06.10.1949

Preis-Rätsel

Geheimrat Vocke vom Präsidium der Bank Deutscher Länder hatte zum Kursgespräch der Adenauerschen Minister mit Sir Eric Coates (Groß-Britannien) und Mr. Pumphrey (USA) nach dem englischen Pfundsturz nichts in seiner Aktentasche, was als Arbeitsunterlage hätte akzeptiert werden können.
Auch CDU-Bankier Pferdmenges aus Köln konnte und wollte zur Unterhaltung nichts beitragen als den Wunsch der Exportbanken-Kaufleute und Industriellen nach einer möglichst hohen Abwertungsquote (1 DM = 20 Dollar-cents).
20 Cents waren schon zu Beginn der Washingtoner Verhandlungen des Sir Stafford Cripps unter deutschen Exporteuren abgesprochen worden. Hinter Pferdmenges saß die gesamte westdeutsche Exportgemeinde am Verhandlungstisch.
Aber auch in Frankfurt saß man am Konferenztisch: Alliierte Bankenkommission und Zentralrat der Bank Deutscher Länder (außer Vocke und Bernard, die hielten in Godesberg Wacht am Rhein). Man einigte sich bald auf 23,8 bis 24 cents für die D-Mark.
Das war ganz nach Ludwig Erhards Sinn. Er befürchtete (siehe "Wirtschaft") von einer zu hohen Abwertungsquote dasselbe, was bei zu großzügiger Kreditausweitung drohte: Stop des Rationalisierungsprozesses, zu dem er (um den Preis steigender Arbeitslosigkeit) die Industrie mühsam genug gezwungen hat.
Zu Erhard setzten sich Westdeutschlands Kabinettsjünglinge sorgenschwer ins Museum Alexander König. Die allererste Kabinettssitzung war gleich existentiell. Die Importpreissteigerung (siehe Graphik des SPIEGEL Nr. 40) drohte die soziale Marktwirtschaft mattzusetzen. Zwei Stunden lang mußte die Bundes-Kripo den Kabinettssaal auf Sicherheit hin abklopfen. Sogar der graue Velvetvorhang am Kanzlerzimmer wurde abgeleuchtet. Streng nach Dienstvorschrift.
Um das Gesicht zu wahren und weil Wirtschaftsprofessor Erhard weitere Kostensenkung der industriellen Produktion versprach, einigten sich damals bei ihrer ersten Sitzung die vierzehn Bundes-Schutzheiligen, Konrad Adenauers Regierungserklärung so zu lassen, wie er sie nach den Düsseldorfer Parteiverkündigungen und dem Wahlprogramm vor der Pfundabwertung konzipiert hatte.
Bei der ersten gegenseitigen Vorstellung von Kabinett und Bundesrat ließ Erhard sich entschuldigen. Während sich die alten Bekannten von vier Jahren Länder- und Zonen-Nachkriegspolitik in ihrer neuen Würde bewunderten, saß er mit Bankratspräsident Vocke und alliierten Kollegen von der Bankenkommission in Frankfurt, um den Wechselkurs auf 23,8 cents festzumachen. Auf Kosten der Exporteure. Die jammerten nach 30prozentiger Abwertung, um Crippsens Insel-Pfeffersäcken auf den Fersen zu bleiben.
Sie jammerten so laut, daß die englischen und französischen Konkurrenten fürchteten, der Exportvorteil der Abwertung könne durch die deutsche Konkurrenz zum Teufel gehen, und mit "Mordio" in die alliierten Handelsministerien stürmten.
Prompt ließ sich M. Hervé Alphand, Abteilungsleiter Wirtschaft am Quai d'Orsay, vernehmen, der Wechselkurs der D-Mark dürfe nicht unter 24 Cents gesenkt werden. Je höher er drüber bliebe, desto besser. Am nächsten Morgen verlautbarte der Rat der Bank Deutscher Länder: 23,8 cents für die D-Mark ist genug.
Da fand Franz Blücher, Interessenvertreter der Privatindustrie und als Vizekanzler zum Widerspruch berechtigt, daß ihn Kollege Erhard übers Ohr gehauen habe. "23,8 cents sind der Ruin des deutschen Exports". Mit dieser seiner Meinung hielt er im Kabinett nicht hinterm Berge.
Er wünschte die DM um 21 cents zu verkaufen, und damit auch Jedermanns soziale Marktwirtschaft. Zweimal vierundzwanzig Stunden brauchten Adenauer und Kollegen, um Ludwig Erhard und Franz Blücher bei 22,5 cents wieder ins gemeinsame Regierungsjoch zu schirren.
Als dann noch Fritz Schäffer sein Schatzmeisterplacet für Importsubventionen aus dem leeren Bundessteuersäckel gab und das Ende der Bewirtschaftung auf unbestimmte Zeit vertagt wurde, salbte Konrad Adenauer das Plenum mit folgsamen Preisen, die nicht steigen würden, mit Würde und mit souveräner Ueberlegenheit. Ohne allerdings den Platzhaltern des staunenden Volkes zu verraten, wie er das machen werde.
Sozialdemokratische Wirtschaftsprofessoren Fritz Baade und Erik Nölting rechneten jedem, der es hören wollte, die Konsequenzen an fünf Fingern vor ("Verschiedene Leute müssen ernsthaft nachgedacht haben und zu der Erkenntnis gekommen sein, daß nur mit Wirtschaftsplanung die neue Lage erfolgreich gemeistert werden kann").
Sehr ernsthaft nachgedacht hatten auch verschiedene andere Leute in Paris, London und auf dem Petersberg, Bonn gegenüber. Ihre Erkenntnis war ebenso bitter, wie die der Bundesverweser im Museum König. Sie erkannten, daß sich mit der Abwertung auch die Kohlenimporte aus Deutschland nach Frankreich verteuern und somit die Kosten der französischen Industrieproduktion steigern würden. Sie erkannten auch, daß die Rationalisierung der deutschen Exportindustrie mit der Devalvation zu Preisrückgängen im deutschen Weltmarktangebot führen müsse. Und damit zu Vorteilen für die deutsche Konkurrenz.
Das letzte September-Weekend verbrachten die Hohen Residenten vom Petersberg in Berlin und Frankfurt im Kreis ihrer Wirtschafts- und Finanzsachverständigen. Mit denen konferierten in Frankfurt auch Erhard und Vocke. Um die 23,8 cents der Bank Deutscher Länder und die 22,5 cents des Kabinetts.
In Bonn besprachen die Reporter halbstündlich die Berliner und Frankfurter Agenturdrähte. Auf den Montag war eine Besprechung zwischen den Hochkommissaren und der Wirtschaftsgruppe des deutschen Kabinetts angesetzt. Die Hohen Drei kamen nicht. Dafür konferierten Adenauer, Blücher, Erhard, Schäffer und Jakob Kaiser intern. Einheitsminister Kaiser hatte eigentlich nichts damit zu tun und war nur privat aus Königswinter zum Rhöndorfer Zennigsweg gekommen.
Inzwischen setzten in Bad Honnefs Hotel Bockhopf die US-Mess-Stewards die Silberdecke auf die Ehrendiner-Tafel für John J. McCloy. Der fuhr von Frankfurt nur bis nach Rhöndorf und parkte am Zennigsweg. In Konrad Adenauers Arbeitszimmer hatten Gast und Hausherr ein politisches tête à tête. Dann bedauerte der in Honnef bei US-Staff langerwartete Ehrengast und folg nach Paris.
Als am Dienstagabend auf dem Petersberg das supper für Sir Brian, M. François-Poncet und heimgekehrten John Mc Cloy nach neun Stunden Klausursitzung aufgetragen werden sollte, schien alls o. k.
Dann mußten die Angelsachsen aber doch allein zu Tisch gehen. Frankreichs Resident speiste dito allein mit seinen Beratern. Ein Blitztelefonat aus Paris hatte ihm den Appetit verdorben. Paris forderte, er solle seinen Mitregenten die eben angerichtete Suppe versalzen, von der mühsam ausgefeilschten 23,8-cents-Parität zurücktreten und den Angelsachsen klar machen, daß trotz Abwertung der Preis der deutschen Exportkohle unter dem Weltmarktdollarpreis zu bleiben habe. Um etwa zehn Dollar pro Tonne. Und ohne Subventionen. Auf daß in Lothringen die Schlote billig qualmen können.
Nach weiteren neun Stunden hatte er Kollegen McCloy und Robertson weich. Im Schatten des roten Butzemannes, mit den stärksten Argumenten, über die Frankreichs vierte Republik verfügt: Schwäche der französischen Wirtschaft, ewige Streikdrohung, Krisenanfälligkeit der Regierung der Mitte.
Des Morgens um Sechs anderntags wurde der Beschluß der Alliierten Hohen Kommission über Frankreichs Agenturen publiziert und den Regenten von Bonn überreicht.
Da waren die 23,8 cents genehmigt, die das Kabinett gar nicht vorgeschlagen hatte. Und Subventionen als diskriminatorische Maßnahmen verboten, etwaiges Dumping vorsorglich untersagt.
Mit diesen drei Punkten in der Tasche ging Konrad Adenauer nach drei Stunden Kabinettssitzung in den fahnengeschmückten Bundesratssaal zur Pressekonferenz. Dort ist schon manches alliierte Memorandum verlesen worden. Zwei Stunden später verlas er dem Plenum den Text und gab die obligate Untragbarkeitserklärung.
Das Parlament sprach von "Diktat", "Todesurteil für die deutsche Wirtschaft", "Massenelend" und "schlechtem Start" ins völkergemeinschaftsverbundene Friedensleben. Und von "Mißbrauch der Kontrollfunktion der Hohen Kommissare".
All dies bewegte Konrad Adenauer in seinem Herzen und erzählte es - durch Plenar-Votum der Volksvertreter gestärkt und durch drohendes Mißtrauensvotum zu äußerster Beredsamkeit angetrieben - den Hohen Kommissaren weiter.
Mit Erfolg. Die Sieben-Tage-Frist für Kohlenpreismanipulation fiel. Mit ihr der ultimative Charakter des Memorandums. Beschlossen wurde ein deutsch-alliiertes Komitee, das die Neufestsetzung der Kohlenpreise in die Hände nehmen soll. Darüber ist die Ruhrbehörde in Düsseldorf entsetzt. Sie fühlt sich übergangen. "Was geht", so kommentieren ihre Sprecher, "die Kommissare der Kohlenpreis an".
Auch das Plenum des Bundestages, auf vierzehn Tage in Ferien geschickt, fühlte sich übergangen. Während seine Sprecher noch über das alliierte Memorandum debattierten, ließ Konrad Adenauer der Presse die endgültige Neufestsetzung des Wechselkurses (1 DM = 23,8095 Dollarcents) bekanntgeben. Er unterrichtete auch den Aeltestenrat. Das Plenum erfuhr nichts von ihm. Seine Abgeordneten mußten erst die Zeitungen lesen, um zu wissen, was längst beschlossen war. Ohne sie.

DER SPIEGEL 41/1949
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