08.12.1949

Tag der weichen Birne

Dieses Berliner Sechs-Tage-Rennen ist viel schneller als das New Yorker", sagt Australier-Manager Toni Torsin. Er managt die australischen New-York-Sieger Reginald Arnold und Alfred Strom in der neuen Berliner Sporthalle am Funkturm.
Wenn der 25jährige Arnold bei den Jagden durch die Halle flitzt, bleibt niemand sitzen. Mit 9,9 Sekunden pro Runde in einem offenen Fliegerrennen ist er der schnellste Sprinter, den Berlin in 31 Sechs-Tage-Rennen*) bisher erlebt hat.
"Krücke", das Berliner Sportpalast-Original seit Urzeiten, führt "janz oben" die Regie. "Klemmt Euch mit'n Kaujummi an die Australjer fest", ruft er den Berlinern Grigat-Zawadski zu. Sie fahren mit zwanzig Verlustrunden. Die Ost-Sektoralen denken anders: "Die sollen ihre Runden doch Stalin zum Geburtstag schenken."
Von "Krücke" wissen die wenigsten, daß er eigentlich Reinhold Habig heißt. Seit dem ersten Sechs-Tage-Rennen 1909 in Berlin,**) dem ersten in Europa, ist Krücke dabei. Wenn früher ein toter Punkt kam, brachte Krücke Schwung in die Bude. Auch der Sportpalast-Walzer - er wird alle Stunde mindestens dreimal gespielt - ist durch seine Ludenpfiffe zwischen den Takten populär geworden.
Heute ist Krücke nicht mehr das, was er früher war. Sein eines Bein (das zweite wurde ihm nach einem Autounfall amputiert) macht ihm Kummer.
6200 Zuschauer machen jede Nacht in Berliner Sechs-Tage-"Milljöh". Die Logenplätze
kosten 25 DM, sonst werden im Durchschnitt 4 bis 5 DM pro Karte bezahlt. Das ist eine Einnahme von zirka 250000 DM für die neugegründete Sporthallen-GmbH. Ein Drittel davon für die Steuer.
Die "Heuboden"-Kieker stehen 57 Stufen hoch, 1,20 Meter unter der Hallendecke. In den Logen sitzt die Prominenz. An der Bar im Innenraum (innerhalb der Bahn) knallen pro Nacht 70-80 Sektkorken. 80 Flaschen Schnaps gehen pro Nacht drauf. Die Sechs-Tage-Fanatiker unter den 263000 Westberliner Arbeitslosen kaufen zu vier Mann eine Heubodenkarte für 2 DM. Für 50 Pfennig darf dann jeder eine halbe Stunde mit "he he he" die Sprinter anfeuern.
Für einen Teil der Berliner Arbeitslosen gibt das Sechs-Tage-Rennen sechs Tage Arbeit. Ueber 400 Personen sind eine Woche lang gut beschäftigt. Außer den 28 Fahrern mit den 42 Managern noch fünf Köche, zwei Aerzte, Sanitäter, 25 Mann Wettfahrausschuß, Sprecher, Zielrichter, Rundenzähler. Außerhalb der Bahn Kellner, Büroangestellte, Frisöre, 50 Reinmachefrauen, 30 Musiker und 100 Kontrolleure.
16000 DM müssen die Veranstalter täglich den 14 Mannschaften an Gagen zahlen. Die ausländischen Fahrer Strom-Arnold und Rigoni-Terruzzi, die beiden Ersten des New Yorker Sechs-Tage-Rennens, sprintern für 2000 DM pro Nacht. Die Fahrer Lohmann-Kilian und Lamboley-Sérès für nicht viel weniger. Die "Kleinen", Grigat-Zawadski und Zoll-Funda, müssen sich für 250 bis 300 DM sechs Tage lang abstrampeln.
Dafür läßt man ihnen kollegial den Löwenanteil der Prämien. "Kommt gleich ne Prämie: 'n Kleenmotor vort Fahrrad. Denn aba!" gröhlt der "Heuboden", wenn eine Mannschaft abgehängt wird.
Ehemann Walter Lohmann hat sich bei den Prämienspurts auf Damenkleider spezialisiert. Sind Bier oder Herrenbekleidung ausgesetzt, jagen die bayerischen Gebrüder Hörmann wild durch das Rund. Erich Zawadski hat sich einen ganzen Weinkeller zusammengefahren. Der Schweizer Kamber holte sich einen Luxuskinderwagen inklusive Babyausstattung. Er war am dritten Renntag Vater geworden. Alle ließen ihm die Vorfahrt.
Nur wenn es um Geld geht, spurten sie ohne Rücksicht. Denn Geld kostet sie so ein Rennen. Mit Geld müssen die sechs Rennhosen mit Ledereinsatz bezahlt werden, das Minimum für jeden Fahrer. Mit Hirschtalg und Glyzerin bearbeiten die Manager das Leder der Rennhosen.
Hans Hörmann hatte sich als erster durchgescheuert. Er bekommt da leicht Furunkel. Dann muß der Sattel an den wunden Stellen ausgeschnitten werden. Die alten Routiniers lassen sich ein Stück rohes Fleisch in die Hosen nähen. Es wird alle paar Stunden ausgewechselt.
Das meiste Geld wird für Geheimmittel ausgegeben. Das geht von den Augentropfen für vereiterte Lider, über Schlaf- und Wachspritzen bei den Franzosen bis zum Abführmittel gegen Verstopfung. Gegen seelische Depressionen gibt es noch nichts Rechtes.
Der 36jährige Karl Wiemer bekam als erster den Rundenkoller. 24 Stunden nach Rennbeginn ließ er Rennleiter Paul Buschenhagen sagen, er habe das Kurvendrehen "dicke". Paul Buschenhagen griff zur Gewalt. Kein Manager ließ Wiemer zum Stehen kommen. Er wurde immer wieder auf die Bahn geschoben. Eine halbe Stunde später lag er mit seinem Partner Naeye an der Spitze.
Die Aktiven bekocht Fritz Huber. Er hat 31 Sechs-Tage-Rennen hinter sich. "Aber jetzt steht's mir bis zum Hals", sagt er. Sein Gasthof "Zum Unterwirt" in Hart a. d. Alst liegt dem "wilden Koch" jetzt mehr am Herzen.
Bei Fritz Hubers Kücheneinkäufen schüttelten die Berliner Geschäftsleute den Kopf. Für die rund 90 Personen, die er sechs Tage lang verpflegt, brauchte er 4000 Eier, 250 kg Fleisch, 50 kg Butter, 100 kg Wurst, 10 kg Geflügel, 15 kg frische Fische, Obst aller Sorten und Kuchen.
300 DM muß jeder Fahrer für die sechs Tage Verpflegung bezahlen. Dafür kann er sich wünschen, was er will. Der Belgier Gillen verlangte am zweiten Renntag Austern. Die Schweizer lechzten nach roten Rüben, um die Verdauung fit zu halten. Der kleine Funda schwört auf sein Eisbein mit Pilsener als bestes Stärkungsmittel.
Mit drei Rädern muß jeder Fahrer zum Sechstage-Rennen erscheinen: zwei ausgekochte Rennmaschinen und ein Rad für die Neutralisation. So stehen in den Boxen im Rund der Ost- und Westkurve 84 komplette Rennräder, und jede Maschine kostet ungefähr 400 DM.
Die Berliner Bahn ist ein Reifenfresser. Als beim Probefahren die gefirnisten Holzbahnreifen wegknallten und die Fahrer jedesmal stürzten, waren die Manager ratlos. Da hatte der deutsche Chef-Manager Matze Schmitz (s. SPIEGEL Nr. 31/49) eine Idee. Die Deutschen fuhren mit Zementbahn-Reifen. Aber auch die platzten durch den Druck in den 63 Grad überhöhten Kurven, trotz der aufgepumpten neun atü.
Bei dem unheimlich schnellen Berliner Rennen brauchen die Fahrer Kraft. Allein in den ersten vier Stunden war die Durchschnittsgeschwindigkeit 40 km. Die 145. Stunde des Rennens schlug mit 46,310 km Bahnrekord. Aber durch die Prämienspurts flaute das Tempo ab und ging bis auf 19 km herunter. In der Neutralisation bis auf 7 km. In der zweiten Nacht war das Durchschnittstempo nur noch 35 km. "Schlappe Kerle, die deutschen Fahrer", ärgerte sich Walter Rütt, Alt-Steherweltmeister und Sieger in elf Sechs-Tage-Rennen. Als stellvertretender Rennleiter holte er am "Tag der weichen Birne" jede Mannschaft in den Nudeltopp zurück, die sich verkrümelt hatte.
In seiner freien Zeit sammelt Walter Rütt Material über die Geschichte der Sechs-Tage-Rennen. Sein Stolz ist ein Stahlstich von 1879 vom ersten Sechs-Tage-Gehen in London Das war der Anfang. Dann kam Sechs-Tage-Rollschuh-Laufen. 1896 startete das erste richtige Sechs-Tage-Rennen in Amerika. Jeder Fahrer fuhr einzeln - 145 Stunden lang.
Inzwischen sind in den USA die Sechs-Tage-Rennen fast veraltet. Man fährt jetzt vierzehn Tage mit gemischten Mannschaften, Damen und Herren. Auch die Rollschuhrennen sind drüben wieder große Mode. "Wenn ich einen Finanzier finde", meint Walter Rütt unternehmungslustig, "mache ich hier auch eine Rollschuh-Rennbahn auf."
Original Krücke resigniert: "Dies ist mein letztes Rennen. Dann sterbe ich."
*) Zwei Fahrer bilden eine Mannschaft. Sie wechseln sich auf der Bahn ab. Von 6 bis 12 Uhr vormittags wird ohne Wertung gefahren: "Neutralisation".
**) 1934 wurden die Sechstage-Rennen von Innenminister Frick wegen "Unsportlichkeit" verboten. Die letzten Sieger waren Lohmann-Rausch.

DER SPIEGEL 50/1949
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