12.01.1950

ZITHER / MusikSo was Exotisches

Er machte die verwöhnten Neujahrsgäste vor Vergnügen wild" schrieb das Londoner Sonntagsblatt "People" über Anton Karas. Mit einer einfachen Zither.
Seit der unerhört gekonnte Film "Der dritte Mann" (s. SPIEGEL Nr. 40/1949) im September anlief, hat die Zither England berückt, als hätte die heilige Cäcilia ein neues Instrument erfunden. Dabei war das Zupfbrett vor Jahrhunderten auch in England heimisch.
"Der dritte Mann" wird ausschließlich auf der Zither begleitet. Diese Idee kam dem Regisseur Carol Reed durch Zufall Trotzdem gibt es keinen der sie nicht großartig findet.
In der Nähe des Wiener Studios, in dem Reed für den "Dritten Mann" arbeitete, gab es ein kleines Heurigenlokal. Die englischen Filmleute gingen dort öfters zu einem Schoppen hinüber. Wobei sie auch einen kleinen bescheidenen Zitherspieler hörten. Anton Karas. Und Reed fiel ein: Man könnte einen Wiener Film auf diesem Instrument begleiten lassen Solo.
Karas wurde nach England gebracht. Dort wurde wochenlang probiert. Schließlich einigte man sich auf zwei Melodien, vor zehn Jahren von Karas komponiert und unzählige Male vor Wiener Weintrinkern gespielt. Wofür ihm diese ein paar Schillinge in die Mütze warfen.
Die englische Kritik war begeistert. So etwas Exotisches! Das Instrument war so wenig bekannt, daß ein Rezensent (oder der Druckfehlerteufel) es den "Zephyr" nannte.
Heute kennt es in England jedes Kind. Jede zehnte Karikatur befaßt sich mit der Zither Und Grammophonplatten mit dem "Harry-Lime-Thema" wurden zu Hunderttausenden verkauft. Harry Lime ist die späte Hauptfigur in "Der dritte Mann". Orson Welles spielt ihn.
Ursprünglich hatte keine Firma von Karas, dem Zitherspieler, etwas wissen wollen. Aber immer wieder kam es vor, daß in den Geschäften gefragt wurde: "Haben Sie nicht die Melodie aus dem 'Dritten Mann'?"
Die namen- und wortlose Melodie wurde dann richtig nach Harry Lime benannt. An jeder Straßenecke in London wird sie gepfiffen. BBC spielte sie am Anfang manchmal viermal am Tage. Jetzt hat sie einen Ukas erlassen, der so etwas verhindert.
Karas selbst ist in London. Nach seinem ersten Aufenthalt in der englischen Hauptstadt war er in sein Heurigenlokal zurückgekehrt, um weiterzuspielen und Schillinge zu sammeln. Dort erfuhr er dann zuerst von seinem Ruhm.
Er wollte es nicht recht glauben. Aber es ärgerte ihn, als niemand ihm mehr einen Schilling hinwarf. Man traute sich einfach nicht, einer Weltberühmtheit Trinkgeld anzubieten.
Karas wurde nach Zürich geholt und trat dort in dem Kino auf, in dem der "Dritte Mann" anlief. Die Begeisterung der nüchternen Schweizer, die den Unterschied zwischen Zither und Zephyr schon von früher kannten, hielt sich in Maßen.
Dann engagierte ihn einer der exklusivsten Londoner Nachtklubs, der "Empress Club". Frau Karas und Tochter blieben in Wien, Anton Karas aber zupft nun seit vielen Wochen im "Empress Club", vor Gästen, die für einen Abend zehn oder zwanzig Pfund (120 oder 240 DM) wie nichts springen lassen.
Der Klub ist so maßlos fein, daß die Dame, die für ihn Verbindung mit der Presse aufrechterhalten soll, schwerer zu erreichen ist als der Privatsekretär von Attlee oder Churchill. Sie hat so viel zu tun. Zu den Gästen des "Empress Club" gehört sogar Prinzessin Margaret. Sie hat Karas schon öfter gehört. Das erste Mal trat er vor der Königsfamilie bei der alljährlichen Varieté-Hofvorstellung auf, mit vielen anderen Prominenten.
Den schlichten braunen Anzug aus Wien hat er durch ein Produkt von Savile Row, der Straße der besten Londoner Schneider, ersetzt. Es hat die saloppe Eleganz, die der Engländer liebt.
Im Grunde seines zitherigen Herzens langweilt das "Harry-Lime-Theater" Karas bereits tödlich. Er weiß auch, daß sein Ruhm aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von Dauer sein wird. Die Zither ist eine Mode, nichts mehr.
Aber er nutzt seine Konjunktur aus. Bald wird es Platten mit neuen Originalkompositionen von Karas geben. Auf der Zither gespielt. Und in einiger Zeit geht es nach Amerika. Für die New Yorker Premiere des "Dritten Mannes" wird "persönliches Auftreten" von Karas zugesagt.

DER SPIEGEL 2/1950
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