30.03.1950

PARTISANENKerenski für die Ukraine

Starke Sicherungs-Einheiten der Sowjetarmee in Wilhelms Piecks Deutscher Demokratischer Republik schnüren ihr Marschgepäck. Das rote Oberkommando zieht Verbände in die Sowjetukraine ab. Sie sollen endlich die Ukrainische Aufstands-Armee, die UPA, liquidieren.
Vor drei Jahren schon schlossen die Sowjetunion, Polen und die Tschechoslowakei ein Geheimabkommen, um die UPA gemeinsam zu bekämpfen. Seitdem haben die UPA-Leute ihre Taktik ändern müssen: sie operieren nicht mehr in größeren Abteilungen von mehreren hundert Mann, sondern mit kleineren Gruppen. Aufgerieben oder vernichtet ist die Ukrainische Aufstands-Armee aber noch lange nicht.
In geflicktem Kleppermantel und mit blauer Schifferhose taucht in den ukrainischen DP-Lagern in Neu-Ulm und Leipheim in der amerikanischen Zone Deutschlands zuweilen ein blonder Mann mit müden, verschlossenen Zügen auf. Er sieht aus wie ein Monteur der Ulmer Telefunken-Werke nach einer Acht-Stunden-Schicht. Das ist der Begründer und Chef der Ukrainischen Aufstands-Armee, Ataman Taras Borovec alias Taras Bulba, alias Baida, alias Gonta, alias Tschub - Taras Borovec muß sich tarnen. Die Sowjets sind zu schlecht auf ihn zu sprechen.
Borovec hat keinen festen Wohnsitz. Ehe es sich recht herumgesprochen hat, daß er da ist, ist er auch schon wieder fort.
Vor gut zehn Jahren hat Taras Borovec die ersten Kader seiner Armee organisiert. In Warschau residierte damals der Präsident der "Ukrainischen Volksrepublik im Exil", Andrij Livyckyj. Das war um die Zeit, als die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschierte Präsident Livyckyj rechnete damit, daß nun der deutsch-sowjetische Zusammenstoß bald fällig sein würde und schickte Taras Borovec nach Wolhynien, eine nationale ukrainische Truppe zu organisieren. So oder so wollte er aus dem Kampf zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern eine unabhängige Ukraine herausschlagen
Am 1. August 1940 setzte Taras Borovec nachts über den Bug und schmuggelte sich durch den sowjetischen besetzten Teil Polens in die Ukraine. Bis zum 22. Juni 1941, dem Tag, an dem der deutsch-sowjetische Krieg ausbrach, hatte er in der Sowjetukraine rund 10000 Mann untergrundkampfbereit. Von seinem Waldhauptquartier bei Olevsk aus leitete er seinen Kleinkrieg gegen versprengte Sowjet-Einheiten, die sich vor den deutschen Truppen zurückzogen.
In dem halben Jahr zwischen dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion und dem November 1941 hat Taras Borovecs UPA im nordwolhynischen Gebiet die Verwaltung organisiert, Zeitungen herausgegeben und für die Arbeitsaufnahme in den öffentlichen Betrieben gesorgt. Die Deutschen ließen sich in den versumpften Gebieten nicht viel sehen. Bis dann im November 1941 der Reichskommissar Erich Koch mit seinem Gefolge von Sonderführern, Landwirtschaftsführern und SD-Kommandos in Rowno auftauchte.
Bei Taras Borovecs UPA-Leuten hatte sich bald herumgesprochen, was Koch vorhatte: "Es genügt, wenn ukrainische Schulkinder lernen, bis hundert zu zählen." Borovec blieb allen höflichen Einladungen zum Reichskommissariat fern. Er dachte an seinen ukrainischen Partisanen-Chef-Kollegen Stefan Bandera.
Stefan Bandera, ein häßlicher, magerer Mann, 1,54 m groß, war von den Deutschen 1939 aus dem polnischen KZ Beresa Kartuska befreit worden. Er sollte dort eigentlich für ein 1945 geglücktes Attentat auf den polnischen Innenminister Pieracki lebenslänglich büßen. Bandera hatte einen Teil der Leute hinter sich, die sich von einem Obersten Eugen Konovalec hatten führen lassen, der in Rotterdam mit einem Sowjet-Geldpäckchen explodiert war.
Am 30. Juni 1941 zog Stefan Bandera mit einer Kompanie Ukrainern in deutschen Uniformen von "z. b. V. Brandenburg" im eroberten Lemberg ein und proklamierte den "Unabhängigen Ukrainischen Staat". OKW-Abwehr II konnte nicht verhindern, daß SD-Ostspezialisten die Bandera-Regierung über eine höflich vereinbarte Zusammenkunft ins KZ Oranienburg verfrachteten.
UPA-Chef Taras Borovec hatte sich indessen vor Gauleiter Koch mehr nach Norden abgesetzt Das UPA-Hauptorgan "Oborona Ukrajiny" wies neue Untergrund-Pfade: "Die Deutschen kamen in die Ukraine, um sie zu annektieren und die Bevölkerung zu vernichten ... Wer denkt, daß die Deutschen den Krieg für die Ueberwindung der kommunistischen oder bürgerlich-kapitalistischen Welt führen, der irrt sich. Die Deutschen begannen den imperialistischen Krieg, um Osteuropa zu beherrschen, in erster Linie die Ukraine."
Nach den ersten Strafexpeditionen der Koch-Leute tauchten plötzlich die UPA-Partisanen vor deutschen Dienststellen auf, zerstörten sie und verschwanden. Das war im April 1942. Taras Borovec und seine UPA wurden eine dritte Macht im deutschsowjetischen Kampf.
1942 kamen in Taras Borovecs Hauptquartier der Sowjetoberstleutnant Lukin und der Hauptmann Breschnjow. Sie führten sich mit einer Grußdepesche Josef Stalins ein. Stalin bot Borovec eine Generalamnestie und forderte den Generalaufstand. Als Auftakt sollte Gauleiter Koch liquidiert werden. Taras Borovec hatte Gegenforderungen: Generalaufstand nur unter der Bedingung, daß die Sowjetunion die Ukraine als selbständigen Staat und die UPA als ukrainische Armee anerkenne.
Gauleiter Koch schickte Gebietskommissar Dr. Baer und SS-Obersturmbannführer Dr. Pütz als Unterhändler zu Taras Borovec: er möge sich mit den Deutschen zusammentun. Borovecs Gegenforderungen: Einstellung aller Repressalien gegen die Bevölkerung; Anerkennung des ukrainischen Staates; Auflösung der deutschen Zivilverwaltung und Beendigung der wirtschaftlichen Ausbeutung der Ukraine.
Taras Borovec sagte keiner Seite fest zu. Er spielte auf Zeit und hoffte, die beiden Großen würden sich schon gegenseitig zermürben. Im Dezember 1942 luftlandeten die Sowjets die ersten linientreuen Partisaneneinheiten in der Ukraine. Die Deutschen kämpften nun gegen partisanen aller Schattierungen. Taras Borovec gegen Sowjets und Deutsche.
Zu allem Ueberfluß geriet er noch in Streit mit Anhängern des Stefan Bandera, der im KZ Oranienburg saß. Die beiden Gruppen begannen einander zu morden. Am 17. November 1943 bot Taras Borovec im Rownoer Hauptquartier des deutschen Generals Kitzinger den Waffenstillstand an. Zu weiteren Verhandlungen über Bewaffnung und Unterstützung seiner UPA ließ er sich nach Berlin locken. Er wanderte sofort nach Oranienburg weiter und saß bald in einer Zelle auf dem gleichen Korridor, an dem auch Stefan Bandera saß
Erst im November 1944 öffneten sich für Taras Borovec und Stefan Bandera die Zellentüren. Unter dem großrussischen General Wlassow sollten sie sich einigen und die deutschen Kastanien aus dem Sowjet-Feuer holen helfen (vgl. SPIEGEL 7/50, Internationales). Sie streikten. Einem Großrussen unterstellten sie sich als unabhängige Ukrainer nicht. Weder die SS-Division Galizien, noch General Schandruks imaginäre "Ukrainische Befreiungsarmee" konnten den deutschen Zusammenbruch aufhalten.
Die Ukrainer-Führer tauchten westlich unter. Im Mai 1945 fiel Taras Borovec in englische Hände. Er gab sich als deutscher General aus Die Uniform bestach, sein Jargon fiel auf. Zwölf Monate saß er in Haft. Sowjetische Auslieferungsanträge blieben unerledigt heute wartet er auf den dritten Weltkrieg. Vom UPA-Kampf unter den jetzigen Umständen hält er nicht allzuviel.
1948 konstituierte sich in Augsburg, Am Judenberg 8, ein ukrainisches Exilparlament. Präsident dieses "Ukrainischen Nationalrates" wurde der alte "Präsident der Ukrainischen Volksrepublik im Exil", Andrij Livyckij.
Die Gesamtstärke der UPA in der Ukraine selbst wird heute auf 60000 Mann geschätzt. Als Stützpunkte dienen alte Wehrmacht-Waldbunker, die teilweise mehrstöckig unter der Erde angelegt sind. Die UPA hat sogar Panzer, T 34, Panther und Tiger. Wenn die UPA-Armisten nicht zum Einsatz gebraucht werden, leben sie als brave Sowjetmenschen in den Dörfern und Städten. Die Bevölkerung trägt dazu bei, daß sie nicht entdeckt werden.
Fast jede Aktion, die von den Sowjets gegen die UPA geplant ist, wird vorher verraten. Selbst in hohen Kommandostellen der NKWD sitzen Untergrund-Leute.
Die UPA-Einsatzgruppen sind mit Dora- und Cäsar-Funkgeräten der deutschen Wehrmacht ausgerüstet und werden drahtlos auf dem laufenden gehalten. In den unterirdischen Anlagen der Waldgebiete sind regelrechte Funkleitstellen eingerichtet.
Ihre große Zeit hatten die Widerständler 1945 und 1946. Damals hatten sie fast das halbe Territorium der Ukraine unter Kontrolle. Der Westen hörte damals nicht gerne davon. Es störte den Flirt mit Moskau.
Als der west-östliche Gegensatz sich dann versteifte und US-Experten sich für anti-sowjetischen Untergrund zu interessieren begannen, hatte die UPA ihre Taktik schon ganz umstellen und sich auf gelegentliche Ueberfälle beschränken müssen. Etwa wie auf die Aktion gegen den Stab der MWD-Truppen bei Stanislaw, bei dem der General der MWD Moskalenko fiel. Die UPA-Leute wurden dabei von einem ehemaligen Sowjet-Leutnant geführt.
Gelegentlich schlagen sich UPA-Gruppen bis in die US-Zone Deutschlands durch. Sie sollen zeigen, daß die UPA noch da ist und für die völlige Unabhängigkeit der Ukraine kämpft. Argwöhnisch beobachten die UPA-Führer, wie die Amerikaner den Lenin-Vorgänger Alexander Kerenski wiederbeleben, der einem großrussischen Reich inklusive Ukraine das Wort redet. In London hat Kerenski mit den Exilpolen über die russisch-polnische Zukunftsgrenze - nach dem Verschwinden der Sowjets - verhandelt. Von einer unabhängigen Ukraine war keine Rede.
Stefan Bandera will, wie die ukrainische Zeitung "Nedila" in Aschaffenburg berichtete, in die Vereinigten Staaten auswandern. Auf Augsburgs schwarzer "Kaiserhof"-Börse hat er einige tausend grüner Dollars flüssig gemacht, als Wegzehrung und US-Starthilfe Er will Kerenskis Pläne an Ort und Stelle durchkreuzen, Pläne für den Fall, daß die Sowjets aus der Welt verschwänden.

DER SPIEGEL 13/1950
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