23.02.1950

ABSTRAKTE / MALEREIKraftvoll greift die Jugend

Georg Meistermann zupfte leicht verlegen an seinem weißen Wollschal. Die Pressefotografen schoben ihn, den ersten Preisträger des "Deutschen Kunstpreisausschreibens 1949", im Lichthof des Münchner Art Collecting Point vor seinem preisgekrönten Bilde "Der neue Adam" hin und her.
Man wünschte ihn lächelnd - wie es sich für einen Mann gehört, dem 4200 DM und eine Amerika-Reise zugefallen sind. Man wünschte ihn tief grüblerisch - wie man es vom Schöpfer eines Bildes von der Art des "neuen Adam" erwarten zu müssen meinte.
"Vielleicht hängen sie mir den 'neuen Adam' noch um den Hals", murmelte der Preisgekrönte. Doch ließ er, 38jährig, Schüler des Bundestags-Phönix-Schöpfers Professor Mataré, auf modernen Kunstausstellungen seit langem auffallend vertreten, gutartig alles mit sich geschehen.
Amerika-Haus-Direktor Stefan P. Munsing, trotz seiner jovialen Fülle und seiner immer noch rührenden deutschen Aussprache unermüdlicher Motor in der Isar-Kunstmetropole, hat sein Prinzip "Publicity muß sein" als auflockerde Hefe in den sonst ziemlich zähen Teig des Münchener Ausstellungswesens getan. Vier große Ausstellungen organisierte er in den vergangenen Monaten.
Darunter war die zuerst in Zürich gezeigte Schau "Kunstschaffen in Deutschland" (s. SPIEGEL Nr. 27/1949). Es folgten "Deutsche Architektur seit 1945", das "Kunsthandwerk des Orients" und "Französische Architektur". Er brachte nicht nur Werke und Künstler nach München, er richtete auch jede Ausstellung selbst ein.
Dr. Ludwig Grote, der Kunstschriftsteller, dessen Namen Studenten der Kunstgeschichte mit Verehrung aussprechen, sagte, mit Seitenblick auf städtische und staatliche Musenpfleger: "Wenn man bei uns doch nur nicht so fein wäre. Die bildenden Künste können es sich nicht länger erlauben, in selbstgewählter, vornehmer Zurückhaltung zu verstauben. Wirbel muß sein. Der Erfolg zeigt, wie recht die Amerikaner haben."
Das Kunstpreisausschreiben 1949 hatte Blevin Davis eingefädelt. Mr. Davis, in Independence, Missouri, Nachbar von Präsident Harry S. Truman, vertritt eine in Mitteleuropa so gut wie ausgestorbene Menschengattung: den Kunstmäzen.
Er brachte die Negerstudenten - Truppe der "Howard-Players" (s. SPIEGEL Nr. 48/1949) auf die Bühne, und im September 1949 hinterlegte er, nach einem Deutschlandbesuch, einen fünfstelligen Dollarscheck bei der amerikanischen Hohen Kommission. Zur Förderung junger deutscher Maler und Graphiker durch einen preislohnenden Wettbewerb.
Die Teilnahmebeschränkung richtete sich nur gegen ein Uebergewicht der "Alten": "An diesem Preisausschreiben können alle deutschen Kunstmaler im Alter von 18 bis 40 Jahren teilnehmen."
Dafür stellten die "Alten" mit dem Professorenpaar willi baumeister und Ewald Mataré zwei gewichtige Mitglieder der aus fünf Nationen besetzten zehnköpfigen Jury. Der Direktor des Berner Internationalen Kunstmuseums, der Paul-Klee-Intimus Prof. Max Huggler, der Grenobler Jean Leymarie, der Amsterdamer Museumsdirektor H. C. L. Jaffe und der in Rom lebende amerikanische Maler Henry Varnum Poor brachten Internationalität ins Preisrichterkolleg.
Ehe die Jury um die letzten Zehn, um die Preisträger diskutierte, hatte sie schon in der ersten Sichtung in vier Tagen und vielen Nachtstunden aus den 3649 Einsendungen 771 herausjuriert. Dabei genügte eine der zehn Preisrichter-Stimmen, um ein Werk im Wettbewerb zu halten.
Beim nächsten Gang mußte jedes der 771 Werke zwei Stimmen für sich haben. 386 Bilder schafften es. Bei der nächsten Runde - drei Stimmen brauchte jetzt jedes Bild - blieben nur 192 übrig. Man einigte sich rasch auf die 175 Ausstellungsstücke.
In einem geheimen Wahlgang, bei dem jedes Jurymitglied zehn Bilder nennen mußte, reduzierte man auf 38. Dann wurde ausgesiebt: die Bilder mit nur einer Stimme, mit zwei, mit drei Stimmen fielen aus. Ueber die Endreihenfolge wurde abgestimmt. Man einigte sich fast immer einstimmig.
Nach dem ersten Preisträger Meistermann wurden Leonhart Wuellfahrt-München mit seinem "Almabtrieb" und Max Imdahl aus dem westfälischen Beckum mit seinem "Schmerzensmann" die nächsten beiden. Je 2940 DM bekamen sie, dazu eine Reise, nach Paris bzw. nach Rom.
Von Meistermanns "neuen Adam" war im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung alsbald als einer "symbolischen abstrakten Malerei in Oel mit religiösem Motiv" die Rede. Wuellfarths preisgekrönter "Almabtrieb" war als "pastorale Oellandschaft in typisch bayrischer Auffassung" angesprochen. Dies war die Uebersetzung der US-Verlautbarung über das Ergebnis des Kunstwettbewerbs.
Als die kunstfreudige "Neue Zeitung" eine Schwarz-Weiß-Reproduktion des "neuen Adam" veröffentlichte, mußte sie einige unfreundliche Leserbriefe einstecken. Aus diesem in starken Farbkontrasten komponierten Bild lassen sich religiöse Motive nur mühsam herausdeuten und manche Betrachter haben überhaupt Mühe, etwas herauszudeuten. Ein Leser zog den kühnen Schluß: "Der neue Adam - der neue Adolf."
"Die Ausländer", erzählte Jury-Mitglied Dr. Grote post festum, "suchten die Eigenart, das Ungewöhnliche. Sie plädierten besonders für Imdahls "Schmerzensmann". (s. Bild)
Max Imdahl, der Maler des "Schmerzensmannes", ist mit seinen 24 Jahren der jüngste Preisträger. Er ist Autodidakt. Hauptberuflich studiert er Kunstgeschichte und Archäologie.
Das Extrakt ihrer Arbeit faßte die Jury in neun Absätzen zusammen. Stefan Munsing ließ sie in Kunstschrift auf weiße Leinwandtafeln für den Vorraum des Ausstellungs-Lichthofes aufmalen.
Die "geistig-künstlerische Situation der jungen deutschen Maler und Graphiker" wird darin so gekennzeichnet: "Die Bemühung um einen strengen Bildaufbau ist bei allen zu beobachten. Kraftvoll greift die Jugend die bildhaften Probleme der Fläche auf, was zur Folge hat, daß die begabten Teile mehr und mehr in das abstrakte Lager drängen".
Unter den zehn preisgekrönten Werken ist nur eines, das sich als "gegenständlich" katalogisieren läßt: das Strandbild von Hermann Bachmann. Das Verhältnis 9:1 für abstrakt gilt auch für die gesamte Ausstellung.
"Die Arbeiten mit religiösen Themen mußten fast alle ausgeschieden werden, weil sie entweder ohne Ernst und tieferes religiöses Gefühl angefaßt waren oder weil die künstlerischen Mittel im Unzulänglichen stecken blieben ...
"Das Genrebild wurde fast stets oberflächlich aufgefaßt und ebenso dargestellt. Soziologische Motive, gesellschaftskritische Themen, Kriegsbilder, Ruinen oder sogenannte 'Elendsmalereien' waren bemerkenswerterweise nur ganz vereinzelt vorhanden. Landschaft, Stilleben und Porträt scheinen auch nicht mehr im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses zu stehen".
"Es zeigt sich also, daß für die hier vertretene Jugend alle traditionellen Themen als solche keinen fruchtbaren Boden mehr abgeben. Man empfindet ein deutliches Schwanken, ein Suchen nach neuen Dingen, neuen Ausdrucksformen ... Eine ansehnliche Anzahl von jüngeren Künstlern ist der Gefahr abstrakter Scharlatanerie nicht entgangen ..."
Und dann wendet die Jury sich gegen die Akademien: "Man hat nach unseren Beobachtungen den Eindruck, daß die Akademien völlig unbeteiligt neben dem Strom der Zeit stehen und wenig Verdienst mehr um die qualitätsvolle Malerei der heutigen Jugend besitzen ...
"Und gerade angesichts der Freude über eine beträchtliche Anzahl hoffnungsvoller und echter Leistungen fühlen wir uns verpflichtet, das Problem der Akademiereform auf das dringlichste und mit allem nur möglichen Nachdruck zu stellen."
Drei Wochen hat die Jury für ihre Arbeit des Betrachtens, Wertens und Aussiebens von Bildern gebraucht. Dr. Grote gestand: "Wir sind jetzt alle ferienreif".

DER SPIEGEL 8/1950
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