20.10.1949

TheaterHistorie in Hosenträgern

Es gab lebendige Hühner auf der Bühne. Sie wären beinahe von der Stange geflogen, obwohl sie eine gewisse Rolle in dem Stück spielen, das Göttingen in deutscher Erstaufführung herausbrachte: "Romulus der Große" von Friedrich Dürrenmatt.
Der Autor nennt sein Stück eine "ungeschichtlich historische Komödie" und geht zu diesem Zweck in das Jahr 476 zurück, an den Hof des weströmischen Kaisers Romulus. Die Germanen kommen, der Hofstaat ist in Aufregung, Reichsmarschall Mares erfindet die totale Mobilmachung. Aber den Kaiser interessieren seine Hühner mehr als die Menschen.
Großindustrieller Cäsar Rupf will sich um das Imperium verdient machen. Er hat den Hosenträger nach Rom gebracht, nun will er mit seinem Kapital das Weltreich aufkaufen. Der Preis: die Kaisertochter.
Aber der Kaiser hat keine Lust, gerettet zu werden. Er will liquidieren. Die Politik ist ihm ein blutiges Handwerk geworden, und von der Rettung der Kultur hält er auch nicht viel.
Dürrenmatt ist 28 Jahre alt und Schweizer. Sein Humor ist nicht von Bombentrichtern angekränkelt. Er weiß, wie man seinen Zeitgenossen die Leviten liest, ohne daß sie sich angeödet vorkommen. Nur ganz selten redet er Leitartikel, meistens ist er witzig und charmant.
Und er kann Dialoge bauen, so gut, daß der Zuhörer dahinterkommt, was er meint. Und Dürrenmatt meint, man solle nicht soviel von der Kultur reden, wenn man doch nur sein Imperium meint. Und er glaubt nicht, daß gleich die ganze Kultur untergeht, wenn ein paar Menschen aufgeben müssen.
Auf den Programmen stand: "Inszenierung: Karlheinz Streibing a. G." Aber Karlheinz Streibing hatte einige Tage vor der Premiere auf die Gastfreundschaft verzichtet, und Schauspieldirektor Peter Stanchina hatte den Rest besorgt. Die Aufführung ist abwechselnd tiefgründig und grotesk, Problemstück und Operette.
Hauptdarsteller Günter Kind schritt ruhig und gelassen mit herabwallender Toga durch seine Hallen, ganz salopp und leger, aber immer geistig überlegen: der Aristokrat, der seinem eigenen Untergang zusieht.
"Romulus der Große" wurde erst im Frühjahr in der Schweiz uraufgeführt. Intendant Fritz Lehmann wartet nicht, bis andere mit Aufführungen Erfolg gehabt haben. Göttingen hat einen mutigen Spielplan.

DER SPIEGEL 43/1949
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