08.09.1949

Hitler des Orients

Der Badenweiler Marsch und Teikes "Alte Kameraden" sind jetzt in den Straßen von Damaskus oft zu hören. Nicht aus Sympathie für die Nazis, sondern zu Ehren Antoun Saadis, des toten Führers der "Syrischen Volkspartei". Der "Hitler des Orients", wie er in Kaffeestuben und Zeitungen aller Richtungen genannt wurde, liebte diese Melodien. Aber sein faschistisches Groß-Syrien fiel unter den Tisch.
Dafür ist Antoun Saadi zum Aushängeschild und Märtyrer für eine Gruppe von Leuten geworden, die bei der Neuverteilung von Posten und Aemtern aus Zaim'scher Konkursmasse nicht zu kurz kommen wollen. Der Ex-Diktator Zaim hat ihn auf dem Gewissen, heißt es. Und das genügt zur Zeit, um seinen "Anhängern" politisches Oberwasser zu geben.
Ministerpräsident Atassi-Pascha, der wieder zu politischer Würde gelangte ehemalige Präsident, hat zwei Saadi-Leute in sein Kabinett aufgenommen. Die ehemalige "Volkspartei" firmiert seit der Putschnacht vom 14. August als "Nationaler Block". Eine Handvoll politischer Konjunkturritter hatten schnell noch auf Saadis Karte gesetzt.
Antoun Saadi stellte 1934 sein politisches Programm auf. Drei Jahre später hatte er dreitausend Anhänger, vorwiegend Studenten und jugendliche Idealisten. Sie grüßten sich mit "Heil Saadi", nach bewährtem Vorbild. Als das Mandatsgebiet Syrien 1944 in die Republiken Libanon und Syrien aufgeteilt wurde, war die Partei in beiden Staaten gleichermaßen verhaßt, in Damaskus dazu verboten.
Nur in kurzen Intervallen war die PPS (Parti Populaire Social) in Syrien erlaubt. Auch in den 133 Tagen Zaims mußte sie untergründig vegetieren. Um so mehr randalieren die Saadiisten heute. Die Militärs des "Armee-Rates" erlauben es gern, denn es gibt in Damaskus vieles unter nationalem Mäntelchen zu verdecken. Patriotische, soziale und panarabische Schlagworte haben im Orient noch nie die Politik wirklich beeinflussen können.
"Ich kenne keine libanesische Nation", hat Antoun Saadi immer wieder erklärt, "sondern nur ein natürliches Syrien, das vom Taurus bis zum Suez-Kanal reicht."
Dieser Mann war richtig, um für Zaim als trojanisches Pferd in der ihm nicht wohlgesinnten Nachbarrepublik Libanon zu fungieren. Die politische Konzeption der beiden war etwa gleich: ein Führerstaat ohne Parlament und Ausschaltung des klerikalen Einflusses aus der Politik. Man würde später schon mit den anderen fertig werden, meinten Saadi und Zaim gleichzeitig.
Am 7. Juli startete die PPS einen bewaffneten Aufstand gegen die libanesische Regierung Riad el Sohl. Husni Zaim hatte dem Parteichef Saadi Waffen und im Notfall auch Zuflucht versprochen. Aber "le fuhrer" und sein militärischer "Oberkommandierender", Hauptmann Assaf Karam, versagten. Karam fiel im Kampf. Und Saadi verweigerten die syrischen Grenzposten den Uebertritt. Schon am Abend des 7. Juli war die "faschistische Revolution" in der Republik Libanon zusammengebrochen. In der Nacht verurteilte ein Standgericht den "fuhrer" zum Tode durch Erschießen.
Zwei Stunden lang durfte Antoun Saadi noch dem Standgericht sein politisches Glaubensbekenntnis auseinandersetzen. Angefangen von der Parteigründung 1934 bis zu der Zusammenarbeit mit Raschid Ali el Gailani, Großmufti Husseini von Jerusalem und den anderen nazideutschorientierten Arabern, die 1941 den Aufstand gegen die Alliierten von Bagdad bis ans Mittelmeer entfachten.
Deutsche Namen wolle er nicht nennen, sagte Saadi in seiner Todesstunde. Auch über seinen Besuch in NS-Deutschland sprach er nicht. Geld habe er nur selten und wenig aus Berlin bekommen. Die von den Faschisten versprochenen Schecks aus Rom seien überhaupt nie eingetroffen. Seine Sympathien waren daher mehr braun als schwarz
Als während des Krieges die Alliierten die Mandatsgebiete besetzten, verschwand Saadi. Auf Umwegen kam er über die USA bis nach Rio de Janeiro. Er gründete dort und in Argentinien zahlreiche Auslands-"Ortsgruppen" seiner Partei unter emigrierten Syrern und Libanesen.
Am 3. März 1947 kehrte er von Südamerika zurück. Zwei Tage später war die PPS neu gegründet. Antoun Saadi hatte wieder den Vorsitz. Seine fünfte Kolonne reichte bald bis in die libanesische Verwaltung und ihre Polizeiorgane hinein.
Emir Férid Chéhab, Chef der libanesischen Staatspolizei, erklärte ein Jahr später, es seien eindeutige Beweise für die umstürzlerische Tätigkeit der PPS vorhanden. Saadi wanderte hinter Gitter.
Am Vorabend der Zaim'schen Präsidentenwahl brach der "fuhrer" aus seinem Gefängnis aus. Riad Sohl setzte 10000 libanesische Pfunde (ca. 25000 DM) für seine Ergreifung aus. Man bekam ihn aber erst wieder zu Gesicht, als seine Leute mit Maschinengewehren gegen Kasernen und Ministerien vorrücken wollten.
Die Leute aus dem ehemaligen Kreis um Saadi scheinen aus der syrisch-libanesischen Entwicklung der vier letzten Monate gelernt zu haben. "Jedes 'System' kommt automatisch zu einem ruinösen Ende. Die beste Regierung im Orient", geheimniskrämert der Beiruter "Le Jour", "ist die, welche den außerstaatlichen Kräften freies Spiel läßt."

DER SPIEGEL 37/1949
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