27.10.1949

Wache im Dunkeln

Die Bilder der Wochenschau verblaßten, Jupiterlampen schmissen ihr rücksichtsloses Licht in die hannoverschen Weltspiele: die Uraufführung der "Nachtwache" wurde gefilmt, unter besonderer Berücksichtigung der Loge Balkon Mitte.
Dort saßen der Protektor des Films. D. Dr. Lilje, Landesbischof von Hannover, und Dr. Offenstein, Generalvikar des bischöflichen Ordinariats in Hildesheim, zusammen mit evangelischer und katholischer Geistlichkeit. "Die Nachtwache" ist der erste deutsche religiöse Spielfilm.
Das Ausland dreht Filme dieser Art schon länger, nach dem Konjunkturgesetz der Serie. Es gab darunter ernsthaft religiöse Filme und andere, in denen das Religiöse nur aufgesetzt war. In denen, sagte eine Schweizer Kritik, wirkten Nonnen wie Weihwasser im Schüttelbecher.
Seit ausländische religiöse Filme importiert werden, hat man sich in deutscher Sprache auch mit ihrer Problematik befaßt. Georg Josef Strangfeld S. J. schrieb darüber in der Wiener "Filmkunst" zwischen 4000 und 5000 Silben.
Der Jesuit sieht die Problematik zuerst darin, das Religiöse, die Beziehung des einzelnen Menschen zum Transzendenten und darum Unsichtbaren, mit den Mitteln einer Kunst darzustellen, die sich mit der ungeheuren Eindringlichkeit von Licht und Ton an zwei Sinne zugleich wendet.
Zu dem, was er weiter zu bedenken gibt, gehört die Frage, ob die filmische Darstellung, die wegen ihrer "Fließendheit" zu einer gewissen Oberflächlichkeit verurteilt scheine, nicht eine gewisse Profanation der religiösen, der innersten und persönlichsten Sphäre des Menschen bedeute.
Er ist überzeugt, diese und andere Schwierigkeiten seien überwindbar, wenn der Film sich dem Religiösen in scheuer und tiefer Ehrfurcht nähere. Die Begegnung mit dem Transzendenten, die noch jede Kunst in ihren Bann gezogen habe, biete dem Film die Möglichkeit, in die Tiefe vorzustoßen.
Das findet Landesbischof Lilje, sei in "Nachtwache" gelungen. Der Film halte sich fern von moralischer Verniedlichung, er mache eine Aussage, das sei das wirklich Kennzeichnende an ihm.
Der eigentliche Anstoß zu dem Film, der in der langnamigen Produktionsgemeinschaft Neue Deutsche Filmgesellschaft-Filmaufbau-GmbH., entstand, kam von Dr. Harald Braun, dem Autor und Regisseur. Er ist Pfarrerssohn und kommt aus dem publizistischen Lager der Kirche: er war früher einmal Herausgeber der evangelischen Literatur-Zeitung "Eckardt".
Die Mechanik seines Drehbuches funktioniert exakt und führt die Gestalten zuverlässig zusammen. Nur bisweilen wird ein Stück absichtsvollen Zeigefingers sichtbar. Das breite Problem der religiös Gleichgültigen wird kaum berührt. Das Problem der religiös Enttäuschten steht im Mittelpunkt.
Eine Aerztin (Luise Ullrich), die in einer Bombennacht ihr Kind verlor und nur erbarmungslose Sinnlosigkeit in der Welt sieht, hat sich abgewendet von Gott. Ein ehemaliger Kampfflieger (René Deltgen), voller Unrast nur die Mächte der Zerstörung erkennend, ist zum höhnenden Rebellen gegen Gott geworden.
Der Film macht es sich nicht so einfach, mit der Bekehrung der Abtrünnigen zu enden. Ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher (Hans Nielsen, Dieter Borsche), beide, bei allem konfessionell Trennenden, einander verbunden in der gemeinsamen Idee des Christentums, haben mit ihren Worten kaum Einfluß auf die Zweifelnde und den Höhnenden. Erst was geschieht, erschüttert die Glaubenslosigkeit dieser Menschen.
Dem evangelischen Geistlichen verunglückt das einzige Kind, während er am Altar steht. Auch er gerät in Anfechtung, aber er wird wieder unerschütterlich sicher im Glauben, als er neu die Aufgabe erkennt, hilfreich da zu sein für andere, Nachtwache zu halten im Dunkeln. Der Film schließt mit dem Gesang des Hosianna.
Es gab Tränen und Beifall nach dem Film. Der Beifall war für Dr. Harald Braun und seine Darsteller, die zur Premiere gekommen waren: Käthe Haack, René Deltgen, Dieter Borsche und die kleine Angelika Voelkner.
Von "Nachtwache" erhofft Landesbischof Lilje eine Wirkung auch auf die Kirche selbst: sie könne daraus erkennen, daß sie allen Grund habe, sich mit dem Film zu beschäftigen.
Sie hielt sich schon diesmal nicht abseits. Die evangelische und katholische Kirche hatten ihre Filmbeauftragten zur theologischen Beratung in die Göttinger Ateliers abgeordnet: Pfarrer Werner Heß und Direktor Kochs. Und als der Landesbischof einmal zu Besuch kam, hingen sein Bischofshut und die Baskenmütze des flinken Architekten Werner Haag in einer gewissen pointierten Eintracht nebeneinander am Garderobenhaken.

DER SPIEGEL 44/1949
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