05.01.1950

SOWJETZONEFür Stalin und für Dich

Zur Sicherstellung ihres geistigen Schöpfersolls werden die Zeitungsredakteure der Sowjetzone mit sofortiger Wirkung an eine Arbeitsraison des Arbeiters der Stirn gewöhnt: Aus ist es mit dem individuellen Flitz des Journalistenstandes. Der Zeitungsarbeiter der Stirn muß bei Betreten und Verlassen der Redaktion die Stempelkarte stecken. Das gilt für alle.
Mit einer Ausnahme: Professor Wolfgang Harich, Zimmer 99, 2. Stock "Tägliche Rundschau", Berlin - Friedrichshain. Bei Sowjets amtlicher "Zeitung für Politik, Wissenschaft und Kultur" macht Wolfgang Harich, einziger Deutscher im sonst russischen Stab, die Kultur.
Professor Harich ist 26 und Dozent für historischen Materialismus an der ostsektoralen Humboldt-Universität. Mutig löst er die synthetischen Schwierigkeiten, gleichzeitig Journalist und Professor zu sein. Mit elegantem Schwung formuliert er den Satz voll wissenschaftlicher Stichhaltigkeit so, daß "jeder einfache Arbeiter solche Artikel lesen und verstehen kann."
Z. B. "... diese Elaborate waren aus den komplizierten und widerspruchsvollen Propagandabedürfnissen der anglo-amerikanischen Bourgeoisie entstanden, die ihren internen imperialistischen Interessentengegensatz zur deutschen Bourgeoisie mit antifaschistischen Prätentionen tarnte ..."
Allerdings, er sagt es selbst: er würde noch bedeutend flüssiger schreiben können, wenn "der deutsche Leser so weit wäre, wie der viel gebildetere sowjetische Leser".
Der Hang zum Komplizierten ist Harichs väterliches Erbteil. Vater Walter verfaßte erst Biographien über E. T. A. Hoffmann und Jean Paul, ehe er merkte, daß mit Kriminalromanen mehr Geld zu verdienen ist. Trotzdem wollte Sohn Wolfgang eine brotlose Kunst erlernen. Er studierte zwei Semester Philosophie.
Kurze Zeit später tauchte bei Empfängen der japanischen Botschaft stud. phil. Harich als Intimus des Admirals Nomura auf. Er wurde fanatischer Buddhist.
Ribbentrops Auswärtigem Amt wurde der Vorschlag einer deutsch-japanischen Zeitung zur Festigung der Achse Berlin-Tokio unterbreitet. Eingereicht von Wolfgang Harich.
Die Wartezeit vertrieb sich Wolfgang Harich mit galanten Abenteuern in der besten Berliner Gesellschaft. Das machte ihm die SED später zum Vorwurf. Aber Harich interpretierte den Genossen seine Intimitäten philosophisch: "Ohne Klatsch und eine morbide Gesellschaft, die ihn immer mit neuem Stoff nährt, möchte ich nicht leben. Ich brauche das Hochstaplertum, um in die richtigen Sachen hineinzukommen. Ohne Hochstapelei wäre ich nie der Vertraute Michi Tanakas geworden."*)
Ueber den Weg seiner Berliner Chronique d'amour verbinderte ein General Verhängung und Vollstreckung eines Fahnenfluchturteils, als Grenadier Harich 1944 im Torgauer Wehrmachtsgefängnis das Ende der Zeiten abwartete.
Mit dem Ende der Zeiten und der aktuellen weltanschaulich-philosophischen Neuorientierung vollzog Wolfgang Harich die innere Wendung von Buddha zum Stuhl Petri: "Die katholische Auffassung ist immer und stets die allein maßgebliche gewesen, nicht nur für mich, sondern an sich überhaupt", sprach Wolfgang Harich in das geistige Streitgesprächmikrofon des Berliner Rundfunks.
Doch konvenierte ihm die einem katholischen Intellektuellen angemessene Tätigkeit als Kritiker an bürgerlichen Blättern ("Kurier") nur bedingt und begrenzt. Also ruck-zuck die Wendung zum Revolutionär, Harich prägte das Wort "Ein Revolutionär muß immer auf den Sieg hoffen" und vollzog den Uebertritt in das Lager, aus dem es bei lebendigem Leibe keine Konversation mehr gibt. Mangels
Alternative ist er Kommunist geblieben, als hauptamtlicher Ideologe.
1200 DM-Ost monatlich ist den Sowjets Harichs Sophistik wert, die ihr Meisterstück in einer Diskussion "Ueber die Russen und über uns" präsentierte:
Eine bestellte Frau fragte in die Diskussion im Haus der Sowjetkultur, wie sie am besten die seelischen Wunden, die ihr die sowjetischen Soldaten zugefügt hätten (d. h. Vergewaltigung), überwinden könne. Alle wichen dieser Frage aus. Harich schritt ans Rednerpult. Ohne abzustreiten, daß Vergewaltigungen vorgekommen waren, sagte er: "Warum gibt es denn in der Welt nur eine Art von Trauma? Haben nicht Zehntausende und Hunderttausende von Frauen ein Trauma, einen Schock erlitten, in jenen fürchterlichen Brandnächten, als die amerikanischen Bomber uns alles zerstörten? Warum spricht man nur von Trauma der Begegnung mit dem sowjetischen Soldaten? Weil dieses Trauma von bestimmten Stellen bewußt immer erneut aufgewühlt wird, damit keine menschliche Beziehung zu Rußland und seiner großen humanistischen Kultur wiederhergestellt wird."
Trotz seiner Bindungen an die "Tägliche Rundschau" der Sowjets blieb er allerdings den Vergnügungen der morbiden Gesellschaft des Westens gewogen. Beim Maskenfest des Pressefotografen Bob Klebich in Wilmersdorf tanzte er mit Hannelore Schroth in Maske. "Ich lebe nur noch Stalin und für Dich", schrieb er am Tage darauf an Hannelore Schroth. Seine Versuche, sie zum Stalinismus zu bekehren, waren von dem Erfolg gekrönt, daß Hannelore Schroth sich mit Mutter Käthe Haack und dem ganzen Künstler-Anhang verfeindete.
Harich selbst spricht zuweilen über dieses Intermezzo. Die Selbsterkenntnis, daß "einer meiner Fehler z. B. darin besteht, daß ich über gewisse Menschen, an sich nicht gerade wertlose, die Schale des maßlosen Spotts und Zorns ausgieße", ist für ihn kein Schritt zur Besserung.
Sein unmotivierter Hohn hat sich schon deswegen auf die Dauer als bekömmlicher erwiesen, weil er weniger Fallen stellt, als die exakte Kritik und Dialektik. Selbst die Gewitztheit eines Zauberlehrlings vom Schlage Harich ist nämlich nicht gefeit gegen die Fallstricke der Geister materialistischer Dialektik, die er rief. Beispiel. In der Wochenzeitschrift "Theater der Zeit" kritisierte der Moskau-Emigrant Fritz Erpenbeck Bert Brechts "Mutter Courage". Harich fühlte sich berufen, in der "Weltbühne" Bert Brecht gegen Erpenbeck beizustehen: "Erpenbecks Kritik zeigt, daß er kein klares marxistisches und dialektisches Denken hat". In der nächsten Nummer der "Weltbühne" wurde Wolfgang Harich amtlich von S. Altermann, russischem Theaterkritikerkollegen der "Täglichen Rundschau", abgekanzelt. "Der Kampf gegen die Züge von Dekadenz und Formalismus im Schaffen dieser Künstler (Brecht) braucht Zeit, kritische Selbstkontrolle und eine wahrhaft kameradschaftliche, schöpferische Diskussion. Eine Kritik, die aus Geschrei und maßlosen Lobeshymnen besteht, wie es bei Harich leider der Fall ist, ist hier kein wirksames Mittel."
Das sind die gefährlichen ideologischen Plänkeleien, mit denen weniger intellektuelle Partei-Proletarier den nächst Harich hoffnungsvollsten Nachwuchsideologen der SED, Wolfgang Leonhard, nach Belgrad scheuchten.
*) Einen anderen Fall, in dem eine Frau Wolfgang Harich nahe trat, kennen die SPIEGEL-Leser aus Nr. 52/49: Schauspielerin Dorsch, durch höhnische Kritik gekränkt, ohrfeigte Kritiker Harich.

DER SPIEGEL 1/1950
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