16.02.1950

KRIEGSPROPAGANDA / INTERNATIONALESAus Hitlers Fehlern lernen

Im Kriegsfall wäre unsere Luftwaffe das einzige sichere Verbindungsmittel zwischen den Sowjetvölkern und uns. Von der Art, wie wir die Luftwaffe einsetzen, würde es abhängen, ob die Sowjetmillionen unsere Verbündeten oder Moskaus Verteidiger sein würden."
Drei Jahre Leitung des US-Kriegsinformationsamtes in Europa und Studium der deutschen Erfahrungen im Ostfeldzug verhalfen Wallace Carroll zu dieser Erkenntnis. Sie seinen amerikanischen Zeitgenossen zu vermitteln, opferte die Millionen-Illustrierte "Life" sechs Seiten ihres kostbaren Raumes.
"Wir wissen, wie die Russen bei Stalingrad die Deutschen stoppten. Aber wie schafften es die Deutschen, dorthin zu gelangen?" Für Carroll ist diese Frage "ein noch ungeschriebenes Kapitel der Geschichte des letzten Krieges". Wie eine Neuentdeckung schildert er den "Life"-Lesern die damalige Bereitschaft von Millionen sowjetischer Bürger, den Deutschen keinen Widerstand zu leisten und sogar mit ihnen gegen das Stalin-Regime zu kämpfen.
Im Sommer 1941 erhofften unzählige Sowjetbauern die Befreiung vom Kolchos-System. Periphere Ukrainer, Kaukasier und Turkestaner erwarteten die langersehnte Loslösung von der gefürchteten und gehaßten Zentrale Moskau. Nationalistische Russen wiegten sich in Aufbruchträumen.
Hitler wollte von diesen potentiellen Verbündeten nichts wissen. Er brauchte Königreiche für seine Gauleiter. Die zu schaffen schien ihm Waffengewalt ausreichend zu sein. Bis dahin hatte sie alles so schön geschafft. Generalstab, Abteilung Fremde Heere Ost (Feinderkundung) und Oberkommando der Wehrmacht, Abteilung Wehrmachtpropaganda (Feindzersetzung), unterstützt von anderen Dienststellen und zahlreichen rußlandkundigen Einzelpersönlichkeiten, warnten vergeblich.
"Politik! Hände weg!" vermerkte Generaloberst Jodls Grünstift auf diesbezüglichen Aktenstücken. Feldmarschall Keitel sagte es in dunkellila: "Ich kenne die Einstellung des Führers dazu. Kommt nicht in Frage!" Ukraine-Reichskommissar Koch stellte Listen von Wehrmacht-Ostfachleuten auf. Am liebsten hätte er sie an die Wand gestellt.
Im Dezember 1942 alarmierten Wehrmachtvertreter Rosenbergs Ostministerium: Stalin beabsichtigt, die durch Hitler betrogenen Hoffnungen der Völker der Sowjetunion auf sich selbst zu lenken. Es sei höchste Zeit, die deutsche Kriegsführung positiv zu politisieren.
Unter den Linden 62, im einstigen Schinkelschen Botschafterpalais der Zaren und des Kreml, hatte man andere Sorgen. Stäbe für die Reichskommissariate Moskau, Kaukasus und Ural wurden aufgestellt. Zukunftsmusik, die nie zum Klingen kam.
Die Truppe aber verlor sich im weiten östlichen Raum. Sie benötigte Hilfskräfte und schuf schon Ende 1941 vollendete Tatsachen. Hitler genehmigte schließlich Freiwilligen-Einheiten für die nichtrussischen Völker, sofern auf ihn vereidigt, - vor politischen Versprechungen schreckte er zurück.
Major Graf Stauffenberg in der Organisationsabteilung des Generalstabes*) forcierte die Entwicklung. Das Vorhandensein einer Kosakendivision, einer turkestanischen Division und zahlreicher ukrainischer, nordkaukasischer, georgischer, armenischer, aserbeidschanischer, kalmückischer, Krim- und Wolga-tatarischer Einheiten werde - so hoffte man - die Politik auf vernünftige Wege zwingen.
Nur die Russen blieben ausgeschaltet. Hitler fürchtete großrussischen Imperialismus. Dennoch wurde auch hier ein Versuch gemacht, als sich im August 1942 nach der Gefangennahme General Wlassows im Wolchowkessel eine große Chance bot. Einer der bekanntesten Sowjetgenerale, ein Jahr lang Berater Tschiang Kai-scheks, dekoriert für seine 99. Muster-Division, im Dezember 1941 den Sowjetmenschen als Retter Moskaus in Wochenschauen gezeigt, erklärte sich nach wochenlangen Besprechungen bei Fremde Heere Ost in Winniza zur Mitarbeit bereit. Zur Mitarbeit und zum Kampf gegen das Sowjetregime.
"Sichern Sie mir zu, daß Sie Rußland nicht versklaven wollen, und geben Sie mir Waffen, dann werde ich den Kampf gegen den Kommunismus mit zwei Millionen Mann aus den Reihen der Kriegsgefangenen allein zu Ende führen und Ihr treuester Verbündeter sein. General Rokossowski und andere, die Stalin das Tuchatschewski-Massaker**) nicht verzeihen können, werden zu mir stoßen."
Hitler erschrak. Die Wlassow-Armee durfte nur auf Flugblättern in Erscheinung treten. Erst Ende 1944 erstanden zwei reale Wlassow-Divisionen. Spät - zu spät.
Auch Stalin erschrak. Er kannte Wlassows Zugkraft und beugte der neuen Drohung durch erhebliche Konzessionen an Russen und Nichtrussen vor. Als "Verteidiger der heiligsten Güter des russischen Volkes" gewann er russische Patrioten und orthodoxe Kirche für sich. Diesseits und jenseits der Grenzen und Fronten.
Hitler verlor die politisch-psychologische Schlacht im Osten. Allerdings wird ihm eine gerechte Geschichtsschreibung zubilligen müssen, daß der großrussisch infizierte, linksradikale Bauernsohn Wlassow eine höchst unsichere Karte im politischen Spiel war. Immerhin, die Chance, die Wlassow hätte bedeuten können, wurde nicht genutzt. Die Zersetzung in den Freiwilligen-Einheiten griff um sich. Die Wankelmütigen entschieden sich für Stalin. Die
freiheitsuchenden Patrioten begannen, ihre Hoffnungen auf Stalins westliche Alliierte zu setzen. Unter ihnen auch Wlassow mit seinen Anhängern.
Doch im Abkommen von Jalta verpflichteten sich Stalins westliche Waffenbrüder, alle in ihre Gewalt geratenen ehemaligen Sowjetbürger an die UdSSR auszuliefern. In der Siegesstimmung des Jahres 1945 dachte im Westen niemand daran, sich potentielle Verbündete für die Zukunft zu sichern. Der Kreml unterbrach keinen Augenblick die Ausmerzung potentieller Gegner.
Andrej Andrejewitsch Wlassow und die führenden Männer seiner Bewegung hatten ihr Schicksal den Amerikanern anvertraut. Sie wurden Moskau ausgeliefert Im Sommer 1946 hingen sie am Galgen Einen öffentlichen Schauprozeß hielt Stalin für zu gefährlich Mit einer Dreizeilen-Notiz wurde die Sache abgetan.
Westalliierte Truppen erzwangen mit Gewalt den Abtransport der 1. Kosaken-Division und anderer Freiwilligen-Einheiten nach Osten Noch im Mai 1947 wurden ehemalige Sowjetbürger aus den Lagern von Rimini und Pisa ausgeliefert. Es gab viele Selbstmorde Die britischen und amerikanischen Begleitmannschaften hatten Verluste zu beklagen. Die Betroffenen wehrten sich verzweifelt.
"Erschreckend ist", meint Wallace Carroll, "daß ein großer Teil des US-militärischen Denkens in den vergangenen drei oder vier Jahren auf der falschen - Hitlerschen - Voraussetzung beruht, die Sowjets seien allein durch militärische Mittel zu besiegen. Wie Hitlers Vertrauen auf die physische Gewalt ihn veranlaßte, die Hilfe der Sowjetvölker zu verschmähen, so könnte unser Vertrauen auf die Atombombe uns zu ähnlichen Torheiten führen."
Wollten aber die Amerikaner im Kriegsfalle die Hilfe der Sowjetvolker gegen das Sowjetregime, dann dürfe die Strategie nicht von der Bombe bestimmt werden, fordert Carroll Am ersten Tag des Krieges - und nicht nach zwei Jahren - müßte die amerikanische Luftwaffe das gesamte Gebiet der Sowjetunion mit Flugblättern zudecken. Die amerikanische Regierung und das amerikanische Volk müßten den Sowjetvölkern ganz konkrete Verpflichtungen und Versprechungen übermitteln.
Von "Unconditional Surrender" hält Carroll nicht viel Seine Mahnung: Die Torheit einer Forderung nach bedingungsloser Kapitulation nicht zu wiederholen.
"Schon die Vorbereitung unserer psychologischen Kriegsführung ist eine Warnung an die Sowjetführung: wir werden - sollte sie jemals zur Gewalt greifen - Hitlers Fehler nicht wiederholen.
Wir werden sie mit einer Waffe angreifen, die ihnen vermutlich weit gefährlicher erscheint als die Atombombe. Diese Waffe könnte vollbringen, was Gewalt allein niemals erreicht."
*) Derselbe Stauffenberg, der am 20. 7. 1944 das Attentat gegen Hitler ausführte und am gleichen Tage hingerichtet wurde.
**) Michail Tuschatschewski, geb. 1893, zaristischer Garde-Offizier, später Marschall der Sowjet-Union und stellvertretender Kriegskommissar. Juni 1937 wegen Hoch- und Landesverrats hingerichtet.

DER SPIEGEL 7/1950
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