02.03.1950

DAS SPIEL IST AUS - ARTHUR NEBE

22. Fortsetzung
Nebes Hilfsbereitschaft hier wie überall stellte sich von selbst ein, wenn er dadurch Eindruck schinden konnte. Dann drehte er auch einmal selbst "ein Ding". Eines Tages öffnet Nebe die Tür zu dem angrenzenden Zimmer seines Referenten (eine zweite führte zur Adjutantur, dem eigentlichen Vorzimmer).
"Shiwa, kommen Sie doch mal!" Gut gelaunt redete Nebe den Referenten Dr. Teichmann, der zu der Romanfigur Shiwa Pate gestanden hatte, mit Shiwa an.
In einem der Chippendale-Sessel der geschmackvoll eingerichteten Besucherecke des großen Chefzimmers saß ein Herr im Ledermantel. Nebe machte bekannt: "Herr Oberstleutnant Leopold, der Flieger des Führers!"
Herrn Leopolds Freund war der Oberstingenieur der Luftwaffe Zellmann, der sich "in wichtigster Mission" am Atlantikwall befand. Vor einiger Zeit war dieser Herr Zellmann von dem Ehemann seiner Freundin Rosette de Conink in einer nicht mißzuverstehenden Situation überrascht worden.
Der Wütende hatte eine Pistole gezogen, um den deutschen Offizier recht deutlich aus der Wohnung zu verweisen: "Raus, du deutsches Schwein! Wenn ich dich wieder treffe, schieße ich dich über den Haufen!"
Zellmann war nach Berlin zurückgekehrt und bewohnte mit der hübschen Ausländerin eine entzückende, luxuriöse Wohnung am Tiergarten. Nun will Herr Zellmann Frau de Conink heiraten. Das einzige Hindernis besteht darin, daß sie verheiratet ist. Frage: "Wie ist den beiden zu helfen?"
Die drei Herren beraten. Als Ergebnis rollt folgende Handlung ab:
Nebe zu Teichmann: "Besorgen Sie Blumen." Das war ein geflügeltes Wort von Nebe, wenn irgendwo auf weiter Flur eine Dame oder auch nicht eine Dame in Frage stand. Dann: "Fahren Sie zu Frau de Conink. Sorgen Sie sodann gemeinsam mit ihr dafür, daß ihre polizeiliche Anmeldung nachgeholt und ihr Paß verlängert wird. Vollzugsmeldung in zwei Stunden!"
Teichmann geht in die Adjutantur, um, wie üblich, durch das Faktotum Zabel Blumen bei der Fleurop besorgen zu lassen. Zabel, der bald 60jährige Untersturmführer, mit den unmöglichen Breeches und den unmöglichen Kommiß-Stiefeln, konnte das gut
Teichmann erzählt dem Adjutanten von seinem Auftrag. Engelmann grinst und läßt die dicke Zigarre von dem einen in den anderen Mundwinkel wandern, ohne sich dazu seiner Hände zu bedienen. "Das jus primae noctis ist dir gewiß!" Teichmann: "Primae! Du Optimist!"
Frau de Conink spricht kein Deutsch und Teichmann ist der französischen Sprache nicht mächtig. Radebrechend einigen sie sich auf englische Unterhaltung. Sie fahren gemeinsam zum Revier und zum Paßamt. Dem "persönlichen Referenten des SS-Gruppenführers und Generalleutnants der Polizei" macht es wenig Mühe, die polizeiliche Anmeldung und die Paßverlängerung in einer knappen Stunde zu erledigen. Teichmann hört von seiner hübschen Begleiterin, daß sie Herrn Oberstingenieur Zellmann heiraten will.
Nebe bei der Vollzugsmeldung: "Na, dann können die beiden ja heiraten."
Teichmann verblüfft: "Aber die Frau ist doch schon - oder besser: noch verheiratet!"
Nebe: "Sie Pessimist! Bei dem Sachverhalt, den uns Leopold berichtet hat, wird der Mann doch sofort in die Scheidung einwilligen!"
Aber Teichmann behielt recht. Nach Wochen wird er wieder zu Nebe gerufen, wo er den Oberstleutnant Leopold zum zweiten Male antrifft
Nebe: "Was meinen Sie, Teichmann, Herr de Conink ist mit der Scheidung nicht einverstanden Was tun?"
"Gar nichts, Gruppenführer! Einmal, und das weiß ich aus den Papieren, sind die Leute katholisch, und zum anderen gilt belgisches Recht."
Die Beratung verläuft unbefriedigend Teichmann zieht sich zurück. Bald nachdem Leopold gegangen ist, kommt Nebe zu Teichmann ins Zimmer. Er ist wütend und drückt sich ziemlich proletarisch aus "Das hat man von seinen verdammten gesellschaftlichen Verpflichtungen! Große ...! Wir müssen einen Weg finden. damit die heiraten können." Nebe hatte auch hier wieder die Taktik des "zunächst-einmal-ja-sagen-und-es-wird-sich-schon-ein-Weg-finden" angewandt. Leopold war der Flieger des Führers!
"Sie müssen einen Weg finden, Teichmann" sagt Nebe. "Wenn nun Frau de Conink Deutsche wird, kann sie doch mit keinem feindlichen Ausländer verheiratet sein - dann wäre doch der bestehenden Ehe die Rechtsgrundlage entzogen! Wie lange, meinen Sie, dauert eine Einbürgerung?" - "Ein Jahr vielleicht!" - "Dann muß ich selbst zum MdI!" (Ministerium des Innern).
Drei Wochen später war Frau de Conink Deutsche.
Das Landgericht Berlin lehnte eine Scheidung dennoch ab. Nebe fuhr selbst zu Thierak, dem Reichsjustizminister. Ergebnis: Der Heirat steht nichts mehr im Wege.
Einige Wochen später zeigte Nebe seinem Referenten brustgeschwellt einen Brief, in dem der Generalfeldmarschall Kesselring für die großartige Hilfe dankte, die Nebe seinem Freunde Zellmann habe angedeihen lassen.
Das Ende der Geschichte: Wiederum 14 Tage später erscheint Frau de Conink mit ihrem Anwalt bei Teichmann und bittet um Unterstützung zu einer Gefallenentrauung. In der Nacht zuvor war Zellmann auf einem Flug nach Rom in den Alpen zerschellt. "Ich erwarte von dem Gefallenen ein Kind", sagt die schwarzgekleidete Frau
Aber schon am nächsten Tage erscheint in der Adjutantur Nebes eine andere Frau in Trauerkleidung mit einem Kind. Es ist die Witwe des Oberstingenieurs Zellmann. Sie wußte um dessen Verhältnis mit der Belgierin. "Ihr ging es nicht um die Ehe, sondern um das hohe Vermögen. Bitte, geben Sie der Frau diesen Scheck, wenn sie Deutschland sofort-verläßt."
Jahre später Kriegsverbrecherbunker Dachau. Der ehemalige Gauleiter von Mecklenburg, Hildebrandt, kennt den Fall de Conink und weiß ihn zu ergänzen: Herr de Conink hieß eigentlich Cohn, und das Spiel seiner Frau war sein Spiel. Rosette war eine internationale Spionin. Durch ihre Hände sind die Pläne des Atlantikwalls gegangen.
Monate später trifft ein Mann, der den Fall de Conink bis hierhin kennt, einen ehemaligen Journalisten aus Schanghai. Der kennt die Dame auch und weiß zu berichten, daß sie kürzlich einen spanischen Diplomaten geheiratet hat.
Drei Riesen-Verbrechens-Serien gingen gleichzeitig mit den Buchenwalder Ermittlungen zu Ende, Verbrechen, die für die Kriminalisten problematischer waren als alles, was vorher dagewesen war, die aber heute sogar in Fachkreisen weitgehend unbekannt geblieben sind. Davon erlebte Nebe die Ueberführung der Giftmörderin Helene Möller nicht, ebensowenig die Aufklärung um den 53fachen Massenmörder Bruno Luedke, der in der Kriminalgeschichte der zivilisierten Welt seinesgleichen nicht hat.
"Als Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar der Reichshauptstadt Berlin ist es mein Recht und meine Pflicht zu verlangen, daß der bestialische Massenmörder und Frauenschlächter Bruno Luedke keines normalen Henkertodes stirbt. Er soll seine scheußlichen Verbrechen wenigstens mit einem martervollen Tode sühnen. Ich schlage vor, ihn bei lebendigem Leibe verbrennen oder vierteilen zu lassen."
So schrieb Josef Goebbels an "den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei". Himmler versah das Schreiben mit seinem Grünstift mit einem "S" (Sicherheitspolizei). So ging es an Kaltenbrunner, der in Rot römisch "V" (Reichskriminalpolizeiamt) dahinter setzte. Arthur Nebe, dem als Dienstfarbe "Braun" vorgeschrieben war, malte ein "B" daneben. B war die Exekutivgruppe des Reichskriminalpolizeiamtes unter Lobbes. Dessen Farbstift mußte "orange" sein. Lobbesmachte also ein orange "la" dazu. So landete das merkwürdige Schreiben in der Reichszentrale Kapitalverbrechen.
Ohne Worte legte der Leiter der Reichszentrale Wehner den Goebbels'schen Schrieb Lobbes nochmals vor. Der grinste und zuckte die Achseln. Wehner ließ ihn im Aktengrab der Generalregistratur eintragen und aufbewahren.
Im Berliner Alex aber liefen die merkwürdigsten Vernehmungen, die dort jemals geführt worden sind, unterbrochen von den denkwürdigsten Dienstreisen, die je eine deutsche Mordkommission gemacht hat.
Der Fall "Bruno Luedke" wäre wert gewesen, unter normalen Verhältnissen bis in die letzten Einzelheiten behandelt zu werden. 1944 waren aber keine normalen Verhältnisse mehr.
Auch die Berliner Mordinspektion mußte bereits improvisieren. Kriminaldirektor Togotzes, inzwischen ihr Leiter, und der erst gerade zum Mordkommissar avancierte Kriminalkommissar Franz, taten ihr Bestes, den Fall Luedke trotzdem aufzuhellen. Für Arthur Nebe und die gesamte Kriminalpolizei wurde aus den Szenen der Vernehmungen, Tatort - Rekonstruktionen, nachgeahmten Morden an einer Puppe und den Reisen des Kriminalkommissars Franz mit seinem "Schützling Luedke" ein Film gedreht.
Der Fall "Bruno Luedke" war ebenso ein kriminalpolizeiliches Problem wie ein Monstrefall der deutschen Kriminalgeschichte. Der Monstrefall ist auf seltsame Art erledigt worden, das Problem ist geblieben.
Am 29. 1. 1943 hatten spielende Kinder im Köpenicker Stadtwald die 51jährige Rentnerin Frieda Rösner als Leiche aufgefunden. Die Frau war mit einem Halstuch erdrosselt und dann vergewaltigt worden.
Es war ein Fall, aber er fiel nicht aus dem Rahmen. Die Berliner Mordinspektion hat vor hundert ähnlichen Tatbeständen gestanden. In der Nähe des Tatortes gab es zudem Lager mit Kriegsgefangenen und ausländischen Arbeitern.
Bei seinen Ermittlungen stieß Kommissar Franz auf den "doofen Bruno" aus Köpenick, der sich in den Wäldern um den Tatort umhergetrieben hatte und als "Spanner" aufgefallen war. Als der zuständige Forstbeamte aber hörte, Bruno sei in Mordverdacht geraten, lachte er lauthals. "Dieser harmloseste Schwachsinnige, ausgerechnet der!"
Kommissar Franz ließ sich nicht irritieren. Er fuhr zum Köpenicker Polizeirevier. Die Schupos lachten dort ebenfalls. "Bruno Luedke läuft ja vor den kleinsten Kindern davon, wenn sie ihn hänseln und mit Steinen nach ihm werfen."
Die Spur schien nach diesen Bewertungen wenig erfolgversprechend. Aber es gab zur Zeit keine andere. Die Beamten fuhren in die Wäscherei, um sich den Irren anzusehen Er war nicht zu Hause
Die Mutter des 35jährigen, Inhaberin einer kleinen Wäscherei, war empört, ebenso die beiden Schwestern, die mit Handwerkern verheiratet waren.
Kommissar Franz hatte sich vor seinem Besuch die Personalakten des Spanners geben lassen. 1938 war er erstmals straffällig und danach mehrfach wegen kleinerer Diebstähle angezeigt worden. Aber Bruno hatte seither auch den Jagdschein des § 51, sein Beiname "doofer Bruno" war damit behördlich sanktioniert worden. Als kleines Kind war er gestürzt und dann in seiner Entwicklung zurückgeblieben.
Für Franz genügten diese Feststellungen immerhin, um in dem Schwachsinnigen kein unbeschriebenes Blatt zu sehen. Er durchsuchte seine Sachen und fand eine stark blutbesudelte Hose.
"Hühnerblut", stellte das KTI fest. Ein Beamter der Mordkommission entsann sich der blutigen Hühnerfedern, die hundert Meter vom Tatort Rösner entfernt gelegen hatten.
Kommissar Franz raste im Pkw. wieder nach Köpenick. Bruno präsentierte sich dem Kriminalbeamten als etwas zurückgebliebener Neandertaler. Das fliehende Gesicht mit vortretendem Unterkiefer, starken Backenknochen und der breit aufgesetzten Nase, die niedrige, weit nach hinten fliehende Stirn mit dem anschließenden Flachschädel, die überlangen, stets nach unten hängenden Arme an dem gedrungenen, leicht nach vorne gebeugten Rumpf erinnerten mit den kleinen, merkwürdig bald stumpfen, bald lebhaften tiefliegenden Augen an einen großen, starken Menschenaffen.
"Kommen Sie mal mit zum Polizeipräsidium", forderte Franz diesen unzeitgemäßen homo sapiens auf. Da sprang der Kerl, ohne daß es aus seinen Mienen vorauszusehen gewesen wäre, den Kommissar urplötzlich mit einem gewaltigen Sprung an. Franz reagierte sofort mit zwei gekonnten Boxhieben und streckte den Tiermenschen zu Boden.
"Ja, det Huhn ha' ick jeklaut, det stimmt. Und da saß ooch die Olle uf'm Bohm." - "Und was geschah dann?" - "Denn bin ick hin zu ihr." - "Und was weiter?" - "Da hab ick ihr jefragt, ob sie mal will." "Und was sagte die Frau da?" - "Nee, sagte sie." - "Und was haben Sie dann gemacht?" - "Da ha' ick ihr an de Kehle jekriegt."
Die Beamten waren platt. Im allgemeinen wissen die alten Mordhasen ziemlich genau, zu welchem Zeitpunkt etwa mit dem Geständnis eines Mörders zu rechnen ist Lange Vorvernehmungen gehen voraus, bei denen sich der Kommissar die beste Chance errechnet, seinen Klienten an der richtigen Stelle zu packen. Je näher dann die eigentliche Mordvernehmung rückt, je spannungsgeladener wird der Beamte. Im Vorzimmer herrscht Ruhe und der Obersekretär hält alle Störungen von dem Vernehmenden fern.
Mit einem Geständnis des Tiermenschen, der gerade erst geholt worden war, hatte niemand gerechnet. Im Gegenteil, niemand war sicher, ob die Vernehmungen überhaupt Anhaltspunkte für irgendwelche Verdachtsmomente gegen Bruno Luedke bringen würden.
Kommissar Franz prüfte das Geständnis an Ort und Stelle nach Die Einzelheiten, die Luedke bei der Vernehmung im Präsidium und danach im Köpenicker Wald angegeben und rekonstruiert hatte, genügten. Sie konnten nur von einem einzigen Menschen gewußt sein, vom Mörder selbst.
Als Kriminaldirektor Togotzes, der Seefeld-Jäger mit einer glorreichen Mordpraxis, seinem Kommissar Franz gefolgt war und sich von Luedke das Geständnis wiederholen ließ, machten die Beamten eine überraschende Entdeckung: Bruno hatte zu dem Kriminalkommissar Franz Vertrauen gefaßt, weil ihn der schlanke, mittelgroße Beamte bei seiner Festnahme wie eine junge Fichte gefällt hatte. Diese Sympathie wollte er auf keinen anderen übertragen.
Franz hatte den primitiven Burschen sofort richtig erkannt. Nach den beiden Faustschlägen hatte er ein um so besseres Verhältnis mit ihm herzustellen verstanden. "Das mußt Du doch einsehen, Bruno, das durftest Du nicht tun, mich als Kriminalbeamten einfach umlegen wollen."
Bruno grinste und war gerührt. Er merkte: Der Kommissar war ihm offenbar nicht böse. Dankbar und gläubig lächelte er den Beamten an, als der ihn auf die Schulter schlug. "He, Bruno, Du alte Radautüte!" Dieser Ausdruck stellte jeweils das Einvernehmen zwischen Kommissar und Mörder wieder her, wenn es einmal getrübt wurde
Den "doofen Bruno" bei guter Laune zu erhalten schien durchaus notwendig. Denn es gab in und um Berlin und im ganzen Reich noch eine ganze Reihe ungeklärter Frauen-Sittlichkeitsmorde, die in manchen Einzelheiten Aehnlichkeiten mit dem Fall Rösner aufwiesen. Sollte Luedke für einen Teil von ihnen ebenfalls als Täter in Frage kommen, so mußte er selbst das angeben ohne Vorhalte. Franz begann sich also mit dem bisherigen Leben des Bruno Luedke zu beschäftigen.
Bruno war das vierte von sechs Kindern des verstorbenen Wäscherei-Inhabers Otto Luedke. Erbkrankheiten gab es in der Familie nicht. Den erbbiologischen Feststellungen des Dr Dr. Ritter, daß Bruno ein Säuferkind sei, glaubte Franz nicht recht.
Sämtliche Geschwister Brunos waren ordentliche Menschen von durchschnittlicher Intelligenz. Nur er allein tanzte aus der Reihe. Er sah seinen Geschwistern auch nicht übertrieben ähnlich (Togotzes: "Es gibt auch möblierte Herren!") 1919 mußte "der willige, freundliche und hilfsbereite" Bruno die Köpenicker Volksschule mit der Hilfsschule vertauschen, in der er "nur äußerst selten Anlaß zu Klagen" gegeben hat.
Dann wurde er Kutscher. Die Pferde liebte er. (Daß er sie im wörtlichen Sinne liebte, erfuhr Kommissar Franz erst später.) Ab 1937 arbeitete Luedke bei verschiedenen Unternehmern, die ihn teils als "frech, faul und launenhaft" bezeichneten.
Oft hat Bruno kleine Diebstähle begangen, mehrmals seinen Eltern Geld unterschlagen, wenn er die Wäsche zu den Kunden gebracht hatte. Denn er war ein starker Raucher und liebte den Schnaps.
Aber das alles erregte das Interesse der Mordkommission nicht so wie Luedkes ungewöhnlicher Wandertrieb, der ihn seit seiner frühesten Jugend umhergetrieben hat. War er als Kind schon tagelang von zu Hause ferngeblieben, so waren später aus den Tagen auch Wochen geworden.
Aber diese Abwesenheit erstreckte sich niemals über einen wirklich längeren Zeitraum. Die Familie hatte sich an das Fernbleiben gewöhnt, niemand fragte Bruno, wo er gewesen sei oder was er getrieben habe, wenn er wieder in Köpenick auftauchte.
Bereitwillig gab Bruno Luedke "seinem" Kommissar Aufklärung. "Nu, mit die Bahn. Oder mit'n Rade. Oder ick bin jetippelt. Oder mit die großen Laster" - "Und wo warst Du?" - "Ach, überall. In Hamburg. Oder in Thüringen. Auch an der See. In Bayern."
Kommissar Franz griff sich irgendein genanntes Ziel heraus. "Wo warst Du denn in Hamburg überall?" - Bruno grinste und seine kleinen Augen bekamen Glanz, während er das dicke Trudchen Steiner, Gennats Bockwursttrudel, beziehungsvoll anblickte. "Im Puff?" - Bruno nickte und tat verschämt. "Und wo noch?" - "Im Hafen."
Allmählich entstanden in Kommissar Franz die genauen Bilder zweier Reisen, die bereits Jahre zurücklagen. Anfang 1928 und Mitte 1940. Am 7. Januar 1928 und am 31. Juli 1940 waren in Hamburg eine 30jährige Frau erwürgt und ins Wasser geworfen und in einer Wohnung am Paulsplatz eine Dirne erwürgt und anschließend vergewaltigt worden.
"Warst Du mal in München?" - Bruno grinste und nickte. "Wie war das, erzähl mal, alter Kumpel." Wieder entstand eine Reise vor den Augen des Kommissars. Wieder war es am Anfang eines Jahres, 1938. Am 6. 1. 1938, aber war in der Münchner Sendlingerstr. 30 die 23jährige Dirne Rosina Groß mit der Leitungsschnur einer Tischlampe erdrosselt und anschließend vergewaltigt worden.
Es gab gewaltige Aufregung in der Mordinspektion am Alex, als in diesen Erzählungen eine Reise des Bruno nach Leipzig im Herbst 1924 folgte, gerade als dort im Oktober eine 20jährige Frau erwürgt und - wieder hinterher - vergewaltigt worden war; dann zwei nach Friedrichsroda und Gotha in den Jahren 1925 und 1929, gerade als dort zwei gleiche Frauenmorde verübt worden sind.
Es folgten in schauerlicher Genauigkeit und Uebereinstimmung mit Kartei-Knaufs Akten Stettin. Bitterfeld, Meißen, Erlangen, Dessau. Lübeck Genthin, nochmals Bitterfeld und so fort. Luedke überraschte mit einem ganz außergewöhnlichen Gedächtnis Die rückwärtigen Rundungen von Trudchen animierten es sichtlich. ("Die ist scheene", war Brunos Fachausdruck für üppigst beleibte Damen.)
Inzwischen hatten die Franz'schen Beamten eine Reihe von Einzelheiten über Luedke zusammengetragen Sie reichten nicht aus, ihn zu belasten. Denn ein gefräßiger Faulpelz ist noch lange kein Mörder.
Und wenn Bruno auch seine Pferde häufig gequält und mißhandelt hat, das tun schließlich viele Kutscher. Dagegen war Luedke auch ein ausgemachter Angsthase, der nach Dunkelwerden nicht allein im elterlichen Hause bleiben konnte, den kleine Kinder davonjagten. Hühner mochte er nicht schlachten. Stundenlang saß er vor dem Radioapparat und hörte aufmerksam Musik, auch wenn es eine Symphonie war. Jeder Parfümgeruch führte bei ihm zum Brechreiz.
"Warst Du schon mal im Kino, Bruno?" - "Einmal." - "Was hast Du denn für einen Film gesehen?" - "Den mit dem Juden." - "Jud Süß?" - Bruno zuckte mit den Achseln. "Erzähl mal, sei nicht so sparsam."
Aber Bruno Luedkes erstes Filmerlebnis war überschattet von der Erhängungsszene des "Jud Süß", die er nicht mit ansehen konnte. Er war aus dem Kino davongelaufen. Kommissar Franz konnte sich von der Richtigkeit dieser Erzählung überzeugen.
Nach Tagen tastete Kommissar Franz vorsichtig in Richtung auf weitere Mordgeständnisse. "Hast Du denn vor der Rösner schon mal andere ...?" Der Kommissar beendete seine Frage mit einer entsprechenden Gebärde um den Hals.
Luedke blieb tierhaft ungerührt. Zusammengeduckt saß er auf seinem Stuhl, den Kopf unmittelbar über dem Rumpf, das Gesicht auf den Boden gerichtet. Nur seine kleinen Augen sahen auf den Beamten, wie ein riesiges, sprungbereites Tier, das überlegt, ob es seinem Dompteur gehorchen oder ihn angehen soll.
"Nun lüg aber nicht Bruno! Bist doch bis jetzt anständig und wie ein Mensch von mir behandelt worden, hast gut zu essen und zu rauchen bekommen. Nun mußt Du aber auch nicht lügen!" Auch seine Raucherkarte hatte Luedke bekommen, obwohl das im Polizeigefängnis nicht Brauch war.
Bruno nickte und gläubig sah er auf seinen Kommissar. "Hast Du also?" - Wieder nickte Bruno. "Na, dann erzähl mal, alte Tüte. Sei kein Stockfisch."
Einige Stunden später waren aus dem Mord an der Rentnerin Rösner fünf geworden. Kriminaldirektor Togotzes ordnete die genaueste Nachprüfung der Geständnisse an, bevor er sie an Arthur Nebe weitermeldete. Luedke mochte immerhin, wie es bei solchen schwachsinnigen Typen häufig ist, seine Kenntnisse über die eingestandenen Morde aus den Zeitungen haben und sich nun mit der Täterschaft brüsten, mochte Material für die neuerliche Zuerkennung des § 51 sammeln.
Doch es blieben wenig Zweifel übrig. Luedke überraschte mit Einzelheiten, die in keiner Zeitung gestanden hatten die in ihrer bildhaften Schilderung sich nicht einmal aus den Akten selbst ergaben.
Den überraschendsten Beweis führte der Tiermensch aber mit der Angabe, das Försterehepaar Paul und Elisabeth Grimm in der Nacht vom 5. zum 6. November 1928 ermordet und anschließend die Betten, auf die er die Leichen gelegt hatte, angebrannt zu haben. Denn dieser Fall fand sich in Otto Knaufs Kartei als "gemeinsamer Selbstmord". Woher sollte Luedke, wenn er nicht der Mörder gewesen ist, die Unterlagen für seine frappanten Enthüllungen genommen haben?
Arthur Nebe übertrug auf Drängen des Kriminaldirektors Togotzes der Mordkommission Franz für den Fall Luedke die reichszentralen Befugnisse. Den Berliner Kommissar auszuschalten schien bei dessen vertrauter Stellung zu dem schwachsinnigen Mörder untunlich. "Wir werden uns nach Abschluß der Berliner Ermittlungen einzelne Fälle herausgreifen und erneut überprüfen", sagte Lobbes zu Wehner. Der registrierte kopfschüttelnd ein Geständnis nach dem anderen.
Bruno Luedke war monatelang die Sensation im Polizeipräsidium. Wenn er wieder ein Geständnis machen wollte mußten alle Beamten außer Kommissar Franz aus dem Zimmer gehen. Der kam dann erregt zu Togotzes. "Wieder ein neuer Mord. Der Fall Umann."
Das Gastwirts-Ehepaar Paul und Gertrud Umann ist am 5. Mai 1941 in der "Waldschänke" am Bahnhof Berlin-Grünau ermordet worden, "Raubmord" hatte die damalige Berliner Mordkommission festgestellt. Den Täter hatte sie nicht ermittelt
Zunächst war Umann mit einem Birkenknüppel erschlagen und dann seine Halsschlagader durchgeschnitten worden. Als Frau Umann hinzukam, ging der Unbekannte sie mit seinem Messer an und tötete sie mit zwei wuchtigen Kehlkopfschnitten. Den Schäferhund hatte der Mörder schon vorher mit einem Messer erledigt
Luedke und ein Raubmord? - Das war ein Novum Und der Fall Umann war von Togotzes selbst bearbeitet worden. Auf einen Täter von der Art Luedkes zu schließen gab es damals nicht die geringsten Anhaltspunkte.
Bruno blieb jedoch dabei, das Ehepaar ermordet zu haben. Nach seinen Angaben hatte er sich in der Wirtschaft zwei Mädchen gegenüber ungebührlich benommen und war aus dem Lokal gewiesen worden.
Darauf habe er sich zwei Knüppel geschnitzt, sei nach Weggang des letzten Gastes in das Haus eingedrungen und habe das Ehepaar erschlagen
"Wann bist Du denn aus der Wirtschaft weggegangen?" - "Det war jenau zwee Uhr." - "Woher willst Du denn das so genau wissen?" - "Nu. auf's Brett in die Küche neben die Blumenvase stand doch ne Uhr"
Die Uhr auf der Tatortphotographie war genau zu erkennen. Und wenn die Uhrzeit auch in der Zeitung gestanden hatte, von diesem Wecker, dessen Standplatz Luedke genau bezeichnen konnte, hatte nichts in der Presse gestanden.
Den Kriminalschriftsteller Franz von Schmidt, der mit Togotzes befreundet war und der die besten Beziehungen schon zu Gennat und seinen Kommissaren unterhalten hatte, interessierte der Fall Bruno Luedke besonders. Als er das erstemal einer Vernehmung des Massenmörders beiwohnte und Togotzes ihn mit "Franz" anredete, grinste Bruno. "Bruderliebe?" fragte er den Kommissar Franz
Als Franz von Schmidt später wieder erschien, überraschte Luedke den Kommissar: "Bruderliebe kommt!" Mit tierhaftem Instinkt sagte er in der Folge weitere Besuche Franz v. Schmidts an, längst ehe der Schriftsteller ins Zimmer trat.
Wieder einmal stürzte Kommissar Franz in Togotzes Zimmer. "Eben hat mich Bruno gefragt, wieviel wir hätten. Ich sagte 38. Da grinste er und erwiderte: Dann haben wir ja bald die Hälfte. Er sagte, es wären 84." Vierundachtzig Morde.
Im Reichskriminalamt allerdings zweifelten sowohl Lobbes als auch Wehner. Sie verhehlten beide Arthur Nebe diese Zweifel nicht Nebe: "Togotzes verbürgt sich dafür, daß Franz die korrektesten Methoden anwendet und insbesondere jegliche Suggestivvorhalte vermeidet." Kriminalkommissar Franz war ein unbeschriebenes Blatt in der Berliner Mordkommission.
Nachdem dort auch der Kriminalrat Wilhelm Lüdtke, der S-Bahn-Kommissar, ausgeschieden und zur Kriminaldirektion versetzt war, gab es außer Togotzes keinen "Alten" mehr. Und die alten Gennatschen Obersekretäre, die Zimmermann. Ermler u. a. zuckten oft auch nur die Schultern.
Auch die Hamburger Kriminalpolizei hatte Zweifel angemeldet. Deren Mordinspektionsleiter, der sich mit dem Morder in eine Zelle hatte sperren lassen, verwies auf Unstimmigkeiten zwischen Luedkes Angaben und der eigenen, besseren Kenntnis der Hamburger Einzelfälle. Zwischen den Berlinern und Hamburgern gab es Krach. Nebe sprang den Berlinern bei.
Kommissar Franz meldete die Probe auf's Exempel. Er hatte Luedke einen Mord beweisen wollen, den dieser nicht selbst angegeben hatte. Der "doofe Bruno" aber dachte gar nicht daran, diesen Mord auf sich zu nehmen.
Gruppenleiter Lobbes verwies Freund Nebe darauf, daß Luedke noch vor das Gericht Moabit müsse, was eine Blamage für die Ermittlungsarbeit der Kripo mit sich bringen könne. "Die Gruppe B kann selbstverständlich solange keinerlei Verantwortung übernehmen, bis sie nicht selbst Gelegenheit bekommt, die Berliner Ermittlungen eingehend nachzuprüfen. Schließlich übernimmt Luedke fast zwei Drittel aller zwischen 1924 und 1943 im ganzen Reich unaufgeklärt gebliebenen Morde."
Arthur Nebe aber hatte sich entschlossen, den Fall Luedke in eigene Regie zu nehmen. Nie bekam die Reichszentrale die Berichte zu sehen, die an Himmler und Hitler gegangen waren, nie hatte Nebe von den Plänen gesprochen, die er mit Luedke hatte.
Ministerialrat Dr. Joel hatte schon im Frühjahr 1944 im Auftrage des Justizministers mit Nebe verhandelt. Das Moabiter Kriminalgericht war allmählich böse, daß man ihm den einmaligen Massenmörder auf die Dauer vorenthielt und befürchtete, ihn überhaupt nie zu sehen zu bekommen.
Im Reichskriminalpolizeiamt waren auch die größten Skeptiker sich darüber einig, daß Luedke einen großen Teil der von ihm zugegebenen und von Kommissar Franz nachgeprüften 54 Morde auch tatsächlich begangen haben mußte In vielen Fällen lagen die Beweise klar auf der Hand, in anderen waren sie objektiv nicht mehr nachprüfbar.
Lobbes und Wehner erhielten lediglich in einem Falle Gelegenheit, die Arbeitsweise des Kriminalkommissars Franz selbst an Ort und Stelle zu kontrollieren. Es ging da allerdings um den letzten Frauenmord vor dem Fall Rösner, um das am 17. Januar 1943 verübte Sittlichkeitsverbrechen an der Witwe Luise Hosang bei Genthin.
Im Wagen fuhren die Beamten vom Alex und vom Werderschen Markt zusammen mit Luedke über die Reichsstraße. Kurz vor Genthin meldete sich Bruno und erklärte, daß man die Stelle, von wo aus er in den Wald eingedrungen sei, überfahren habe. "Ick kam doch aus die andere Richtung. Und Ihr fahrt dazu noch so schnelle."
Dann überlief selbst die erfahrensten Kriminalisten eine Gänsehaut, wie Luedke - plötzlich ohne hindernde Fesseln - gleich einem riesenhaften Gorilla, mit nach vorne geneigtem Körper, dem zurückfliehenden Gesicht und dem eingedrückten Hinterschädel, mit den überlangen, ohne Bewegung nach unten hängenden Armen sich lautlos durch das Strauchwerk bewegte und selbst den Fall rekonstruierte. Er zeigte, wie er jene toderschrockene Frau durch den Wald verfolgt, sie eingeholt, niedergeschlagen und dann vergewaltigt hatte. So eindringlich konnte das wirklich wiederum nur einer tun: der Mörder selbst.
Die Berliner Kriminalisten hatten die vom Werderschen Markt überzeugt. Der Fall Hosang kam zweifellos auf Luedkes Mordkonto. In einer Genthiner Gastwirtschaft saß Bruno mit dem Rudel Kriminalisten beim gemeinsamen Mittagessen am Tisch Ab und zu ging ein Aufleuchten über sein stumpfes Gesicht, aber nur, wenn "sein" Kommissar Franz das Wort an ihn richtete.
Doch Zweifel blieben. Da war beispielsweise auch der Mord vom 13. 11. 37 an der Berliner Blumenfrau Luzie Dümke, den Luedke auf sein Konto nahm. Das Mädchen war am 14. 11. erdrosselt im Tiergarten aufgefunden worden.
Die "Blumen-Luzie", ein älteres Mädchen, 36, aus Berlin-Moabit, hatte einen Blumenstand am Potsdamer Platz Sie war ungeheuer vielen Menschen bekannt, am besten natürlich den Kolleginnen, die in bunter Vielzahl am Leipziger und Potsdamer Platz demselben Gewerbe nachgingen.
Als die Mordkommission aber in allen Zeitungen, mit Plakaten und in der Kinoreklame bekannt gab, daß eine unbekannte Frau mit der genauen Beschreibung der "Blumen-Luzie" und unter Veröffentlichung eines Kopfbildes der Toten im Berliner Tiergarten, gar nicht weit vom Potsdamer Platz, aufgefunden worden war, da meldete sich niemand, der die Tote kannte.
Auch Emil Z. nicht, der, wie sich später herausstellte, die Ausschreibungen schlechten Gewissens gelesen hatte, da er sich als Urheber der Schwangerschaft betrachten mußte, die bei der Toten bestand. Es dauerte fast drei Wochen, bis der Name der Ermordeten bekannt wurde und planmäßige Ermittlungen einsetzen konnten. Eine Schwierigkeit ergab sich dann weiter aus der Tatsache, daß zwar die Unterkleider der Toten nicht in Ordnung waren, ein Sittlichkeitsverbrechen aber von den Gerichtsmedizinern nicht nachzuweisen war.
Die wochenlangen Ermittlungen wiesen endlich auf Emil Z. aus Falkensee, der erst nach einwandfreien Beweisen zugab, die Tote gekannt zu haben. Und es dauerte sehr lange - nach Blutgruppenvergleichen und der Herbeischaffung von Zeugen, die sich alle nicht ganz einfach finden ließen - bis er auch sein altes intimes Verhältnis zu Luzie während der Empfängniszeit zugab. Und daß Luzie ihn als Vater in Anspruch nehmen wollte. Aber, so argumentierte er in einer nicht wohl zu beschreibenden Beweisführung, der Vater des zu erwartenden Kindes könne er nicht sein.
Der Beweis war so plump, daß es kaum der Begutachtung einer Reihe von Medizinern der verschiedensten Fachgebiete bedurfte, um Z. Lügen zu strafen. Und nun schlug er bei den weiteren Vernehmungen eine Taktik ein, gegen die die vernehmenden Kriminalbeamten und der Staatsanwalt machtlos waren. Er gab einfach keinerlei Auskünfte mehr.
Z. wurde als des Mordes dringend verdächtig vom Richter in Untersuchungshaft genommen, und es gab wohl, eingeschlossen alle mit der Sache befaßten Juristen und Psychologen, niemanden, der an seiner Schuld gezweifelt hätte. Zu einem Urteil jedoch, das ausschließlich auf Todesstrafe oder Freispruch hätte erkennen können, reichten die Beweise weder aus, noch konnten sie in angemessener Frist herbeigeschafft werden. Auf einen Freispruch aber wollte man es nicht ankommen lassen, um die unausgesetzt fortgesetzten Ermittlungen dadurch nicht zu erschweren. So erfreute sich Emil bald wieder der Freiheit
Ein Jahr später hatten sich die Verdachtsmomente gegen Emil Z. erneut bestätigt und er wurde abermals unter richterlichen Haftbefehl gestellt. Aber dem Verdächtigen war nicht beizukommen. "Ich bin das nicht gewesen", pflegte er zu antworten, gleich ob die Frage seinem Wohlbefinden oder dem Namen seiner Großmutter galt.
Sieben Jahre später nahm Luedke den Mord an der Luzie Dümke auf sich. Aber da der Mord seinerzeit in allen Einzelheiten bekannt geworden war, war es nicht möglich, Luedkes Geständnis zu überprüfen.
Und wie den Fall Dümke gab es noch andere Fälle. Viele Tatorte waren von Bomben zerstört, Zeugen nicht mehr aufzutreiben, Akten verschwunden. Das Problem Bruno Luedke ließ sich nicht gänzlich lösen.
Arthur Nebe versuchte es über sein Kriminalmedizinisches Institut in Wien, das unter der Leitung von Prof. Dr. Schneider in den Kinderschuhen stecken blieb. Den dortigen Erfolg erlebte er jedoch im Amt nicht mehr. Als Nebe bereits geflohen war, traf am Werderschen Markt die Nachricht von Bruno Luedkes Tod ein. Bei obskuren und keineswegs gesetzlichen Versuchen war der "doofe Bruno" auf der Strecke geblieben.
Wie viele Menschen die Giftmörderin Helene Möller umgebracht hat, weiß heute noch niemand zu sagen Fest steht, daß unter den Ermordeten ihr Kind, drei ihrer Ehemänner und eine Tante waren. Der vierte Ehemann konnte gerettet werden. All diese und noch andere Toten hatten bei den Aerzten nicht den Verdacht erregt, daß sie eines unnatürlichen Todes gestorben waren. Dabei war die Möller ungewöhnlich primitiv zu Werke gegangen.
Es fing damit an, daß ein zur Unzeit empfangenes Kind sie störte Helene kaufte in irgendeiner Drogerie ein jedermann ohne weitere Formalien zugängliches Ungeziefervertilgungsmittel, das Thallium enthielt. Da sie ihrem Säugling das mit Totenkopf auf rotem Etikett als Gift bezeichnete Mittel nicht in der handelsüblichen Form verabreichen konnte kochte sie es und gewann einen Sud, von dem sie einen Teil der Milch zusetzte.
Wider Erwarten starb das Kind jedoch nicht gleich, es erkrankte schwer und wurde immer kränker. Die unnatürliche Mutter konnte nunmehr, damit ihre Nachbarn keinen Verdacht schöpften, gar nichts anderes tun als einen Arzt zu holen, der die sofortige Ueberführung des Kindes in ein Krankenhaus anordnete.
Hier verstarb das Kind, ohne daß die Aerzte die eigentliche Todesursache mitteilen konnten. Helene Möller glaubte sich schon sicher, als man ihrem Antrag auf Feuerbestattung des Kindes das Ersuchen gegenüberstellte, zuvor durch eine Sektion der Leiche den unbekannten Grund der plötzlichen Erkrankung des kleinen Menschen zu klären. Sehr schlechten Gewissens, jedoch in der Erwartung, daß eine Weigerung sie erst recht in Verdacht bringen müsse, willigte die Mörderin ein. Zu ihrem größten Erstaunen erbrachte jedoch die von den Aerzten des Krankenhauses aus privater Initiative durchgeführte Leichenöffnung ebenfalls weder die Todesursache noch einen Verdacht gegen sie
Helene Möller heiratete dann in die Gegend von Rostock. Aus irgendwelchen Gründen entfremdete sie sich aber bald ihrem Ehemann, den sie mit der Zeit als lästig empfand, genau wie vor Jahren ihr eigenes Kind. Da sie im Besitz der Kenntnis war wie man einen Menschen umbringen konnte, ohne daß selbst eine Leichenöffnung die Todesursache an den Tag brachte entschloß sie sich, ihren Mann auf die gleiche Weise loszuwerden.
Die nächste Erbsensuppe, die der ahnungslose Ehemann bei seinem Weibe aß, schmeckte ihm zwar nicht sonderlich, aber er hatte Hunger. Und man lebte schließlich nicht in rosigen Verhältnissen. Am folgenden Tage fühlte sich der bescheidene Esser nicht wohl, am nächsten konnte er nicht zur Arbeit und am dritten Tag ließ er den Arzt holen.
Helene Möller war etwas bänglich zumute, als der Doktor kam. Doch "der Fall" verlief programmäßig. Einlieferung in ein Universitätskrankenhaus nach Rostock, längere Behandlung und schließlich der Tod. Nicht einmal wurde eine Leichenöffnung verlangt, da die guten Doktoren eine recht plausible Todesursache auf dem Totenschein vermerkt hatten.
Dieser zweite Mord, von dem weder ein Polizist noch ein Staatsanwalt Notiz nahm, machte Helene zur Massenmörderin. Drei weitere Ehemänner bekamen Gift, und, natürlich, war die Tante auf die Dauer unausstehlich, und auch der Nachbarin, dieser schikanösen Ziege, mußte man eins auswischen. So folgte Mord auf Mord.
Denn nicht einmal die Rostocker Universitätsklinik, in der alle vier vergifteten Ehemänner lagen, mit zum Teil denselben behandelnden Aerzten, ist dahinter gekommen. Und alle Todesscheine trugen irreführende Angaben über die Krankheiten und Todesursachen.*)
Eine weitere Verwandte der Helene Möller wurde eines Tages von Helene zum Mittagessen förmlich genötigt. Sie schöpfte Verdacht, wobei dahingestellt bleiben muß, ob sie tatsächlich vergiftet werden sollte. Jedenfalls erstattete sie Anzeige bei der Kriminalpolizei, der drei verstorbene Ehemänner und ein vierter auf den Tod erkrankt, doch etwas viel war.
Der Kriminalbeamte, der nun die Wohnung durchsuchte, war ein gründlicher Mann. Er gab sich nicht damit zufrieden, daß sich in der Speisekammer Flaschen mit der Aufschrift "Essig", "Oel" oder im Schrank solche mit "Essigsaurer Tonerde" befanden. Er roch und schmeckte auch. Und was dann mit seinen Geruchs- und Geschmacksnerven in Widerspruch stand, nahm er mit.
Unter den sichergestellten Gegenständen befand sich aber eine kleine Flasche mit einer geruchlosen Flüssigkeit, die bei der chemischen Untersuchung Thallium-Beimengungen ergab. Sofort erkannte der Beamte, was mit Helene Möller los war. Die genaue Anzahl der Opfer konnte auch das Gericht nicht feststellen.
Selbst erlebt und gemeldet hat Nebe das Ende der gefährlichsten Verbrecherbande, die Deutschland jemals sah, der westdeutschen Kassenbotenräuber.
Die Kassenbotenräuber begannen ihre Karriere entgegen den ursprünglichen polizeilichen Feststellungen, die den August des Jahres 1929 annahmen, zu der gleichen Zeit wie Nebe seine Polizeilaufbahn. Diese Räuberserie ist eine Mahnung an die Westalliierten von heute, die deutsche Kriminalpolizei nicht dauernd durch unsinnige und kindische Beschränkungen daran zu hindern, eine arbeitsfähige Organisation zu werden. Selbst Nebes Apparat, durch den Krieg allerdings geschwächt, war den Anforderungen der Kassenbotenräuber nur sehr unvollkommen gewachsen.
Als die Nummer 4644 a (Sonderausgabe) des Deutschen Kriminalpolizeiblattes vom 26. Juli 1943 die Ausschreibung der Sonderkommission "Westdeutsche Kassenbotenüberfälle" brachte, in der nach "Vorgängen gegen Paul Baumeister, geboren am 13. Oktober 1894 in München-Gladbach, zuletzt wohnhaft in Düsseldorf, Florastraße 9" gefahndet wurde, nahm außer den Karteibeamten in den Kripo-Stellen und Leitstellen kaum ein deutscher Kriminalist Notiz davon.
Sonderausgaben waren an der Tagesordnung, mit seitenlangen Fahndungen nach ausgebrochenen kriegsgefangenen Offizieren, geflohenen Soldaten und Fremdarbeitern. Niemand hatte mehr Zeit, die Fahndungsblätter und Ersuchen zu lesen, geschweige denn etwas zur Erledigung beizutragen.
Nur in Düsseldorf machte die Notiz innerhalb der Polizei die Runde bis hinunter zum kleinen Straßenbeamten, in jeden Schreibstubenwinkel hinein. Paul Baumeister war doch einer der ihren, war Hilfspolizeibeamter in Düsseldorf gewesen. Jetzt lag er, erschossen bei einem Bankbotenüberfall in Krefeld tot.
Fünf Tage nach dieser Fahndungsnotiz wurde nach Franz Baumeister, geb. 20. 6. 1900 in München-Gladbach und dort auch wohnhaft, gefahndet. Sein Bild stand in den Fahndungsblättern. Dann erschien am 26. 8. 43 die folgende Notiz:
"VI. Zentrale Bearbeitung von Raubüberfällen auf Kassenboten.
(Zu Sonderausgaben DtKPBl Nr. 4644 a und 4649 a X v. 31. 7. 43).
"Zu den drei Tätern, die seit 1929 Raubüberfälle auf Kassenboten in West-, Mittel- und Süddeutschland ausführten, gehören die Autohändler Paul Baumeister, 13. 10. 94 München-Gladbach, Düsseldorf wohnhaft gewesen, und Franz Baumeister, 20. 6. 00 München-Gladbach, dortselbst wohnhaft gewesen.
"Die Fahndung nach ihnen ist erledigt.
"Sie waren ständig Besucher von Rennplätzen und Spielsälen. In ihrem großen Bekanntenkreise von Spielern und Wettern ist der noch unbekannte dritte Räuber zu suchen, der seit dem Raub in Goslar im Jahre 38 nicht mehr in Erscheinung getreten ist.
"Sämtliche KPStellen, in deren Bereich Tatorte von Raubüberfällen auf Kassenboten liegen (vgl. DtKPBl Nr. 4091 a I vom 21. 9. 41), haben die Fremdenmeldungen, wo diese nicht mehr vorhanden sind, die Fremdenbücher von Hotels und Pensionen jeweils für einen Zeitraum von 6-8 Wochen vor der fraglichen Tat daraufhin überprüfen zu lassen, ob die Brüder Baumeister als Hotelgäste erscheinen. Diese Feststellungen sind besonders genau für den Tatort selbst und für verkehrstechnisch gut gelegene Orte der weiteren Umgebung zu treffen. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß die Täter bis 1938 als Autohändler stets eigene Kraftwagen besaßen und diese zu ihren Erkundungsfahrten benutzten.
"Diese Ermittlungen sind sofort durchzuführen und über das Ergebnis zu berichten.
"In den Fällen, wo die Brüder Baumeister als Hotelgäste festgestellt werden, sind sämtliche mit ihnen zu gleicher Zeit wohnenden Hotelfremden unter Angabe ihrer genauen Personalien der Sonderkommission zu melden.
171/43. 25. 8. 43. KPLSt Frankfurt a. M. (Sonderkommission)."
Kriminalkommissar Wilhelm Schuermann suchte nach dem dritten Täter. Franz Baumeister hatte sich vor seiner Ergreifung in Oberkassel erschossen. Von den Brüdern konnte er keine Aufklärung mehr erwarten.
Der kleine elegante 1932er Kriminalkommissar Willi Schuermann, der sich geweigert hatte, aus der katholischen Kirche auszutreten und der deswegen trotz Nebeschen Einsatzes auch nach der Klärung der Raubüberfälle nicht zum Kriminalrat avancieren konnte, übernahm den Fall 1936 (heute leitet er die Kripo der Bundeshauptstadt Bonn), immer noch als Kriminalkommissar im Range eines Kriminaloberinspektors.
1936 hatte man die Gefährlichkeit der unbekannten Täter noch nicht einmal erkannt, weil man die Ueberfälle in Hannover 1929 und 1934, in Mainz 1930 und 1934, in Erfurt 1932, Offenbach 1933, Mannheim und Karlsruhe 1933, Frankfurt 1934 und Halle 1935 noch nicht in Beziehungen zueinander gesetzt hatte.
Fünf weitere Fälle zwischen 1924 und 1928 hatte die gesamte deutsche Kriminalpolizei nicht einmal mehr in Erinnerung, auch dann noch nicht, als Schuermann zur Meldung aller ungeklärten Geldtransportüberfälle in Fernschreiben und Ausschreiben aufgefordert und das RKPA die Aufforderungen wiederholt hatte.
Schuermann erfuhr von diesen Fällen zwischen 1924 und 1928 erst, als er den dritten Täter, den Soldat Quaken, gefaßt hatte. Auch die Hannoveraner merkten es erst spät, daß ihr 1929er Ueberfall kein Einzelfall war, denn als Schuermann im November 1937 nach einer Riesenarbeit eine erste Zusammenstellung für eine "zentrale Bearbeitung von Raubüberfällen auf Kassenboten durch die Kriminalpolizeileitstelle Düsseldorf" mit 24 gleichen Räubereien im deutschen Kriminalpolizeiblatt brachte, da war nur Hannover II, aus dem Jahre 1934, dabei.
(Fortsetzung folgt.)
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*) In der Reichszentrale lagen viele Fälle, in denen sich Aerzte, darunter Universitätsprofessoren, geirrt und auf Todesursachen geschlossen hatten, die mit "Lungenentzündung" und ähnlichem einfach keinen Verdacht aufkommen ließen, bis in oft zufällig herausgekommenen Sachverhalten die Kriminalpolizei die "Irrtümer" klären konnte.

DER SPIEGEL 9/1950
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