02.03.1950

SCHNEEWITTCHENWenn mein Prinz küßt

Seit Aschermittwoch fährt ein Wagen mit gläsernen Wänden durch Köln. Darin sitzen Schneewittchen und die Sieben Zwerge und werben für das Hahnentorkino, für Disney's Schneewittchen-Film. "Dieses Judenmädchen kommt mir nicht ins Haus", zeterte Goebbels 1940 über das rabenschwarzhaarige Schneewittchen.
Bei der Uraufführung in Hollywoods Carthay Circle Theatre 1937 mußten 30000 Zuschauer draußen bleiben. Im Londoner New Gallery Theatre hielt Schneewittchen 1938 volle 37 Wochen aus. Vorhänge und Sofakissen mit Snow-White-Szenen waren große Mode. In Wien blieb Schneewittchen nach dem Kriege neun Monate.
570 Zeichner arbeiteten vier Jahre lang umschichtig Tag und Nacht an dem Zeichentrickfilm Zwei Millionen Zeichnungen wurden angefertigt, von denen 250000 für die endgültige Fassung ausgesucht wurden.
Das simple Wörtchen "Halloh" allein erforderte acht Zeichnungen mit veränderter Mundstellung. Immer noch erfreulich wenig für die Synchronisation. Man braucht keine Rücksicht auf exakten Lippenschluß zu nehmen.
In Disneys Film geht es einige Male anders zu als im Grimmschen Märchen. Schneewittchen im gläsernen Sarg erwacht jetzt durch der Liebe ersten Kuß. Die böse Stiefmutter geht sehr filmisch mit einem abstürzenden Felsen zugrunde, auf der Flucht vor den Zwergen, die von den Tieren gerufen wurden.
Ueberhaupt war Disney sichtlich mehr in die Zwerge und die Tiere des Waldes verliebt als in das Prinzeßchen. An den kleinen Männchen und den Tieren hat er den Reichtum seiner Erfindung ausgelassen, für sie bietet er das ganze Arsenal seiner phantastischen Einfälle auf, und derart wird sein Schneewittchen - Film etwas ganz Eigenes, Originelles.
Disney vermehrte seine weltbekannte Menagerie beispielsweise um niesende Eichhörnchen und eine immer zu spät kommende Schildkröte, die bei Bedarf ihre Unterseite als Waschbrett zur Verfügung stellt. Und die Zwerge im Märchen nicht mehr als Nummer eins bis sieben, haben im Film individuelle Züge.
"Brummbär" z. B. ist ein Weiberfeind von unvergleichlicher Physiognomie. Sein Mienenspiel reicht von erbitterter Verachtung bis zu ärgerlich verborgener Entzückung. Und "Pimpel" der Schüchterne: Disney läßt ihn jedesmal erröten vor Schneewittchen. Oder "Seppl", der Pfiffikus, und "Hatschi", der niest, daß sich das Klima ändert.
Musikalisch sind alle Zwerge. Schneewittchen staunt darüber, und der deutsche Zuschauer wundert sich, weil er die Melodien schon gehört hat. Die Lieder des Komponisten - Teams Frank Churchill, Leigh Harline und Paul Smith sind seit Jahren Weltschlager Kurt Feltz hat die Lieder eingedeutscht, unter ihnen die Arie "Wenn mich mein Prinz erst küßt".
Die deutsche Fassung des Schneewittchen-Films ist zum Schluß gekürzt. Da wird mit ein paar Worten boschrieben, was in der Original-Fassung zu sehen ist. Das reißt den Zuschauer am Ende vorzeitig aus der Stimmung.
Wenn die Zwerge das tote Schneewittchen im gläsernen Sarg aufbahren, bei sanftem Regen, Orgelmusik und fallendem Herbstlaub, ist es im Theater mäuschenstill. Traurig läßt Seppl seine stattlichen Ohren hängen, die Zwerge und Tiere weinen. Im Kino lacht niemand.
Das ist eine der Stellen, von der viele Kinogänger behaupten, sie sähen sich um ihrer rührenden Einfalt willen zum zweitenmal den Film an. Disneys Freunde erkennen hier seine Herzensgüte und sein "beinahe kindliches Gemüt".
Der 49jährige Walt Disney ist ein bescheidener, fast schüchterner Mensch, glücklich verheiratet und Vater zweier Töchter. Die Drehbücher schreibt er sich alle selbst. "Erfinder der Achten Kunst" hat ihn ein Journalist genannt.

DER SPIEGEL 9/1950
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