10.11.1949

Ich bin nicht bestochen

Der Pferdewagen ist schon bereitgestellt die Fahnenstange fest zugesagt. Vor dem nächsten Bürgertreffen am Montag, 21. November, wird das gelbe Forumsbanner mit der Aufschrift: "Forum tagt in der 'Wartburg' - heute 20 Uhr" durch die Straßen Wiesbadens kutschieren.
Dabei tut die Reklame gar nicht nötig. Die halbe Stadt, einschließlich Stadtverwaltung, Ministerien und Kripo, haben sich diesen Tag schon mit Rotschrift auf dem Kalender vorgemerkt. Der Grund ist Punkt 2 der Tagesordnung: "Spielbank und Presse". Redner: Anton Groos, 1947 als Oeffentlicher Kläger der Wiesbadener Spruchkammer abgesetzt.
Als am 1. November die Roulettekugel im prunkvoll aufgebauten Foyer des hessischen Staatstheaters die dritte Nacht rollte, schoß Anton Groos vor 700 Beifallsklatschern im Forum zum ersten Male öffentlich scharf gegen Deutschlands Spielbank Nr. 5 und gegen das dazugehörige Rathaus.
"Falschspieler, Betrüger, Hochstapler und politischer Schwerverbrecher" taufte er den technischen Leiter der neuen Spielbank, Carol Nachmann aus Rumänien. Den Konzessionsträger Julius Steinmann aus München reihte er unter "Devisenschieber" ein. Oberbürgermeister Redlhammer, klagte er an, habe die beiden begünstigt.
Von seinen massiven Anschuldigungen druckte die Presse nur knapp die Hälfte ab. Darum muß auch sie am 21. November vor dem Forum herhalten.
Wie und warum Groos in die Spielbankaffäre hineingekommen ist, weiß er selbst nicht. Von den Akten, die sich in seinem Zimmer, Oranienstraße 25, Hinterhaus, türmen, hat der einstige Student der Archäologie und Religionswissenschaften am 18. September erstmals ein paar Kostproben mit einem offenen Brief an Hessens SPD-Innenminister Zinnkann geschickt. "Der Spielbankskandal ist nur äußerer Anlaß", schrieb Groos dazu. Er wolle nur an einem augenfälligen Beispiel zeigen, wie in Hessen regiert werde.
Dann: "Herr Minister, Sie wissen aus den Akten - hoffentlich nur aus diesen - , daß Nachmann hoch und mit Erfolg besticht." Zinkann reichte Beleidigungsklage gegen Groos ein. Groos stieß zurück mit einer Anzeige gegen Zinnkann wegen "Begünstigung im Amt".
Dann stieß Groos weiter. Am 6. Oktober brachte er neues Material, vor allem gegen Nachmann, ins Innenministerium. Am 27. Oktober, zwei Tage vor Eröffnung der Spielbank, schrieb er seinen zweiten offenen Brief: "Herr Minister, Sie müssen, bevor es wirklich zu spät ist, schweres Unheil von Stadt und Land abwehren."
Am nächsten Tag verdonnerte Zinnkann, über den Oberbürgermeister, Nachmann und Steinmann, sich binnen dreier Monate gerichtlich gegen die Groos'schen Anschuldigungen zur Wehr zu setzen.
Als am 29. Oktober Oberbürgermeister Redlhammer die goldene Kugel in das Roulette am Tisch Nr. 1 rollen ließ, fehlten Zinnkann und seine Mitregierer unter den 400 Gästen. Auch beim Festschmaus im "Nassauer Hof" waren sie nicht dabei.
Statt dessen rieben sich im Innenministerium Zinnkanns Spielbankreferent, Reg.-Rat Feige, und der Rechtsabteilungsleiter Dr. Kleeberg die Hände. Sie hatten ihren Chef schon immer vor Nachmann gewarnt. "Jetzt tut dem Minister die Unterschrift selber leid. Er hat sich eben überreden lassen."
Da war aber Heinrich Zinnkann selbst schon zu einiger Erkenntnis gelangt: "Ich bin ein Arbeitersohn und kenne die Spielbank nur aus Kriminalromanen. Ich weiß jedoch auch, daß Spielbankkonzessionäre nicht mit den Maßstäben bürgerlicher Moral gemessen werden können."
Seit 1946 der einstige Legationsrat aus dem Auswärtigen Amt, Hans Hermann Redlhammer, vom Wirtschaftsdezernat auf den Wiesbadener Oberbürgermeistersessel stieg, geht in der hessischen Landeshauptstadt das Spielbankfieber um. Die bald auftauchende Konkurrenz Homburgs suchte Wiesbadens Stadtkämmerer Heini Roos auszutrumpfen. "Homburg erfüllt die gesetzlichen Bestimmungen nicht", erklärte er.
OB Redlhammer steckte sich mit ähnlicher Absicht hinter Finanzminister Hilpert: "So bedeutet die von Wiesbaden angestrebte Spielbankkonzession auch die Anerkennung eines berechtigten Wiedergutmachungsanspruchs." Er meinte damit den Brief des Reichsinnenministers vom 26. April 1935: "Der Führer und Reichskanzler hat entschieden, daß die Errichtung einer Spielbank in Wiesbaden nicht in Betracht kommt."
Christian Stocks Hessen-Kabinett entschied salomonisch. Im Oktober 1948 wurden die Spielbank für Wiesbaden und ein "Circle Privée" für Homburg genehmigt.
Als nach weiteren Monaten in Homburg schon munter die Kugeln rollten, bereitete Wiesbaden noch immer vor. Der erste Konzessionsanwärter war Martin Gustavus 1945/46 duldeten ihn die Briten als Spielbankdirektor am Hamburger Mittelweg.
Stadtkämmerer Roos holte ihn vor mehr als einem Jahr nach Wiesbaden. Dort half er der Stadt bei den Spielbankeingaben an die Regierung. Ueberdies will der einstige Lebensmittelgroßhändler von der Saar in schwarzen Reichsmarktagen dann und wann Frau Roos mit Seidenstrümpfen, Fett, Wurst, Apfelsinen, Zigaretten und Kognak ausgeholfen haben.
Gustavus machte der Stadt stattliche Angebote:
* Jährlich eine Million DM in Raten zu 100000 DM als Geschenk für Verschönerungs-, Wohlfahrts- und Kurzwecke,
* Bau eines Sportpalastes für Eisrevuen, Sechstagerennen und Boxkämpfe,
* Sportliche und künstlerische Veranstaltungen im Werte von einer Million DM jährlich.
"So etwas kann man nur in Verbindung mit einer Spielbank in Wiesbaden aufziehen", erläuterte er. Er blieb trotzdem nur einer unter 35 Konzessionsanwärtern.
Größere Chancen hatten schon die Belgier Deneyer und Toussaint, die OB Redlhammer in sein Diplomatenherz geschlossen hatte. Sie sollten ihm, wie er "streng geheim" in einem Brief an Finanzminister Hilpert schrieb, helfen, ausländische Touristen aus Frankreich nach Wiesbaden zu ziehen. Deneyer, Mitmanager einer Flugzeuggesellschaft, gaukelte dem OB den Traum einer Luftlinie Spa-Wiesbaden vor.
Als die beiden Belgier auftauchten, schlug Stadtkämmerer Roos dem Vor-Bewerber Gustavus vor, sich mit ihnen zusammenzutun. Gustavus fühlte vor. Nach zehn Minuten boten ihm die Belgier 100000 DM für die Bestechung der Stadtverwaltung an. Er lehnte ab. "Wenn ich sie genommen hätte, hätte ich jetzt die Konzession", glaubt Gustavus heute.
Mit den Belgiern wurde es nichts. Die Militärpolizei nahm sich ihrer an. Beide waren Brillantenschmuggler.
Dafür erschien beim Oberbürgermeister ein neuer Spielbankberater: Baron Eberhard von Selasen-Selasinsky, ein gewiegter Jeuer. Allerdings als Kurdirektor von Baden-Baden hatte sich der einstige Weltkriegs-Ordonnanzoffizier der Heeresgruppe "Kronprinz" nur zwei Jahre halten können. Als ihn 1935 Staatsanwalt Nerz von der Oberstaatsanwaltschaft Karlsruhe wegen Betrugsverdachts und Beamtenbestechung verfolgen ließ, mußte er das Weite suchen.
Mit ihm verschwand sein Spielbankdirektor, der Rumäne Carol Nachmann, den der Spielbankreferent am Berliner Alex, Obersekretär Brachvogel, in der Falschspielerkartei entdeckt hatte. Wohlversehen mit einem falschen Grafentitel, ging der einstige Spielunternehmer aus Riga, Odessa und Kiew nach Frankreich. Dort wurde er bald der Falschgeldverbreitung beschuldigt und emigrierte nach Mexiko.
Seiner entsann sich Baron Eberhard. Auf dem Luftwege holte er ihn nach Wiesbaden. Er holte auch den Münchner Lederfabrikanten Julius Steinmann, dessen Devisengeschichten aus dem Dritten Reich längst vergessen waren. Dazu kamen noch der Ritter der Ehrenlegion Fourny, Adreßbuchverleger aus Frankreich, und der Rigaer Hotelierssohn Neuland.
Kaum war dieser Kreis zusammen, als der Oberbürgermeister seinen Baron wieder herausrücken mußte. Die Militärregierung, die Selasen-Selasinsky schon 1945 vorübergehend einsperrte, weil er vor Kriegsschluß zuviel Möbel aus Frankreich herübergeschafft hatte, duldete ihn nicht länger auf dem Rathaus. Aber seine Spielfreunde, die sich inzwischen etabliert hatten, setzten ihn in das Büro ihres Spielbankgeschäftsführers Neuland. Dort sitzt er noch heute.
Nachmann und Steinmann haben die ihnen von Innenminister Zinnkann verordnete Klage gegen Anton Groos bisher nicht eingereicht. Ein Autounfall ihres Anwalts, des CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Canka, kam ihnen zu Hilfe. Bevor der Anwalt nicht wiederhergestellt sei, könne die Klage nicht erhoben werden, bedeutete OB Redlhammer dem Innenminister.
Nachmann ist das nur recht. "Ich will erst sehen, daß die Spielbank in Schwung kommt. Dann überlege ich mir, was ich mache", gestand er einem Reporter.
"Das werden wir ja sehen", trumpft Anton Groos in der Oranienstraße auf. Er hat keine Angst vor dieser Klage. Genau so wenig vor seinem Rechtsstreit mit Zinnkann selbst. "An der persönlichen Ehrenhaftigkeit des Herrn Ministers habe ich weder jemals den leisesten Zweifel gehabt, noch in meinem offenen Brief geäußert." Darum müsse sich der Minister, meint Groos, noch mehr als er selbst auf den Prozeß freuen. "Dann kann er nämlich beweisen, daß er nicht bestochen worden ist."
Groos braucht seinen Mut auch. Er hat noch einen dritten Rechtsstreit unterwegs. Wegen wissentlich falscher Anschuldigung und Verleumdung, angestrengt von OB Redlhammer, Stadtkämmerer Roos und dem SPD-Stadtverordnetenvorsteher Fuchs.
Der Name Fuchs steht nämlich in einer eidesstattlichen Erklärung, die eine ehemalige Freundin des Oberbürgermeistersohnes mit Namen Ottie Münch abgab und in der von einem neuen Pelzmantel und einem Porzellanservice aus Spielbankgeldern die Rede ist. "Ein Herr der Stadtverwaltung hat 18500 DM für einen Grundstückskauf bekommen, und ein Prof. Fleischmann hat auch Geschenke an den Magistrat verteilt", wußte Ottie Münch weiter zu beeiden. Jetzt ist sie verschwunden.
Dieses Papier trug Groos zur Polizei. "Alles frei erfunden", sagten die Beschuldigten und klagten. Groos klagte auch diesmal zurück, wegen falscher Anschuldigung.
Die Gerichte bekommen noch mehr zu tun. Forumsleiter, Rechtsanwalt Hintze II, will beim Regierungspräsidenten ein Disziplinarverfahren gegen den Oberbürgermeister anstrengen. Regierungsrat Feige, Zinnkanns Spielbankreferent, hat Strafanträge gegen Stadtkämmerer Roos und Nachmanns Rechtsanwalt Dr. Canka, gestellt. Nach dem Motto: "Ich bin nicht bestochen. Wir sollten nur einen Skandal verhindern, und jetzt marschieren wir mit Riesenschritten auf ihn los."
Vor Heinrich Zinnkanns Tür stehen inzwischen die neuen Konzessionsbewerber Schlange: Im Rennen liegen die Gruppe Heitmann K. G., Bad Homburg, und die Gruppe Gustavus mit Georg von Opel. Im Hintergrund wartet die Gruppe Bankhaus Lenz, München, die auch in Neuenahr mitmacht. Alle Bewerber mit runden Millionen.

DER SPIEGEL 46/1949
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