01.09.1949

Nichts für sich

Einmal wich Sozialdemokrat Bruno Dieckmann, just zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein gewählt, vom Skript ab, als er dem Landtag in Kiels Pädagogischer Hochschule sein Regierungsprogramm vorlas und dabei auf seinen zurückgetretenen Amtsvorgänger kam, auf Sozialdemokrat Hermann Lüdemann: "... der so viel für unser Land erstrebt hat". Im Skript stand: "..., der nichts für sich und so viel für unser Land erstrebt hat".
Am Tage danach stichelte die SPD-"Volkszeitung" in einem 462 zeiligen Fünfspalter "Ende und Anfang in der Landespolitik" in derselben Richtung: "... hatte seine Steckenpferde, die er mit großer Geste ritt ... keineswegs gegen den Glanz des Regierungsamtes unempfindlich ... mangelnde Beobachtung ganz kleiner Regeln, deren Beachtung die Gemeinschaft verlangen muß."
Amtlich und offiziell wurde nicht ein Wort über Hermann Lüdemanns Rücktrittsgründe gesagt. Sozialdemokrat Landtagspräsident Karl Ratz las nur seinen blauen Brief vor (einen Satz: "Hiermit beehre ich mich, meinen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten anzuzeigen"). Dieckmann wird erwähnt (einziger Vorschlag), 40 Minuten Pause, Regierungserklärung des neuen Kabinetts, fertig hektographiert: "... der nichts für sich und so viel für unser Land erstrebt hat." Mit unterschlagenem "nichts für sich".
Als am Montag nach der SPD-Bundeswahl-Niederlage die "Kieler Nachrichten" der CDU mit "... wird der Rücktritt des Ministerpräsidenten Lüdemann erwartet" auf den Busch klopften, dementierte er noch heftig: "Solange dieser Landtag andauert, besteht kein Anlaß, solche Folgerungen aus dem Wahlausfall zu ziehen."
Das stand in der SPD-"Volkszeitung" schräg unter einer Erklärung des Parteivorstandes: "Die Partei darf vor deutlichen Korrekturen nicht zurückschrecken ..."
Andreas Gayk, SPD-Landesvorsitzender, war sich schon klar darüber, was er deutlich korrigieren wollte. Ein paar Tage nach der Wahl gibt Hermann Lüdemann einen Tee-Empfang im Landeskasino "Möwenhaus", ganz exklusiv. Nur Minister mit Damen, ein paar Mil.-Gov.-Engländer mit Damen und Landtagspräsident Karl Ratz mit Dame sind eingeladen.
"Da geht man doch nicht hin", sagt Karl Ratz zu seiner Sekretärin. Er geht nicht.
Am Mittwoch, 24. August, wird der Ministerpräsident am frühen Morgen zu Karl Ratz in dessen großfenstriges Förde-Blick-Zimmer gebeten, Lüdemanns persönlicher Referent Wolters und Lüdemann-Stellvertreter Bruno Dieckmann kommen auch mit. Aussprache zu Vieren. Nach einer Weile ziehen Lüdemann und Ratz ins Zimmer von Landtagsdirektor Dr. Roedel ab.
Lüdemann und Ratz gehen nach zwanzig Minuten wieder zu Wolters und Dieckmann. Der Ministerpräsident soll auf Beschluß des SPD-Bezirks-(Landes-)vorstandes zurücktreten. Er sei "zu aufwändig" (Ratz). Drei Tage später beehrt der MP sich, bei Karl Ratz seinen Rücktritt schriftlich anzuzeigen.
Dem 15köpfigen SPD-Bezirksvorstand in der Kieler Legien-Straße lagen die Genossen auf dem platten Lande schon länger in den Ohren: Wenn sie vor der Wahl irgendwo die aufopfernde Fürsorge und Sparsamkeit der Regierung preisen wollten, hatte ein Oppositioneller todsicher "Möwenhaus" dazwischengerufen. Das teuere Landeskasino "Möwenhaus", von Hermann Lüdemann nachdrücklich gefördert (vgl. SPIEGEL Nr. 34), wurde Oppositionssymbol für die Regierungswirtschaft. Der Ministerpräsident, gewandt, elegant, mit chevaleresken Manieren, war seinen proletarischen Genossen ohnehin nicht ganz geheuer.
"Ein im Haushaltsplan nicht vorgesehener Schwiegersohn spielt in der Möwenhaus-Affäre eine Rolle, die unbehagliche Gefühle weckt" (VZ). Lüdemanns Schwiegersohn Ohrenschall war als Architekt eigens aus Berlin geholt worden.
Die SPD-Fraktion hatte außerdem schon oft intern an Hermann Lüdemanns Arbeit herumgemäkelt. Er sei nur in Frankfurt und betätige sich lediglich als "Außenminister" Schleswig-Holsteins. Ein Dreier-Ausschuß sollte darum, so war geplant, seine Geschäfte innerhalb des Landes übernehmen. Andreas Gayk konnte sich zunächst für diese Idee erwärmen. Aber nach einer stürmischen Fraktionssitzung kühlte er wieder ab.
Inzwischen gab es zahlreiche Plänkeleien, etwa so: Im März beschloß das Kabinett einstimmig, eine Vorlage "zur Vereinfachung der Erhebung der Kirchensteuer" im Landtag einzubringen. Der Bezirksvorstand der SPD unter Andreas Gayk ist mit Mehrheit dafür, das lieber nicht zu machen. Das Kabinett akzeptiert den Parteivorstands-Beschluß und zieht die Vorlage prompt wieder zurück. Die Entscheidung eines Landesgesetzes fiel also nicht in der Regierung oder im Landtag, sondern bei Andreas Gayk, SPD-Bezirksleitung in der Legienstraße (von den 15 Mitgliedern des Bezirksvorstandes sind zur Zeit acht Landtagsabgeordnete).
Nicht immer ging das allerdings so glatt. "Lüdemann ist ein Dialektiker und nicht auf eine klare Linie zu bringen", beschwerten sich die Genossen.
Die Bundeswahl-Niederlage war die passende Gelegenheit zur generellen Bereinigung: Erstens hatte man den prominentesten Sündenbock (Gayk: "Es wäre töricht zu leugnen, daß auch eigene Fehler das Vertrauen der Wähler erschüttert haben"), und zweitens konnte man einen Ministerpräsidenten*) einsetzen, der auf eine klare Linie zu bringen ist, Bruno Dieckmann. bisher Ernährungsminister.
Hermann Lüdemann trug es mit Würde, shake hands für seinen Nachfolger und betontem Lächeln für Landtag und vollgequetschte Tribünen. Elegant, gewandt und mit chevaleresken Manieren. Er hat einen Sitz im Landtags-Verfassungsausschuß bekommen.
*) Finanzminister Schenck ging mit über Bord. Er war in der Südschleswig-Frage für einen überparteilichen deutschen Wahlblock gegen das Dänentum eingetreten und hatte im Möwenhaus-Untersuchungsausschuß das Kabinett belastet.

DER SPIEGEL 36/1949
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