28.07.1949

Und alle, alle nahmen

Im Palais de Justice auf der Seine-Insel in Paris wurde die Akte einer der geheimnisvollsten und dunkelsten Affären aus der deutschen Besatzungszeit geschlossen. "Wegen wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit den Deutschen" wurde der Bessarabier Joseph Joanovici, der unbestrittene König der Kriegsgewinnler, Spekulanten und Schieber, zu fünf Jahren Gefängnis, 600000 Francs Geldstrafe, Beschlagnahme seines Vermögens und Aberkennung der Bürgerrechte auf Lebenszeit verurteilt.
"Ich Kollaborateur? Wo denken Sie hin? Nicht die Deutschen haben Monsieur Joseph bezahlt - Monsieur Joseph bezahlte die Deutschen", verteidigte sich in miserablem Französisch noch tags zuvor der 44jährige Rumäne, zu seiner Glanzzeit allgemein unter dem Namen "Monsieur Joseph" bekannt. Er lernte in 25 Jahren nicht, anständig französisch zu sprechen. Kein Wunder: er ist Analphabet.
Die mangelnde Bildung ersetzte Joanovici durch einen geradezu märchenhaften Geschäftsinstinkt. Sein Leben lang war er von einer Idee besessen: Geld verdienen, gleichgültig wie. Der kleine, rundliche Mann mit den rosigen Hamsterbacken und den listigen schwarzen Schweinsäuglein war aller Welt gefällig. Er wußte auch alle Welt für sich einzunehmen. Er trug auf jeder Schulter, wenn es nur Geld einbrachte. Und Geld hat es eingebracht. Viele, viele Millionen.
1905 im bessarabischen Kischineff geboren, kam der kleine Rumäne, dessen Eltern bei einem judenfeindlichen Auflauf erschlagen wurden, im Jahre 1925 blutarm nach Paris. Er ließ sich in der Avenue de Clichy nieder und wurde von einem Lumpenhändler angestellt. Es ging ihm dreckig.
Joa - der Volksmund taufte ihn so, weil das rumänische Joanovici für französische Zungen zu holprig ist - sattelte um. Im Geschäft eines Verwandten stieg er als Altmetallwarenhändler ein. Zunächst holte er mit einem Handwagen noch selbst die rostigen Waschkessel, die zerbeulten Badewannen und ausgeleierten Motoren ab. Aber bald machte er sich zusammen mit seinem Bruder Mardechai selbständig.
Im Boom der Aufrüstungswelle wurde der Altwarenhändler rasch nach oben getragen. Bis Kriegsausbruch verdiente er bereits Millionen. Aber er wollte noch viel mehr Millionen scheffeln. Der Einmarsch der deutschen Truppen in Paris verschaffte ihm die Gelegenheit.
Zunächst eilte Joa zur Sowjetbotschaft in der Rue de Grenelle, um sich als Russe naturalisieren zu lassen. Im Zeichen des Hitler-Stalin-Paktes war das modern. Mit "Heil Hitler!" begrüßte der naturalisierte Russe die Deutschen bei ihrem Einzug in Paris. Als der deutsch-russische Krieg begann, verwandelte sich Joa schleunigst in einen Rumänen zurück. Sein goldener Händedruck bewältigte spielend alle behördlichen Hürden.
Die deutschen Besatzungsbehörden suchten in jenen Tagen Altmetall in jeder Menge. Sie riefen die Bevölkerung auf, ihre Bestände zu verkaufen. Ohne Erfolg. Frankreich machte in passiver Resistenz. Aber was man den Deutschen nicht verkaufen wollte, verkaufte man der "Association Parisienne Industrielle et Commerciale" des Joseph Joanovici.
Der war trotz seiner jüdischen Abstammung mit der Besatzungsmacht gut Freund geworden. Für zehn Millionen Francs verschafften ihm die Gestapobeamten Plake und Radecke die nötigen Papiere, um sich als "arisches Unternehmen" proklamieren zu können.
Ehrenarier Joa ließ sich von seinen neuen Freunden sofort als wirtschaftlich unentbehrlich reklamieren. Worauf er jetzt bei dem Prozeß den Einwand fand: "Hätten wir die Deutschen machen lassen, so hätten sie die Ware genommen, ohne zu zahlen. So aber nahmen wir ihnen wenigstens etwas Geld ab".
"Etwas" Geld ist eine der typischen Untertreibungen Joas. Er wurde steinreich bei seinen Geschäften mit der Besatzungsmacht. Sachverständige der Anklagevertretung schätzten seinen Gesamtgewinn auf 1750000000 Francs. Selbst als Joanovici 1947 verhaftet werden sollte, besaß er noch drei Wohnungen, acht Luxusautos und 98 Millionen Francs in bar.
1942 wurde Joa Hauptlieferant des deutschen Büros Otto, so genannt nach seinem Leiter Otto Brandl. Büro Otto war die größte jener deutschen Aufkaufgesellschaften in Frankreich, die die Wehrmacht über den weißen und schwarzen Markt Frankreichs mit ungezählten Wagenladungen von Nichteisenmetallen versorgten. Joa betrog "Otto" nach Kräften. Fast jeder Lastwagen mit Metall wurde zweimal gewogen und zweimal bezahlt. Ein Zeuge sah den Bessarabier einmal mit einem Mehlsack voll Fünftausendernoten das Büro verlassen.
Neben dem Altmetall widmete sich Joseph, der Vielgewandte, auch dem Handel mit Zeltbahnen, Textilien, Leder, Strümpfen, Devisen und Gold. Selbst Geschäfte mit geräucherten Fischen verschmähte er nicht. Er wurde sogar Reeder und ließ eine kleine Flotte von Handelsschiffen auslaufen.
Im Pariser Gestapo-Hauptquartier ging er als Vertrauensmann ein und aus. Auch bei der deutschen Abwehr war er kein Unbekannter. René Laffont, der Leiter der französischen Gestapo, war einer seiner besten Freunde, den er umarmte und küßte, mit dem er Gelage feierte. Für fünf Millionen Francs kaufte er sich bei Laffont einmal von einer drohenden Verhaftung durch den deutschen SD los. Das hinderte ihn nicht, nach der Befreiung an der Spitze der Polizei Laffont und die anderen französischen Gestapo-Führer auszuheben.
Das moralische Recht dazu leitete Joa aus seinen Verdiensten um die französische Widerstandsbewegung ab. Vor Gericht beteuerte er immer wieder, kein Agent der Deutschen, sondern in erster Linie ein französischer Widerstandskämpfer gewesen zu sein. Er hat nicht einmal unrecht.
Im selben Augenblick, in dem er mit den Deutschen Riesengeschäfte machte und die von ihm gefüllten Güterzüge ostwärts über die Grenze rollten, im gleichen Augenblick leitete er erhebliche Gelder an die "Résistance". Schmiergelder und patriotische Spenden flossen ihm gleich leicht aus der Hand. Dabei wußte die Linke sehr wohl, was die Rechte tat, denn er ließ sich vorsorglich von allen Seiten Zeugnisse über seine Leistungen ausstellen.
Das gewichtigste Dokument dieser Art ist eine Bescheinigung des heutigen Justizministers Lecourt, der ihm vor fünf Jahren patriotische Verdienste um Frankreich attestierte. Joa schmuggelte für die Resistance Waffen und Munition. Er ermöglichte zahlreichen Franzosen die Flucht ins Ausland und bewahrte viele seiner jüdischen Glaubensgenossen durch falsche Papiere vor dem Konzentrationslager. Er verhalf 17 in deutsche Gefangenschaft geratenen englischen Fallschirmabspringern zur Flucht.
Bei den Deutschen machte sich Joa durch diese Manipulationen einige Male verdächtig, aber immer wieder zog er sich elegant aus der Affäre. Das Geld stand ihm bei.
Das Geld stand ihm wieder bei, als er nach Frankreichs Befreiung im Herbst 1944 zweimal verhaftet wurde. Seine Freunde bei der Polizei setzten ihn bald frei, "mangels Beweisen". Joa, der Urtyp des Stehaufmännchens, hatte viele Freunde. Denn alle nahmen ...
Als ihm die dritte Verhaftung drohte, warnte ihn rechtzeitig ein guter Freund von der "Sûreté" (Sicherheitspolizei). Joa setzte sich nach Berlin und dann nach München ab. Bei den Amerikanern machte er sich rasch Freunde, denn während des Krieges hatte er unter Lebensgefahr amerikanische Agenten verborgen. Auch darüber hatte er selbstverständlich Papiere, Ausweise, Adressen.
So saß der Kriegsgewinnler in München ziemlich ungeschoren. War er Rumäne, war er DP, war er Franzose, war er Sowjetrusse? Alle diese Staatsbürgerschaften ließ er nach Bedarf aufmarschieren. Für alle hatte er Nachweise.
Eines Tages im Herbst 1947 stellte sich Monsieur Joseph freiwillig der französischen Polizei. Seelenruhig traf er mit dem Nachtschnellzug von München in Paris ein. Er wurde eingesperrt, aber noch im Gefängnis zelebrierte er mit Erfolg seine Moral des Gebens und Nehmens. Er genoß besondere Vergünstigungen, stiftete große Geldsummen für Gefangene und Personal und drohte mit Enthüllungen.
Die Enthüllungen kamen nur zum Teil. Der unbeschreiblich verwickelte Knäuel des Falles Joanovici wurde auch im Prozeß nicht restlos entwirrt. Vielleicht lag es daran, daß mit Joa eine ganze geschichtliche Epoche vor Gericht stand, in der auch seine Ankläger eine nicht immer durchsichtige Rolle spielten. Eine Epoche, in der Gut und Böse hart beieinander lagen und Heldentum und Verrat sich überschnitten.

DER SPIEGEL 31/1949
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