der Ostzone ist er zum Turnier um den "Goldenen Pokal von München" gekommen. Trainer Roff trainiert.
Bis Mittag schlafen die Ringer in der "Alpenrose" gewöhnlich. Dann erhebt sich Kurt Zehe zusammen mit seinem Zimmergenossen, Profi-Ringer Hans Ruch, macht eine Linkswendung, schiebt seine 58er-Schuhnummer-Riesenbeine in die handgefertigten Filzhausschuhe und bereitet sich aufs Essen vor. In acht Münchener Tagen hat Kurt Zehe schon 12 Pfund zugenommen. "Ick bin aber noch unterernährt. 1942 ha' ick 195 kg jewogen", sagt der 35jährige. Seit er 1935 von Chemnitz nach Berlin übersiedelte, hat er mühelos das Sächsische mit dem Berliner Idiom vertauscht.
In Küstrin war er Soldat. Zwanzig Pfund Kartoffeln und 5 bis 7 Liter Eintopf bekam er als Tagesration. Die Uniform mußte maßgeschneidert werden. Selbst der Stahlhelm (Kopfgröße 68) war Handarbeit. Bei Kriegsschluß fingen die Russen den Meisterringer. Eine Woche lang brachte ihm der Sowjet-Lagerkommandant selbst die Suppe, eine Wasserschüssel voll pro Tag. Dann wurde er, 135 Kilo schwer, entlassen.
Ringerkollege Paul Daehre arbeitete in jenen Tagen auf dem Berliner Schlachthof, und Kurt Zehe besuchte ihn, aus alter Freundschaft. Der russische Schlachthofkommandant war begeistert. "Du wollen hier arbeiten?" Fett-, Wurst- und Fleischwaren aus dem Schlachthof-Kühlhaus brachten ihn auf drei Zentner. Im Berliner "Palast" rang er bald wieder.
Jetzt hat er zusammen mit dem Profi und Spediteur Hans Ruch von seinem russischen Offizier vier Wochen Urlaub bekommen, damit in München für die Ostzonen-Interessen griechisch-römisch und Freistil gerungen werden kann, für D-Mark (West). Vor allem Hans Ruch braucht dringend Geld. Trotz seiner drei Musterlastzüge liegt der seit 26 Jahren ringende Spediteur finanziell etwas schief. Der Berliner Magistrat hat ihm immer noch nicht die Rechnungen für die Eipulver-Transporte von Hamburg nach Berlin bezahlt.
Kurt Zehes Interessen liegen nicht so eindeutig auf pekuniärem Gebiet. "Man ringt nur noch ums Essen", sagt er. Gleich am ersten Münchner Morgen hat er 15 Setzeier geschluckt. "Ick habe keen richt'jen Appetit mehr", sagte er hinterher zu Ruch.
Mit allen Größen hat Kurt Zehe schon gerungen. Auch mit Weltmeister Hans Schwarz jr. Dabei konnte ihn der filmende Ringer schon nach dreiviertel Stunden auf die Matte und dann aufs Kreuz legen. Ganz nach Vorschrift.
Am fürchterlichsten war das Duell mit dem 2,10 Meter großen Polen Leo Grabowski. 8000 Zuschauer sahen 1936 in Danzig dem Zweikampf zu. Von abends halb neun bis dreiviertel elf. Volle 25 Minuten war Zehe beim "König des Doppelnelsons" im Doppelnelson gewesen. Dann stand Zehe mit Grabowski auf dem Rücken auf, machte einen Armfallgriff und brachte den Polen zur Strecke.
Außer ihm und Grabowski gibt es in der Ringer-Ostzone noch zwei solcher Riesen, den Bulgaren Assen (2,12 Meter) und den Letten Kojampee (2,10 Meter). "Wenn wir nächstes Mal in die Westzonen kommen, bringen wir unsere ganze Riesengarde mit. Dann können Sie in München was erleben."

DER SPIEGEL 13/1949
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