15.04.1949

BÜHNE UND FILMSieben Millionen im Rücken

Der Lyriker mit den schmetternd-blauen Augen, Detlev von Liliencron, hat in Hamburg-Rahlstedt gedichtet, vor etwa 50 Jahren. In Rahlstedt wurde auch heftig exerziert, im riesigen Kasernenkomplex hitlerischer Standard-Prägung, vor etwa einem Dutzend Jahren. Jetzt soll es dort wieder weniger amusisch zugehen. Man will in Rahlstedt filmen.
Handfeste D-Mark-Argumente haben Hamburgs Stadtväter filmfreudig gestimmt. Sieben Millionen Mark Staatsgelder liegen für die kommende Filmstadt an der Elbe auf Sperrkonto. 20 Spielfilme und ebenso viele Kulturfilme sollen jährlich in Rahlstedt gedreht werden.
Als Silberstreifen am hansischen Finanzhorizont stehen 4,5 Millionen DM als zusätzliches Steuereinkommen im Jahr. Niedrig gerechnet, meint Dr. Götz Dieter Wulf, Filmreferent bei der Hamburger Kulturbehörde in der repräsentativen Villa, in der einmal Hapag-Generaldirektor Alfred Ballin zu Hause war.
Seit drei Jahren kämpft der frühere Kunsthistoriker Wulf für Rahlstedt. Zuerst wollten die britischen Militärs nicht. In dem riesigen Kasernenkomplex betrieben sie eine Postzensurstelle. Zivilgouverneur Berry, assistiert von Bürgermeister Brauer, schaltete sich ein. Ratenweise wurden Kasernenteile freigegeben.
Hamburgs Filmfirmen gingen geschlossen auf Millionensuche für den Umbau. Walter Koppel, Hamburgs größter Filmproducer, sprang ab und machte sich im benachbarten Wandsbek autark. In einem ehemaligen Offizierskasino baute er sein eigenes Babelsberg. Während die Konkurrenz noch nach Millionen schürfte, mietete er zwei Rahlstedter Kasernenhallen dazu. Die wurden mit Hagenbeck-Preß-Stroh schalldicht gemacht.
Nach gescheiterter Privatgeld-Offensive wurde schweres Geschütz auf das Hamburger Rathaus gerichtet. Im Bunde mit dem früheren von Goebbels geschaßten Tobisdirektor Friedrich Mainz legte man den Stadtvätern eine nüchterne Kalkulation vor, mit hoffnungsvollen Endsummen.
Die 4,5 Millionen Steuern am Horizont waren dabei das Pflaster auf die Wunde eines jährlichen Aderlasses von rund 700000 DM, für Tilgung der Baukosten und Pacht. Treuhänder der Reichsfirma Wehrmacht ist nämlich noch immer der Oberfinanzpräsident, und er rechnet sich etwas für seine Kasernen an.
Für die Staats-Millionen gaben die Parteien einmütig ihren Segen her. Bis auf die KPD. Im engen Ausschuß-Kreis noch filmfreudig, fiel Hamburgs populärer KPD-Senator a. D. Fiete Dettmann vor versammeltem Parlament um. Hinter-die-Kulissen-Blicker vermuten einen DEFA-Schuß aus Ost-Berlin gegen das westdeutsche Babelsberg.
Es ist die letzte Chance für Hamburg, sagen die Entschlossenen. Jetzt oder nie wird Rahlstedt Filmstadt. Konkurrenzeifrige Unternehmer warten nur darauf, daß Hamburg einen Rückzieher macht. 20-25 Millionen DM sind Friedrich Mainz für den Ausbau eines Filmateliers in Bremen angeboten worden. Mainz hat abgelehnt.
Sieben DM-Millionen im Rücken, sitzen Hamburgs Filmplaner über den Entwürfen, die der Berliner Atelier-Architekt Franz Schroedter ausgearbeitet hat. Drei große Studios will er neu bauen. Von den neun Kasernenhallen sollen nur zwei für Filmaufnahmen verwendet werden.
In die große Kraftfahrzeughalle kommen die "lauten" Werkstätten, in die übrigen die "leisen" und der Fundus. Ein Trickfilm-, ein Rückprojektions-Atelier und eins für Fernsehversuche stehen auf dem Schroedter-Plan. Ein Garderobenhaus, ein Tonhaus und ein Hotel für die Filmschaffenden kommen in die Kasernen-Wohnblocks. Das Offizierskasino wird Kantine.
Auch die Geyer-Kopieranstalt will sich mit ihrem in Goslar ausgelagerten Inventar ansiedeln. Restliche Berliner Betriebsteile kommen über die Luftbrücke.
Der große Aufwand ist nicht nur für die deutsche Spielfilm-Produktion berechnet. Eagle Lion stützt die wirtschaftliche Basis durch Verlegung sämtlicher Synchronisationsarbeiten ihrer Filme nach Hamburg. Man kalkuliert auch fremdsprachige Versionen deutscher Filme ein.
Rahlstedt soll der modernste und rationellste Filmbetrieb des Kontinents werden, sagen die Filmexperten. Ein Film, für den man in Geiselgasteig 45 Tage braucht, soll in Hamburg in 30 Tagen abgedreht werden. Produzenten und Regisseure aus der Münchner Filmstadt buchen jetzt schon Drehtermine in Rahlstedt.

Kein Kind ist verloren
tröstet in dem österreichischen Film "Gottes Engel sind überall" eine alte Frau die Mutter des kleinen Flori, der auf einem Flüchtlingstransport verlorengeht. Flori (Heiki Eis) trifft den versprengten österreichischen Soldaten Joschi (Attila Hörbiger). Gemeinsam schlagen die beiden sich nach Wien durch und finden, nach allerlei Abenteuern, ihr Zuhause: Flori bei seiner Mutter, Joschi bei seiner ansehnlichen Hauswirtin. Schweizer Zeitungen lobten Heikis schauspielerische Leistung. Sie sei die beste in diesem Film. Heiki fiel zum erstenmal auf, als er in Wien neben Albert Bassermann den Enkel in Osborns "Tod auf dem Apfelbaum" spielte. Man sieht einen neuen Kinderstar in dem kleinen Sohn der Burgschauspielerin Maria Eis, die in dem Film auch mitspielt, aber nicht als seine Mutter.

DER SPIEGEL 16/1949
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BÜHNE UND FILM:
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