02.04.1949

BÜHNE UND FILMRussische Kabale und Liebe

An Berlins repräsentativsten Ruinen hatten Plakate wochenlang angekündigt: Welturaufführung "Tragödie der Leidenschaft". Vor splendidem Blumenhügel hatte der Film der Georg-Witt-Produktion jetzt im Marmorhaus Premiere.
Es ist nach 1945 der erste deutsche Film ohne Nachkriegsprobleme und -requisiten. "Kabale und Liebe" auf russisch, so tragisch, wie man laut Titel erwarten darf, und mit einem gleichfalls dem Titel entsprechenden Aufwand an Leidenschaft.
Das Thema birst vor Leidenschaft. Ljuba, Waise, von reichen, bösen Verwandten herumgestubst, liebt leidenschaftlich Dodja, den jungen Grafen. Pawlik, Hausmeister, liebt leidenschaftlich Ljuba, deren Pflegevater er zuerst ist und deren Ehemann er dann wird.
Dodja, dessen Geliebte Ljuba wird, verführt, versumpft und spielt leidenschaftlich. Die Gräfin-Mutter geizt und intrigiert leidenschaftlich. Und es ist Leidenschaft, wenn Pawlik Dodja ersticht, als der, auf dem Tiefstand der Verkommenheit, Ljuba am Spieltisch als letzten Einsatz wagt.
Um Gnade für den Mörder aus Leidenschaft angegangen, sagt ein hoher Justizbeamter "Ich werde sehen, was sich tun läßt". Mit diesem nicht ganz hoffnungslosen Fragezeichen beladen, sieht sich das Publikum entlassen.
Die Handlung ist aus der Novelle "Pawlik", des russischen Erzählers Nikolai Leskow (1831-1895), durchgepaust. Ewald Burri schrieb sie mit zwei Rahmenhandlungen ins Drehbuch. Diese dramaturgischen Schachtelungen mögen manchem Zuschauer zu kauen geben. Kurt Meisel löst sie so unauffällig wie möglich.
Meisel gab sein Debut als Filmregisseur. Manches rutschte ins Pathetische weg, aber es gerieten ihm auch schöne Bilder in französischer Manier, mit Hell-Dunkel-Effekten und gedrosseltem Ton.
Karl Kuhlmann (Pawlik) und Hermine Körner (Gräfin) spielten manchmal so, als agierten sie auf der Bühne, Hermine Körner mit rollendem Intriganten-R. Friedrich Schönfelder (Dodja) ist ein neuer Liebhaber im deutschen Film und keiner im überzuckerten DIN-Format.
Ljuba: Joana Maria Gorvin, für die Berliner "die Gorvin", unter Jürgen Fehlings Führung die sicherste junge Schauspielerin Berlins. Sie hat hier keine Gorvin-Rolle. Sie ist nicht so passiv, wie die Rolle es vorschreibt. Diese Ljuba weint zu viel.
Filmkenner hatten Bedenken gehabt: Ihr Gesicht sei nicht photogen, ihre Stimme keine Mikrophonstimme. In der Tat, das interessant schmale, nicht landläufig schöne Gesicht bockt vor der Kamera. Aber Joana Maria Gorvin fängt bald mit ihrer (nach der Lilith im Apfel, der ab ist), dritten Filmrolle an, mit den Proben zu "Maria Magdalena". Jürgen Fehling wird wieder ihr Regisseur sein.

DER SPIEGEL 14/1949
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