11.08.1949

Letzte Oelung

Im russischen Jesuitenkolleg in Rom nahm man die Nachricht mit ungläubigem Staunen auf. Ueber zehn Jahre hatte der Pater Jaworka kein Lebenszeichen aus der Sowjet-Union gegeben. Dann berichtete ein lettischer Flüchtling den Jesuiten von der angeblichen Tätigkeit ihres einstigen Chefs im Baltikum.
Monate vergingen, bis jetzt die Jesuiten auf geheimnisvollen Wegen ein Dementi erhielten. Pater Jaworka bleibt weiter verschollen.
Verschollen wie die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger, seit 1929 das Collegium Russicum mit der Ausbildung und Entsendung von Jesuiten für eine Missionstätigkeit in der Sowjet-Union begann. Einige haben Nachrichten durch den Eisernen Vorhang geschmuggelt, noch weniger sind zurückgekehrt. Die Bolschewisten fürchten die Jesuiten mehr als angelsächsische Spione und versprechen hohe Prämien für ihren Kopf.
Die Jesuiten bauen ihre Rußlandpolitik auf der Ansicht auf, daß die orthodoxe Kirche durch ihre Kollaboration mit dem bolschewistischen Regime in weiten Kreisen kompromittiert sei. Wer Stalin ablehnt, der werde sich auch von dem mit dem Orden der Roten Fahne dekorierten Patriarchen Sergius abkehren, der in einer Reihe mit Volkskommissaren und Sowjetmarschällen marschiert. So glauben die Jesuiten.
Sie wollen das Wiedererwachen religiöser Gefühle in der Sowjet-Union in katholische Kanäle leiten. Noch können sie dem Jesuitengeneral keine Erfolgsmeldungen machen. Aber sie glauben an den Endsieg und bilden in aller Heimlichkeit immer neue Kämpfer aus. Zeit hat für die katholische Kirche nie eine Rolle gespielt
Gegenwärtig werden in dem schmucklosen gelben Haus neben der Santa-Maria-Maggiore-Kirche in Rom dreißig Russen und einige Polen, Tschechen und Slowaken ausgebildet. Während der zwei- bis dreijährigen Kurse dürfen sie das Haus nicht verlassen, keine Besucher und keine Post einpfangen.
Schwere, elektrisch bediente Türen und vergitterte Fenster, die nie geöffnet werden, schließen die Außenwelt ab. Erst kürzlich behauptete die kommunistische Zeitung "La Repubblica" wieder, dort werde antisowjetische Spionage gelehrt und betrieben
Die "Repubblica" wollte ferner wissen, daß diese Spionagezentrale von einem ehemaligen SD-Führer geleitet werde, der sich seiner einstigen Vertrauensmänner bediene. Doch der SD-Führer hat längst ein neues Tätigkeitsfeld in einem Land des Nahen Ostens gefunden. Die Jesuiten überlassen das Spionieren anderen und beschränken sich auf das Missionieren.
Die Mitglieder des Russicums leben und lehren unter falschen Namen. Vor der Abreise erhalten sie alle heiligen Sakramente, einschließlich der Letzten Oelung. Dann werden sie vom Papst und vom Jesuitengeneral in geheimer Audienz empfangen.
Noch einmal legen sie den Schwur der Jesuiten ab. Dann fahren sie in Zivil heimlich oder mit falschen Papieren über die Grenze ins Sowjetland.
Allmorgendlich schließen die Zurückbleibenden die fernen Brüder in ihr Gebet mit ein. Sie verwalten die Kirche des Heiligen Abtes Antonius neben dem Collegium Russicum. Dort wird nach armenischem, chaldäischem, alexandrinischem, antiochischem, byzantinischem und slawischem Ritus zulebriert.
In den prunkvollen Meßgewändern der orientalischen Liturgie beten die Jesuiten um Erfolg für ihre Arbeit. Damit irgendwann einmal auch in russischen Kirchen diese Gewänder wieder leuchten.

DER SPIEGEL 33/1949
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