01.09.1949

WISSENSCHAFTDann erhält er reines Gold

In Argentinien ist Dr. Walter Heinitz untergetaucht. Doch niemand kennt ihn dort. Sein Paß lautet auf den Namen eines Toten, und sein bärtiges Gesicht zeigt nur noch wenig Aehnlichkeit mit dem einstigen Dozenten für Elektrophysik aus Berlin. Am La Plata ging der abenteuerliche Wanderweg des Mannes vorläufig zu Ende, der Gold aus Blei machte und von dessen erregender Erfindung jetzt zum erstenmal Kunde wird.
Am 16. Juli 1945, morgens um 5.30 Uhr, explodierte über der Wüste Neu-Mexikos die erste Atombombe der Welt. In jener Stunde war es der Menschheit gelungen, den Sonnenstrahl nachzuschaffen. Denn der Lichtblitz, den die Männer von "Manhattan-District" in den Aether sandten, war kein irdisches Licht mehr, sondern kosmisches.
Zehn Tage später verfaßte Henry L. Stimson, Kriegsminister der USA, das Ultimatum an den Kaiser von Japan zur bedingungslosen Kapitulation. Mit keinem Wort war das Geheimnis der Atombombe angedeutet.
Am 28. Juli 1945 wies Japan das Ultimatum der "Großen Drei" zurück. Darauf wurde am 6. August 1945 Hiroshima, das Hauptquartier der japanischen Südarmee, von der zweiten Atombombe der Welt zerstört.
Die dritte Atombombe löschte am 9. August die japanische Industriemetropole Nagasaki aus. 24 Stunden später kapitulierte Japan bedingungslos. Im größten Pokerspiel der Weltgeschichte hatten die Amerikaner gesiegt: sie besaßen damals nur die beiden Atombomben, die über Hiroshima und Nagasaki fielen.
Namenlose Nummer. In jenem Sommer des Schicksals saßen die Reste der zerschlagenen deutschen Armee in Hunderten von Camps hinter Stacheldraht: Prisoners of War. Unter diesem Heer von namenlosen Nummern der Dr. Dr. (der Physik und der Mathematik) Walter Heinitz aus Berlin
Er gehörte zu den großen Verlierern der ersten Atomschlacht der Welt: als die Soldaten Eisenhowers und Montgomerys die deutschen Atomsucher in ihren Verliesen aufstöberten, wanderte auch der Dr. Dr. Walter Heinitz ins Camp der Kriegsgefangenen.
Hier las er am 11. August 1945 in einem verwehten Exemplar der US-Army-Zeitung "Stars and Stripes" die Kunde von Hiroshima und Nagasaki. In diesem Augenblick mußte er an Dahlem denken. An die Gelehrtenstadt von Berlin und an den 6. Juni 1942. An diesem Tage war in Dahlems Harnack-Haus die Entscheidung gefallen - gegen die deutsche Atombombe. Getroffen wurde sie vom Reichsminister für Rüstung und Munition Speer.
Die Geschichte der Atombombe beginnt mit dem Brief zweier Emigranten. 1940 schrieben der deutsche Emigrant Professor Albert Einstein - seine verlassene Villa stand in Caputh am traumschönen Schwielowsee, dicht vor Potsdam - und der italienische Emigrant Professor Enrico Fermi an Franklin D. Roosevelt, die jüngsten ungeheuren Erkenntnisse der Atomphysik für Kriegszwecke auszuwerten.
Roosevelt setzte einen Ausschuß für Atomfragen ein. November 1940 erteilte dieser Ausschuß der Columbia-Universität in Manhattan den ersten Forschungsauftrag. An Mitteln hatte das National Defense Research Council 40000 Dollar bewilligt
Er war Holländer. Schon vorher, im September 1939, nahm das damalige Heereswaffenamt mit den deutschen Atomforschern Fühlung, um die mögliche Entwicklung von Atomwaffen zu prüfen. Der erste Mann, der aus dem Kreis der Atomzertrümmerer ausscheiden mußte, war der bis dahin gefeierte Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin-Dahlem, Nobelpreisträger Professor Dr. Debey. Er war Holländer. Sein Institut wurde dem Heereswaffenamt unterstellt und zum Zentrum der deutschen Atomforschung erklärt.
Außer Dahlem wurden noch das Physikalisch-chemische Institut der Universität Hamburg, das Physikalische Institut der Universität Leipzig, die Versuchsstelle Gottow des Heereswaffenamtes und die physikalische Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg an den Großversuchen beteiligt. 1940 verließ der Junggeselle Dr. Dr. Walter Heinitz Berlin. Er war fortan dem Forschungskommando Leipzig zugeteilt.
Dort, am Physikalischen Institut der Universität Leipzig, gelang im Februar 1942 mit 800 Kilogramm Uran und 200 Liter Schwerem Wasser der Nachweis der Energiegewinnung mit dem Atombrenner.
Die Forscher vom "Manhattan District" brachten erst einige Monate später als die Deutschen im Mai 1942 ihren ersten Uranbrenner zum vorläufigen Abschluß.
Aber jetzt trennten sich die Wege: am 6. Juni 1942 beschloß der Rüstungsstab Speers, nur die vom Uranbrenner gelieferte Antriebsenergie weiter zu entwickeln statt eine Atomwaffe zu konstruieren.
Die Amerikaner dagegen gingen einen entscheidenden Schritt weiter: in ihrem Atombrenner erzeugten sie die Uran-Abart U 239 - das künstliche Element Plutonium.
Das Plutonium wurde der Sprengstoff der amerikanischen Atombombe. Mit einem Aufwand von zwei Milliarden Dollar wurden die Atomstädte Oak Ridge in Tennessee und Hanford am Columbia-River errichtet. Das Ergebnis waren zwei kleine Atombomben, die den Weltkrieg Nr. 2 innerhalb 24 Stunden beendeten.
Letzte Versuche in Dahlem. Unter den pausenlosen Schlägen der alliierten Luftwaffe von etwa 1942 an begannen in der deutschen Rüstungsindustrie die ersten Schwächen. Großversuche der deutschen Kernphysiker mußten wiederholt verschoben werden, weil die Uranproduktion nicht mehr den Anforderungen nachkommen konnte.
Außerdem wurde Frühjahr 1943 die Elektrolyse-Anlage der Norsk Hydro in Norwegen, aus der die Deutschen das Schwere Wasser, ihre Bremssubstanz, bezogen, durch ein alliiertes Fallschirmjäger-Sprengkommando zerstört. Die wieder aufgebauten Anlagen zerstörte Oktober 1943 ein Bomberangriff endgültig.
Mit einem in Deutschland befindlichen Vorrat von 2000 Litern Schwerem Wasser begannen die letzten Versuche in Dahlem. Unter der Leitung Professor Werner Heisenbergs wurde im Bunker Dahlem ein Atombrenner aus 2000 Kilo Uranmetall und 1500 Litern Schwerem Wasser gebaut.
Das war im Winter 1943/44. Angesichts der immer schwereren Luftangriffe auf Berlin konnte die Atomforschung in Dahlem nicht mehr fortgesetzt werden. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik verlegte nach Hechingen.
In einem Felsenkeller des Dorfes Haigerloch wurde Ende Februar 1945 nochmals ein Atombrenner gebaut: 1,6 Tonnen reines Uran, gegossen von der Degussa in Frankfurt, waren in 680 Würfeln von 5 cm Kante als 78 Ketten so aufgehäuft, daß ihr gegenseitiger Abstand 14 cm betrug. In Haigerloch benutzten die Deutschen wie die Amerikaner einen Graphitmantel.
Wenn die Deutschen diese Anlage noch um die Hälfte vergrößerten, hätten sie ihr klein gestecktes Ziel, die Energielieferung, erreicht. Aber ihre letzten Uran-Vorräte lagerten in dem thüringischen Städtchen Stadtilm. Sie erreichten nie die Felsenkeller von Haigerloch.
Am 22. April 1945 war alles vorbei: amerikanische Truppen besetzten Haigerloch. Die letzten deutschen Atomzertrümmerer wanderten in Gefangenschaft.
Ab ins Ausland. Diese Männer, die den letzten Geheimnissen des Kosmos auf der Spur sind, waren nicht lange Gefangene. Die Siegerstaaten verpflichteten einen großen Teil dieser wertvollen Spezialisten als Mitarbeiter. So zerstreuten sich die großen Verlierer von Dahlem, Leipzig, Hamburg und Heidelberg nach und nach in alle Welt.
Auch Dr. Dr. Walter Heinitz, einst Berlin, unterschreibt seinen Auslandsvertrag, ordnet noch die wenigen Habseligkeiten, die ihm blieben, und verläßt Deutschland.
Der Start in der Neuen Welt ist schwer. Nicht, daß sie anfangs nur in Begleitung von US-Offizieren in die Atomstädte gehen dürfen, nicht, daß die Bevölkerung schimpft, als sie die Deutschen erkennt; das legt sich alles. Aber die Kollegen in den Labors, neben denen sie jetzt stehen, sind so garstig. Was haben denn die Habenichtse von Haigerloch schon erreicht, fragen die.
Schließlich überfällt die abgeschlossen lebenden Nachkriegs-Emigranten der Kernphysik der große Heimweh-Koller: sie werden untereinander uneins und zanken sich schwer. Erst ganz allmählich klingt unter den verpflanzten Deutschen die innere Erregung ab; langsam akklimatisieren sie sich.
Auch Dr. Walter Heinitz, jetzt ein Mann anfangs Vierzig, wird wieder froher. Was nutzt das Kopfhängen und die Erinnerung an Berlin oder Leipzig. Er stürzt sich in die Arbeit, die alles Leid überwindet.
Man hat ihm eine unerhörte Chance gegeben: Arbeit am Cyklotron und später am ganz neuen Synchroton. (Es gibt heute bereits eine Atomliteratur. Aber da stehen nur die Weisheiten von vorgestern; die Wirklichkeit ist noch immer so geheim wie 1942, als die Amerikaner und die Deutschen nichts voneinander wußten. Die Amerikaner gingen bei ihrer fieberhaften Arbeit lediglich von der Annahme aus, die Deutschen kennten das Geheimnis der Atombombe).
Planmäßige Spaltung. Eines Tages macht Dr. Heinitz eine überraschende Entdeckung: die Möglichkeit einer planmäßigen Spaltung der Atome. Bisher war es so, daß die bei Spaltungen von Atomkernen mittels langsamer Neutronen sich neu bildenden Elemente reine Zufallsergebnisse waren. Dr. Heinitz stellt jedoch fest, daß er immer das gleiche Resultat erhält, wenn er bestimmte Versuchsbedingungen einhält. Er rechnet nächtelang, stellt Formeln auf, aber er findet immer nur seine Beobachtungen bestätigt.
Bisher hat er seine Versuche nur an Gasatomen durchgeführt. Er überlegt jetzt: wird er auch bei der Spaltung von festen Stoffen zu dem gleichen Ergebnis kommen? Als er neue Versuchsreihen beginnt, scheinen sich seine Hoffnungen nicht zu bestätigen. Er führt neue Berechnungen durch. Seite um Seite bedeckt er mit neuen Formeln. Dann beginnen abermals die Versuchsreihen.
Als Ausgangselement wählt er diesmal reines Blei mit dem Atomgewicht 207. Durch Abspaltung von 7 Kernteilen will er Quecksilber mit dem Atomgewicht 200 erhalten. Der Versuch gelingt. Genauestens hat er die Versuchsanlage kontrolliert. Er kann kaum das Ende des Versuchs abwarten. Aber als er den Vakuumbehälter aus dem Synchroton nimmt und das Glasrohr aufschmilzt, findet er einen winzigen Tropfen Quecksilber. Planmäßig erzeugt aus Blei.
Bei der genauen analytischen Untersuchung des Quecksilbers stellt Dr. Walter Heinitz fest, daß es fast immer etwas leichtere Isotopen sind, d. h. diesen synthetischen Elementen fehlen ein- oder mehrere Neutronen in ihrem Kernaufbau. Chemisch dagegen sind diese Isotopen dem normalen Element völlig gleich und nur durch komplizierte Untersuchungen kann man überhaupt feststellen, daß es sich um etwas abweichende Formen handelt.
Dann erhält er Gold. Wenn er jetzt daranginge, noch drei Kernteile mehr abzuspalten? Dann erhält er Gold, reines Gold.
Ehe Dr. Heinitz sich entschließt, den entscheidenden Versuch zu machen und Blei in Gold umzuformen, muß der ehemalige Berliner Dozent für Elektrophysik an das Schicksal seines Landsmannes denken: an Professor Dr. Adolf Miethe aus Berlin-Wilmersdorf, Konstanzer Straße 36, zwischen Olivaer- und Fehrbelliner Platz, an den Geheimen Regierungsrat und weiland Rektor der Technischen Hochschule Berlin Dr. Adolf Miethe, der am 5. Mai 1927 wenige Tage nach der Vollendung seines 65. Geburtstages, in Berlin starb. Auch der machte Gold.
Im Juli 1924 standen vorm Labor Geheimrat Adolf Miethes im Chemiegebäude der Technischen Hochschule Charlottenburg mehrere Herren, die sich fragend ansahen um zu ergründen, weshalb sie dorthin bestellt wurden. Miethe eröffnet im sogenannten kleinen Büro die Besprechung: "Sie möchten gerne wissen, weshalb ich Sie hierher bestellt habe?" Er macht eine Pause "Nun ich will es Ihnen sagen. Mir ist es gelungen, Gold auf synthetischem Wege herzustellen."
Kurz danach. am 18. Juli 1924, veröffentlichten die "Naturwissenschaften" im Heft 29 des 12. Jahrgangs die aufsehenerregende Mitteilung Adolf Miethes über den "Verfall des Quecksilberatoms". In jenen Jahren war die heute als Höhensonne oder Quarzlampe bekannte Quecksilberlampe noch neu. Im Juni 1923 hatte der alte Jaenicke Miethe verbrauchte Quecksilberlampen gebracht. Jaenicke hatte darin Rückstände gefunden, die Miethe chemisch untersuchen sollte.
Miethe untersuchte fünf Kilogramm Lampenrückstände. Er gewann 500 Gramm einer amalganartigen Masse - und darin fanden sich Spuren von Gold. Nach Miethes Erklärung wurde ein Teil des Quecksilbers durch die hohe Temperatur des Lichtbogens in Gold umgewandelt.
Diese Mitteilungen Miethes waren die Sensation der zwanziger Jahre; die Zeitungen berichteten darüber in Schlagzeilen Eine Leuchte der japanischen Wissenschaft, Professor Nagaoka, stellte sich hinter Miethe. Andere Forscher zweifelten
Darauf arbeitete Miethe gemeinsam mit seinem Privatassistenten Dr. H. Stammreich ein analytisches Verfahren aus, mit dem noch ein Hundertmillionstel Gramm Gold nachzuweisen war Miethe blieb dabei aus Quecksilber, dessen Reinheit von Gold vor dem Experiment analytisch festgestellt war, entstand Gold.
Gold von der Brille. Drei Jahre dauerte der Kampf der Wissenschaftler um Miethes Entdeckung. Im Forschungslaboratorium von Siemens & Halske, draußen in Berlin-Siemensstadt, wurde die Entscheidung ausgekämpft. Professor Fritz Haber aus Dahlem, selbst ein Nobelpreisträger, und Dr. E. Duhme neben Dr. A. Lotz bildeten die wissenschaftliche Jury.
Das Urteil dieser Männer war vernichtend für Miethe: bei Quecksilber, das längere Zeit elektrischen Entladungen ausgesetzt war, kann Gold aus den Elektroden hineinwandern. Im übrigen beruhe die Entdeckung des Geheimrats Professor Dr. Adolf Miethe auf einem Irrtum: er habe bei den Versuchen wiederholt seine goldene Brille angefaßt. Dabei seien winzige Teilchen Gold in die Mischung gelangt
Die Welt dankt Adolf Miethe, der als Nachfolger des Pioniers der Astrophysik, Professor H. C. Vogel, an der Berliner TH den Lehrstuhl für "Photographie und Spektralanalyse" innehatte, die erste brauchbare panchromatische Trockenplatte und die Entwicklung der Dreifarbenphotographie. Als einer der letzten Könige im Reich der technischen Optik schoß Miethe bereits vor der Jahrhundertwende mit einem von ihm erfundenen Tele-Objektiv auf bewegte Ziele Nebenbei schenkte er zusammen mit Johann Gaedicke den Photographen der Welt das Magnesium-Blitzlicht.
Jetzt, als 65jähriger, focht er den Kampf seines Lebens aus. Er kämpfte noch vom Krankenbett. 1926 war ihm bei einem Unfall die Achillessehne zerrissen. 1927 traten Abszesse an der Wundstelle auf, die ihn seit Jahresbeginn 1927 aufs Krankenlager warfen. Von hier aus verlangte Miethe neue, noch umfangreichere Versuche. Am 4. Mai 1927 mußte der Kämpfer um das Gold operiert werden. Einige Stunden später trat Herzschwäche ein. In der Nacht auf den 5. Mai 1927 starb Adolf Miethe. Er war dabei geblieben: das im Quecksilber nachgewiesene Gold habe sich durch Zerfall von Quecksilber-Atomen gebildet.
Atomgewicht 196. Die Erinnerung an diesen letzten, großen Außenseiter der Atomzertrümmerung schwirrt Dr. Walter Heinitz durch den Kopf, als er zum entscheidenden Versuch ansetzt. Er will diesmal Blei in Gold umformen. Als er den Vakuumbehälter zertrümmert und die Analyse vornimmt, hat Dr. Heinitz Gold.
Es ist wieder eine Isotope. Das Atomgewicht beträgt 196. Er wiederholt die Versuche im Synchroton. Immer das gleiche Ergebnis.
Er ist jetzt völlig überarbeitet, seine Nerven sind überreizt. Aber er muß sich entscheiden: soll er seine Entdeckung bekanntgeben oder soll er sie geheimhalten? Welches werden die Folgen einer Bekanntgabe sein?
Im Panzerschrank seines Büros verwahrt er seine Versuchsprotokolle. Er ist an Ordnung gewöhnt. Als er die Akten herausnehmen will, liegen sie jedoch nicht mehr an der Stelle, wo er sie am Abend hingelegt hatte. Ob er überwacht wird? Aber vielleicht ist alles nur Sinnestäuschung seiner überreizten Nerven. Es war keine Täuschung.
An einem Morgen, er hat eben das Werk betreten, wird er aufgefordert, in das Sitzungszimmer der Betriebsleitung zu kommen. Als er dort eintritt, macht ihn der Chef des Werkes mit einer Runde Herren bekannt: hohe Generalstabsoffiziere, einige Regierungsbeamte und mehrere Vertreter bekannter Großbanken. Außerdem sind noch der technische Direktor und der Leiter der Versuchsabteilung anwesend. Die Herren nehmen am großen Konferenztisch Platz.
Mit einem Nachschlüssel. Auf dem Tisch steht ein Kasten. Der Werkschef öffnet ihn und entnimmt einige Glasröhrchen. Dr. Heinitz vermag nur mit äußerster Willensanstrengung Ruhe vorzutäuschen: Es sind seine Versuchsgeräte. Also stimmte es: mit einem Nachschlüssel hat man seine Arbeit überwacht. Wie aus weiter Ferne hört er die Aufforderung des Chefs: "Wollen Sie uns bitte erklären, Herr Dr. Heinitz, wie Sie diese Metalle erhalten haben?"
Ruhig und sachlich berichtet Dr. Heinitz. Als er geendet hat, sind alle Zuhörer sichtlich beeindruckt. Dann beginnt eine erregte Debatte. Die Herren beschließen: Wiederholung des Versuchs in ihrem Beisein. Alle gehen in das große Labor. Es wird für alle anderen Arbeiten gesperrt. Der Chef selbst übergibt Dr. Heinitz das Blei. Eine sorgfältige Analyse ergibt: es ist reines Blei.
Dann bringt Dr Heinitz das Blei in den Vakuumbehälter, pumpt ihn luftleer und schmilzt ihn zu. Darauf wird der Behälter in das Synchroton eingeschaltet. Als Dr. Heinitz die gesamte Anlage in Betrieb setzt, beobachtet die Kommission, hinter dicken Schutzwänden gegen die gefährliche Strahlung gesichert, gespannt den Verlauf. Dr. Heinitz steht an der Schalttafel und beobachtet die Meßinstrumente.
Irrtum ausgeschlossen. Als Dr. Heinitz den Versuch für beendet erklärt, kann er sich der Ungeduld seiner Zuschauer kaum erwehren. Dr. Heinitz mahnt die erregten Laien zur Vorsicht: zu gefährlich ist die radioaktive Strahlung. Aber man entreißt ihm fast den Vakuumbehälter.
Diesmal nehmen der technische Direktor und der Leiter der Versuchsabteilung die Analyse vor: man hat tatsächlich Gold erhalten. Eine Goldisotope mit dem Atomgewicht 196. Die beiden Kernphysiker bestätigen: die Analyse ist sicher und ein Irrtum ausgeschlossen. Dann begibt man sich in das Konferenzzimmer zurück.
Die folgende Auseinandersetzung steht noch unter dem Eindruck des eben Erlebten. Die Kommission diskutiert die wirtschaftlichen Auswirkungen der Heinitz-Versuche. Natürlich ist die synthetische Goldgewinnung noch unverhältnismäßig teuer. Aber kostete das erste Kilogramm Aluminium nicht auch 2400 Mark? Während ein Kilogramm Gold 2790 Mark kostete. Und heute?
Fortsetzung unerwünscht. Dr. Heinitz vermag vor Erschöpfung nicht mehr zu folgen. Niemand beachtet ihn. Ein unsagbarer Widerwille überkommt ihn, als er die wilden Debatten der um ihre Sicherheit besorgten Finanzmagnaten mit ansieht. Eine Entschuldigung murmelnd, erhebt er sich und verläßt das Konferenzzimmer Er geht in sein Arbeitszimmer. Dort sinkt er erschöpft in einen Sessel. Nach Stunden läßt ihn der Chef abermals zu sich bitten. Diesmal sind die beiden Männer allein.
Dann beginnt er dem Dr. Walter Heinitz die Entscheidung der Regierungskommission mitzuteilen. Der Chef erklärt Dr. Heinitz, warum eine Fortsetzung seiner Versuche unerwünscht ist. Allein schon ein Bekanntwerden der Möglichkeit, Edelmetalle synthetisch herzustellen, müßte eine Panik auf dem Geldmarkt hervorrufen. Grundbesitz, Wertpapiere würden über Nacht wertlos.
"Es tut mir herzlich leid für Sie, Doktor. Ich hätte Ihnen ein besseres Schicksal gewünscht. Aber ich muß den mir gegebenen Weisungen gehorchen: Sie dürfen sich ab heute nicht mehr frei bewegen. Sie stehen auf Regierungsanweisung unter Kontrolle. Ich kann Sie nur bitten, sich dem Unvermeidlichen zu fügen!"
Mühsam richtet sich Dr. Heinitz auf. Der Chef streckt ihm die Hand entgegen, er sieht sie nicht mehr. Wortlos geht er hinaus, hinüber in sein Arbeitszimmer. Dort ist sein Aktenschrank geöffnet, die Akten verschwunden.
Am anderen Morgen findet man Dr. Heinitz schwer verletzt in seinem Zimmer. Er hat einen mißglückten Selbstmordversuch gemacht. Man schafft ihn ins Krankenhaus. Ein schweres Nervenfieber befällt ihn, wochenlang schwebt er zwischen Tod und Leben, Nur langsam klingt das Nervenfieber ab.
Vom Krankenhaus wird er in ein Sanatorium gebracht. Dort findet er nach Monaten wieder zu sich selbst zurück.
Eines besitzt Dr. Heinitz noch: die Berechnungsformeln, die hatte er den Versuchsprotokollen nicht beigegeben. Ohne diese Formeln wird es kaum jemand gelingen, die Versuche zu wiederholen. Jahre werden nötig sein, ehe jemand sein Geheimnis entschleiert.
Das Schicksal hilft. In einer dunklen Nacht läßt er sich aus einem Fenster des Sanatoriums gleiten. Als er die Landstraße erreicht, hilft ihm das Schicksal. Er findet dort einen Toten. Es ist ein Radfahrer, den ein Auto überfahren hat. Der Kopf ist zermalmt. Dr. Heinitz nimmt die Brieftasche des Verunglückten an sich und steckt ihm dafür die eigene in die Tasche. Dann nimmt er das Rad des Toten über die Schulter, um es einige Kilometer weiter in eine Schonung zu werfen.
Seine List ist geglückt. Nirgendwo erscheint ein Steckbrief gegen ihn, kein Mensch beachtet den Wanderer mit den falschen Papieren. In einer großen Stadt läßt er sich unerkannt nieder. Dort lebt er von Gelegenheitsarbeiten, er, der der reichste Mann der Welt sein könnte, der das Geheimnis des Goldes entschleiert hat.
Er hat sich einen Bart stehen lassen und klebt ein neues Bild auf den Paß des Toten. Dann fährt er in eine kleine Hafenstadt. Von dort aus fahren Reisegesellschaften nach Südamerika. Er schließt sich einer Touristengesellschaft an. Von einem Landausflug kehrt er nicht mehr an Bord zurück. Er schlägt sich weiter durch. Bis Argentinien.

DER SPIEGEL 36/1949
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WISSENSCHAFT:
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