23.06.1949

Aus strategischen Gründen

Westdeutschlands Bergarbeiterchef August Schmidt gab sein Protesttelegramm an die Pariser Außenminister-Konferenz nicht in Bochum auf. Den Notruf an seinen amerikanischen Kollegen John Lewis, sofort ins Ruhrgebiet zu kommen, ebenfalls nicht. Beide Depeschen gegen die Demontage der deutschen Kohleveredelung beförderte sicherheitshalber das Telegraphenamt im amerikanisch besetzten Frankfurt.
Denn zwischen Hamm und Köln wird zur Zeit eine Ausscheidungsrunde der Weltwirtschaft gespielt: Erdöl gegen Ruhrkohle. Bergkamen, Dortmund, Wanne-Eickel und Castrop-Rauxel als Zentren der Kohleveredelung sind die Brennpunkte des Kampfes. Zur Stunde führen Londons Oelherren haushoch nach Punkten.
Ein Jahrhundert lang wurden Milliarden Tonnen Kohle unter den Kesseln der Welt verfeuert. "Das ist barer Unsinn", sagt Professor Ziegler, der 50jährige Chef des Ruhrkohlen-Gehirntrustes im Mühlheimer Kohlenforschungsinstitut. "In der Kohle nur Brennstoff zu sehen, ist eine abgestandene Irrlehre des 19. Jahrhunderts. Kohle ist heute ein entscheidender Rohstoff". Das ist die Wirtschaftsauffassung des 20. Jahrhunderts.
Noch die magerste, teerärmste Kohle läßt sich in den Retorten der Chemiker zu vorläufig ungeahnten Werten veredeln: zu Treibstoffen, Schmierölen, Waschmitteln, Fettsäuren, Kunstgummi, Farben, Arzneien bis zum Nylonstrumpf und dem Plexiglas. Die Skala der Kohlenwertstoffe ist unerschöpflich. Die internationale Fertigwarenindustrie ahnt das absatzdüster.
Seit der alte William Murdock die erste Schweinsblase voll Leuchtgas durch London trug, hagelte es in der industriellen Entwicklung Ueberraschungen. Nur zu oft drehte es sich dabei um Kohle.
Große Düsternis. Als der deutsche Ingenieur Rudolf Diesel 1897 seinen Diesel-Motor entwickelt hatte, triumphierte das Erdöl. Die Wende der Weltschiffahrt begann: Heute fahren die großen Steamer mit Dieselöl. Die Verluste von Cardiff und Essen allein an unverkaufter Bunkerkohle gingen in die Millionen. Am Aufstieg des Autos und des Flugzeuges hatte die alte Steinkohle schon keinen Anteil mehr. Das Geschäft machten die Oelkönige. Die große Düsternis brach über die Ruhr herein.
Anfang der dreißiger Jahre lagerten im Ruhrgebiet sechs Millionen Tonnen unverkäuflicher Koks auf Halde. Da Kohle nur bedingt lagerfähig ist, mußte jede unverkaufte Tonne in Koks umgewandelt werden. 1932 waren an der Ruhr über 100000 Kumpels arbeitslos. Es begann eine verhängnisvolle Abwanderung der Bergarbeiter, die heute noch nicht ausgeglichen ist.
Die Zechenherren der Ruhr sind konservativ. Die deutschen Chemie-Magnaten vom Rhein-Main waren wendiger. Sie standen früher auf als die Ruhrköhler. 1913 veröffentlichte Dr. Friedrich Bergius ein Traktat "Anwendung hoher Drucke bei chemischen Vorgängen". Dahinter verbarg sich das Geheimnis der Kohleverflüssigung zu Benzin.
Die Großversuche übernahm Dr. Pier mit einem Stab von Assistenten bei den Badischen Anilin- und Soda-Fabriken in Ludwigshafen. 1926 waren die Großversuche abgeschlossen. Damals entstand die IG Farben. Seit 1927 wird nach dem Bergius-Verfahren in Leuna bei Merseburg Treibstoff aus Braunkohle gemacht.
Damit hatte Deutschlands IG-Männer den internationalen Oeltrusts einen schweren Schlag versetzt. Was denen bisher verschwendend aus der Erde quoll, wurde jetzt besser in der Retorte gemacht.
Der innere Wert. Vier Tage vor Toresschluß erwachte der Ruhrbergbau. Am 27. Juli 1914 wurde in Mülheim (Ruhr) das Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohleforschung eingeweiht. Sein Arbeitsziel war die "Vermehrung des inneren Wertes der Kohle".
Hausherr wurde Prof. Franz Fischer. 1925 konnte er dem Verwaltungsrat seines Instituts melden, daß es ihm und seinem Mitarbeiter Hans Tropsch gelungen sei, bei gewöhnlichem Druck Benzin aus Kohle herzustellen. Seitdem haben die Steinköhler die Fischer-Tropsch-Synthese.
Um diese Synthese geht jetzt der weltweite Demontagekampf an der Ruhr. Das IG-Verfahren der Kohleverflüssigung unter Hochdruck nach Prof. Friedrich Bergius - er erhielt für diese Leistung 1931 den Nobelpreis - steht nicht mehr im Vordergrund.
Prof. Franz Fischer hat in elf Bänden "Gesammelte Abhandlungen zur Kenntnis der Kohle" seine Forscherarbeit im Neuland der Kohleveredelung niedergelegt. Er starb Ende 1947 in München. In einem Jahrzehnt ungeheurer Anstrengung hat er aus einer Laboratoriumsbeobachtung ein großtechnisches Verfahren entwickelt.
Fischer leitete Wasserdampf über glühende Kohle. Er erhielt ein Gemisch von Wasserstoff und Kohlenoxyd, das sogenannte Wassergas. Er leitete dieses Wassergas unter Druck über Metallaschen. Er erhielt das Synthol, ein treibstoffartiges Gemisch.
Das Synthol war noch zu sauerstoffhaltig. Bei der Erprobung im Motor ergaben sich starke Korrosions(Zernagungs)-Erscheinungen. Die Einführung in die Praxis schlug fehl.
Kobalt siegte. Fischer-Tropsch prüften Tausende von Metalloxyden und Trägersubstanzen auf ihre Eignung als Katalysator*). Eisen-Kupfer-Alkali-Kontakte wurden verworfen. Es siegte Kobalt mit Thorium- und Manganoxyd als aktivierende Zusätze.
Ein neuer Abgrund tat sich auf: die katalytische Verflüssigung des Kohlenoxyds zu höheren Kohlenwasserstoffen erzeugte 1000 Grad Hitze. Um eine optimale Benzinausbeute zu erlangen, müssen 200 Grad eingehalten werden. Auch diese Wärmeableitung gelang Fischer-Tropsch.
Es folgte die Analyse des Kogasins, wie das Syntheseprodukt nach seinem Werdegang genannt wurde: Koks, Gas, Benzin. Durch Destillation bei verschiedenen Siedepunkten gewann man jetzt veredelte Kohlenwertstoffe. (Die Fischer-Tropsch-Synthese ist lenkbar: man kann die Ausbeute auf hochwertigere Paraffine steuern oder auf geringwertigere Benzine.)
Das war die entscheidende Leistung von Fischer-Tropsch: während sie die Moleküle der Kohle zerschlugen und diese zu ganz neuen Produkten wieder zusammenschweißten, war eine Verwertung auch der magersten Kohlensorten gegeben. Am düsteren Horizont der Ruhr tauchten 1925 die ersten Silberstreifen auf.
Sortenfrage. Seit 40 Jahren verschärfen sich an der Ruhr alle Marktschwankungen durch ein besonderes Bergbauproblem: die Sortenfrage. Bei sinkendem Absatz werden nicht alle Kohlensorten gleichmäßig betroffen, sondern hauptsächlich die mageren. Abgesehen davon arbeitet der Ruhrbergbau unter dem Handikap einer Durchschnittsteufe von 800 Metern bei der sehr geringen Flözmächtigkeit von nur einem Meter durchschnittlich.
Diese unzureichende ökonomische Grundlage des Ruhrbergbaus vermochte nur die Kohleveredelung zu verbreitern. Die Monatsarbeit bei halber Kapazität brachte allein in Bergkamen: aus 17000 Tonnen Koks im Werte von 237916 Mark 4093 Tonnen Kohlenwertstoffe (s. Graphik) mit einem Erlös von 3962638 Mark.
Das sind nur die Primärprodukte der Fischer-Tropsch-Synthese. Sie werden von der chemischen Industrie weiterveredelt. Eine auch nur annähernde Aufzählung der Produktenzahl oder eine Werteinschätzung ist unmöglich.
So argumentierte Wilhelm Kost von der Deutschen Kohlen - Bergbauleitung in Essen: "Der Wert einer Jahreserzeugung der sechs Fischer-Tropsch-Werke an der Ruhr beträgt bei voller Kapazitätsausnutzung 200 Millionen DM. Durch die Weiterverarbeitung des Primärprodukts auf fertige Konsumware erhöht sich dieser Betrag weiter.
Die Fischer-Tropsch-Anlagen an der Ruhr erforderten einen Kapitalaufwand von 250 Millionen Mark. Bei ihrer Demontage ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei der Eisendemontage: von je 100 Millionen Mark Anlagekapital würden nur 10 Millionen Mark Schrottwert auf Reparationskonto gutgeschrieben. Aber die Kosten der Demontage würden das Dreifache des Schrottwerts = 30 Millionen DM betragen.
Nach der Demontage müßten die Rohstoffe für die entfallenden Produkte der deutschen Kohleveredelung zum größten Teil aus Uebersee eingeführt werden. Nach Wegfall der Marshall-Hilfe bedeutet dies eine erhebliche Belastung der westdeutschen Devisenbilanz."
Verdacht. August Schmidt von der Industriegewerkschaft Bergbau in Bochum fügt hinzu: "35000 Arbeiter werden durch die Demontagen der Kohleveredelung brotlos. Es sind meist Teilinvaliden, die im Bergbau nicht mehr arbeiten können.
Die Bergarbeiter können den Verdacht nicht los werden, daß Anlagen zerstört werden sollen, die einigen Konkurrenten im Ausland unangenehm sind und in der Zukunft das Absatzgeschäft in Deutschland stören könnten".
Inzwischen ist der Demontagekrieg an der Ruhr aus den Direktionsbüros der Beteiligten und den Kontaktöfen der bedrohten Werke über die Leitartikelspalten der Weltpresse in die Kabinette der Diplomatie gewandert und zu einem politischen Treibstoff geworden.
Am 11. Juni verlautbarte Londons Foreign Office die Gründe für den Washingtoner Beschluß der Westmächte, die deutsche Kohlehydrierung zu demontieren.
Londons Kernsatz lautet: "Die deutsche Industrie für die Herstellung von synthetischem Treibstoff wurde lediglich aus strategischen Gründen gebaut. Sie hat in der normalen deutschen Wirtschaft nie eine Rolle gespielt und erreichte ihre volle Entwicklung erst in den Kriegsjahren, während sie seit 1945 ruht."
Dieser Keulenschlag ging daneben. Sozialdemokrat Nölting, Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, antwortete dem Labour-Demokraten Ernest Bevin.
"Bei den niedrigen Weltmarktpreisen für Benzin ist eine Eigenerzeugung von synthetischem Benzin für uns durchaus uninteressant. Selbst während des Krieges sind nur sechs Prozent Treibstoffe auf Grund dieses Verfahrens hergestellt worden. Neuerdings ist dieser Prozentsatz noch erheblich geringer. Diese Benzinerzeugung, auf die wir es gar nicht abgesehen haben, läßt sich noch stärker herabsetzen, weshalb es uns unlogisch erscheint, bei den betroffenen Anlagen von einer Kriegsindustrie zu sprechen."
Treibstoff ist nur eines von vielen Produkten der deutschen Kohleveredelung. Der Dreibund Nölting-Kost-Schmidt will Paraffin erzeugen, um die Großchemie von Leverkusen bis Witten mit Fettsäuren zu versorgen. Allein die moderne Seifenproduktion beruht größtenteils auf der Kohlen-Wasser-Ehe von Fischer-Tropsch.
Wenn die deutschen Demontage-Proteste wirkungslos bleiben, werden die Ruhrköhler wieder da stehen, wo sie am 27. Juli 1914 standen. Und die Sowjet-AGs der heute ostzonal aufgeteilten "Brabag" werden dem deutschen Westen waggonweise Paraffin anbieten. In Ostdeutschland darf es hergestellt werden.

Auf das Konto Hitlers
kommen fast 50 Pfennig von jeder Mark, die in den Haushalten der Bizonenländer ausgegeben wird. Die Reinausgaben betrugen vom 20. Juni 1948 bis zum 31. März 1949 9702 Millionen D-Mark. 48,6 Prozent davon mußten für Kriegsfolgekosten aufgebracht werden. Allein die Besatzungs- und Besatzungfolgekosten verschlangen 2664 Millionen D-Mark. Hamburgs Bürgermeister Brauer erklärte, ohne eine Halbierung der Besatzungskosten sei es ausgeschlossen, die Haushalte der deutschen Länder zu ordnen.
[Grafiktext]
9702 Mill. DM
Haushaltsausgaben d. Bizonen-Länder
von Juni 1948 bis April 1949
Davon worden verausgabt für:
Zusammensetzung
d. Kriegsfolgelasten.
NORMALE STAATSAUFGABEN
4988 Mill. DM
KRIEGSFOLGELASTEN
4714 Mill. DM
2664 Mill.
Besatzungs-
und
Besatzungsfolgekosten
586 Mill.
Kriegsverurs.
Soziallasten
95 Mill.
Versorgung
ostverdrängter Beamter
99 Mill.
Arbeitslosenfürsorge
450 Mill.
Zuschuss zu den
Flüchtlings- u.
Sozialrenten
820 Mill.
Kriegsbeschädigte
und
Hinterbliebene
Militärausgaben
und
Besatzungskosten
der Bizone (in Milliarden Mark)
1930 1,0%
1932 1,4%
1934 3,6%
1936 8,8%
1938 22,4%
1946 8,1%
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
PRODUKTE DER FISCHER-TROPSCH SYNTHESE
AUS 1000 Kg KOKS
HARTWACHS
10,5Kg
SPEISEFETT
13Kg
BENZIN
52Kg
NETZMITTEL
26,5Kg
DIESELÖL
22,5Kg
FETTSÄUREN
15Kg
WASCHMITTEL
51Kg
LÖSUNGSMITTEL
33Kg
TREIBGAS
11,5Kg
[GrafiktextEnde]
*) Katalysatoren sind Stoffe, durch die chemische Vorgänge ausgelöst und beschleunigt werden, ohne daß sie sich selber verändern.

DER SPIEGEL 26/1949
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