23.04.1949

MusikDie lustige Witwe bevorzugt

Barnabas von Géczys Guarneri-Geige singt wieder. Genau zwei Jahre hat es gedauert, bis der aristokratische Ungar vom Hauptkläger in der US-Zone sein "vom Gesetz nicht betroffen" attestiert bekam. Jetzt geigt sich Barnabas auf seiner ersten großen Nachkriegstournee durch die britische Zone.
Im elegant geschnittenen Smoking steht er als Solist auf dem Podium. Seine berühmte 11-Mann-Kapelle wurde vom Krieg verweht. Das Publikum stört es nicht. Ohne sechs Zugaben endet kein Géczy-Konzert.
Barnabas von Géczys internationaler Ruf als Unterhaltungsmusiker im dezenten Kammerspielton ist schon 25 Jahre alt. In Norwegen stellte er sich sein erstes Orchester zusammen. Er war dort wegen einer Norwegerin hängen geblieben. Eigentlich hatte er nur seinen Urlaub als Konzertmeister der Budapester Oper für eine Saison-Nebeneinnahme ausnutzen wollen. Dann erregte sein stilvoll spielendes Orchester im jazzdurchwühlten Nachkriegs-Berlin Aufsehen. Berlin wurde seine zweite Heimat. Géczy ging nicht nach Budapest zurück.
Als 18jähriger hatte er sich dort das Diplom als Konzertmeister und Lehrer erspielt. Schon mit sechs Jahren hatte er im musikliebenden Elternhaus gegeigt. Doch vor dem Frack des Solisten trug er, der Offizierssohn, die Offiziers-Litewka des Honved-Husaren durch den ersten Weltkrieg.
Die Budapester Konzertmeister-Zeit hält Barnabas v. Géczy für die Grundlage seines Erfolges. Zwischen den beiden Weltkriegen riß man sich international um ihn. Alljährlich gehörte es beispielsweise zum guten Ton der mondänen Turfgesellschaft, beim Derby im Hamburger Atlantic-Hotel nach der Geige Géczys zu tanzen.
Im Sommer spielte er in Westerland. Dort wurde der bekannteste Géczy-Schlager geboren, der "Pußta-Fox". Einem amerikanisierten ungarischen Baron zuliebe, der im "Trocadero" hartnäckig Czardas tanzen wollte.
Géczy mixte einen kühnen Cocktail: er nahm die Melodie einer durchgefallenen Operette und versetzte sie mit Foxtrott- und Czardas-Rhythmen. Es wurde ein Welterfolg, ebenso wie der von Géczys Geige popularisierte Künnecke-Schlager "Komm mit nach Madeira."
Die tausendjährigen "Größen" hatten andere Wünsche. Géczy wurde auf ihre glanzvollen Empfänge als Gala-Geiger befohlen. Hitler bevorzugte "Die lustige Witwe", Mozarts "Kleine Nachtmusik" und die "Eselserenade". Géczy mußte sie auf "Führerbefehl" oft siebenmal hintereinander spielen. Funk schwärmte für Schubert-Lieder, Rust mehr für den "Rosenkavalier."
Der Ankläger der bayrischen Spruchkammer hatte etwas gegen den musikalischen NS-Einsatz. Auch die rund 300 Géczy-Konzerte vor deutschen Verwundeten rechnete der Ankläger als die Kriegsstimmung belebend negativ an. Zehnmal wäre normal gewesen.
Während Géczy auf die Entnazifizierung wartete, spielte er Landwirt auf seinem kleinen Bauernhof im oberbayrischen Feldkirchen. Uebereifrige Berichte hatten aus dem Hof ein "Geschenk des Führers" inklusive 70 Kühen gemacht. In Wirklichkeit hat Géczy den Hof aus Brachland kultiviert.
Während Géczy-Vater auf Tournee ist, verwaltet Géczy-Sohn den Hof. Er ist im übrigen mehr an Radiotechnik als an Musik interessiert.
Bei Kriegsende war Feldkirchen Géczys letzte Zufluchtsstätte. Als Goebbels 1944 Theater und Konzertsäle schloß, löste sich auch die Kapelle des Geigers auf. Barnabas von Géczy wurde an den Sender Böhmen in Prag dienstverpflichtet.
In der Endphase legten die Ungarn plötzlich noch auf ihre im Ausland lebenden Volksgenossen Wert: Die Honveds riefen Géczy mit Marschbefehl nach Bayreuth. Die Amerikaner waren schneller. Géczy zog sich in die oberbayrische Landwirtschaft zurück.
Barnabas von Géczy würde gern wieder eine eigene Kapelle haben. Aber er findet nicht so schnell Ersatz für seine eingespielten Solisten. Er und seine 11 Mann spielten zehn Konzertrepertoires auswendig. Streicher und Klarinette waren 21 Jahre bei ihm. Sein Pianist Ernst Kaschubek, Komponist erfolgreicher Schlager, sogar 22 Jahre. Er wurde in Prag erschlagen.
Um ein Solistenorchester aufzubauen, braucht man 15 Jahre, sagt Géczy, jedenfalls dann, wenn schon beim ersten Akkord kein Zweifel sein soll, daß "der Géczy spielt." Hinter der Vollendung des Spiels steht harte Arbeit. Wenn Barnabas von Géczy nicht auf Tournee ist, übt er sieben Stunden täglich.

DER SPIEGEL 17/1949
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