28.07.1949

MusikSchwarze Kunst

Die musikalische Prominenz aller Länder ist auf der Anreise nach Salzburg. Darunter befindet sich in diesem Jahre eine Negerin. Marian Anderson, Amerikas große Altistin, macht auf ihrer ersten Europatournee nach dem Kriege Station auch in der Festspielstadt.
Hier feierte sie vor fast anderthalb Jahrzehnten einen ihrer größten Triumphe. Das war an einem Augusttag 1935, nach ihrem Liederabend im Mozarteum. Auch Arturo Toscanini war anwesend, der große Dirigent der Mailänder Scala und der New Yorker Metropolitan Opera.
Am Schluß des Programms eilte der Maestro, sonst mit Lob nicht eben freigebig, in das Künstlerzimmer und küßte der Sängerin mit der Grandezza des Italieners die Hand. "Sie haben eine Stimme, wie man sie in hundert Jahren nur einmal hört."
Marian Anderson hat Hunderttausende von Hörern begeistert und bewegt. Vier Millionen bei 700 Konzerten in 289 Städten, will die Statistik wissen. "Die Hohepriesterin des Liedes" wird sie von begeisterten Musikfreunden genannt. Jean Sibelius, der größte lebende finnische Komponist, hörte sie bei einer Tasse Kaffee. Er rief nach Champagner, als sie geendet hatte.
Der Weg zum Ruhm ist für eine Farbige noch ein gut Teil steiler als für eine von weißen Eltern Geborene. Welterfolg bedeutet für sie nicht nur Lohn für jahrzehntelange Arbeit an sich selbst und ihrer Begabung. Er bedeutet den Sieg über das schwerste Handikap, das die künstlerische Laufbahn aufweisen kann: über den Rassenhaß.
Marian Anderson kennt alle Grade persönlicher Demütigung aus Gründen der Hautfarbe. In Washington erschwerten 1939 die "Töchter der amerikanischen Revolution", eine Frauen-Vereinigung, ihr Auftreten in der Constitution Hall.
Damals ging eine Welle der Sympathie für Miss Anderson durch die Staaten, und Eleanor Roosevelt, zu der Zeit noch Präsidentengattin und "First Lady" der USA, erklärte ihren Austritt. Trotz lebhaften Protestes vieler amerikanischer Frauenvereinigungen zeichnete Frau Roosevelt die Negersängerin mit der "Medaille des beliebtesten Negers" aus.
Die Negeraltistin schwieg, wie sie es immer tut, wo es nicht um Dinge der Kunst, sondern der Politik geht. Ihre Rassegenossen haben ihr das oft verdacht. Sie wünschten Marian tätiger für die Interessen ihrer Rasse, aggressiver in ihren Handlungen, polemischer im Wort. Sie übersehen zu leicht die so erfolgreiche Mission, die ihre beste Botschafterin seit Jahrzehnten ausübt.
Marian Anderson sang damals in Washington dennoch. Sie sang zum erstenmal im Freien, vor dem Standbild Abraham Lincolns, vor 75000 Menschen, am 9. April 1939. Danach öffneten ihr auch die "Töchter der amerikanischen Revolution" die Pforten ihrer Konzerthalle, ihr und ihren Rassegenossen.
Es war ein Bild, wie es die Constitution Hall bis dahin nie gesehen hatte. Die mehrtausendköpfige Hörerschaft war schwarz-weiß gemischt. Es gab keine reservierten Plätze, weder für Schwarz noch für Weiß. Das war Marian Andersons Bedingung.
Es ist immer ihre Bedingung, gleich wo sie singt. Es ist ihre einzige Bedingung.
Die schweigsame Negerin ist kein lohnendes Objekt für fragefreudige Reporter. Sie verweigert meist eine eindeutige Antwort, sie vermeidet ängstlich, sich festzulegen.
Bei ihrer Rückkehr von einer Tournee durch die Südstaaten, unmittelbar vor ihrer Reise nach Europa, wurde sie gefragt, ob sie irgendeinen Fortschritt im Rasseproblem der gegen Schwarze besonders intoleranten Südstaaten bemerkt habe. Die Anderson hatte auch auf diese, ihr doch sicher nahgehende Frage nur die eine, von ihr schon gewohnte Antwort: "Lassen Sie mir bis morgen Zeit. Ich will es überschlafen."
Das ist nicht redescheues Ausweichen, sondern Ausfluß von Furcht und Vorsicht der hochsensiblen, tiefreligiösen Künstlerin, anderen Menschen Unrecht zu tun. Dabei weiß man in den Staaten, daß Marian Anderson im Süden, auch an den Orten ihrer größten Erfolge, nur bei Freunden wohnen und übernachten kann.
Und im Norden der USA haben erst seit kurzem, nach dem Vorbild von Manhattans exklusivem Hotel Algonquin, die großen Hotelpaläste der gefeierten Negerin ihre Türen geöffnet. Bisher pflegte Marian Anderson bei ihren New Yorker Konzerten im Negerviertel Harlem zu schlafen, im Heim des Vereins christlicher junger Mädchen.
Man weiß wenig von ihrem Leben, ehe es an die Oeffentlichkeit trat. Nicht einmal ihr Geburtsdatum ist bekannt; man schätzt die große Altistin heute auf wenig über Vierzig. In Philadelphia wurde sie geboren. Der Vater war Kohlen- und Eishändler, die Mutter vor ihrer Heirat Schullehrerin gewesen. Später, nach dem Tod des Mannes, mußte sie sich und ihre drei Töchter Marian, Alyse und Ethel durch Wäschewaschen ernähren.
Ihre Sorgenlast wurde erleichtert, als die örtliche Baptistengemeinde sich der Aeltesten annahm. Marian hatte schon mit sechs Jahren im Kinderchor der Gemeinde gesungen. Mit acht Jahren erhielt sie ihre erste "Gage", 50 Cents für eine kleine Solistenrolle.
Als 13jährige sang sie bereits im Erwachsenenchor. Marian nahm nach den Proben immer alles Notenmaterial mit nach Hause und sang hier alle Stimmen durch, gleich ob Sopran, Alt, Tenor oder Baß. Obwohl von Natur mit einer Altstimme ausgezeichnet, erreichte sie das hohe C leicht wie ein Sopran. Dieser frühen eigenen Schulung verdankt Marian Anderson sicherlich den erstaunlichen Umfang ihrer Stimme.
Erst mit 15 Jahren bekam sie den ersten geregelten Musikunterricht. Vermögende Musikliebhaber finanzierten ein zweijähriges Gesangsstudium, zunächst bei Agnes Reifsnider, später bei Giuseppe Boghetti.
1924 gewann sie bei einem Wettbewerb im New Yorker Lewison Stadion den ersten Preis: das Recht, mit den New Yorker Philharmonikern aufzutreten. Das wäre für jede Anfängerin der entscheidende Schritt an die Oeffentlichkeit gewesen. Um die junge Negerin, die Schubert und Schumann und die großen Arien der Opernliteratur sang, aber wurde es danach für Jahre wieder recht still.
1930 singt sie in Deutschland, in den skandinavischen Ländern. Zweieinhalb Jahre arbeitet sie in Berlin mit den deutschen Pianisten Michael Raucheisen und Dr. Kurt Johnen. Sie gibt ihrer Gesangstechnik den letzten Schliff, sie erweitert ihr Repertoire, sie vervollkommnet ihre deutsche Aussprache.
Sie spricht und singt daneben auch Italienisch und Französisch. Aber ihr Eigentliches, ihr Eigenstes gibt sie in den Liedern und Gesängen ihrer Rasse. In diesen Negro Spirituals, wenn Marian Anderson sie singt, ist beides: Himmel und Erde; die wüste Weite der unerschlossenen Landschaft und die horizontoffene Endlosigkeit des Himmels darüber; das dumpfe Lauern der unerwachten Kreatur, Klage und Aufschrei, und die religiöse Inbrunst der Erweckten, Gottesdienst und Gebet.
"Ich bete viel", sagt Marian Anderson, und das ist nicht bigotte Frömmelei, sondern innerstes Anliegen. Der Tod des Vaters wurde der Zwölfjährigen Anlaß, aus der Methodistenkirche der Mutter zum Bekenntnis des Vaters, zur Baptistengemeinde, überzuwechseln. "Religion hat mir geholfen, Schwierigkeiten zu überwinden, denen ich mich unerwartet gegenübersah."
"Aber man kann Frömmigkeit nicht an- und abstellen wie einen Wasserhahn. Deshalb habe ich das meistverlangte Lied meines Repertoires, Schuberts "Ave Maria", längere Zeit hindurch nicht gesungen. Oft mache ich es jetzt so, daß ich als Zugabe zunächst mehrere Spirituals singe. Dabei erkenne ich dann, ob ich an dem Abend in der rechten Stimmung bin, die ich für das herrliche Lied brauche."
Marian bezeichnet den Tag als ihren schönsten, als sie ihrer Mutter ein Haus in Philadelphia kaufen und ihr die Last des täglichen Verdienenmüssens abnehmen konnte. Sie selbst bewohnt ein Farmhaus in Mill Plain im Staate Connecticut. "Marianna" hat ihr Gatte es genannt, Orpheus Fisher, ein weißer Architekt, der sie 1943 heiratete.
Hier bereitet sie, in ihrem wohleingerichteten Musikzimmer, ihre Programme vor. Hier versorgt sie während ihrer Anwesenheit auch das Haus, bringt Gemüse zum Markt, füttert die Hühner und näht Gardinen.
Das tut sie auch auf ihren Konzertreisen. Ihre ständige Begleiterin ist eine Reisenähmaschine, die mehr gebraucht wird als eine kleine Schreibmaschine. Meist ist am Ende der Tournee alle vorgenommene Näharbeit geschafft, aber die mitgenommene Post wandert oft unerledigt, nicht selten ungelesen wieder zurück.
Die Sängerin führt in ihrem Gepäck stets auch einer. Satz Küchenutensilien mit sich, da sie ihre Kochkunst der fremden Küche vorzieht. Weiter ist dabei ein Bügeleisen, denn die Anderson plättet vor jedem Auftritt ihre Garderobe selbst, und schließlich eine Kamera, denn die Sängerin ist eine begeisterte Photographin. "Mit Nähmaschine, Kochbuch und Kamera" soll ihre Autobiographie einmal heißen. Darin wird auch ein weiterer ständiger Begleiter genannt sein, ein 50-Sous-Stück, ihr Talisman gegen Heiserkeit.
Orpheus Fisher begleitet seine vielreisende Frau selten auf ihren Tourneen. Sie reist nur mit wenigen ständigen Begleitern, mit Sol Hurok, der sie seit 1935 managt, mit I. A. Jofe, ihrem persönlichen Sekretär seit 1937, und mit ihrem Begleiter Franz Rupp.
Franz Rupp ist Deutscher, der langjährige Begleiter großer Solisten wie der Geiger Willi Burmeister und Fritz Kreisler und der Altistin Sigrid Onegin. Er emigrierte aus Deutschland und trat 1941 an die Stelle des Finnen Kosti Vehanen als ständiger Begleiter der Anderson.
"Wir", sagt Marian, wenn sie von ihren Konzerten spricht. Nichts zeugt besser für ihre Bescheidenheit und ihre enge künstlerische Verbindung mit ihrem Begleiter.
Vor dem Auftreten ist die Altistin gewöhnlich vollkommen ruhig, ohne jede Spur von Nervosität. Diese Ruhe überträgt sich dann immer sehr bald auch auf den sensiblen, nervösen Rupp. Marian Anderson singt stets mit geschlossenen Augen.
Früher glaubte sie, ihr Ziel als Opernsängerin erreichen zu müssen. Heute lächelt sie darüber. "Es gab einmal eine Zeit, da war ich sehr interessiert daran, wie wohl der Applaus nach dem Konzert ausfiel und was die Leute sagten.
"Heute haben wir andere Sorgen; eigentlich beschäftigt uns nachher nur der eine Gedanke, ob wohl unter den Zuhörern einer gewesen sein mag, der gefühlt hat: Sie war wieder noch ein wenig besser als beim letztenmal."

DER SPIEGEL 31/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Musik:
Schwarze Kunst

  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier