15.09.1949

Kleine Liebe zu Flugzeugen

Bei deutschen Filmfirmen laufen in letzter Zeit freundliche Offerten aus Madrid ein. Sie kommen von einer "Sagitario Films", mit spanischer Unterschrift plus landesüblichem Schnörkel.
Sagitario Films ist wirklich Film, Zeitfilm sogar. Hinter ihr steckt als Geldgeber der einstens ostpreußische SS-Ehrengeneral Johannes Bernhardt. Er hat eine bemerkenswerte Laufbahn hinter sich.
Seine kaufmännische Karriere begann Bernhardt mit wenig Glück, einem Pg-Abzeichen und einem Offenbarungseid in Hamburg. Dann wanderte er nach Spanisch-Marokko aus. Aber eifrige NS-Ueberzeugung genügte auch in Tetuan nicht. Bernhardts Handel mit Gasbadeöfen und deutschem Bier wollte nicht recht vorwärtsgehen.
Er war drauf und dran, nach dem ersten Kontinent auch dem zweiten seinen breiten Rücken zu drehen und nach Argentinien abzudampfen. Er blieb, weil es in Spanisch-Marokko plötzlich brandig roch. Man schrieb Juli 1936.
Spanische Generale wollten ihre Republik aus den Angeln heben. Bei dem Mannesmann-Ingenieur Langenheim in Tetuan meldete sich ein Offizier der rebellierenden Marokkotruppe Er hatte einen Brief
Absender war General Franco, der von der Madrider Regierung auf die schönen Kanarischen Inseln verbannt worden war. Der Brief war an Reichsluftfahrtminister Göring gerichtet. In dem Schreiben wurden dringendst Flugzeuge erbeten, um die Araber-Truppen nach Spanien zu transportieren, wo bereits heftig geschossen wurde. Zu Wasser ging es nicht. Die an der Meerenge von Gibraltar kreuzende spanische Flotte hielt zur Madrider Regierung. Rebellionsverdächtige Offiziere wurden von den Matrosen ins Meer geworfen.
Langenheim zog Pg. Bernhardt ins Vertrauen. Der erfaßte die Chance seines Lebens. Er machte den Flug nach Berlin mit. Im Vorzimmer Görings nahm Johannes Bernhardt Francos Brief an sich, ließ Langenheim mit dem begleitenden spanischen Offizier sitzen und trug dem Kanonen-statt-Butter-Gewaltigen die Sache vor.
Göring schwankte. An sich hielt er so ein faschistisches Spanien am Mittelmeer für keine schlechte Idee. Aber wer kannte diesen Franco näher, wer wußte mehr von ihm? Göring wagte nicht zu entscheiden.
Im Eiltempo ging's zu Hitler nach Bayreuth. Wie der kleine Johannes, so sah auch der größere Adolf sofort die Chance. Er gab zu den ersten Ju's seinen Segen. Gleichzeitig ließ er der offiziellen spanischen Regierung durch seine Madrider Botschaft zur Beruhigung mitteilen, die deutsche Regierung beabsichtige nicht, sich in den Bürgerkrieg einzumischen. Unterdessen verfrachteten die Ju's bereits Francos Marokkaner.
Mit dem Riecher für Kriegsgeschäfte erwachte in Bernhardt auch die kaufmännische Begabung, die so lange in ihm geschlummert hatte. Er zog die HISMA auf, eine Handelsgesellschaft, über die alle deutschen Lieferungen nach dem bürgerkriegführenden Franco-Spanien gingen und die andererseits die spanischen à-conto-Zahlungen in Warenform nach Deutschland vermittelte. Später entwickelte sich die HISMA zur Clearingstelle für den gesamten deutsch-spanischen Warenaustausch während des Bürgerkrieges.
Bernhardt avancierte zu Görings Vertrauensmann. Er wurde häufiger Gast in Francos Hauptquartier zu Salamanca, wo er teils Wünsche entgegennahm, teils aber auch auf die Tube drückte, wenn es mit den Gegenlieferungen nicht so klappen wollte. Francos Reich vergrößerte sich von Sieg zu Sieg, und damit wuchs auch Bernhardts Territorium. Er gründete deutschspanische Einkaufsfirmen unter den verschiedensten Namen
Als der Bürgerkrieg zu Ende war, hatte ihn nicht nur General Franco gewonnen, sondern auch Johannes Bernhardt aus Heiligenbeil. Aus dem kleinen Gasbadeofen-Vertreter war ein schwerreicher, einflußreicher Herr geworden
Während Johannes Bürgerkriegs-Bilanz machte, begann es neuerdings nach Pulver zu riechen. Bernhardt schnupperte hoffnungsvoll. Es war Spätsommer 1939. Hitler schlug gegen Polen los.
Jetzt gründete Bernhardt die SOFINDUS (Sociedad Financiera Industrial) in Madrid als Dachgesellschaft für alle reichseigenen Firmen unter seiner Leitung. Er baute seine Organisation in Spanien und Spanisch-Marokko aus, kaufte Bergwerke, beteiligte sich an Schiffahrts- und anderen Unternehmungen. Immer als verdienter Pg, SS-General und Vertrauensmann Görings mit dem Dritten Reich im Rücken. Erhoben sich irgendwo Widerstände, so schaltete Johannes unverblümt den zweiten Gang ein.
Sein Stab setzte sich aus strammen Pg's zusammen, die alle ebenfalls saftig am Kriegsgeschehen verdienten. Den obersten SD-Chef für Spanien, Mosig, engagierte Bernhardt pro forma als Prokuristen, damit Mosig unter dieser Tarnung leichter wirken konnte. Auch kleineren SD-Leuten diente die SOFINDUS als praktischer Beobachtungsstand.
Die halboffizielle Berliner Gesellschaft, die mit Bernhardt zusammenarbeitete, hieß ROWAK. Je länger der Krieg dauerte, desto besser florierten die Geschäfte. Bernhardt und Co. konnte der Krieg gar nicht lange genug dauern.
Nach Kriegsende lieferten die Spanier auf alliierten Wunsch allerhand Deutsche zum Abtransport in die Heimat aus. Auch Bernhardt stand auf dem alliierten Wunschzettel. Doch den erwischten sie nicht. Johannes hatte mächtige Gönner, die ihn deckten.
Er blieb gelassen in seiner Madrider Villa sitzen. Die hatte Bernhardt für 500000 Peseten mit Reichszuschüssen erstanden, weil er doch im Reichsinteresse zu repräsentieren hatte. Nicht einmal auf sein Landgut an der Mittelmeerküste mußte er sich zurückziehen, während es andere Parteigrößen für geraten hielten, wenigstens vorübergehend zu verschwinden.
Seiner in Südamerika geborenen Frau ließ Bernhardt umgehend einen argentinischen Paß besorgen. Im Hause Bernhardt legte man nach dem deutschen Desaster auf die deutsche Staatsbürgerschaft nicht mehr viel Wert.
Da mit Flugzeugen und Wolfram augenblicklich kein Geschäft mehr zu machen ist, probiert es Johannes nun mit Film. Aus alter Bernhardt-Liebe zu Flugzeugen entstand bereits ein Werbefilm der Sagitario für die spanische Luftwaffe. Eine spanische Fliegerakademie mit sämtlichen Kadetten- und Offiziersinsassen machte mit.
Aber Johannes' Pläne gehen weiter. Er wünscht zugkräftige deutsche Nachkriegsfilme. Es dürfen ruhig Anti-Nazi-Filme sein. Das stört nicht. Außerdem läßt sich ja in Spanien bei der Synchronisierung manches korrigieren.

DER SPIEGEL 38/1949
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