26.05.1949

Entwertete Aktien

Was Sie hier sehen, meine Damen und Herren, war der hochherrschaftliche Besitz der Fürstenfamilie von Stolberg-Wernigerode. 70 Gemächer, 12 Domänen, 27000 ha Grundbesitz und die Aktienmehrheit von fünf großen Fabriken ...", so beginnt ein kleines verwelktes Männlein jeden Tag viermal seine Führung durch das Wernigeroder Fürstenschloß. Es wurde zum "Feudalmuseum der Ostzone" erklärt.
Eigentlich wollte die Wernigeroder Künstlerkolonie, die eine Reihe Berliner, Düsseldorfer und Aachener Maler beherbergt, aus dem Schloß eine Kunstakademie machen. Die Russen aber wollten das nicht, wegen der nahen Zonengrenze.
Sie beauftragten Lugwig Einicke, Ministerialdirektor in Sachsen-Anhalts verwaistem Volksbildungsministerium**) und Landesschulungsleiter der SED, den Nachlaß des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg und der Fürsten von Stolberg-Wernigerode und Stolberg-Stolberg zu ordnen und daraus eine Museumsschau aufzubauen. Soweit nicht requirierende Offiziere der Roten Armee Gefallen an Teppichen, Daunendecken, Pendulen, Garderoben und Jagdtrophäen gefunden hatten. Die übriggebliebenen Inventarien und Kunstschätze wurden nach Wernigerode gebracht.
Die Fürsten warteten die Bodenreformierung ihres Besitzes nicht ab. Im Juni 1945 rückten sie mit den Engländern ab, als das Gehiet zwischen Brocken und Elbe in sowjetische Hände kam. Der Herzog von Braunschweig-Lüneburg blieb noch drei Wochen in seiner Residenz Blankenburg. Er wollte seine östlich von Zorge
und Hohegeiß gelegenen elf Ortschaften nicht preisgeben und intervenierte beim verwandten englischen Königshaus.
Drei Wochen war der östliche Teil des Kreises Blankenburg britische Enklave in der russischen Zone. Dann luden die Engländer die Herzogsfamilie auf Lastkraftwagen und brachten sie nach Schloß Marienburg bei Nordstemmen, dem zweiten Besitz des Herzogs. Seitdem schon weht über dem Blankenburger Schloß die rote Fahne.
Ludwig Einicke stellte vor Ostern Schloß Wernigerode auf den Kopf. Aus den Schlössern Ilsenburg und Blankenburg wurden Möbel, Kisten und Kasten herangeschafft. Feierliche Eröffnung folgte bald.
Dem Museumsführer wurde die Arbeit leicht gemacht. Sinnige Hinweisschilder an den Ausstellungsstücken geben die Richtung an. "Dem Fürsten das Prunkbett, den Untertanen der Strohsack", steht an einem altmodisch geschnitzten Alkoven. Er sieht nicht gerade einladend aus. Die Polster eines Divans sind als Lotterbett der Maitresse deklariert. Busenfüllige Komtessen, deren Porträts an den Wänden hängen, müssen sich posthum ähnliche Lästerungen gefallen lassen.
Kitschige Souvenirs der wilheminischen Zeit sind zahlreich. Ein delikates Miniatur-Damenbein aus Alabaster, das als Pfeifenstopfer dient, ein nüsseknackender Reichsadler und "Heinrich der Heizbare", eine mit Ofenrohr versehene alte Ritterrüstung, werden als Paradestücke feudaler Dekadenz zur Schau gestellt.
Daneben die entwerteten Aktien der Wernigeroder Schokoladenfabrik Karnatzki, Spekulationsobjekte der Fürsten, vergilbte Hofbilanzen, Speisenkarten in Goldschnitt, Schuldverschreibungen und alte Rezesse aus der Zeit der Leibeigenschaft.
Einickes Archivare haben errechnet, daß die Hofhaltung jährlich 360000 Mark verschlang und daß sich die Schulden der Wernigeroder Linie 1927 auf zehn Millionen Mark angehäuft hatten.
Eine im hohen Festsaal aufgebaute Tafel wird mit dem wackligen Tisch einer Landarbeiterfamilie verglichen: "So lebten die Fürsten - so die Proleten".
Der ärmliche Museumsführer macht am Schluß jeder Runde ein paar sinnige Bemerkungen über Feudalismus und faulenden Kapitalismus, wobei er verlegen die schäbige Schiffermütze dreht. Man sieht ihm den Flüchtling an. "Früher Lehrer gewesen in Hirschberg - Pg - Wiedereinstellung unmöglich", ist sein Lebenslauf im Telegrammstil. Er erzählt ihn während der, Zigarettenpause zwischen den Führungen. "Was soll man tun?" Täglich dreht er viermal dieselbe Walze vom degenerierten Adel im Untergang, frei nach Ludwig Renn.
Drunten in der bunten Harzstadt macht sich kaum ein Einheimischer die Mühe, zum Schloß hinaufzusteigen. Man kennt die wahren Zusammenhänge dort genauer.
"Der Fürst?", sagt eine korpulente Bäckersfrau, "mit Ernst-Christian habe ich beim Schützenfest noch Walzer getanzt. Der war gar nicht so. Er trug eine grüne Lodenjacke, sah wie ein Förster aus und war bei Volksfesten mittenmang".
Ernst-Christian, Sohn des Reichsgrafen Otto von Stolberg-Wernigerode, der unter Wilhelm I. gefürstet wurde, war im Harz populär. In den zwanziger Jahren ging es jedoch mit seiner Schloßherrlichkeit buchstäblich bergab. 1929 mußte er das Schloß dem Staat überlassen. Zur Abdeckung fürstlicher Schulden. Auch tausend Waldhektar kamen unter den Hammer. Der Fürst zog unterhalb des Schlosses in eine kleine Villa. Die Schloßtürme immer vor Augen. 1940 starb der alte Fürst. Sohn Botho verwaltete das zusammengeschmolzene Erbe. (In der Villa regiert jetzt ein grünbemütztes NKWD-Kommando).
Nicht viel anders erging es seinem Vetter von der Stolberg-Stolberg-Linie. Fürst Wolf-Heinrich, dunkelhaarig, schlank und feurig, hatte sich 1933 vom überholten Fürstenthron in die Mitte des Volkes begeben. Kurz vor der NS-Machtübernahme ehelichte er die Tochter eines kleinen Magistratsbeamten aus Magdeburg-Bukkaus Gärtnerstraße. Aus der hübschen Magdeburger Irma Erfert, die sich Bürgermeister Gropengießer als Haustochter nach Stolberg geholt hatte, wurde Fürstin Stolberg-Stolberg.
Damals brachten die Stolberger ihrem verliebten Fürsten einen Fackelzug. Papierfähnchen flatterten und Lampions leuchteten.
Diese Episode hat Ludwig Einicke in seinem Feudalmuseum Wernigerode nicht graphisch darstellen lassen. Sie hätte nicht zu der im reichen Rokokoschmuck prangenden Traditionswiege aus Stolberg gepaßt, die auch ausgestellt ist. Hermann Reichert, vor 1933 Redakteur der linken Halberstädter "Volksstimme", weiß noch mehr darüber zu berichten. Fürst Ernst Christian stellte ihn als Archivar ein, als er 1934 aus dem Kz kam. Er war Reichert nicht gram, weil der früher in der "Volksstimme" gegen die Fürstenabfindung gewettert hatte.
*) Am mächsten Tag empfing ihn Niedersachßens. CDU-Landwirtschaftsminister Dr. Dr. Gereke.
**) Volksbildungsminister Ernst Thape floh im Dezember 1948 westwärts. (Vergl. SPIEGEL Nr. 51/48). Er wurde kürzlich zum Pressereferenten des Landes Niedersachsen ernannt.

DER SPIEGEL 22/1949
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