14.03.1950

POLIZEIDem Tschako nicht gewachsen

Tausend DM Kopfgeld hatte die Einbrecherbande im südoldenburgischen Garrel ausgesetzt, um Alfons Hamerski zu beseitigen. Der wäre heute ein toter Mann, wenn der gedungene Messerheld nicht vor dem Attentat weich geworden wäre. Er verriet seine Hintermänner, die dann gefaßt wurden. Das war Hamerskis letzter Triumph, seit er vor einigen Monaten den Laufpaß als Polizeimeister bekommen hat.
"Angeblich weil man bei mir eingebrochen hat", zeigt der stämmige Fünfziger auf seinen Dickschädel, "aber ich bin nicht verrückt. Ich will meinen im Schrank hängenden Polizeirock wieder anziehen und Dienst machen wie in den verflossenen 28 Jahren ..."
Der Polizeimeister a. D. kann so nachdrücklich auftrumpfen, weil die ganze Gemeinde, außer ihrem Bürgermeister, hinter ihm steht. In öffentlicher Sitzung stellte Garrels Gemeinderat fest, "daß nach der Dienstenthebung des Alfons Hamerski die Einbrüche in unserer Gemeinde in einem erschreckenden Maße zugenommen haben. Weiterhin wird vom Gemeinderat festgestellt, daß von den Nachfolgern nichts Wesentliches aufgeklärt worden ist. Zu der Erklärung, daß Hamerski geisteskrank sein soll, wird mit Entschiedenheit festgestellt, daß Hamerski von der hiesigen Bevölkerung durchaus nicht als geisteskrank angesehen wird. Diese Ansicht erscheint begründet, da Hamerski es war, der die bisher aufgeklärten Einbrüche klären konnte".
"Achtzehn Einbrüche an der Zahl", kommentierte Hamerski stolz seine außerdienstlichen Erfolge, von denen die Kripo anfangs nichts wissen wollte. Erst als sich der abgemeldete Ruhestandspolizist hinter einen leidtragenden Gemeindevertreter steckte, bei dem ganz unbildlich eingebrochen worden war, nahm man widerwillig Notiz von Hamerskis erfolgreichem Spürsinn. Seine Tips führten zur Festnahme der Verbrecher.
Doch Hamerski hatte falsch getippt, wenn er meinte, seine außerdienstliche Tüchtigkeit sei das beste Alibi für seinen klaren Kopf. Seine Vorgesetzten in Oldenburg blieben nach wir vor dabei, dieser sei einem Tschako nicht mehr gewachsen. Der darunter befindliche Geist habe in den langen Dienstjahren gelitten. Siehe: amtsärztliches Zeugnis von Polizeivertragsarzt Dr. Handt, Wilhelmshaven, und die daraufhin erwirkte Versetzung in den Ruhestand durch die Entscheidung des Landesverwaltungsgerichts vom 6. 12. 1949
Hamerski solle schleunigst Uniform und Polizeiausweis Nr. 9037 herausrücken, denn es müsse verhindert werden, daß er sich abermals in Dinge einmische, die ihn wegen seiner polizeiamtsärztlich abgestempelten Gehirnanalyse nicht mehr interessieren dürfen.
Geistestrübung wurde dem forschen breitschultrigen Landpolizeimeister unterstellt, nachdem er bei der Aufdeckung mehrerer Fleischschieber-Skandale sehr offen die Beteiligung einiger korrupter Polizisten zur Sprache gebracht hatte. So bei der Gerichtsverhandlung gegen die Rinderdiebe und Schwarzschlächter Schlömer und Westendorf vor dem Amtsgericht Cloppenburg. Die hatte Hamerski angezeigt. Ohne Rücksicht auf Verluste im eigenen Polizeinest wiederholte er das, was ihm ein Zeuge am Tatort mitgeteilt hatte: Schlömer habe die schwarzgeschlachteten Rinder an die Polizei in Oldenburg verschoben. Die Transporte seien vom Kollegen Polizeimeister Meier aus Wardenburg gedeckt worden.
Bei einem früheren Termin gegen eine andere Schwarzschlächter-Bande gab es ebenfalls einige Flecken auf Oldenburger Polizei-Uniformen, als Michael Kohlhaas-Hamerski sich sehr vernehmlich über die Praktiken einiger Kollegen wunderte, die anscheinend mit den Fleischschiebern unter einer Decke steckten. Die Angelegenheit verlief im Aktensande für die Beklagten - aber nicht für Hamerski.
Für Oberrat Haussen, Chef von 850 Polizeibeamten im Bezirk Oldenburg, blieb er das Enfant terrible zwischen Hunte und Hase. Der Polizeiamtsleiter eröffnete gegen ihn ein Disziplinarverfahren. "Weil Sie das Ansehen der Polizei dadurch erheblich geschädigt haben, daß Sie vor Gericht behaupteten, Polizeibeamte hätten einen Fleischtransport gedeckt." Hamerski sei ein Querulant, weil er mit unsachlichen Redensarten immer wieder das blaue Tuch beschmutzt habe.
Nun wuchsen Hamerski Hörner. Die Oldenburger Oberpolizisten hatten gar nicht geahnt, daß der geschaßte Danziger so beschlagen in Dienstvorschriften und Disziplinarordnung ist. Sie zogen das Disziplinarverfahren zurück, "da sich keine wesentlichen Punkte für eine disziplinare Ahndung ergeben haben". Aber die Dienstenthebung blieb. Mit 212 DM Pension.
Erhärtet wurde die Verfügung durch Nervenarzt Dr. Nunn in Wilhelmshaven. Dem mußte er sich zur vierzehntägigen Krankenhausbeobachtung stellen. Als der robuste Patient bei der Entlassung den Arzt fragte, "ob denn wirklich bei ihm oben eine Schraube los" sei und warum er ihn eigentlich nicht wie einen Narren behandelt habe, lächelte Dr. Nunn vielsagend: "Ich bin doch nicht deren Narr". Hamerski behauptet, dieses Bonmot sei auf die Behörde in Oldenburg gemünzt gewesen. Die habe ein Narrenattest bestellt.
Trotzdem gab der Nervenspezialist seinem empfindlichen Patienten im verschlossenen Umschlag den Befund mit: "Hochgradige neurasthenische Symptomenkomplexe". Als Hamerski das spitz kriegte, stellte er Strafantrag gegen den Arzt "wegen Abgabe eines wissentlich falschen Gutachtens, das eine vorzeitige Pensionierung rechtfertigen soll".
Freiwillig stellte sich Alfons Hamerski nochmals einem kritischen Psychiater. "Ich will endlich Ruhe haben, und man soll nicht länger Schindluder mit meinem Kopf treiben. Klaren Bescheid, ohne lateinische Umschreibungen", verlangte der zwischen die Mahlsteine der Polizeibürokratie geratene Ex-Polizist von Nervenarzt Dr. Obendahlhoff. Der bestätigte Hamerski auf gut deutsch seinen gesunden Menschenverstand. "Was nicht ist, kann ich nicht schreiben."
Die Gareller Einwohner, aus Dankbarkeit für Meister Hamerskis Aufräumen mit den Einbrechern, und alte redliche Kameraden, aus Anhänglichkeit zu dem rechthaberischen Dickschädel, stärkten ihm den Rücken: "Alfons, hau zu!"
Und Alfons knöpfte sich einen Gegner nach dem anderen vor. Wer ihn als Psychopathen und Querulanten bezeichnet, bekommt eine Klageschrift in den Briefkasten.
Die Einstellung des Amtschefs in Oldenburg zur Aufdeckung der achtzehn Einbrüche in Garell, die Hamerski als sein Plus verbucht, beweise, wie wenig der vorgesetzten Behörde an der Bekämpfung des Verbrechertums, ohne Ansehen der Person, gelegen sei. "Ich möchte Sie dabei an das verdächtige Verschwinden der Strafakte 19 Js 36/48 in Cloppenburg erinnern und warte noch immer auf den Schlußbescheid", schrieb Meister Hamerski am 20. Februar an Oberrat Haussen, "und erwarte daher, daß Sie Anzeige wegen falscher Anschuldigung gegen mich erstatten, andernfalls werde ich Ihre Verfügung und meine Antwort vervielfältigen und an Interessenten verteilen." Das hat Meister Hamerski dann auch getan, da der oldenburgische Polizeichef schwieg.
Dem Generalstaatsanwalt teilte er mit: "Ich bin frei von Symptomen und Minderwertigkeitskomplexen und hoffe daher, daß nun endlich einmal die Staatsanwaltschaft sichtbare Erfolge in der Monate währenden Ermittlungstätigkeit in meinen Strafanzeigen an den Tag bringt."

DER SPIEGEL 11/1950
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