15.12.1949

In diesem Jahre Weizen

Fünfzig Meter hinter Lübecks Bucht-Brandung will Bauer Detlef Ploen aus Sierksdorf in seiner Ostsee-Gästepension jetzt privatisieren. Gleich dahinter liegt der Ploensche Hof. Der hat seinen Besitzer die parteipolitische Dorfkarriere als CDU-Bürgermeister gekostet.
Detlef Ploen meint, das habe die SPD getan. In Wirklichkeit war es ein anonymer Brief. Mit stilistisch-niveauvollen und orthographisch einwandfreien Sätzen war er von einer "Sierksdorf-Bürgerin" an den Gemeinderat gerichtet.
Karl Odenthal, Haupt der Vier-Männer-SPD-Fraktion neben sechs CDU-Rats-Herren erfuhr davon. Bürgermeister Detlef Ploen wurde darin Grabschändung vorgeworfen. Gemeint war Ploens Drei-Angel-Acker.
Die anonyme Hand wollte wissen, daß dort zwischen Mai und August 1945 KZ-Häftlinge in Massengräbern beerdigt worden seien. Das habe Detlef Ploen jedoch nicht gehindert, den Acker mit Kohl zu bebauen.
Zwei Tage nach Briefeingang, am 25. November, saßen die Ratsmitglieder in Johannes Buchholz' wintereinsamen Ostseefremdenheim. Hauptpunkt der Tagesordnung: Drei-Angel-Acker.
Vorm Dorfkabinett nebst Zuhörern wurde der Brief verlesen. Bis zum Sitzungsende blieben Ploens Lippen verschlossen. Danach öffnete sie ein "Lübecker Nachrichten"-Korrespondent. Ihm gab Ploen für die Presse zehn bis zwanzig Leichen frei.
Die besuchte er zwei Nächte darauf im Dunkel zwischen Sonnabend und Sonntag. Dazu schaufelte er ein Loch in seinem Acker. 1,25 m tief, 1,75 m lang. Um es dem ministeriell Beauftragten Willi Neumann am Montag mit den freigelegten Knochenresten von ein oder zwei Toten zu präsentieren.
"Gegen das ausdrückliche Verbot des Landrats, ohne meine Zustimmung etwas an dem Feld zu verändern", ist Karl Odenthal in seiner winterfest gemachten Sommersitz-Villa empört.
Man hatte ihn zum Vorsitzenden eines Untersuchungsausschusses gewählt. CDU-Gegenkandidat Siedler Schwarzburger kam nicht durch. Ihm fehlte Ploens Stimme. Zwei CDU-Ratsmitglieder waren bei der Wahl ohnehin nicht anwesend. So stand es 4:4. Odenthal fuhr dazwischen. "Herr Ploen, in dieser Angelegenheit können Sie nun wirklich nicht mitstimmen!" Ploen nahm die Hand wieder herunter. 4:3 für Odenthal.
Die Polizei zeigte sich jetzt auch interessiert. 29 Zeugenaussagen rollten bereits über ihre Schreibmaschinenwalzen.
Ergebnis: Zwischen Mai und August 45 wurden mit Ploens Kastenschlitten 89 Tote auf dem Drei-Angel-Acker beerdigt. 1,05 m unter Ploens Kohl.
Der inzwischen zurückgetretene Bürgermeister Detlef Ploen bestreitet den Kohl: "Im vergangenen Jahr ist Hafer drauf gegewesen, in diesem Jahre Weizen".
Ausschußhaupt Odenthal dagegen sagt: "Ploen hat die Leichen als Dung benutzt. Das ist nicht nur ein grobes Desinteressement, sondern auch Grabschändung." Außerdem will er auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinaus.
Es handelt sich größtenteils um ertrunkene KZ-Häftlinge von der kurz vor Kriegsende in der Lübecker Bucht versunkenen "Cap Arkona". Der Ostwind trieb die Unglücklichen an Ost-Holsteins Bäderstrand.
Die eben angerückten Besatzungsengländer ordneten sofortige Bestattung an. In Sierksdorf gab es keinen Friedhof. Aber Ploens Drei-Angel-Acker war damals Weide Sie wurde zum Massengrab.
Ein solches Grab wieder als landwirtschaftliche Fläche zu nutzen, hält Odenthal den Angehörigen der Toten gegenüber für ein Unmenschlichkeitsdelikt.
Dr. med. Diekmann weiß als ortsansässiger Arzt auch von Einzelgräbern am Strand. Erst kürzlich ragte ihm aus dem Sand eine Hand entgegen.
Hamburgs VVN ist mit der Wasserleichen-These nicht zufrieden. Sie beanstandet die Untersuchung durch örtliche Landpolizei. "Wenn ein einzelner ermordet wird, kommt sofort die Mordkommission. Weshalb kommt sie in diesem Fall nicht?"
Untersuchungs-Chef Odenthal kann sich damit nicht mehr befassen. Er hat den ganzen Vorgang in seiner gelben Mappe mit dem rotunterstrichenen Titel "KZ-Gräber in Sierksdorf" auf die Kieler Regierungstische befördert und betrachtet seine Mission als erledigt.
Sein Vorschlag, die Gemeinde solle den Drei-Angel-Acker von Ploen ankaufen und zum Ehrenfriedhof machen, zerbrach an Detlef Ploens hartem Holsten-Schädel.

DER SPIEGEL 51/1949
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