02.06.1949

MusikLoko-Motive

Punkt 21.50 Uhr setzte sich Pacific 231 im Kurhaussaal Baden-Baden in Bewegung. Der Konstrukteur selbst gab das Abfahrtszeichen. Mit dem Taktstock. Pacific 231 ist eine musikalische Konstruktion.
Pacific 231 hält 10 Minuten lang ein volles Hundert geigender, blasender oder lärmschlagender Menschen in schweißtreibender Bewegung. Zuerst vibrieren die Trommelschlegel, dann markieren gequetschte Geigentöne einen kleinen Pfiff und das Quietschen anrollender Räder, und schließlich geraten die Streicherbögen wie Pleuelstangen in rotierende Bewegung, Pacific 231 kommt auf Touren.
Rumpelnde Bässe verlegen sich auf ein monotones "ratatam", glitzernde Geigenglissandi huschen vorüber und lichte Trompeten spielen darüber hin. So geht es eine ganze Weile in hohem Tempo, bis plötzlich eine scharfe ritardando-Bremse gezogen wird.
Die Pleuel der Geigenbögen beruhigen sich zusehends, die strapazierten Bläser können halbe Takte lang verschnaufen, dann klirrt das Becken und Dampf strömt zischend aus. Pacific 231 hält in Cis-dur.
Pacific 231 ist die musikalische Konstruktion einer Schnellzuglokomotive. Einer der schönsten, die es gab, sagt Arthur Honegger, und er muß es wissen. Er ist nicht nur ein großer Komponist, sondern auch ein großer Lok-Kenner.
Paul Hindemith, der deutsche Komponist, ließ noch als wohlbestallter Professor der Berliner Musikhochschule stundenlang elektrische Eisenbahnen zwischen Wohnzimmertischbeinen und Nachtschränkchen fahren, bäuchlings zwischen den Geleisen liegend. Arthur Honegger, der Welsch-Schweizer, hat mehr ein Faible für Loks, die er in Miniaturausgaben aller Typen sammelte.
Er hatte ein brennendes Interesse am Funktionieren solch schnellfahrender Zugmaschinen. Er studierte sie in- und auswendig, vom Führerstand aus, als Lokführer seiner selbst und seiner Freunde, die im angehängten Wagen saßen. (Eine englische Gesellschaft stellte ihm eigens eine Lok für seine Fahrten zur Verfügung.)
"Ich habe immer leidenschaftlich die Lokomotiven geliebt", sagt Honegger. "Für mich sind es lebende Wesen, und ich liebe sie, wie andere die Frauen oder die Pferde
"Das, was ich im Pacific versucht habe, ist nicht die Nachahmung der Geräusche einer Lokomotive, sondern die Gestaltung eines Eindrucks und der physischen Freude durch eine musikalische Konstruktion."
"Sie geht aus von folgender objektiver Betrachtung: das ruhige Atmen der stehenden Maschine, die Kraftleistung bei der Anfahrt, die wachsende Schnelligkeit und schließlich der Uebergang in ein 'lyrisches Stadium': in das Pathos eines Zuges von 300 Tonnen, durch die Nacht getrieben bei 120 Stundenkilometern."
"Als Gegenstand habe ich die Lokomotive Typ Pacific 231 für schwere Züge mit großer Schnelligkeit gewählt."
Pacific 231 wirbelte bei seinem ersten Start in den sturm- und drangreichen Pubertätsjahren der Neuen Musik gewaltig viel Staub auf. Das Echo im Blätterwald klang noch lauter als der respektable Lärm des musikalischen Originals.
Tausend Jahre lang stand Honeggers Pacific und damit sein Konstrukteur obenan auf der Liste der Entarteten, unter dem Stichwort: Maschinenmusik, musikalischer Materialismus. Als ein besonderes Sakrileg wurde vermerkt, daß Pacific 231 ein Choralthema ständig variiert, in ganz strenger Form.
Pacific 231 ist kein Bürgerschreck mehr. Arthur Honegger konnte bei seinem ersten Dirigentenbesuch in Deutschland als Gast des Südwestfunks sein Frühwerk unbedenklich auf das Programm setzen, ohne befürchten zu müssen, daß Baden-Badener Bürger randalierten.
Er konnte auch ein anderes, ebenso lange unerwünschtes Werk aufführen, sein Klavier-Concertino von 1924 mit Andrée Vaurabourg als Solistin. Andrée Vaurabourg, der Honegger das Konzertstück gewidmet hat, ist eine großartige Pianistin und Honeggers Frau.
Der 3. Satz des Concertinos ist ein alle Jazzfans elektrisierender Blues. Ueber dem hartnäckig festgehaltenen 4/4-Rhythmus treibt der Klaviersolist sein neckisches Spiel mit Synkopen, von messerscharfen Breaks der Trompeten umtollt.
Die Trompeten klingen im SWF-Orchester besonders jazzecht. Es sind ganz eng mensurierte Cornets, besonders hoch und spitz klingende Ventiltrompeten mit schmalem Mundstück, wie sie in französischen Orchestern üblich sind, wasserhell und durchdringend scharf wie ein glasklarer Korn. Hinter der Solotrompete sitzt im Baden-Badener Orchester ein wahrer Virtuose der gespitzten Lippen und der Flatterzunge, ein soignierter Herr mit silbergrauen Geheimratsschläfen: Professor der Trompete Franz Neugebauer.
Er hatte beim Honegger-Konzert alle Backen voll zu blasen. Honegger liebt den scharfen; furoremachenden Trompetenton, aggressive Fanfaren und kühne Husarenritte der Männer vom blitzenden Blech. Er liebt alles Kräftige, alles Unverbrauchte, alles Eindeutige.
So gibt er sich auch: ein fülliger, untersetzter Mann mit lebhaft umherschweifenden Augen, mit kräftigem, dunkelmeliertem Haupthaar, die ewig glimmende Pfeife zwischen den Zähnen. Ein Berg von einem Mann, ein Timmermanns, ein Pallieter der Musik.
Der Neuen Musik. Ihr war der 1892 in Le Havre von Schweizer Eltern Geborene von früh an verbunden. Der Neunjährige weiß bereits was er will, und er sagt es auch: Opern komponieren. Daran kann er freilich erst denken, als er seine musikalischen Studien in Zürich und am Pariser Conservatoire beendet hat.
In Paris ist er geblieben. Heute wohnt er auf dem Montmartre; ein Maleratelier ist sein Arbeitsraum. Hier schreibt er seine Musik, alle Arten von Musik. Denn Honegger ist ein Globetrotter durch alle Zonen und Zeiten der Musik, in allen Stilwelten und Formen zu Hause.
Bach ist sein "grand modèle", aber von Strawinski hat er nicht weniger gelernt. Er bedient sich häufig früher musikalischer Formen, wie der Gregorianik, aber auch das Instrumentarium der Jazzband beherrscht er mit leichter Hand. Das Saxophon liebt er besonders.
Honegger hat sich an den alttestamentarischen Texten seiner Oratorien "König David" und "Judith" ebenso begeistert wie am Rausch der Schnelligkeit einer D-Zug-Lok. Für die mystisch verdunkelte Sprache Paul Claudels hat er seine Musik gefunden in den szenischen Oratorien "Jeanne d'Arc" und "Totentanz", aber auch für die gewagte Textvorlage seiner Operette "Die Abenteuer des Königs Pausole".
Er hat Shakespeares "Sturm" vertont und Cocteaus "Antigone". Er arbeitet an einer "Passion", die einen ganzen Tag füllen soll, und ein soeben beendetes Franziskus-Oratorium wird in Kürze in Lausanne uraufgeführt werden.
Er ist ein "König Midas der Musik", dem alles zu Klang und Notenzeichen wird, was er anrührt. Und ihn rührt alles an. Als erster hat er die Welt des Sports für die Musik entdeckt. Er schrieb eine Sportskizze "Rugby", ein Rollschuhballett "Skating Rink", ein Stück "800 Meter".
Er schreibt alle Arten von Gebrauchsmusik, Film- und Schauspielmusiken, Musik für Hörspiele. Fast alle seine Werke sind auf Bestellung oder zu einem besonderen Anlaß geschrieben worden.
Ein Stück solcher Gebrauchsmusik ist der "Schwizerfäschttag", eine in Baden-Baden zum erstenmal in Deutschland aufgeführte Orchestersuite, ursprünglich ein Ballett für ein Volkstheater zum Schweizer Nationalfeiertag 1944. Dies ist ein klingendes Beweisstück dafür, wie sehr sich der Honegger des Pacific inzwischen gehäutet hat.
Mit Trompetengeschmetter und Dudeldü-Flöten geht es auf den "Fäschtplatz". Bis unter Posaunenstößen und Beckenklirren "d'Sänne chömmed", vergnügt sich das Schwyzer Volk bei einem "Buretanz", mit dreistimmigem Trompetenchorus und hm-tata-Klarinetten, und beim "Ländler" glaubt man, Theo Mackebens "Münchner G'schichten" lägen auf den Pulten.
Doch dann holen die Baßgeigen mächtig aus zum "Schteischtoße", und man hört den Stein sehr paukenschlagdeutlich plumpsen, und ein "Hoselupf"-Wettbewerb wird klangrealistisch ausgemalt.
Dies alles, immer hübsch weich harmonisiert und eingängig melodisch, erfährt mit einem stimmungsvollen "Alpeglüe" seinen naturgetreuen "Fäschtabschluß".
Die Piccolo-Flöte jodelt: Dulljöh!, ein Alphorn bläst ins schmelzende Bürgerherz hinein, und unterm Kuß einer süßschmachtenden Cellokantilene erglüht der Himmel aller Geigen rosarot. Es ist ein mit breitem Pinsel dick aufgetragenes Klanggemälde, so anschaulich, wie zum Uebers-Bett-Hängen bestimmt, Ohrenzucker und Gemütswärmer, herzbetörend und bonbonsüß - Schwyzer Leckerli.

DER SPIEGEL 23/1949
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