20.10.1949

TheaterDie Bühne zuckt

Nach drei Stunden deutscher Erstaufführung der Komödie "Das träumende Mädchen" von Elmer Rice in Hamburgs Kammerspielen wußte das Premieren-Publikum selbst nicht mehr, ob es träumte oder wachte. Es entschied sich für die Wirklichkeit.
Als der Beifall auf höchste Touren kam, sah Hausherrin Ida Ehre DM-Land für ihre krisengeschüttelte Bühne. Nach den Lehr- und Wanderjahren durch den internationalen Surrealismus siegte das von Hannelore Schroth geträumte Mädchen Georgina beim Publikum haushoch nach Punkten.
Nach der Bühnen- und Funkaufführung der expressionistischen "Rechenmaschine" des US-Dramatikers Elmer Rice (Jahrgang 1892) hatte man Psycho-Analyse mit klinischen Vorzeichen erwartet. Dafür sah man amerikanische Neu-Romantik durch die Phantasie-Brille einer mit Unterbewußtsein reich gesegneten 23jährigen. Rice mischt fleißig Traum und Wirklichkeit in 32 ineinanderfließenden Szenen.
Georgina liebt z. B. heimlich ihren Schwager. Als sie hört, daß die Schwester ein Kind erwartet, träumt sie sich selbst in die Klinik und sieht Zwillinge neben sich.
Ein Journalist verreißt Georginas Erstlings-Roman. Gleich schaltet sie um. In der Traum-Vision erschießt sie den Journalisten.
Auch das imaginäre Gericht steigt aus dem Traumnebel. Georgina wird freigesprochen. Der Mann tötete ihr seelisches Kind. Das sei so schlimm wie leiblicher Mord
Ein Verleger will Georgina verführen. In der Bar schwärmt er ihr von Mexiko vor. Die Bar verwandelt sich in ein mexikanisches Traumschloß. Aus dem Boden wachsen Palmen. Aus dem Bartisch wird ein Springbrunnen. Georgina tanzt in einer Mantilla.
32 Szenen lebt und träumt sie unter der quälenden Selbsterkenntnis: Mein einziger Fehler ist, daß ich mich immer in den falschen Mann verliebe. Der im Traum erschossene Journalist führt sie zum Schluß in die traumlose Wirklichkeit.
24 Stunden vor der Premiere waren auf der nächtlichen Generalprobe die Nerven zum Zerreißen gespannt. Auf enger Bühne kämpften Regisseur Otto Kurth und Bühnenbildner Helmut Koniarsky noch mit Ensemble und Technik um schwereloses Zaubertheater
Funkische und filmische Effekte gab es in allen Szenen Otto Kurth nutzte seine NWDR- und BBC-Erfahrungen als Hörspiel-Inszenator. Im NWDR-Studio schnitt er ein ganzes Musikband für das "Träumende Mädchen". Wenn sich Georgina z. B. in eine Dirne hineinträumt, untermalt er das mit Tschaikowsky-Walzer auf Orchestrion, Dampfersirenen und Gangster-Pfiffen.
Die Bühne muß zucken, war seine Regie-Parole. Requisiten für Traum und Wirklichkeit rollen unentwegt herbei: Bücherregale, Treppen, Laternen, sogar der Frühstückstisch mit den Eltern. Einmal rollte Georgina in der Badewanne über die Szene.
Auch die Seitenwände sind ständig in Bewegung. Sie klappen auf und nieder. Bei der Gerichtsverhandlung wächst der Vorsitzende, von Theaternebel umwallt, zu vier Meter Riesengröße auf.
Immer wenn Georgina zu träumen beginnt, wird Ultralicht eingeschaltet. Die Szene bekommt dann einen unwirklich bläulichen Schein, auf den Hintergrund werden die Gesichter der Personen projiziert, die dem Mädchen erscheinen.
Haupt-Traumrequisit aber ist eine farbige Kaleidoskop-Scheibe. Bei der Probe fiel Kurth die Laterna magica aus seiner Kinderstube ein. Ein Assistent hatte noch eine zu Hause. Die bunte Traumrose aus der Kinderlampe wird jetzt vor den Bühnen-Projektor gedreht.
Die Georgina-Rolle sitzt Hannelore Schroth wie angeschrieben. Hamburgs gestrenge Theaterkritiker spendeten einmütig Lob, und jeden Abend stehen Autoschlangen vor den Kammerspielen.
Wenn der Zuschauer für einen Platz den Wert von einem Viertel Hemd opfert, muß man ihm auch ein Viertel Hemd wiedergeben, ist Otto Kurths Meinung. Ausnahmsweise glauben die Zuschauer, ein halbes Hemd wiederzubekommen.

DER SPIEGEL 43/1949
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