08.09.1949

TheaterDrei Rosen für die Damen

Während Hausherr Gründgens mit dem Schauspiel-Ensemble noch in Edinburgh gastspielt, lud Düsseldorfs Oper zur "Hochzeit mit Erika" Es gab ein Wiederhören mit Operetten-Künnecke nach acht Schweigejahren.
Allerdings hatte man schon im Vorjahr von Eduard Künnecke wieder gehört, aber nichts Musikalisches. Im Mai 1948 wurde der Komponist entnazifiziert. PG mit niedriger Mitgliedsnummer von 1933, aber 1935 aus der Partei ausgestoßen, weil seine Frau Jüdin war.
Dann kam der Rauschgiftprozeß in Moabit. Der Staatsanwalt beantragte Zwangseinweisung für sechs Monate in eine Entwöhnungsanstalt. Künnecke wurde freigesprochen "Kann denn ein Opiumsüchtiger so fruchtbar sein wie ich?" fragte er den Berichterstatter der "Welt".
Das ist ein entwaffnendes Argument: die lange Reihe welterfolgreicher Stücke. "Fast geniere ich mich: ich habe so viel geschrieben, daß ich gar nicht weiß, wann ich das alles gemacht habe."
Wann er sein erstes Konzertstück gemacht hat, weiß er noch genau: Der Tertianer Eduard Künnecke aus Emmerich am Rhein, seit dem siebenten Lebensjahr dem Klavierspiel und den Klassikern der Musik verfallen, legte dem Militärmusikmeister der benachbarten Garnisonstadt Wesel sein Opus I. aufs Pult.
Der gab die in Notenschönschrift geschriebenen Stimmen sofort seinen Blasmusikern weiter und dem Pennäler obendrein den Taktstock in die Hand.
Der Fürsprache des militanten Musikanten hatte der Abiturient es zu verdanken, daß er in Berlin Musikwissenschaft und bei Max Bruch Komposition studieren durfte. Außerdem ließ er sich in der Handhabung des Taktstocks unterweisen.
Dann kam das Engagement als Chordirektor des "Neuen Operettentheaters am Schiffbauerdamm". Das erste Stück war dennoch eine Oper: "Robins Ende", 1909 am Mannheimer Nationaltheater uraufgeführt, danach ein Erfolg auf 38 Bühnen.
Künneckes zweite Oper "Coeur As" kam 1913 an der ruhmreichen Dresdner Staatsoper unter Ernst von Schuch persönlich heraus. Aber ein Welterfolg wurde erst "Die Vielgeliebte", 1919 uraufgeführt, das erste Beispiel für den besonderen Künnecke-Mischstil aus Operette, Singspiel und Komischer Oper.
"Der Vetter aus Dingsda" schlug Rekorde und erlebte über 10000 Aufführungen. Die "Glückliche Reise", nach einem Amerika-Aufenthalt 1925/26 entstanden, blieb dahinter nur wenig zurück.
Der vielschreibende Komponist operettete sich schließlich ins "Traumland", 1941 in Dresden uraufgeführt. Dann war erst einmal Generalpause. Mit Kriegsschluß war die siebenjährige Arbeit am "Walther von der Vogelweide" abgeschlossen, einer "ernsten Oper in fünf Bildern".
Außerdem schaffte der Operettenmeister rüstig an einem neuen Stück des leichteren Genres: "Ein Liebeslied" über das Leben des Liedertaflers Friedrich Silcher.
"Hochzeit mit Erika", im wieder jazzfreien Nachkriegsdeutschland zu Notenpapier gebracht, möchte "ganz modern" sein, wie der Komponist wissen ließ. Die Partitur ist ganz Meister Künnecke, auch wenn man aus ihr noch keine künftigen Weltschlager heraushören kann. "Eine Zieh-, eine Zah-, eine Ziehharmonika ..." dürfte immerhin bis zum Karneval 1950 mühelos überwintern, wird als Welterfolg aber mit Textschwierigkeiten zu ringen haben.
Willi Webels hat das Libretto geleimt, aus vielen Unwahrscheinlichkeiten, statt der operettengewohnten Schemata: Liebe über Kreuz oder zu dritt läßt er gleich vier Pärchen singspielen: lieben, leiden und sich kriegen.
Man sieht ein blondes, blauäugiges Blumenmädchen (Trude Kortegast) und den US-millionenreichen Bonvivant (Gottfried Lingens). Man hört alle Dialekte vom rheinischen Marktfrauenplatt bis zum deftigen Berlinerisch des billigen Jakob. Die Radschläger der Jahrmarktsszene waren frisch weg von der Königsallee engagiert worden.
Regisseur Fritz Wiek bewegt in sittsamer Symmetrie seine vielköpfige Statisterie, die sich immer wieder zu einer plötzlichen Polonäse aufrafft. In die Choreographie streut Benno Kaminski Zitate aus der "Banditen"-Inszenierung seines Chefs ein.
Tröpfelnder Beifall belebte sich am Schluß noch zum klatschenden Platzregen. Zum Dank ließ Kavalier Künnecke jeder Dame am Ausgang drei Rosen aus den Premieren-Buketts überreichen.
Die Kritiker setzten die in hartnäckigen Fällen von Operette gebräuchliche Miene jovialer Nachsicht auf. Gründgens zweiter Dramaturg Klaus Junckers hatte ihnen die Parole des Hauses geliefert: "Wir haben der Operette unseren Tribut gezollt."
Die Euphono-Filmgesellschaft in Düsseldorf-Benrath beabsichtigt, "Hochzeit mit Erika" zu verfilmen. Am 15. September sollen die Aufnahmen beginnen. Regisseur Eduard von Borsody sucht noch Radschläger.

DER SPIEGEL 37/1949
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