25.08.1949

JUSTIZDer meist Befähigte

Seit Dienstag vormittag 10 Uhr sitzt Fritz Erich von Manstein allein auf der Anklagebank des Hamburger Curio-Hauses. Nach dreijähriger Vorbereitung durch die englischen Anklagebehörden und dreimaliger Verschiebung hat der Prozeß gegen Hitlers einstigen Generalfeldmarschall begonnen.
Eigentlich sollten neben Manstein noch drei weitere Generals-Kameraden sitzen. Aber der mitangeklagte Walther von Brauchitsch ging schon am 18. Oktober 1948 durch den Tod ab. Gerd von Rundstedt und Adolf Strauß mußten sich dann am 5. Mai 1949 von Lord Henderson im Oberhaus ihre "Untauglichkeit" bescheinigen lassen, "einen Prozeß durchzustehen". Nur Manstein blieb übrig.
Umweg über Nürnberg. Die Geschichte des letzten britischen Nürnberger Nachfolge-Prozesses begann in Nürnberg. Kurz nach ihrer Heimkehr als letzte deutsche Kriegsgefangene aus England, sollten Strauß, Rundstedt und Manstein im Nürnberger Verfahren gegen die Süd-Ost-Generale zeugen. Es kam nicht dazu. Statt sie zu vernehmen, eröffnete Amerikas Kriegsverbrechens-Kommission den Generalen, sie hätten selbst demnächst mit einem Prozeß zu rechnen. Von den Beweisstücken, die Washington in London hatte vorlegen lassen, um die Engländer zum Prozessieren zu ermuntern, erfuhren die zukünftigen Angeklagten damals noch nichts.
Die Briten brachten sie erst mal nach Munsterlager. Von dieser Zeit sprechen die Hamburger Generals-Verteidiger, die Doktoren beider Rechte Walter Grimm Walther Siemers und Paul Leverkuehn, nicht gern. Die Generale wurden nicht gut behandelt. Die Bewachungsneger, die ihnen aus Nürnberg mitgegeben waren, wichen auch nachts nicht von ihrer Seite. Erst nach einem offenen Brief des Generals-Kleeblatts an den "Manchester Guardian" wurde es besser.
Im Juli 48 kamen sie nach Hamburg, in das durch Backsteinmauer und Stacheldraht gesicherte Militärhospital Barmbeck. Aber auch die Krankenhausluft half den greisen Generalen (zwischen 74 und 62 Jahre alt) nicht wieder auf die Beine. Selbst der jüngste und relativ gesündeste unter ihnen, Erich von Manstein, droht zu erblinden, seit ihm 1944 auf dem rechten Auge der Star gestochen werden mußte und darauf auch noch das linke Auge vom progressiven Star befallen wurde.
Dreieinhalb Tonnen Heeresdokumente, 1945 von der britischen Armee vereinnahmt, kamen per Schiff aus Londons Kriegsministerium im Hamburger Hafen an. In einem gesonderten Raum im Curio-Haus wurden sie gelagert.
Ohlendorf schwieg. Bevor noch die Anklageschrift fertig wurde, verlautete bereits, daß einer der wichtigsten Anklagepunkte gegen die Generale die Tätigkeit der "Einsatztruppen" im Osten sein würde. Vorsorglich begannen die Amerikaner bereits, eine Reihe höherer SS-Führer zu vernehmen.
Dagegen protestierte Dr. Leverkuehn. Die Nürnberger Amerikaner wiesen zurück: Bei Beginn des Hamburger Prozesses würden ja doch die meisten der SS-Zeugen schon gehängt sein und dann könne man sie nicht mehr vernehmen.
"Wenn man uns die Hauptzeugen nimmt, welche Beweise sollen wir dann antreten", empörte sich Rundstedts Verteidiger Dr. Siemers. (Damals lief noch die Anklage gegen drei Generale). Die Engländer vermittelten den Hamburger Rechtsdoktoren eine Landsberg-Reise. Im Gefängnis vernahmen sie die SS-Einsätzler, unter ihnen auch Ohlendorf, der die Aussage verweigerte.*) Warum, weiß niemand.
Ohlendorf, hieß es, habe mit seinen SS-Kumpanen eine Abrede getroffen. Jedenfalls gaben alle SS-Männer an, sie hätten im "Einsatz" der Wehrmacht und nicht dem SD unterstanden. "Eine falsche Aussage macht solchen Leuten nichts mehr aus", registrierte Dr. Siemers.
Das war im Januar 49. Ohlendorf lebt auch heute noch in Landsberg.
17 Punkte. Am 5. Mai wurden Rundstedt und Strauß aus der Anklage herausgenommen. Am gleichen Tage konnte INS-Korrespondent Wallace Hullett bereits die genau formulierten 17 Anklagepunkte gegen Manstein bekanntgeben. Der Betroffene wußte noch von nichts.
* Die ersten drei Punkte gehen um Grausamkeiten, die Manstein als Rundstedts
Stabschef während des Polenfeldzuges gegen polnische Zivilisten und Kriegsgefangene begangen haben soll.
* Dann: Teilnahme an der Tötung und Mißhandlung einer großen Zahl sowjetischer Kriegsgefangenen.
* Aushebung russischer Kriegsgefangener, um sie in deutschen Einheiten gegen ihre eigenen Landsleute kämpfen zu lassen.
* Beteiligung am Rassenmord durch Erschießen, Vergasen und Ertränken.
* Mitwirkung an der unterschiedlosen und willkürlichen Ermordung von Zivilisten unter dem Vorwand antideutscher Machenschaften, Tötung russischer Kommissare ohne Prozeß.
* Teilnahme an den Zwangsdeportationen russischer Zivilisten nach Deutschland.
In seiner komfortabel ausgestatteten Krankenhaus-Gefängniszelle (mit Polstersessel, Teppich, Bücher und Radio) konnte Manstein in Ruhe die Anklageschrift studieren. Die "ritterliche Behandlung", die er selbst seinen Hamburger Wächtern bescheinigte, gestattete es ihm, jeden Nachmittag, von Frau und zwanzigjährigem Sohn begleitet, im Garten zu spazieren.
Der Wach-Schatten folgte unauffällig in 50 Meter Abstand. Er hatte zugleich den Marschall gegen zudringliche Journalisten abzuschirmen. Ein Reporter hatte einmal versucht, als Milchmann verkleidet die MP-Sperre zu durchdringen.
Die Anklagepunkte kreisen bis auf den dunklen Polen-Punkt fast ausnahmslos um die Zeit, da Manstein schon selbst im Osten Armeen und Heeresgruppen führte. Den ersten Teil des Krieges verbrachte er als Chef des Stabes einer Heeresgruppe.
Das schien die angemessene Tätigkeit für den Generalssohn (zehntes Kind) Fritz Erich von Lewinski zu sein, der erst 1900 nach der Adoption durch Georg von Manstein dessen Namen seinem angeborenen hinzufügte und seither offiziell Fritz Erich von Lewinski genannt von Manstein hieß.
Als Oberbefehlshaber der 11. Armee gewann er im Juli 1942 nach der Eroberung von Sewastopol den Feldmarschallstab. Bei der Gratulationscour in seinem Hauptquartier blieb er unbewegt. Der Erfolg habe sich nicht gelohnt, waren seine Worte. Die Erstürmung der russischen Schwarzmeer-Festung habe zu viele seiner jungen Offiziere gefordert, und die seien unersetzlich.
Nach Sewastopol sollte Manstein seine 11. Armee zu einer Heeresgruppe ausweiten, der als Operationsraum der Kaukaus zugewiesen war.
Im nächsten Jahr in der Ukraine sollte ihm Kluges bisheriger Stabschef, der General Henning von Treskow, in eingeweihten Generalskreisen als Stabschef der Gegen-Hitler-Verschworenen bekannt, beigegeben werden. In einem persönlichen Gespräch mit Keitel lehnte Manstein ab. Bei aller Anerkennung der militärischen Fähigkeiten Treskows sei ihm dieser doch zu wenig Nationalsozialist.
Noch bis zum März 44 hielt sich Manstein im Oberkommando der Armeegruppe Süd. Dann wurde er - mit 57 Jahren - zur Reserve abgestellt.
Nach 45 rechnete ihn Liddell Hart unter die meist befähigten deutschen Heerführer des zweiten Weltkrieges. Ein holländischer Beurteiler pries ihn als "Meister des Rückzugs" und als den "Architekten des polnischen und namentlich des französischen Feldzugs".
Kein Gehör. Kaum war die Anklageschrift überreicht, als wirklich Betrieb in den Fall Manstein kam. Am 20. Juni flog sein Anwalt. Dr. Leverkuehn, nach London, um, wie er im Juli in einem Brief an die "Times" schrieb, "die britische Regierung davon zu überzeugen, daß sie Mansteins Verteidigung durch die Bezahlung eines englischen Anwalts unterstützen müßte". Seine Bitte fand kein Gehör.
Bevor der Brief in der "Times" erschien, hatten sich bereits die Londoner Anwälte und Labour-Abgeordneten Reginald Thomas Paget und Samuel Charles Silkin, Sohn des Labour-Ministers für Stadt- und Landplanung, bereit erklärt, mit den deutschen Anwälten Manstein zu verteidigen.
Die Meldung der beiden britischen Anwälte erregte beträchtliches Aufsehen in England. Silkin, ein 32jähriger Jude, war während des Krieges Kanonier und wurde später Stabsoffizier in der Armee Montgomery. Nach dem Kriege schickte die Regierung den 28jährigen nach Singapur, wo er den Vorsitz in einem Prozeß gegen japanische Kriegsverbrecher führte.
Sein Kollege R. Th. Paget, ein früherer Marinekommandeur, ist überzeugter Antimilitarist. Die Gesamtverteidigung leitet er von London aus. Nur bei Bedarf will er nach Hamburg kommen. Zur Eröffnung ist er gekommen.
Den beiden britischen Anwälten, dem Juden und dem Antimilitaristen, die zur Verteidigung eines Armeeführers mit Judenmord in der Anklageschrift beitragen wollen, ist offenbar die ideologische Seite des Falles unwichtig. "Für mich ist nur die juristische Seite maßgebend", erklärte Silkin nach seiner Ankunft in Hamburg.
Churchill gab 25 Pfund. Die nötigen Pfunde für die Bezahlung der englischen Anwälte wurden in England gesammelt. Für einen Fonds, den die beiden konservativen Oberhausmitglieder Lord de L'Isle and Dudley und Viscount Robert Bridgeman eröffneten, zeichneten in rund drei Wochen englische Privatleute 1625 Pfund. Winston Churchill steuerte 25 Pfund bei.
Die deutschen Verteidiger verlegten bereits vor Wochen ihr Anwaltsbüro von der Ferdinandstraße 56 ins Curio-Haus. Bis vor kurzem lag die ganze Last der Prozeßvorbereitung allein auf den Schultern von Dr. Paul Leverkuehn. Er gilt als ein gewiegter Kenner der angelsächsischen Gerichtspraxis. Seine Sporen in Sachen Kriegsverbrechen verdiente er sich in Nürnberg. Dort verteidigte er Jodls Stellvertreter General Warlimont.
Erbärmliche Geschichte. Als Strauß und Rundstedt aus dem Prozeß herausgenommen wurden und damit auch deren Anwälte ausschieden, sah sich Leverkuehn nach Verstärkung um. Fast zwangsläufig verfiel er auf den Generalsverteidiger schlechthin, Dr. Hans Laternser. Der kennt aus seinen bisherigen Prozessen - in Nürnberg: OKW und Generalstab, List und Leeb; in Venedig: Kesselring - die Anklagepunkte bestens, um die es sich auch bei Manstein dreht: Geiseln, Juden, Partisanen und Kommissare.
Unmittelbar vor Beginn des Prozesses, den "Manchester Guardian" eine "erbärmliche Geschichte" nennt, versuchte das liberale Blatt, noch einmal dazwischenzufunken. Es forderte als Gerichtsvorsitzenden einen aktiven britischen Feldmarschall. Es forderte vergeblich. Einen Tag später bestimmte Kriegsminister Shinwell den Generalleutnant Sir Frank Simpson zum Präsidenten.
Die Hauptlast der Anklage liegt bei Sir Arthur Comyns Carr. Sir Arthur war vorher britischer Hauptankläger im Tokioter Kriegsverbrecherprozeß. Auf sechs Wochen hatte der 67jährige Londoner Rechtsanwalt 1945 nach Tokio fahren wollen. Er blieb zweieinhalb Jahre, kehrte dann in seine Anwaltspraxis zurück, um jetzt seine fernöstlichen Erfahrungen in Deutschland zu verwerten.
80 DM täglich. Mansteins Anwälte sind auf staatliche Honorare angewiesen. Als Offizialverteidiger bekommen sie täglich 80. - DM. Ihr Mandant hat kein Geld. Sein Vermögen wurde in der russischen Zone beschlagnahmt. Als er seine Memoiren in England zu schreiben anfing, mußte er sich eine Schreibmaschine besorgen lassen, die er dann nicht bezahlen konnte.
Aus den Memoiren, die in dicken Bänden bereitliegen, hofft Gerhard Günther. Sohn der Agnes Günther, welche "Die Heilige und ihr Narr" schrieb, einiges Geld für Manstein herauszuschlagen. Günther, der einst zusammen mit seinem Bruder Albrecht und mit Wilhelm Stapel "Das deutsche Volkstum" herausgab, ist jetzt Lektor in Hamburgs Gerhard Nölke-Verlag. Aber bis die Memoiren herauskommen, wird noch etwas Zeit vergehen. Auf jeden Fall "erst nach dem Prozeß".
Kameradenherz. Da hat Generalleutnant a. D. Hans von Donat durch seine Manstein-Geldsammlung schon vorher praktische Hilfe geleistet. Der ehemalige Kommandeur der Eisenbahn-Pionierschule Berlin-Rehagen hatte beruflich kaum je mit Manstein zu tun. Als er sich im Sommer 1947 nach der Heimkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft als "möblierter Herr" in Stuttgarts Senefelderstr. 6a etablierte, hatte er eigentlich andere Sorgen, als sich um den Hamburger Generalsprozeß zu kümmern. Aber sein Kameradenherz fühlte sich angesprochen.
"Sehr geehrter und lieber Kamerad", schrieb er an ihm bekannte ehemalige Soldaten und Offiziere 800mal rund. "es ist Kameradenpflicht für alle ehemaligen Soldaten, den schwer geprüften Generalen zu helfen. Einzahlungen von Geldspenden auf Konto PSA Stuttgart 42555."
Am 15. Juni buchte Donat 46000 DM. "Der Erfolg ist außerordentlich." Die Höhe der Endsumme ist nicht bekannt.
Die Hamburger Staatsanwaltschaft versuchte, die Donat-Sammlung zu stoppen. Sie schickte dem Stuttgarter Staatsanwalt Hans Neidhardt unter dem Aktenzeichen E 4 599/49 "wegen unerlaubter Sammlung" einen Strafantrag gegen Donat zu. Doch die schwäbischen Staatsanwaltskollegen nahmen keinen Anstoß und kamen zu dem Schluß, "daß von Donat keine öffentliche Sammlung veranstaltet hat".
Dr. Leverkuehn rechnet mit einer Prozeßdauer von drei Monaten. "Es wird vielleicht noch länger dauern, wenn nicht etwas dazwischenkommt."
*) In seinem eigenen Prozeß in Nürnberg am 15. Oktober 1947 sagte Ohlendorf im Kreuzverhör aus, er habe auf der Krim mit Manstein, dem damaligen Oberbefehlshaber der 11. Armee, sich persönlich "über die Frage des militärischen Einsatzes" seiner Einsatzgruppe "auseinandergesetzt". Außerdem habe ihm Manstein persönlich die Rekrutierung der Tataren übertragen.

DER SPIEGEL 35/1949
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