21.07.1949

Dann auch Christus selbst

Vier Fragen wurden den ehrwürdigen Vätern des heiligen Offiziums am 28. Juni vorgelegt. Dreimal antworteten die Verteidiger des Glaubens und der Moral mit Nein, ein viertes Mal mit Ja. Zwei Tage später bestätigte Papst Pius XII. die Antworten der ehrwürdigen Väter und befahl ihre Veröffentlichung in den "acta apostolicae sedis", der Gesetzessammlung des Heiligen Stuhls. Die Exkommunikation der Kommunisten und ihrer Anhänger wurde aktenkundig gemacht.
Seitdem strahlt der Vatikansender das Dekret des heiligen Offiziums täglich in alle Welt hinaus. Die erste Sprache, in die es übertragen und gesendet wurde, war tschechisch. Die erste staatliche Antwort erfolgte ebenfalls auf tschechisch. Prags kommunistischer Justizminister Cepicka erklärte: "Jeder, der auf irgendeine Weise versuchen sollte, diese Weisung des Vatikans zu befolgen, begeht Hochverrat".
Die Weisung des Vatikans lautet: Kein Katholik kann Mitglied einer kommunistischen Partei sein oder sie begünstigen. Kein Katholik darf Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlichen, lesen oder verbreiten, in denen die kommunistische Doktrin verkündet wird. Jeder Katholik, der die materialistische und antichristliche Lehre des Kommunismus verkündet, sie verteidigt oder gar verbreitet, verfällt als Abtrünniger des katholischen Glaubens der Exkommunikation.
Die betroffenen Katholiken sollen, wie im Vatikan verlautet, in drei Gruppen eingeteilt werden. In die erste kommen diejenigen, die einer KP aus Furcht vor Gewalt oder Entlassung beitraten. Sie werden nicht aus der Kirche ausgeschlossen. Ihnen wird nur der Priester einen Wink geben, keine kommunistische Propaganda zu treiben und bei erster Gelegenheit aus der KP auszutreten.
In der zweiten Gruppe - wahrscheinlich der größten - werden jene versammelt, die um wirtschaftlicher Vorteile willen Kommunisten wurden, ohne jedoch ihre religiöse Ueberzeugung aufzugeben. Sie dürfen in der Kirche bleiben, werden aber vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen.
In der dritten Gruppe endlich rangieren die kommunistischen Erzsünder, Intellektuelle und KP-Propagandisten. Sie sind automatisch exkommuniziert. (Das würde bedeuten, daß die westdeutschen KP-Mitglieder geschlossen der Exkommunizierung verfielen. Den SED-Mitgliedern der Ostzone würde jedoch dieses Schicksal nicht drohen.)
Das Dekret vom 30. Juni steht einmalig und erstmalig in der Geschichte des Vatikans da. Die Exkommunizierungen des Mittelalters richteten sich gegen einzelne Häretiker. Später sind vom heiligen Offizium bestimmte Lehren verurteilt worden. Aber alle Anhänger einer über die ganze Welt verbreiteten Doktrin hat vor Pius XII. noch kein Papst mit der Exkommunikation bedroht.
Der Vatikan beeilte sich, seinen Entschluß zu begründen. Das Exkommunikationsdekret richte sich gegen keinen bestimmten Staat, erklärte der päpstliche Sender. Aber es habe Gefahr bestanden, daß sich kommunistische fünfte Kolonnen in die katholische Hirarchie einschlichen. Selbst von einer kommunistischen Infiltration des Vatikans wurde gemunkelt.
Der "Osservatore Romano" blätterte die Karten noch weiter auf. Erst wies das päpstliche Blatt bedeutungsvoll auf die "geheimen Anhänger" hin, die die katholische Kirche auch heute noch in den Reihen der Kommunisten und selbst in der Sowjetunion habe, um dann von den schismatischen Bewegungen in Osteuropa zu sprechen. Dort seien die Kommunisten am Werk, Nationalkirchen zu gründen, um die katholische Kirche zu verdrängen.
In Prag nahm Justizminister Cepicka dieses Stichwort auf. Erzbischof Beran solle sich hüten, nicht aus der tschechoslowakischen Volksgemeinschaft exkommuniziert zu werden. Dann verwies er warnend auf das Schicksal des ungarischen Kardinals Mindszenthy und kündigte ein Gesetz an, das dem Staat die totale Kontrolle über sämtliche Kirchen der Tschechoslowakei, einschließlich ihrer Personalpolitik, geben soll.
Die Antwort der katholischen Kirche auf den Spruch ihres Oberhirten gab der Bischof von Sitten (Schweiz): "Rom hat gesprochen, und alle guten Katholiken müssen sich fügen. Wenn sie das nicht tun, sind sie keine wirklichen Katholiken."
Die Antworten der Kommunisten in aller Welt lauten entsprechend einmütig: Der Papst läßt sich von der zum Untergang verurteilten kapitalistischen Welt zu ihrem Kampf gegen die Welt des Fortschritts mißbrauchen. Wenn aber Pius die Kommunisten exkommuniziere, dann müsse er folgerichtig auch den Christus der Bergpredigt und die Heiligen des Mittelalters exkommunizieren. Denn diese hätten ebenfalls den Geist des Kommunismus gepredigt.
Einen Tag vor dem Erlaß des päpstlichen Dekrets wandte sich der Zentralausschuß des Weltkirchenrats in Chichester gegen die "totalitäre Doktrin" schlechthin. Im Namen von 55 (nichtkatholischen) Kirchen in 44 Staaten nannte er die totalitären Doktrinen "irrlehren". Durch sie werde an die Stelle Gottes die Selbstgenügsamkeit des Menschen und die politische Macht gesetzt.
Dann vollzog der Weltkirchenrat einen erstaunlichen Schritt christlicher Verbundenheit. Er schloß die kämpfenden katholischen Brüder in sein Gebet ein. "Wir müssen mit der hinter dem Eisernen Vorhang unterdrückten römisch-katholischen Kirche sympathisieren", hieß es in der Entschließung. Sie wurde von einem englischen Baptisten eingebracht.

Seltsame Schatten-Spiele
führte die sowjetoffiziöse "Prawda" ihren Lesern vor. Sie ließ in dem Trauerzug für den ehemaligen bulgarischen Komintern-Chef Georgi Dimitroff auch "die Führer der Partei und Regierung" durch die dichtgefüllten Straßen Moskaus marschieren. Jedenfalls soll das durch ein Bild bewiesen werden, das zehn Politbüro-Größen hinter der fahrenden Lafette mit dem Sarg zeigt. Im Hintergrund sind die Häuser des Ochotnij Rjad, des Zentrums Moskaus, zu sehen. Die "Prawda"-Redakteure wollten damit die Erzählungen der Antibolschewisten entkräften, die Führer der UdSSR ließen sich nie auf den gewöhnlichen Straßen Moskaus sehen (auf dem Roten Platz, wo sie sich gelegentlich dem Volk zeigen, gibt es kein bewohntes Haus). Die Männer der "Prawda" (Wahrheit) übersahen nur zwei Kleinigkeiten. Die eine: die Prominenten marschieren auf dem Bild fast unmittelbar auf die Lafette zu, statt ihr zu folgen. Die andere: die Ehrenwächter, die die Lafette begleiten, werfen auf den Straßenasphalt lange Morgenschatten, die nur einige Meter dahinter schreitenden großen Zehn dagegen nicht. Sie können auch keine Schatten werfen. Sie sind fotomontiert.

DER SPIEGEL 30/1949
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