28.07.1949

Sie bringen mich in Verlegenheit

Ernest Bevin war am Vorabend seiner Abreise nach Evian-les-Bains am Südufer des Genfer Sees noch nicht in Urlaubsstimmung. Die heftigen Attacken des konservativen Abgeordneten MacMillan gegen die Deutschlandpolitik des Foreign Office lagen ihm noch auf der Seele. Be in empfand sie als Provokation.
Die Kontroverse gab ihm allerdings auch die längst ersehnte Gelegenheit, Kriegspremier Churchill endlich einmal die Kardinalsünde der Vergangenheit unter die Nase zu reiben: die verfehlte Ausgangsposition der Deutschland-Politik. Mit Seitenblick zu Churchill rief Bevin: "Da man auf bedingungsloser Kapitulation bestand, blieb in Deutschlands nichts, worauf man hätte weiterbauen können: kein Gesetz, keine Verfassung, keine Persönlichkeit, mit der verhandelt werden konnte ..." Von dem Januar 1943 in Casablanca geprägten Ausdruck "bedingungslose Kapitulation" hatte Bevin - obwohl Mitglied des Churchill'schen Kriegskabinetts - seinerzeit zum erstenmal durch die Zeitung erfahren.
Churchill hob die Hand (nach britischem Brauch darf der Redner durch Zwischenbemerkungen unterbrochen werden): "Ich habe diesen Ausdruck zum erstenmal von Präsident Roosevelt gehört. Ich wurde vorher nicht befragt, sondern mußte an Ort und Stelle blitzschnell entscheiden, ob unsere weltpolitische Situation mich dazu berechtigte, meine Unterstützung zu versagen."
Nach Churchills Meinung berechtigte sie nicht. Er stimmte zu, obwohl er selbst gegen die bedingungslose Kapitulation war, wie er jetzt behauptet. Auch den Morgenthau-Plan, so erklärte Churchill jetzt, habe er trotz seiner Unterschrift für völlig verfehlt gehalten.
Nebelschleier. Das dramatische Rededuell Bevin - Churchill rief in Washington kein Erstaunen hervor. Die Nebelschleier vor den entscheidenden Szenen der Kriegspolitik, noch vor nicht allzulanger Zeit "top secret", sind gefallen. Von Elliot Roosevelt, dem Sohn des toten Präsidenten, über James Byrnes bis General Eisenhower haben fast alle führenden Männer der Roosevelt-Aera ihre Memoiren geschrieben. Als letzter packte kürzlich der Begleiter Eisenhowers, sein persönlicher Adjutant Harry Butcher, Intimitäten aus drei entscheidenden Jahren aus.
Nur George C. Marshall fehlt noch in der Reihe. Als ihm der Verein der Auslands-Korrespondenten kürzlich eine vergoldete Schreibmaschine schenkte, auf der er seine Memoiren schreiben soll, dankte er resigniert: "Eure goldene Schreibmaschine in Ehren - aber niemand gibt mir meine Niere wieder. Sie brauchte nicht einmal aus Gold zu sein."
In den verschiedenen Memoirenwerken ist halbwegs sichtbar geworden, warum Franklin D. Roosevelt am Ende der Konferenz von Casablanca seinen britischen Kriegskollegen Winston Churchill mit der Formel von der "bedingungslosen Kapitulation" überrumpelte. Inzwischen stimmen fast alle Kritiker der Roosevelt-Aera darin überein, daß diese Forderung des Präsidenten überspannt war.
Roosevelt verzichtete mit der Formel von der "bedingungslosen Kapitulation" auf die politischen Mittel der Kriegführung. Er baute damit für die deutschen Widerstandskämpfer im Rücken der Front Hitlers eine unübersteigbare Barriere auf und spielte auch der Propaganda Meister Joseph's eine gewichtige Trumpfkarte in die Hand.
Magie. Schon wenige Wochen nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten entwickelte Roosevelt im Gespräch mit engen Freunden weitreichende politische Pläne. Er fühlte sich von einem "Funken des Genialischen" erleuchtet. In diesen Augenblicken bezeichnete er sich selbst gern als "politischen Magier". Schon damals meinte Bevin anzüglich, politische Magie werde in der Illusion steckenbleiben.
Aus jenen Tagen Washingtons enthüllte der damalige finnische Gesandte Procope, der jetzt zurückgezogen in Stockholm lebt, einige aufschlußreiche Geheimnisse. Procope gehörte zu dem engen Freundeskreis Roosevelts.
Roosevelts globale politische Strategie ging davon aus, daß die USA am Schluß des Krieges fünf Sechstel der Erde beherrschen sollten. Das letzte Sechstel sollte dem Reich Stalins vorbehalten bleiben. Mit Stalin, den Roosevelt zum Demokraten und Christen umerziehen wollte - so berichtete es James Farley - wollte er dann gemeinsam die Kontrolle über die Welt ausüben. Deutschland und Japan sollten als politische und wirtschaftliche Mächte vollkommen verschwinden.
Roosevelt wollte auch keine künftige deutsche Regierung. Daher vermied er alle Kontakte mit deutschen Widerständlern. Das wird durch ein Dokument des einstigen Berliner Associated-Press-Korrespondenten Louis P. Lochner bewiesen. Professor Rothfels von der Universität Chicago veröffentlichte es in seinem Buch über die Kräfte der deutschen Opposition.
Kontakte. Lochner pflegte in seiner Berliner Zeit Kontakte zur deutschen Résistance und empfing in seiner Wohnung in der Giesebrecht-Straße oft Leute der deutschen Widerstandskreise. Als er im Dezember 1941 Berlin verließ und wenige Wochen später im Diplomatenaustausch nach den USA zurückkehrte, bemühte er sich, Roosevelt zu sprechen.
Lochner wollte Roosevelt einen Plan der deutschen Résistance für den Sturz Hitlers und spätere Zusammenarbeit mit den USA überreichen. Roosevelt empfing Lochner nicht. Er ließ ihm bestellen: "Mr. Lochner, Sie bringen mich mit diesen Plänen in höchste Verlegenheit ..."
Im November 1942 landeten die Alliierten in Nordafrika. Am 19. November brachen die Armeen des Marschalls Schukow westlich von Stalingrad durch und kesselten über 40 deutsche Divisionen ein.
Nun glaubte Roosevelt, daß endlich die Stunde einer gemeinsamen Begegnung mit Stalin gekommen sei. Im Weißen Haus begann eine geheimnisvolle Geschäftigkeit. Harry Hopkins, Roosevelts politischer Busenfreund, mußte lange Telegramme nach Moskau verfassen. Die Einladungen zu einer Dreierkonferenz in Casablanca wurden immer dringlicher. Stalin aber schwieg.
Als Roosevelt in den ersten Januartagen 1943 an Bord eines Kriegsschiffes in See ging, hoffte er immer noch, daß Stalin oder wenigstens Molotow erscheinen würde. Der Kreml aber sandte nicht einmal einen Beobachter. Dabei war die Konferenz von Casablanca von Roosevelt als das entscheidende Ereignis für die Kriegs- und Nachkriegszeit geplant.
Programm. 50 Journalisten waren eingeladen. Roosevelt hatte ein großes Programm ausgearbeitet. George C. Marshall sollte der Oberbefehlshaber aller Kriegsfronten, auch der Fronten in Rußland, werden. Eine neue Deklaration zur Atlantik-Charta war im Entwurf schon ausgearbeitet. Ferner sollte der Stoß "in den weichen Unterleib Europas" (Churchill) nach Sizilien und Italien beschlossen werden.
Die Militärstäbe arbeiteten auf hohen Touren. Die Politiker aber kamen in Casablanca nicht auf ihre Rechnung. Nur der Streit zwischen General de Gaulle und General Giraud beschäftigte Roosevelt und Churchill in vielen unfruchtbaren Beratungen.
Die Konferenz dauerte zehn Tage. Am 24. Januar bestürmte das halbe Hundert Journalisten den Präsidenten um die großen News, die eine Welt in Bewegung setzen sollten. Sie blieben aus. Erst als Roosevelt gefragt wurde, wie er über die künftige Deutschland-Politik denke, ließ er die Katze aus dem Sack: "Bedingungslose Kapitulation!"
Churchill war entsetzt. Er wußte, daß diese Forderung ein großer Fehler war. Aber er schwieg, sechs Jahre lang. Bis er dem Unterhaus letzte Woche seine damalige Haltung zu erklären suchte.
Am 26. Januar durften die Journalisten endlich ihre Casablanca-Stories hinausjagen. Die Schlagzeilen von der "bedingungslosen Kapitulation" beherrschten die Weltpresse. Auch in der Wilhelmstraße 62 in Berlin lief alles auf vollen Touren. Goebbels hatte endlich das Propaganda-As in der Hand. Er ließ die Tages-Parole los: "Roosevelt verlangt Vernichtung des deutschen Volkes."
Kaminrede. Zwei Wochen schwieg Roosevelt dazu. Erst am Abend des 12. Februar wandte er sich in einer seiner berühmten Kaminreden scharf gegen die "Propagandisten der Achsenmächte, die mit ihren alten Tricks versuchten, die Alliierten zu spalten." Roosevelt erklärte weiter: "Unsere Antwort und die Antworten aller alliierten Nationen auf diese durch Panik erzeugten Versuche lautet: Die einzige Bedingung, unter der wir mit einer Regierung der Achsenmächte oder einem ihrer Mitläufer verhandeln werden, haben wir in Casablanca verkündet. Es ist die bedingungslose Kapitulation."
Roosevelt entnahm die Formel von der bedingungslosen Kapitulation der amerikanischen Geschichte. Sie war erstmals im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-85) gebraucht worden. Damals haftete ihr jedoch noch nicht das Odium der Vernichtung an. Sie sollte lediglich den Verzicht auf Sezession und Sklavenbefreiung festlegen.
Stalin äußerte sich zunächst nicht. Erst im November 1943 stimmte er auf der Konferenz in Teheran bei der ersten persönlichen Begegnung mit Roosevelt der Formel zu.
Schlagzeile. Als auf der Krim-Konferenz in Jalta im Februar 1945 ein direkter Appell der Mächte zur bedingungslosen Kapitulation an das deutsche Volk gerichtet werden sollte, ließ Goebbels die deutschen Zeitungen schon vorher mit der Schlagzeile schmücken: "Niemals kapitulieren!" Der Appell unterblieb.
Am 7. Mai 1945 unterzeichnete General Jodl im Eisenhowerschen Hauptquartier in Reims die bedingungslose Kapitulation. Stalin aber wollte seine "eigene" bedingungslose Kapitulation. Der Unterzeichnung von Reims war ein schwerer Kampf mit den Sowjets vorausgegangen. Am nächsten Tag, am 8. Mai 1945, unterzeichnete in Berlin OKW-Chef Keitel die bedingungslose Kapitulation, wie sie Marschall Schukow verlangt hatte.

Ein weltanschaulich untermauertes Ja
sagte die Inderin Vijaya Lakshmi Pandit, die Schwester Pandit Nehrus und Botschafterin Indiens in Washington, als sie vom amerikanischen "National-Verband für den Fortschritt der farbigen Völker" zum Jahreskongreß in Hollywood eingeladen wurde. Die Inderin dekorierte dort den ersten amerikanischen Negerdiplomaten, UNO-Palästina-Vermittler Dr. Ralph Bunche, mit der Spinnrad-Medaille, einer hohen indischen Auszeichnung, die das Friedensprogramm Gandhis symbolisieren soll. "Das Schicksal der Farbigen", so erklärte Frau Pandit bei der Zeremonie, "ist das Problem von über der Hälfte der Menschheit. Von seiner Lösung hängt der Weltfrieden ab."

DER SPIEGEL 31/1949
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