29.12.1949

Unschuldig sitzen

Mutter Schade in der Bremer Reiherstraße 27 konnte Heiligabend vor Aufregung rein nichts finden. "Ihr Sohn Richard braucht schnellstens einen Anzug", hatten die beiden Herren von der Zeitung, die bei Schades vorsprachen, gesagt. "Wir holen ihn mit Bernhard Schubert aus dem Oslebshausener Gefängnis ab. Die Jungen bekommen acht Tage Weihnachtsurlaub."
Die Anzüge, in denen die Schlosserlehrlinge Schade und Schubert nach ihrer Verurteilung zu 20 Jahren Gefängnis im Juni 1948 eingeliefert worden waren, hingen nämlich in der Strafanstaltskammer. Der Kammerverwalter saß schon daheim unterm Weihnachtsbaum. Niemand wußte, wo die Schlüssel lagen. Verleger Walter Schünemann und Chefredakteur Walter Gong von den "Bremer Nachrichten mit Nordsee-Zeitung" verabschiedeten sich mit Ersatz-Anzügen bei Mutter Schade und rauschten in Gongs Volkswagen davon, daß in dem düsteren Viertel dicht am Oslebshausener Bahndamm die Katzen auseinanderstoben.
Hier, in unmittelbarer Nähe, hatte vor fast drei Jahren, am 6. Februar 1947, kurz vor der mitternächtlichen Sperrstunde, der amerikanische MP-Soldat French Eskew mit abgefahrenen Beinen und einer tiefen Stirnwunde auf dem Gleis gelegen (vgl. SPIEGEL 26/49). Er hatte einen haltenden amerikanischen Lebensmittelzug zu bewachen gehabt. Schade und Schubert waren in Verdacht geraten, bei dem Zugraubzug den Amerikaner niedergeschlagen zu haben. Die ehemalige Geliebte der beiden, Brunhilde Pühl, hatte als Kronzeugin ausgesagt, sie habe das Handgemenge aus der Nähe beobachtet. Am 11. Juni 1948 wurden Schubert und Schade vom Bremer Obersten Militärgericht wegen Totschlages zu je 20 Jahren Gefängnis verurteilt.
Als am 6. März 1949 das vierte Revisionsgesuch der Verteidiger abgelehnt worden war, machte sich Kriminalreporter Werner Marquardt von der "Nordsee-Zeitung" daran, die Unschuld der Verurteilten nachzuweisen. Die Kronzeugin Pühl gestand ihm schließlich, daß sie aus Furcht vor härterer Bestrafung die ehemaligen Freunde falsch beschuldigt habe. NZ-Chef Walter Gong veröffentlichte unter dicken Schlagzeilen im Juni 1949 das Entlastungsmaterial.
US-Landeskommissar Jeffs versprach zwar Unterstützung, aber das Appelationsgericht in Nürnberg erklärte sich wegen Neuordnung der Rechtsverhältnisse für nicht zuständig. Landeskommissar Jeffs bildete einen deutsch-amerikanischen Untersuchungsausschuß. Er vernahm persönlich die umgefallene Kronzeugin Pühl.
Weihnachten nahte. Die Bremer Kirche reichte ein Bittgesuch ein. Immer noch waren Schade und Schubert im Gefängnis. Am 23. Dezember kam Mutter Schubert verweint in die Redaktion der "Bremer Nachrichten mit Nordsee-Zeitung", wie Reporter Marquardts Blatt nun hieß, und klagte: "Die dritte Weihnacht, die mein Junge unschuldig sitzen muß." Chef Gong und Marquardt beratschlagten.
Spät abends, kurz vor Redaktionsschluß kam die Idee: Ein offener Brief an Jeffs mit der Bitte um Weihnachtsurlaub für die Verurteilten. Verleger Walther Schünemann war bereit, 5000 DM Kaution zu stellen, und die Redakteure wollten umschichtig zu zweien in der Weihnachtswoche ins Gefängnis gehen. So stand es Heiligabend dreispaltig in den "Bremer Nachrichten mit Nordsee-Zeitung".
Gegen 18 Uhr klingelte bei Gongs in der Emmastraße das Telefon. Die Dienststelle des Landeskommissars bestellte, daß Schade und Schubert um 19 Uhr aus dem Gefängnis entlassen würden und bis 2. Januar, 9 Uhr, Urlaub hätten. Auf Kaution und Sitzredakteure verzichtete Landeskommissar Jeffs.

DER SPIEGEL 53/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 53/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Unschuldig sitzen

  • Mary Cain über Nike-Programm: "Ich wurde körperlich und emotional missbraucht"
  • Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber
  • Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten