30.04.1949

Conan Doyle ist nicht tot

Man sagt Sherlock Holmes und denkt an Conan Doyle, man sagt Conan Doyle und denkt an Sherlock Holmes. Der große Detektiv und der Mann, der ihn erfand, sind nicht voneinander zu trennen. Aber es ist möglich, daß viele über Sherlock Holmes mehr wissen als über Conan Doyle. Das schließt nicht aus, daß auch die Biographie Sir Arthur Conan Doyles bemerkenswert interessant ist.
Die Doyle-Biographie, die John Dickson Carr im Londoner Verlage John Murray jetzt hat erscheinen lassen, beweist das. Dickson benutzte, und das geschah zum erstenmal, das ungeheure Urkundenmaterial, das Doyle sein Leben hindurch sammelte.
Trotz äußerer Erfolge brachte Doyles Leben ihm Tragik. Er wollte seriöse Bücher schreiben und schrieb sie. Aber das Publikum verlangte von ihm Holmes, Holmes und immer mehr Holmes. Der Detektiv und sein Freund, der gewinnend harmlose und manchmal ein bißchen mehr als harmlose Dr. Watson, hatten es fasziniert.
Doyle versuchte alles, um das Paar loszuwerden. Er verlangte für ein Dutzend Kurzgeschichten die damals unerhörte Summe von 1000 Pfund. Sein Verleger sagte sofort zu.
Die City trägt Trauerflor. Er brachte Sherlock Holmes um, im Schweizer Wasserfall von Reichenbach. Die Londoner City legte Trauerbänder an und trug schwarze Krawatten, und sieben Jahre später hatte Doyle ihn wieder ins Leben zu rufen.
Ueber Conan Doyle brach bei Sherlock Holmes' "Tod" eine Flut von Briefen herein, die ihn beschworen, den Detektiv vor solch einem Schicksal zu bewahren. Und Conan Doyle saß zu eben dieser Zeit in der Schweiz am Bett seiner auf den Tod erkrankten ersten Frau.
Sein Lebtag ahnte er nicht, daß das Paar, das er geschaffen hatte, zu den Unsterblichen gehört. Sherlok Holmes ist ein Begriff und mehr als das. Und das so gut wie in der ganzen Welt und in vielen Sprachen.
Dabei war der erste Sherlock-Holmes-Roman, "A Study in Scarlett", alles andere als ein Erfolg. Dreimal war er abgelehnt worden. Dann druckte ihn schließlich 1887 ein Verlag in seinem Jahrbuch ab. Der Erfolg war schwach. Vier Jahre später war Doyle berühmt, nachdem einige kürzere Detektivgeschichten im neugegründeten Magazin "Strand" erschienen waren.
Es gibt heute eine ganze Sherlock-Holmes-Literatur, eine Literatur zur Frage, wer Sherlock Holmes eigentlich war. Einige seiner begeisterten Anhänger haben aus den Romanen und Erzählungen auch seine Lebensgeschichte zusammengekleistert.
Dickson Carr erinnert an Dr. Joseph Bell, dessen medizinische Vorlesungen in Edinburgh Doyle als Student gehört hat. Der Dr. Bell hatte gelehrt, aus kleinen Gewohnheiten und Merkmalen der Patienten auf ihren Beruf und ihre Lebensführung zu schließen. Seine hagere Gestalt schwebte Doyle als Vorbild vor. Mit Leben erfüllte er sie selbst. Er war ein glänzender Detektiv.
Aus dem Gefängnis geholt. Er war die treibende Kraft in der Aufklärung eines Justizirrtums und wirkte bei der Gutmachung eines anderen mit. Der Hauptfall betraf den Rechtsanwalt George Edalji, den Sohn eines in der englischen Provinz als Pfarrer lebenden Parsen und einer Engländerin.
Edalji, gegen den wegen seiner Hautfarbe Vorurteile bei Polizei und Gericht bestanden, wurde schuldig erkannt, jahrelang Drohbriefe geschrieben und Tiere verstümmelt zu haben. Sieben Jahre Gefängnis, lautete das Urteil. Conan Doyle holte ihn heraus.
Er hatte die Oeffentlichkeit auf dem Umweg über den "Daily Telegraph" aufgerüttelt, indem er von einem "schmutzigen Fall Dreyfus" sprach. Er wies die Unschuld Edaljis nach, was einem unbefangenen Beobachter nicht schwer fiel, und machte auch den Täter ausfindig.
Gleichzeitig aber steckte auch Dr. Watson in ihm. Sir Arthur Conan Doyle war ein Mann, in dessen Seele der Abenteurer und der Spießbürger victorianischen Großformats eine wunderliche Ehe eingegangen waren.
In seinem Haus mußte es Harfe und Palmen geben. Auf sein Wappen war er stolz, seine Mutter hatte sich gerühmt, aus dem königlichen Hause der Plantagenets abzustammen. Sie führte gern
Wappensprüche im Munde, wie: "Furchtlos vor der Stärke, gütig zur Schwäche und "Ritterlichkeit für alle Frauen, ob hoch ob niedrig!"
Conan Doyles Kinder liebten ihn, aber sie hatten vor ihm Angst. Der Blick auch nur eines väterlichen Auges, über die Morgen-Times lugend, genügte, um seine Tochter vor Schreck fast vom Stuhl fallen zu lassen.
Keine Frau ist garstig. Und er war noch im hohen Alter so ritterlich wie zu seinen großgewordenen Kindern strenge. Als er, 69 Jahre alt, durch Südafrika reiste, ein Reisender in Spiritismus, sagte einer seiner beiden Söhne, die ihn begleiteten, von einer Frau, sie sei garstig. Sein Vater gab ihm einen heftigen Nasenstüber: "Keine Frau ist garstig."
Unter den vielen Beiträgen, die Doyle außer Sherlock Holmes zur Literatur beisteuerte, sind die satirisch gehaltenen Abenteuer des Korporals Gérard, eines Soldaten der Napoleonischen Zeit, und sein phantastischer Roman "The Lost World", in dem sein berühmter Professor Challenger auf einem unzugänglichen Plateau vorsintflutliche Untiere entdeckt.
Arthur Conan Doyle, 1859 in Edinburgh geboren, entstammte einer katholischen Familie, der zwei berühmte Karikaturisten der Witzzeitschrift "Punch" angehörten. Er wurde in einem Jesuitenkolleg, dem schönen barocken Stonyhurst in Nordengland, erzogen, studierte Medizin und fuhr noch vor dem Doktorat als Schiffsarzt auf einem Walfänger in das Polarmeer, um ein bißchen Geld zu verdienen.
Als er seine Arzt-Praxis begann, ließen ihn die Patienten ziemlich in Ruhe. Conan Doyle begann zu schreiben, halb zum Zeitvertreib, halb um seine Finanzen auf solidere Füße zu stellen. Sein 10 Jahre alter Bruder Innes war bei ihm, und zu seinen Beschäftigungen gehörte es, Tagebuch zu führen.
Noch sechs Kartoffeln. Einmal erwähnt er, daß der große Bruder eine Geschichte über einen Mann mit drei Augen zu schreiben begonnen habe, während er selbst, Innes, sich an eine Erfindung gemacht habe, um Raketen in 2 Minuten über den Mond zu schießen. Später habe er Kartoffeln gekocht. "die einzigen sechs, die wir noch in der Welt hatten".
Erst als Conan Doyle arriviert war, hängte er die Medizin an den Nagel. Zu dem, was er außerhalb der Literatur tat, gehörte es, den Herren im Kriegsministerium mit Eingaben das Leben auf nicht immer angenehm empfundene Weise abwechslungsreich zu machen.
Sein scharfer Verstand für militärische Dinge war verblüffend. Patriotische Begeisterung hatte ihn zur Zeit des Burenkrieges getrieben, als Chefarzt eines Lazaretts nach Südafrika zu gehen. Ohne jemals gedient zu haben, erkannte er die Schwächen des englischen Heeres.
Die Artillerie war zu leicht und schlecht getarnt. Die Kavallerie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Infanterie verstand es nicht, in Deckung zu gehen und Schützengräben anzulegen.
Das war es, was Conan Doyle zu bedenken gab. Viele Experten tobten. Aber im Weltkrieg erwies sich, wie recht er gehabt hatte.
Mit unheimlicher Klarheit sah er auch die Gefahr des U-Bootkrieges für England voraus. Die meisten Fachleute machten sich über seine Warnungen lustig. Aber im Weltkrieg warfen ihm einige Leute vor, er habe die Deutschen auf die U-Boot-Idee gebracht.
Knapp unterlegen. Politisch gehörte er zu den fortschrittlichen Konservativen. Einmal ließ er sich als Kandidat zum Parlament aufstellen, er unterlag knapp, weil seine Gegner seine katholische Vergangenheit ausnutzten. Aber Doyle war damals bereits in die protestantische Kirche übergetreten und praktisch ein Atheist geworden.
Mit demselben Eifer, mit dem er die Sache Edaljis gegen die Behörden seines Vaterlandes verfocht, nahm er dieses in Schutz, als die kontinentale Presse und einige Londoner Blätter England unerhörter Greuel bei der Kriegsführung gegen die Buren bezichtigten. Seine Schrift, bei der er auf alle Autorenhonorare verzichtete, tat viel, um die Dinge auf ihr richtiges Maß zurückzuführen.
Deutschland und die Deutschen mochte er nicht, von allen fremden Staaten hing sein Herz an Frankreich. Das hinderte ihn nicht, als junger mittelloser Assistent seine Uhr zu versetzen, als ein heruntergekommener deutscher Gelehrter ihn weinend um ein Darlehen bat.
Im ersten Weltkrieg hielt er sich vom Chauvinismus fern. Das gehörte zu seinen Vorstellungen von Ritterehre. Für das moralische Kaliber des Mannes ist eine andere Episode noch bezeichnender.
Er bestand darauf, daß eine gesamte Auflage seines Geschichtswerks über den Burenkrieg eingestampft wurde. Ohne ihn zu fragen, hatte der Verleger vor der Titelseite ein Bild Conan Doyles veröffentlicht. "Ich sah das mit Schrecken", schrieb er. In der nächsten Auflage wurde es durch ein Bild des siegreichen Feldherrn Lord Roberts ersetzt.
Beinahe Lord. Den persönlichen Adel hatte Doyle schon 1902 erhalten. Nach dem Kriege wäre er in die Reihe der Lords aufgerückt, wenn er nicht überzeugter Spiritist geworden wäre. Trotz aller seiner anderen Verdienste erschien es unmöglich, einen Mann so zu ehren, der einen Feldzug für den Spiritismus führte.
Doyle war als junger Arzt zum erstenmal mit dem Spiritismus in Berührung gekommen. Er wandte sich ihm intensiv zu nach dem ersten Weltkrieg, nach dem Tode seines Sohnes Kimberley und seines Bruders Innes. Mit Hilfe von Medien hoffte Conan Doyle, mit den Toten in Verbindung zu kommen.
Doyle, der ein Honorar von zehn Shilling pro Wort erhielt, schrieb kaum mehr, um lieber der Welt seine Botschaft zu verkünden. Er gab die fürstliche Summe von 250000 Pfund dafür aus.
"Ob man es nun im spiritistischen Sinne oder in bezug auf den irdischen Einfluß sagt, den er unter uns zurückgelassen hat, man kann ein Wort hinzufügen", endet Dickson Carrs Biographie: "Niemand schreibe seine Grabschrift! Er ist nicht tot."
*) Sir Arthur Conan Doyle nach einem Porträt von Sidney Paget, 1897.

DER SPIEGEL 18/1949
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