21.07.1949

Geputzt und verpackt

Herr Landrat, Herr Landrat, Sie reden sich noch um Kopf und Kragen", besänftigte rheinpfälzischer Ministerpräsident Peter Altmaier den Prümer Kreischef Johannes Rüdel nach Mitternacht in dessen zerstörter Wohnung.
"Es ist sehr offen gesprochen worden", bestätigte Prüms Kreispolizeikommissar Franz Meyer. Von den zahllosen Eingaben war die Rede, in denen die Räumung der Munitionsstollen auf dem Kalvarienberg gefordert wurde. Auf dem fuhren noch 1948 dienstverpflichtete Lkw. mit Minen, Bomben und Granaten und roter Heckflagge. Wehrmachtsbestand. Vor der Einlieferung wurden sie geputzt und in Holzkisten verpackt. Auf Befehl der Besatzung.
Die Bau- und Finanzkommission tagte unter Prüms Amtsgerichtsrat und Bürgermeister Dr. Kiefer, als Freitag abend die Brandglocke läutete. Von der evangelischen Kirche. Da wurden am anderen Tage die Toten aufgebahrt. Die Kommissionäre ließen sich nicht unterbrechen. Sie hielten das Gebimmel für Waldbrandalarm.
Im Marktcafé Harlimont tagten drei andere Prümer. Sie hatten Lohntag. Und Schnaps. Als die ehemaligen Minensucher die Brandglocke hörten und das Stichwort Kalvarienberg, wußten sie was die Stunde geschlagen hatte. Sie zogen der Feuerwehr nach. 140 Mann. Aber Polizeichef Meyer kommandierte sie zurück. Die eisernen Stollentüren glühten schon.
Statt dessen gab Polizeikommissar Franz Meyer Räumungsbefehl für Prüm. Zusammen mit Landrat Rüdel, der die Akten zuklappte und ihn auf halber Kalvarienhöhe traf. In einer knappen Stunde war Prüm von 2700 Einwohnern geräumt. Fast. Nur wenige blieben zurück. Die meisten in Kellern. Sie hatten fünffachen Bombenteppich und fünffachen Besatzungswechsel ausgehalten.
Erster US-Stadtkommandant riet damals, Prüm einfach an anderer Stelle neu aufzubauen. Wegen der über 90prozentigen Zerstörung. Die Prümer lehnten ab.
Als die Invasion Prüm erfaßte, fand sie als einzigen Menschen "Zimmesch Kettchen", Katharina Zimmer. Das war Prüms 72jährige Stadtnärrin, die alle Prominenten als ihre Brüder ausgab (von Adolf Hitler bis zum Dechanten der Salvator-Kirche, Kleusch). Sie war als einzige zurückgeblieben im Keller des Konvikts. Sie war unter den zehn Toten der Juliexplosion, die Prüm noch einmal zerstörte.
Gendarmeriemeister Ohberg mit seinem Schwager Josef Remmelt, aus Trier zu Besuch, saß noch im verbogenen Flitzer vor der Dienststelle. Die Köpfe fehlten.
700 t Munition pulverisierten 350000 Kubikmeter Rotsandstein (Explosionskrater 50 Meter tief, im Bild rechts) und streuten ihn über die Stadt. Als Staub. Der lag auf 1600 Morgen Gärten, Wiesen und Felder.
Lazaristenpater Greitmann der Missionsschule Niederprüm fotografierte die Explosion. Druckereibesitzer und Lokalkorrespondent Carl Anders wollte die drei Aufnahmen für seinen "Trierischen Volksfreund" sichern.
Beim Entwickeln des Films war nichts drauf. Unbekannter Konkurrenzreporter von der "Kölnischen Rundschau" hatte den Katastrophenfilm für Handgeld erworben und gegen unbelichteten ausgetauscht.

DER SPIEGEL 30/1949
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