12.01.1950

FILMKREDITAm seidenen Faden

Die schalldicht gepolsterten Konferenzsaal-Türen des bayrischen Wirtschaftsministeriums blieben fest geschlossen. Die "Filmfinanzierungsgesellschaft m. b. H." schlüpfte fast unbemerkt ins westdeutsche Filmleben. Mit 100000 DM Stammkapital und sechs Münchener Banken als Paten.
In einem Siebzehn-Zeilen-Kommuniqué proklamierte sich die Gesellschaft als "Kristallisationszentrum", das Kreditkristalle in die sieche, zersplitterte bundesdeutsche Filmproduktion hineinpumpen will.
30 westdeutsche Gesellschaften brachten im vergangenen Jahr 56 Filme heraus. Die Hamburger Real-Film kam der ostzonalen DEFA-Spitze von 12 Filmen am nächsten: mit sieben Streifen. Comedia und Camera brachten je vier, Rolf Meyers Junge Film-Union und die Düsseldorfer Euphono schafften je drei. Viele Gesellschaften verbrachten die 12 Monate 1949 nur planend.
Die Münchener Zelluloidverantwortlichen hegten den (nie ganz offen ausgesprochenen) Verdacht, daß mit dieser finanziellen auch eine politische Kristallbildung verknüpft war. "Damals liefen wir auch in die goldenen Schlingen der monopolisierten und zentralisierten Filmkreditwirtschaft aus Goebbels' Aera. So fing es an", argumentierten die Geiselgasteiger argwöhnisch.
"Alle Ansätze zur monopolistischen Kreditgebung sind von vornherein ausgeschaltet", gegenversicherten Bundes-Ministerialrat Zehler und Wilhelm Kilchert, der Geschäftsführer der Filmfinanzierungsgesellschaft. Und mit einem Augenzwinkern: "Das Kultusministerium hat damit gar nichts zu tun. Das ist ja eine rein wirtschaftliche Sache".
Wilhelm Kilchert müßte es wissen. Er ist einer der wenigen Vertreter der noch ziemlich neuen Branche der Filmjuristen. Zusammen mit dem deutschen Jus-Matador des schwierigen "Lex-Ufa"-Komplexes, Dr. Eugen Krämer, unterhält er eine exquisite Filmpraxis gegenüber dem Münchener Regina-Hotel. Er kennt beide Seiten des verzwickten Filmfinanzierungs-Geschäftes. Von der Bankiers- und der Produzentenperspektive aus.
Der frühere Chefsyndikus des Wiener Bankhauses Rothschild und seiner Nachfolger Nicolai & Co. läßt sich nichts vormachen über die wirkliche Finanzlage des westdeutschen Films. Er formuliert noch diplomatisch, wenn er feststellt: "Die Tendenz der Geldgeber, sich vom Filmfinanzierungsmarkt abzuwenden, wurde in letzter Zeit immer stärker. Ich kann Ihnen sagen, es hing mehrmals am seidenen Faden. Beinahe wäre es nie zu der Filmfinanzierungsbank gekommen."
Kreditverhandlungen zogen sich über Monate hin und zerschlugen sich oft. Die Bedingungen wechselten ständig. Nur die Zinsen blieben konstant: 8 bis 15 Prozent. Das soll jetzt anders werden. Genau wie, weiß Wilhelm Kilchert auch noch nicht Nur soviel steht fest:
"Die Filmfinanzierungsgesellschaft", verrät Kilchert, "wird erst dann in die Bresche springen, wenn ein Produzent 50 Prozent seines Geldbedarfs aus eigener Initiative aufbringt. Und wenn der Film in der mittleren Preisklasse, also bis zu 800000 DM liegt."
Auf risikoreiche und kostspielige Groß- oder Experimentierfilme will sich die Gesellschaft nicht einlassen. "Dagegen soll (durch Gewinnbeteiligung) ein Fonds für künstlerisch wertvolle Filme geschaffen werden, die dann nicht unbedingt ihr Geld einspielen" sagt Kilchert. "Aber wir müssen uns dranhalten, es ist genug Zeit vertrödelt worden."
Wilhelm Kilchert übertreibt nicht. Im vergangenen Jahr standen die 56 westdeutschen Filme gegen eine drei- bis vierfache Uebermacht von ausländischen Streifen. Auch die Klamotten aus der großdeutschen Filmkiste warben in hartem Ringen um die D-Mark-Gunst des Publikums.
Sie ließ merklich nach In Hamburg setzten sich von den 20 Millionen des Jahres 1948 nur noch 16 Millionen im Jahre 1949 vor die Leinwand.
Hollywood ist entschlossen, Deutschland wieder zu seinem zweitbesten Auslandskunden zu machen. Insgesamt sind für 1950 300 ausländische Filme auf dem deutschen Spielplan notiert.
Das reicht. Nach Expertenrechnung ist Westdeutschlands Filmmarkt mit 180 Streifen saturiert. Die Filminflation steht vor der Tür.

DER SPIEGEL 2/1950
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