27.10.1949

Wie die Spritze wirkt

Dem Beobachtungspatienten Heinz Abel wurde im Ordinationszimmer der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Hamburg geheißen, den Arm zu entblößen. Drei Kubikzentimeter Evipan ließ ihm Professor Dr. Bürger-Prinz in den Arm jagen.
Abel wird schläfrig, klappt zusammen, kippt nach vorn. Der Arzt fängt ihn auf. Das Serum entspannt den ganzen Körper, steigert das Mitteilungsbedürfnis, unterdrückt das Schamgefühl. Abel ist im "Dämmerschlaf". Durch leise Berührung weckt ihn der Arzt. Abel fängt an zu gestikulieren.
Der Arzt stellt Fragen an sein Unterbewußtsein der Arzt fragt nach Hilde Thom.
Hilde Thom, Landwirtschaftsgehilfin in Geveshausen, erwartete ein Kind. Die Leute in Geveshausen tuschelten, es könne von so manchem im Dorf sein. Hilde Thom sagte: "Heinz Abel, es ist von Dir." Und fragte: "Soll es ohne Vater geboren werden?"
In der Nacht von Hollmanns Silberhochzeit gingen Heinz Abel und Hilde Thom einen Feldweg entlang. Als Heinz Abel am nächsten Morgen beim Eggen war, wurde Hildes Leiche gefunden. Der Arzt in der Psychiater-Klinik fragte das Unterbewußtsein von Heinz Abel: "Hast Du die Thom erwürgt?"
Mordprozeß-Verteidiger Dr. Dr. Karl Fritz Reuter, Oldenburg, hatte seinen 18jährigen Klienten Heinz Abel, landwirtschaftlicher Gehilfe aus Geveshausen, in die Hamburgische Psychiaterklinik empfohlen, "weil der Angeklagte seiner charakterlichen und sittlichen Entwicklung nach noch ein 14jähriges Kind ist."
"Intelligenz eines 14Sjährigen", attestierte Psychiater Prof. Bürger-Prinz nach verschiedenen Prüfungen. "Züge von Lebensernst fehlen völlig. Primitiv. In erotischer Hinsicht noch völlig unaufgeschlossen."
Mit einem "Alkoholbelastungsversuch" begann Prof. Bürger-Prinz: "Den ungehemmt, sorglos vergnügt machenden Einfluß relativ geringer Alkoholdosen haben wir neben einer erheblichen Beeinflussung des gesamten Nervensystems bei Abel experimentell nachgewiesen. Es wurden binnen 15 Minuten 300 ccm 40%iger Kognak zugeführt. In den ersten beiden Stunden wurde Abel zunehmend lebhaft. Er redete laut und schnell, mischte sich bei bester Laune in alle Gespräche, duzte den Arzt, klopfte ihm jovial auf die Schulter, tanzte auf Wunsch Walzer solo. Sang dazu. Er machte zwei faule Witze, mit deren ständiger Wiederholung er sich eine Zeit lang unterhielt. In seiner albernen Stimmung war er schwer zu fixieren, blieb aber immer gutmütig-heiter."
Nach sechs Wochen Beobachtung konnte Prof. Bürger-Prinz "ein ungewöhnlich klares Bild von den seelischen Vorgängen in Abel zur Zeit der Tat" gerichtsgutachtlich attestieren. Die Evipan-Spritze erwähnte er weder dem Anwalt noch dem Gericht gegenüber, denn medizinische und juristische Wissenschaft wüten gerade heftig gegen die Amerikanisierung kriminalistischer Verfahrensweise durch die Zulassung von Plauderdroge und Lügendetektor. (Nach Württemberg-Baden hat jetzt auch Hessen Narkoanalysen untersagt).
"Wie die Spritze wirkt", sagt der Professor, "ist eine Frage des Charakters, der inneren Verfassung und der seelischen Konstitution des Menschen. Pseudologisten, das sind Hysteriker, krankhafte Lügner, Triebhafte und Gemütsarme, lassen sich in den wenigsten Fällen beeindrucken. Die Wahrhaftigkeit der durch dieses Mittel erhaltenen Aussagen ist keineswegs garantiert."
"Der Professor", sagt Abel, "hat mir gesagt, daß das, was er jetzt in meinen Arm spritzt, für die Sache günstig sein kann. Schon nach einer Minute war ich weg. Als ich wieder aufwachte, war ich vollkommen dusselig im Kopf. Was die mich gefragt haben, weiß ich nicht."
Heinz Abel weiß heute noch nicht, daß er im Evipan-Rausch den Mord an der schwangeren Hilde Thom geleugnet hat.
Den Mord, den Kriminalinspektor Runkehl acht Stunden und 30 Minuten nach der Tat bis auf den Hof des Bauern Suhrkampf in Geveshausen verfolgte. Als damals der Inspektor in den Hof trat, spannte Heinz Abel die Pferde aus und legte ein umfassendes Geständnis ab: "Ja, ich habe Hilde Thom erwürgt."
"Es war mehr ein dumpfer Drang als ein klar durchgestaltetes Motiv, was ihn zur Tat führte ... Die Tat ist als Affekthandlung anzusehen", begründete das Landgericht in Oldenburg 10 Jahre Zuchthaus wegen Totschlages. Es stützte sich auf mehrere Punkte des Gutachtens Bürger-Prinz. Auf das Ergebnis des Evipanrausches stützte es sich nicht.

DER SPIEGEL 44/1949
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