20.04.1950

DAS SPIEL IST AUS - ARTHUR NEBE

Schluß
Schulz nimmt seinen Auftrag ernst. "Wegen ihrer besonderen Ausstattung" fotografiert er die gesamte Inneneinrichtung in Trittsee. In jeden Raum erhält er ohne Beanstandungen Zutritt. Selbst in den Kellern sucht er vergeblich nach dem verschwundenen Kripochef.
In einem Zimmer hängen die grauen Breeches, die es Müller so angetan haben, an einem Kleiderhaken. Sie gehören einem erst kürzlich hierher gekommenen Schweizer. Schulz lernt ihn kennen. Die Aehnlichkeit mit Nebe ist evident.
Als Schulz zurückfährt, trifft er am Bahnhof nochmals mit dem Schweizer Gesandten zusammen. Der Gesandte bittet den Berliner, einen Leica-Film zur Entwicklung nach Berlin mitzunehmen. Viktor Schulz liefert diesen und seinen eigenen Film über Karlchen Schulz bei Müller ab. Große Enttäuschung für den Stapochef: Der Nebe-Aehnliche ist auf dem Leica-Film. Aber es ist nicht Nebe.
Viktor Schulz hat mit der Erfüllung seines Auftrages auch seine Stapohaft hinter sich gebracht. Karlchen Schulz. Wehner und Viktor Schulz trinken bald wieder in Viktor Schulzens Dahlemer Villa Tee.
Nie wieder nach der Bespitzelung der Schweizer Botschaft hat irgend ein Kriminalbeamter offiziell etwas vom Stande der Ermittlungen über Nebe erfahren, bis Ende Januar 1945 der Kriminalinspektor Schönwald, der Leiter der Lichtbildstelle im RKPA, seinen schwarz und schnurrbärtig gewordenen Chef in der Prinz-Albrecht-Straße für die Verbrecher-Kartei zu fotografieren hatte.
Müller hatte sich nur schwer davon überzeugen lassen, daß sein Freund Arthur nicht im Schutze der Schweizer Gesandtschaft stehen sollte. Bis zu Nebes tatsächlicher Festnahme kaute er an dem Gedanken, Nebe sei längst von seinem Freund Gisevius nachgeholt worden, dessen Auftauchen in der Schweiz durch zuverlässige Agenten - ebenfalls fälschlich - gemeldet war.
Arthur Nebe weiß von alledem nichts Unter den gegebenen Verhältnissen fühlt er sich am Motzensee sehr wohl. Für die dringendsten Bedürfnisse ist gesorgt. Von Berlin aus erfährt er über Heide Gobbin nichts beängstigend Neues. Seit dem Besuch von Zach in Motzen hat sich kein Polizeibeamter wieder sehen lassen.
Abwechslung gibt es dennoch. Ende Oktober kommt zum ersten und einzigen Male Heide Gobbin nach Motzen. Alle Hausbewohner sind von der rundlichen Dame mit dem klugen, fordernden Gesicht beeindruckt. Aber dieser Besuch endet schlimm.
Zwischen Nebe und seiner Vertrauten seit 18 Jahren, die sich immer noch als seine Geliebte betrachtet, gibt es mühsam unterdrückten Krach. Heide hat erkannt, daß der Mann, den sie unter Einsatz ihrer Existenz aufgenommen hat, schon wieder Freundinnen hat. Ist sie bei Fräulein Walzer ihres Verdachts nicht sicher, so scheint die selbstbewußte, tatkräftige Aenne Heß Nebe unzweideutig eingenommen zu haben.
Heide Gobbin geht wieder.
Am 13. November feiert der ganze Familienkreis der sogenannten "Motzenmühle" Arthur Nebes 50. Geburtstag. Unter den Büchern, die der Kripochef zum Geschenk erhält, sind zum ersten Male keine Kriminalromane mehr. Nebe will von Polizei und Verbrecherjagd nichts mehr wissen.
Am 22. November ist Else Frick im Berliner Büro ihres Mannes in der Tempelherrenstraße. Die Gestapo erscheint. Kurz, weder höflich noch unhöflich, fragen die Beamten: "Ist Herr Nebe bei Ihnen in Motzen? Oder ist er sogar hier im Büro?" Sie begnügen sich mit der verneinenden Auskunft.
Else Frick gibt Alarm nach Motzen. Ueber den Apparat des Dr. med. dent. Kuhfeld gibt sie durch: "Dicke Luft!"
Nebe sitzt auf der Veranda, während die Stapobeamten durch die Gartenpforte und auf das Haus zukommen. Nebe: "Ja, das ist die erwartete Stapo-Kontrolle." Aenne bewundert ihren Freund: "Donnerwetter, bist du gleichgültig." Durch die Küche und den Dienstboteneingang verschwindet Nebe in seinen Unterstand.
Fricks erleben die erste Haussuchung. Aber sie fällt wider Erwarten nur oberflächlich aus. Im Garten suchen die Beamten überhaupt nicht. Die Existenz des Splittergrabens können sie so nicht zur Notiz nehmen. Nach einer Viertelstunde fragen sie nach der nächsten Bahnverbindung in Richtung Berlin. Tendenz: lustlos
Der nächste Zug nach Berlin fährt erst in sechs Stunden. Bei Fricks gibt es ein arges Erschrecken. Wenn die Beamten stundenlang bleiben, können sie aus lauter Langeweile über Nebe stolpern. Denn daß der Gesuchte keine zwei Stunden in seinem Erdloch ausharren kann, haben alle in Motzen praktisch erlebt.
Aenne Heß findet den Ausweg. Sie schickt die beiden Beamten zum Bahnhof Westensee. Die fünf viertel Stunden Fußmarsch macht sie ihnen schmackhaft: "Sie sind dann auch viel schneller in Berlin."
Der Pflegesohn Günther Busse muß den beiden Stapobeamten mit dem Rade folgen. Erst als er zurückkommt und melden kann, daß sie die Landstraße entlang tippeln, wird der erschöpfte Arthur aus seinem Versteck geholt.
Anfang Dezember steht der Mißerfolg der Lischka-Kommission ebenso fest wie der der voraufgegangenen Piffrader-Kommission. Nun will es Stapo-Müller wissen. Er bildet eine sechste Kommission. Er selbst will jetzt Arthur Nebe zur Strecke bringen. Zu seinem Sachbearbeiter für die weitere Fahndung macht er den Regierungs- und Kriminalrat Willy Litzenberg.
Schon einmal sollte Litzenberg die Nebe-Kommission übernehmen, als Müller mit Piffrader unzufrieden war. Aber Litzenberg hatte abgelehnt.
1928/29 hatte er mit Nebe im gleichen Berliner Rauschgift-Dezernat und 1929/30 in der Berliner Mordinspektion zusammengesessen. Mit Nebe war Litzenberg zur Stapo gekommen. Und Nebe war Litzenberg behilflich gewesen, als es darum ging, Litzenberg wieder zur Kripo zurückzuversetzen. Die Versetzung war aufgeschoben worden, als Litzenbergs Dezernat durch Bomben zerstört wurde und er als einziger in der Lage war, einen Teil der Vorgänge zu rekonstruieren.
Ein zweites Mal kann Litzenberg den Auftrag, Nebe herzuschaffen, nicht ablehnen, zumal er unter unmittelbarer Verantwortung des Stapochefs selbst läuft.
Litzenberg übernimmt von Lischka einen ansehnlichen Packen Akten und braucht lange Zeit sie zu studieren. Alsdann beschränkt er sich darauf, die wichtigsten der bereits so häufig vernommenen Zeugen persönlich kennenzulernen. Halb belustigt, halb angewidert vernimmt er die Dirnen und ihre Kuppelmütter, soweit sie den amourösen Lebensweg Nebes in den letzten Jahren kreuzten.
Aber es erscheinen bei ihm auch die sehr ernst zu nehmenden Freunde Nebes. Walter Frick kommt nach Motzen zurück und ist tief beeindruckt. "Du, Arthur, eine solche Vernehmung - kein zweites Mal!" Dabei hat Litzenberg nicht mehr getan, als bis in alle Einzelheiten kreuz und quer gefragt. Daß Nebe in Motzen ist, weiß Litzenberg ja nicht.
Nebe seinerseits fühlt sich durch die Schilderung des Freundes empfindlichempfindsam getroffen: "Ich kann das ja nicht verantworten, was ihr alle für mich tut. Es geht ja auch für euch um Kopf und Kragen, wenn man feststellt, daß ihr mich aufgenommen habt. Am besten, ich werde mich stellen." Aenne Heß muß ihn beruhigen.
Von diesem Tag an ist man in Motzen bemüht, Nebes Depressionen entgegenzuarbeiten. Täglich legen die Freunde und Freundinnen mit Nebe schon nach dem Frühstück stundenlange Patiencen Aus den englischen Nachrichten über das Zusammenbrechen der deutschen Fronten schöpfen alle Hoffnungen. Nebe zweifelt keinen Augenblick daran, daß der Sieg der Alliierten ihm die Freiheit und sonstige Ehren bringt Der depressive Sanguiniker diskutiert ernsthaft, ob man ihm als Widerstandskämpfer Heydrichs Gut in Böhmen oder dessen Anwesen auf Fehmarn übereignen wird.
In solchen gehobenen Augenblicken ergötzt sich der Flüchtige am Freiheitsdichter Schiller oder er studiert in irgendwelchen Geschichtswerken. Wenn er dann allerdings Aenne Heß (Beruf: "Hausverwalterin") bei ihren buchhalterischen oder steuerprüferischen Arbeiten hilft, fällt ihm sogar das Addieren von Zahlen schwer "Dir stehen ja schon wieder Schweißtropfen auf der Stirn", muß die Freundin dann feststellen.
Litzenberg in Berlin vernimmt unterdes weiter. Am unangenehmsten empfindet er schon beim ersten Male die Vernehmung von Heide Gobbin Sie gibt sich keine Mühe, zu verbergen, daß sie ihre Vorladung zur Prinz-Albrecht-Straße als eine persönliche Beleidigung betrachtet und behandelt den Litzenberg von oben herab. So bringt sie selbst eine gewisse Schärfe in ihre erste Unterhaltung mit Litzenberg, die nicht länger als 20 Minuten dauert.
Litzenberg muß in der Folge viel über die Kriminalkommissarin nachdenken, über deren bisherige Befragungen nur kurze Vermerke in den Akten enthalten sind. So weiß er, daß sie ein Liebesverhältnis zu Nebe unterhalten hat, obwohl es nicht vermerkt ist Heide Gobbin streitet auch das ab.
Im übrigen steht sie von vornherein auf dem Standpunkt, daß jede Suche nach Nebe vollkommen überflüssig ist. "Nebe hat Selbstmord begangen." Die Kriminalkommissarin sagt es ganz sicher und bestimmt, als sei sie dabei gewesen. "Sie sind die einzige, die das so bestimmt weiß", antwortet Litzenberg. Diese Frau muß er sich merken.
Aber bei Litzenberg verstärkt sich das dumme Gefühl: "Ich werde in der Sache genau so hängenbleiben, wie all die anderen vor mir." Täglich muß er mehrmals bei Müller erscheinen, um ihm über jeden Schritt, den er in der Sache Nebe tut. Rechenschaft abzulegen.
Der Stapochef, der Nebe jetzt selbst fangen will, setzt seinem Nebe-Sachbearbeiter seinen Plan auseinander, den Flüchtigen in einer großangelegten Fahndung zu fassen. Litzenberg kostet es Mühe, ihn von diesem Plan abzubringen. Den Ausschlag gibt die phantastische Wirkung, die eine solche Fahndung in der Oeffentlichkeit und im Ausland auslösen muß.
Aber schon Mitte Dezember ist auch Litzenberg am Ende seiner Kunst. Manche der Vernommenen hat er nur einmal gehört, weil sich bei ihnen so gar kein Anhaltspunkt zeigen wollte. Manche Zeugen hat Litzenberg mehrfach verhört. Unter denen, die am häufigsten vor seinem Schreibtisch saßen, war Heide Gobbin.
Aber Litzenberg will auch die Kripo nicht unnötig in Verruf bringen. Er bittet die Kriminalkommissarin nach Dienstschluß zu sich in die Prinz-Albrecht-Straße. Keine Vernehmung dauert länger als 30 Minuten. Kein Wort wird protokolliert. Der Stapo-Regierungsrat läßt aber keinen Zweifel gegenüber der rundlichen Dame, daß er ihr nicht glaubt. Heide Gobbin ist unempfindlich.
Ab Mitte Dezember weiß Litzenberg nicht mehr was er tun soll, um seinem Auftrag gerecht zu werden. Tagelang tut er in Sachen Nebe überhaupt nichts und bis in die ersten Januarwochen hinein insgesamt so gut wie nichts.
In Motzen gehen die Weihnachtstage still vorüber. Seit der einmaligen Vernehmung Fricks in der Prinz-Albrecht-Straße sind Wochen vergangen und nichts ist seither geschehen. Nebe und seine Freunde werden merklich unachtsamer. Längst ist die Veranda nicht mehr immer besetzt, längst ergeht sich Nebe auch am hellichten Tage im Park und am See.
In der Silvesternacht sitzen sie alle im großen Frickschen Salon, in dem Nebe zu Anfang geschlafen hat, um neben den beiden Türen auch die Parterrefenster zur Flucht zur Verfügung zu haben. Sie gießen Blei. Als Nebe in das Wasser greift, um das erstarrte Metall wieder herauszuholen, werden alle Gesichter betreten. Nebe hält etwas in Händen was ohne viel Phantasie als Galgen angesprochen werden könnte. Die Illegalen-Psychose tut ein übriges.
Wieder ist es Aenne Heß, die sich am schnellsten gefaßt hat. Selbst noch äußerst verlegen, sagt sie mit gemacht lustiger Stimme: "Das ist ein Thronsessel, Arthur, du wirst noch mal sehr hochsteigen." Ein paar Tage vorher hatte sie das Horoskop Wulffs abgetippt, das Nebe immer in der Brieftasche bei sich trug.
Sie hatte von den "zumeist ungünstigen Verhältnissen" gelesen, von der "Suche nach Glück und Ruhe", von dem "Konflikt mit dem Gesetz und den Nöten", von den "eigentümlichen und seltsamen Einschränkungen", von der "bemerkenswerten Art der Zurückgezogenheit und Abgeschlossenheit", von dem "geheimnisvollen Aufenthalt", von den "Täuschungen und Betrügereien", von "Irreführungen, Unglück und Mißtrauen". Von dem "unfreien Aufenthaltsort, der gesundheitlich stark nachteilig" war, und all das war gesagt über die letzte Lebenszeit Arthur Nebes.
Der 13. Januar ist der entscheidende Unglückstag in der Erfüllung des Horoskops. Natürlich wird auch die Zahl 13 jetzt nachträglich in ihrer allbekannten üblen Vorbedeutung gewürdigt. Auf Litzenbergs Schreibtisch schleicht sich von einem anderen Stapodezernat eine Vernehmung aus den Ermittlungen gegen den Bonhöffer-Kreis.
Sie datiert von Anfang September. Und das ist womöglich das Tollste, daß diese Vernehmung, die einzige richtige Spur auf Nebe, seit vier Monaten bei der Stapo herumliegt, ohne daß sie an eine der sechs Kommissionen weitergegeben worden ist, die Nebe bislang zu suchen hatten.
Das Protokoll enthält die Aussagen einer Reihe 20.-Juli-Leute. Sie geben Auskunft darüber, mit wem sie sich in der Zeit bis zu ihrer Festnahme getroffen haben. Einer der Festgenommenen spricht davon, daß eine Frau mit ihm zusammengewesen ist, die irgendwie bei der Polizei tätig sein müsse.
Den Namen kann der Mann nicht angeben, aber er versucht, sein Gedächtnis aufzufrischen. "Hinten mit Sicherheit 'ing' oder 'in', im Namen selbst ein 'ob'. Diese Frau hat gesagt, sie wisse, wo Nebe ist."
Litzenberg hat keine Mühe, auf Heide Gobbin zu schließen.
Am 16. Januar wird Heide Gobbin vom Polizeipräsidium zur Regierungsrätin Wiking am Werderschen Markt bestellt und von hier zur Prinz-Albrecht-Straße dirigiert. Diesmal dauert die Vernehmung länger. Sie wird protokolliert.
Das Mittagessen nimmt Heide Gobbin mit Litzenbergs Stenotypistin im Stapokasino ein. Erstmals war bei der Vernehmung die Vernommene mit Litzenberg nicht allein. Außer der Stenotypistin war der junge Regierungs-Assessor Hamann dabei.
Als Heide Gobbin aus dem Kasino zurückkommt, nimmt Litzenberg sie zur Seite und tritt mit ihr in eine der tiefen Fensternischen. Er stellt ihr die Gefahren vor, die sie mit der Begünstigung Nebes auf sich genommen hat. Die Kriminalkommissarin ist nicht mehr darüber im Zweifel, daß sie von dritter Seite schwerstens belastet worden ist.
Die Frau vor Litzenberg bricht plötzlich vollständig zusammen. Sie erzählt erschüttert von ihrer Eintags-Ehe und von der grausigen Ernüchterung gleich in der Hochzeitsnacht. Dann spricht sie von ihrer Liebe zu Nebe. Jahrelang habe sie ihm geglaubt, daß er sie doch noch einmal heiraten werde.
Das ist Litzenberg neu. Nun erzählt er Heide Gobbin von Nebes sonstigen Frauen. Heide weiß nur zu gut, daß Litzenberg da nichts zu erfinden braucht. "Glauben Sie eigentlich, daß es ein solcher Mann verdient, von Ihnen gedeckt zu werden? Verdient er, daß Sie jetzt statt seiner in ein Verfahren hineingezogen werden, dessen Ausgang kaum noch zweifelhaft sein kann?"
Gerade an diesem 16. Januar ist Heide Gobbin von schwersten Familien - Sorgen bedrängt Am nächsten Tag muß ihre Schwester ins Krankenhaus ihre alte Mutter ist blind Beide sind ohne Heide gerade jetzt vollkommen hilflos.
Litzenberg fragt: "Und all das wegen einem solchen Mann? Frau Gobbin. Sie sind selbst Kriminal-Kommissarin. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was Sie erwartet. Und auch nicht, welche Möglichkeiten sich Ihnen noch bieten."
Litzenberg spricht mit Müller. Müller telefoniert mit Kaltenbrunner. Litzenberg macht im Einverständnis mit Müller und Kaltenbrunner einen Bericht an Himmler. Er erbittet für die Generalstochter die Freilassung, wenn sie nunmehr mit der Wahrheit nicht mehr hinter dem Berge hält. Daß sie lange Zeit vor 1933 der SPD angehört hat, verschweigt Litzenberg.
Objektiv ist Heide Gobbin wegen Begünstigung eines Hochverräters überführt, der Verdacht der Beihilfe zum Hochverrat besteht nachdrücklich. Aber subjektiv, so begründet Litzenberg, ist der Tatbestand entschuldbar. Himmler ist für aufopfernde Liebe einer Frau à la isländische Heldensaga empfänglich.
Litzenberg teilt Heide Gobbin den Erfolg seiner Fürsprachen bei Müller und Kaltenbrunner mit. Müller ist jedes Mittel recht, um Nebe zu fassen.
Litzenberg: "Versprechen will ich Ihnen noch nichts, aber ich hoffe, daß der Reichsführer seine Zustimmung erteilen wird." Kaum hat Heide Gobbin angefangen, auszupacken, da gibt es wieder eine böse Ueberraschung für Litzenberg. Als Nebe die Gobbin am Abend des 28. Juli angerufen hat, war die Kriminalrätin Pfahl bei ihr. Die Kriminalrätin Pfahl nahm den Hörer ab. "Du, hier ist Nebe am Apparat!", sagte sie zu Heide Gobbin.
Litzenberg nimmt dieses Geständnis ohne Rückfrage zur Kenntnis. Die Kriminalrätin Pfahl hat nie erfahren, wie dicht sie vor einer Anklage des Oberreichsanwalts Lautz gestanden hat.
Dann erzählt Heide Gobbin, wie Nebe am 28. Juli zu ihr gekommen ist, wie sie tags darauf mit Frick verhandelte und wieder einen Tag später "den Blinden" zu der Lichtenrader Tankstelle geführt hat. Aber sie erzählt auch von ihrem Oktober-Besuch in Motzen und von ihrer tiefen Enttäuschung, als sie erkennen mußte, daß Nebe sich in seiner neuen Behausung schnell mit anderen Frauen intim befreundete. Litzenberg tut einen tiefen Blick in die Frauen-Seele.
Es ist bereits dunkel, als Litzenberg bei Müller Vortrag hält. Der Berliner Stapoleiter Bock ist zugegen. Müller triumphiert. Spontan entwickelt er den Plan für die Festnahme. Eine ganze Kompanie Waffen-SS will er nach Motzen werfen. Heide Gobbin soll als Strafe bei der Festnahme zugegen sein Müller will Nebe gleichsam unter dem Motto: "Auf ihn mit Gebrüll" vereinnahmen. Es gelingt Litzenberg jedoch, die Schmalspurdetektive davon abzubringen.
Heide Gobbin ist überraschenderweise ohne Sträuben bereit, in Motzen den Judas zu spielen. Mit seinem Regierungsassessor Hamann und zwanzig Beamten der Stapo Berlin führt Litzenberg die Kavalkade an, die gegen 19 Uhr das Prinz-Albrecht-Palais verläßt Im ersten Pkw. sitzt Heide Gobbin mit Litzenberg, neben dem Fahrer sitzt Hamann. In den sieben folgenden Pkw.s sitzen die zwanzig Beamten, sämtlich in Zivil.
Heide Gobbin ist plötzlich nur noch Kriminal-Kommissarin Auch ihr hat Nebe gesagt: "Lebend kriegen die mich nicht."
Nebe hat, das ist allgemein bekannt, nicht nur eine Pistole, sondern auch die Blausäure-Phiole bei sich. Sie ist eine Erfindung Nebes und seines Kriminaltechnischen Instituts. Man trägt die Gift-Kapsel zusammen mit einem Feuerzeug in einer eigens dazu konstruierten Füllfederhalter-Attrappe.
Nebe liebte es, mit Dritten zu besprechen, wie man sich am schmerzlosesten und sichersten selbst vom Leben zum Tode befördern könne. Manchmal habe man keine Zeit mehr, zur Pistole zu greifen. Der einfache Gifttod sei zu schmerzhaft und nicht sicher genug wegen der Möglichkeit, den Magen auszupumpen und ein Gegengift zu spritzen. Diese Kapseln aber waren schmerzlos und sicher.
Nebe machte einen Kult daraus, sie dauernd bei sich zu tragen. Auch die "Himmelfahrts-Kommandos" hinter den feindlichen Linien wurden mit Nebes Ampullen ausgerüstet Himmler und Kaltenbrunner bekamen von Nebe auch solch ein Ding verehrt. Das durfte aber Hitler nicht wissen, da man es den beiden sonst als Defaitismus hätte auslegen können. Der Mann, der das Röhrchen wirklich im Mund getragen und rechtzeitig zerbissen hat, war aber nicht der Erfinder Nebe, sondern Heinrich Himmler.
Immerhin ist bei Nebe Selbstmord zu befürchten Heide Gobbin entwickelt einen Plan, wie Nebe festgenommen werden kann, ohne daß er die Möglichkeit hat, sich vorher noch selbst umzubringen.
Heide hat in Motzen einen Bekannten. Sie schlägt vor, Nebe zu veranlassen, dorthin zu kommen, da sie sich mit ihm treffen wolle. Auf dem Wege kann man Nebe überraschend festnehmen. Es ist eine helle Schneenacht.
An diesem Tag hat Fräulein Lilo Walzer Geburtstag. Bis 20 Uhr sitzt Nebe auf der Veranda, die bei der eisigen Kälte draußen gut geheizt ist. "Jetzt kommt niemand mehr", wird Nebe bestürmt und zu Ehren des Geburtstagskindes in deren Zimmer im ersten Stock gebeten, wo er mit Aenne Heß und Lilo Walzer gemeinsam zu Abend essen soll.
Das Zimmer der beiden Freundinnen liegt wie eine Mausefalle als letztes einer Zimmerflucht am Ende eines Flurs. Es gibt nur eine Tür.
Gegen 20 Uhr fahren auf der Töppicher Chaussee eine Reihe Pkw.s vorbei. Im Frickschen Landhaus wird das nicht bemerkt. Heide Gobbin hat ihre Ortskenntnis überschätzt. 500 Meter vom Frickschen Haus entfernt halten die Wagen.
Litzenberg dirigiert sie zum Bahnhof. Zu Fuß geht es zurück. Alle 200 Meter bleibt ein Beamter stehen, um die Verbindung nach hinten aufrechtzuerhalten.
Mit Hamann und weiteren drei Beamten stehen Litzenberg und Heide Gobbin vor der Gartenpforte. Die Männer gehen in Deckung, die Frau klingelt. Ein Hund schlägt an, ein zweiter Hund antwortet. Ein Mann kommt zur Gartenpforte. Es ist nicht Frick. Heide Gobbin hat sich auch im Hause geirrt Absicht?
Nachdem es wieder einigermaßen ruhig geworden ist - nur die Hunde bellen noch - , wiederholt sich das gleiche wieder vor einem falschen Hause. Litzenberg schöpft Verdacht Das Hundegebell nimmt zu. Die Nacht ist rebellisch geworden. Nebe kann längst über alle Berge sein. Suchhunde hat Litzenberg nicht dabei.
Aber das dritte Haus, an dem Heide Gobbin klingelt, ist das Landhaus des Kaufmanns Walter Frick. Wieder sind alle Beamten in der Nähe versteckt. Nur die Frau ist sichtbar.
Die Eheleute Frick haben sich im Eßzimmer gerade zu Tisch gesetzt, als es klingelt. Pflegesohn Günther Busse sieht nach, wer draußen ist. Es ist 20.15 Uhr. Nach wenigen Sekunden kommt er ins Eßzimmer zurück und meldet: "Onkel Walter, Frau Gobbin möchte dich sprechen."
Walter Frick geht aus dem Hause und zum Tor. Kommt nach wenigen Augenblicken zurück. "Ich will mir nur schnell den Mantel anziehen. Frau Gobbin ist heute nacht in Motzen, will aber wegen Arthur nicht zu uns hereinkommen."
Im Zimmer der beiden Freundinnen Aenne und Lilo ist Nebe aufmerksam geworden. Er kommt die Treppe herunter und fragt: "Es hat doch eben geklingelt?"
Walter Frick antwortet: "Ja, Heide ist da, sie will dich aber erst morgen sprechen. Sie läßt dir sagen, daß du mit dem heutigen Tage aus der SS ausgestoßen bist."
"Merkwürdig", sagt Nebe. "Sind vorhin nicht eine Reihe von Autos draußen vorbeigefahren?" In diesem Augenblick heulen die Sirenen. Fliegeralarm. "Na siehst du", beruhigt Walter Frick den nervösen Freund. "Luftschutz oder sowas."
Während Walter Frick das Haus verläßt, geht Nebe die Treppen wieder hinauf, um das unterbrochene Geburtstagsessen fortzusetzen. Lilo Walzer und Aenne Heß sehen ihn an. "Muß man sich dabei was denken?" fragt Nebe ruhig. Dann: "Es ist sehr unvorsichtig von Heide, hierher zu kommen. Sicher wird sie doch ständig beobachtet."
Inzwischen entfernt sich Walter Frick mit Heide Gobbin vom Grundstück 60 bis 80 Meter sind beide gegangen, als Walter Frick stutzt. Drei Gestalten tauchen vor ihm auf. Er sieht zurück. Auch hier ein Mann. Schon springt einer auf ihn zu und hält ihm die Pistole vor.
Es ist Litzenberg. Er flüstert mehr als er ruft: "Hände hoch! Herr Frick, wir kennen uns ja bereits Sagen Sie uns schnell, in welchem Zimmer sich Nebe befindet."
Heide Gobbin hat sich um den ganzen Vorgang nicht gekümmert. Sie ist weitergegangen in Richtung zum Bahnhof.
Frick antwortet nicht. Gegen alle Regeln der Polizei-Kunst läßt Litzenberg sich mit Frick auf das Verhandeln ein. Dabei kommt nichts heraus. Aber Frick, dieser selbstlose, treue und kaltblütige Freund, brüllt plötzlich dröhnend um Hilfe. Nebe soll hören, was los ist.
Die Stapobeamten werfen sich auf ihn, fesseln ihn und ziehen dem Ueberwältigten eine Pistole aus der Tasche. Endlich erklärt sich Walter Frick bereit, die Beamten ins Haus zu führen.
Von jetzt ab geht alles sehr schnell. Litzenberg und Hamann eilen mit den beiden Beamten und mit Frick den kurzen Weg zurück, laufen durch den Park und dringen in das Haus ein. Alles ist unüberlegt und unorganisiert, nur auf Schnelligkeit berechnet.
Weder das Haus ist umstellt, noch die Rückseite des zugefrorenen Sees bewacht. Schnell schiebt Litzenberg einen Beamten vor den Dienstboteneingang, läßt einen weiteren am Hauseingang stehen und eilt Hamann, Frick und dem dritten Beamten nach, die bereits im Haus verschwunden sind.
Die Geburtstagsfeier ist noch im Gang. Arthur Nebe und die beiden Frauen hören schwere Schritte auf dem Korridor, hören erschreckt mehrere Männer stürmisch die Treppe emporkommen. Dann schallt es: "Hände hoch, oder wir schießen!" durch das Haus. Die Tür zum Zimmer der beiden Freundinnen öffnet sich, ein Pistolenlauf wird sichtbar und schon stehen zwei Männer im Zimmer: Hamann und ein Stapobeamter.
Arthur Nebe und die beiden Frauen bleiben starr vor Schrecken am Tisch sitzen. Niemand hebt die Hände. Trotz des zweiten Pistolenlaufes und trotz der nochmaligen Aufforderung, die Arme hochzunehmen. Die Ueberraschten sind wie gelähmt.
Der junge Regierungsassessor Hamann, gelehrig und ehrgeizig, stürzt sich auf Nebe: "Willste wohl aufstehen, du Schwein!" Hamanns Gesicht ist unnatürlich verzerrt. "Wir kennen dich auch mit deinen gefärbten Zotteln."
Rasend vor Wut schlägt Hamann auf Nebe ein. Beide Stapo-Leute zerren ihn hoch und stellen ihn an die Wand. Hamann schlägt ihm ins Gesicht. "Wo haste das Gift?" Unfähig, Widerstand auch nur zu versuchen, gibt Nebe Hamann den Füllfederhalter mit dem Zyankali und die Pistole.
Als dritter betritt Litzenberg das Geburtstagszimmer. Er tritt zwischen den schäumenden Hamann und Nebe. Um Arthurs Unterarme schließt sich die Berliner Acht. "Siezen Sie den festgenommenen Nebe gefälligst, Hamann", zischt Litzenberg und macht dem Schimpfen damit ein Ende.
Litzenberg führt Nebe hinunter ins Wohnzimmer. "Das Spiel ist aus, Arthur Nebe, geben Sie sich keine Mühe mehr", will er mechanisch sagen, aber er sagt es nicht. Wie lächerlich, daß auch er diesen Mann von jetzt an mit "Sie" ansprechen wird.
Wie lächerlich, daß er seinen Kameraden aus den Rauschgifttagen des Jahres 28 in Fesseln die Treppe hinunterführt. Gemeinsam haben sie damals Leute festgenommen, die keine Verbrecher waren, während sie der eigentlichen Gauner nicht habhaft werden konnten. Nun hat Litzenberg im Auftrage des Verbrechers Müller Arthur Nebe festgenommen, der bestimmt kein Verbrecher ist. Litzenberg weiß, daß er soeben in einem traurigen Schundroman eine Rolle gespielt hat. In den Klubsesseln unterm Weihnachtsbaum nimmt er mit dem gefesselten Nebe Platz.
Hamann hat inzwischen Auftrag, alle Bewohner des Hauses in einem Zimmer zu versammeln. Die Stapobeamten bewachen sie. Litzenberg ist an ihnen nicht interessiert. Müller wird bestimmen, wer sie zu vernehmen hat, wenn sie in dieser Nacht noch in Berlin eintreffen.
Walter Frick ist der einzige, dessen Hände gefesselt sind. Der dicke Mann bekommt einen Herzanfall. Die Herztropfen, um die er bittet, werden ihm verweigert. Es könnte Gift sein. Er läuft aber schon blau an. Die Beamten erleichtern seine Fesselung.
Litzenberg bietet Nebe eine Zigarette an und raucht selbst. Er ist nicht weniger aufgeregt als jener. Die Situation ist ihm peinlich. Am liebsten würde er sofort mit Nebe nach Berlin zurückfahren. Aber draußen ist Fliegeralarm. Man hört in der Ferne die Einschläge. Entwarnung muß abgewartet werden. Bis 23 Uhr sitzen sich die alten Kameraden gegenüber.
Litzenberg vermeidet Fragen, die mit Nebes Flucht oder mit dem 20. Juli zusammenhängen. Nebe wird so die Befangenheit genommen. Die beiden Männer täuschen sich über die Situation hinweg. Sie unterhalten sich, als wenn sich nichts Besonderes ereignet hätte. Geht jemand durch den Raum, regnet der abgestandene Weihnachtsbaum seine Nadeln zu Boden.
Hamann hat inzwischen bestimmt, daß nur Lilo Walzer, Aenne Hess und das Ehepaar Frick nach Berlin gebracht werden sollen. Die übrigen bleiben am Motzensee unter Bewachung.
Um 23 Uhr, kurz vor endgültiger Entwarnung, fahren in einem Pkw. Litzenberg, Hamann und Nebe, im nächsten die drei an der Festnahme Nebes beteiligten Beamten mit Heide Gobbin nach Berlin zurück.
In der Prinz-Albrecht-Straße ist Müller in unglaublicher Aufregung. Nebe muß wieder entwischt sein! Seit 19 Uhr hat er keine Nachricht.
Um Mitternacht treffen die beiden ersten Wagen mit Nebe im Prinz-Albrecht-Palais ein. Litzenberg und Hamann führen ihren Gefangenen unmittelbar in Müllers Zimmer. Müller ist bei Kaltenbrunner. Sie warten. Kein Wort wird gesprochen.
Dann kommt Heinrich Müller. Mit affiger Gebärde wendet er sich an seinen Kripofreund: "Sie werden verstehen, daß wir uns unter diesen Umständen nicht mehr duzen können." Dann, nach einer kurzen Pause: "Nebe, wie kamen Sie dazu?"
Die weniger für Hamann als für den betroffenen Litzenberg peinliche Situation wird durch den Eintritt Kaltenbrunners unterbrochen. Litzenberg und sein Assessor müssen das Zimmer Müllers verlassen. 30 Minuten warten sie im Vorzimmer und erfahren niemals, was Kaltenbrunner und Müller mit Nebe gesprochen haben.
Litzenberg hat Zeit, die Lage zu überdenken. Nebe sieht aus wie ein Landstreicher. Sein ganzes Habit besteht aus einer alten Hose und einer uralten Jacke. Schnurrbart und Haare, die seit Monaten nicht mehr geschnitten sein können, sind unerhört auffällig gefärbt. "Er darf hier nicht zum Gespött aller herumlaufen", denkt Litzenberg.
Litzenberg wird von Müller in das Chefzimmer zurückgerufen. Nur vier Worte gibt es: "Führen Sie ihn ab."
Gegen ein Uhr nachts am 17. Januar schließt sich hinter Arthur Nebe die Zellentür im Hausgefängnis des Geheimen Staatspolizeiamtes in der Prinz-Albrecht-Straße. In derselben Nacht noch wird Hans Lobbes in einen anderen Flügel des Gebäudes verlegt.
In Litzenbergs Zimmer wartet Heide Gobbin. Der Regierungsrat läßt sie in einem der Wagen, die soeben von Motzen zurückgekehrt sind, nach Hause fahren. Nicht eine Stunde lang war sie festgenommen.
Am späten Vormittag des 17. Januar wird Nebe Litzenberg zur Vernehmung vorgeführt.
"Haben Sie noch irgendwo in Berlin eigene Kleider?" Im Hause der JKPK am kleinen Wannsee, wo der schwankende Generaloberst Fromm lange Zeit Hausarrest hatte, bevor auch er umgebracht wurde, steht Nebes großer Koffer. Litzenberg läßt ihn holen.
Inzwischen läßt er Nebe rasieren und die Haare schneiden. Nebe zieht neue Wäsche und einen guten Anzug an.
Am Nachmittag beginnt das erste Verhör. Litzenberg hat es sich schwieriger vorgestellt. Arthur Nebe ist außerordentlich aufgeschlossen Er raucht von den 100 Zigaretten, die sich in einer Blechdose in dem Wannsee-Koffer befunden haben, und bietet unbefangen von den Importen an.
Litzenberg lehnt ab und macht Nebe darauf aufmerksam, daß er noch eine lange Zeit vor sich hat. Er erteilt die Genehmigung, daß Nebe sowohl während der Vernehmungen als auch in seiner Zelle rauchen darf. Den Bohnenkaffee aus dem Wannsee-Koffer brüht Litzenbergs Stenotypistin für Nebe auf.
Nebe bewegt nur eine Frage: "Glauben Sie, Kamerad Litzenberg, daß mir der Reichsführer Gelegenheit geben wird, mich an der Front zu bewähren?" Um den Reichsführer keinen Augenblick lang dieser (aussichtslosen) Bitte gegenüber zu verschnupfen, ist Nebe sofort und bedingungslos bereit, alles zu sagen, was er weiß. Arthur Nebe klammert sich an den Strohhalm des "Verlorenen Haufens".
Nebe selbst macht Litzenberg den Vorschlag, der Regierungsrat solle ihm sagen, zu welchem Thema er Auskünfte wünsche, er selbst wolle sie dann in die Maschine diktieren. Während der Festgenommene diktiert, wird er von Hamann bewacht.
Litzenberg selbst ist froh, wenn er nicht dabei zu sein braucht. Er zeichnet die Protokolle gegen, unter denen steht: "Selbst diktiert und unterschrieben - Arthur Nebe." Dies letzte Kapitel um Nebe ist das trübste.
Dabei kann Nebe zum 20. Juli selbst herzlich wenig aussagen. Er weiß von der allgemeinen Unzufriedenheit und von der Aktion "Walküre". Das ist alles. Er kennt keine Einzelheiten. Er weiß nur, daß es das alles gab.
Alle Männer und Frauen, die auch nur annähernd zur Widerstandsbewegung gezählt werden mochten, nennt er bereitwillig. Für die Stapo sind sie nicht neu.
Der einzige wirkliche Vorwurf, der Nebe gemacht werden kann, ist seine Bereitstellung von Beamten des Reichskriminalpolizeiamtes für den 15. Juli. Diese Bereitstellung wäre nie herausgekommen, wenn Lobbes nicht die Nerven verloren hätte. Helldorf hatte sie verschwiegen. Diese Bereitstellung hätte Nebe nicht bestreiten können.
Nebes Aussagen deckten sich mit den Aussagen aller von Litzenberg festgenommenen Widerstandsfreunde. Sie alle hatten Nebe über die Beamtenbereitstellung hinaus nicht belastet. Sie hätten aber, mit Ausnahme Theodor Strüncks, auch nicht mehr sagen können.
Nebe selbst ist das, was er zu seiner eigenen Belastung anzugeben vermag, zu wenig, um bei Himmler den Eindruck unbedingter Glaubwürdigkeit und Reue zu erwecken. Er greift zu einem verzweifelten Mittel, um seinen Gerichtsherren freundlich zu stimmen: Er läßt keinen Menschen, weder Mann noch Frau, bei der Schilderung seines Fluchtweges aus, keinen, der ihm auch nur die geringste Hilfe geboten hat.
Der Mann, für den
* Lobbes krank geworden ist,
* Dr. Olbertz Selbstmord beging,
* Viktor Schulz log, daß sich die Balken bogen,
der Mann,
* den Olbertz und Schulz aufnahmen,
* den Heide Gobbin unter Einsatz ihrer Existenz deckte und später verriet,
* den Aenne Hess und Lilo Walzer über seine Misere hinwegbrachten,
* den Elisabeth und Theodor Strünck und Graf Helldorf in den Verhören gedeckt haben,
* dem Walter Frick bis zum äußersten die Treue gehalten hat,
er drängt sich danach, seine lumpigen Aussagen zu machen. Walter Frick und Dr. Olbertz lebten heute noch, wenn sie Nebe gegenüber so ängstlich und feige gewesen wären, wie Nebe selbst vor und nach seiner Ergreifung.
Nebe belastet nicht nur die Pfarrer Böhm. Harder und Reinicke, die sämtlich politisch vorbestraft sind, er belastet deren Frauen gleich mit, indem er die politischen Gespräche, die geführt worden sind, mit gutem Gedächtnis diktiert.
Er belastet seinen Freund Olbertz, dem es nichts mehr schadet, er belastet Viktor Schulz, der sofort wieder in Haft geht, und er läßt die Kinderschwester Charlotte Krüger nicht aus.
Er belastet Elisabeth Strünck, die in 57 Verhören nichts für Nebe Nachteiliges ausgesagt hat. Für oder gegen Theodor Strünck und Walter Frick kann er nach Lage der Dinge nichts tun. Beide werden kurz vor Kriegsende ohne Verhandlung ermordet.
Auch für Else Frick kann er nichts tun, die ebenso wie Aenne Hess beim Einmarsch der Russen freigelassen wird. Aber er versucht nicht einmal, die Freundinnen Aenne Hess und Lilo Walzer herauszuhalten, er nennt den Zahnarzt Dr. Kuhfeld, in dessen Schuppen er sich aufhalten durfte. Er nennt seine Nachbarin und Freundin Hanna Volland, die 500 RM an Frau Lisel Nebe weiterbeförderte, die Walter Frick ihr für diesen Zweck gegeben hatte.
Als Litzenberg die Hanna Volland vernimmt, kommt heraus, daß zwischen Nebe, Frau Lisel Nebe und Frau Volland eine Art Ehe zu Dritt bestand. Aus Scham darüber, daß das Dreiecks-Verhältnis nun aktenkundig gemacht wird, schiebt sich Hanna eine von Nebes Blausäure-Kapseln in den Mund und ist wenige Sekunden später tot. So erfährt auch ihr Mann, was sich jahrelang ohne sein Wissen abgespielt hat.
Allen, die mit Nebe zu tun hatten, hat er Unglück gebracht, nicht aus Bosheit, sondern aus Schwäche. In die übelste Lage aber bringt Nebe seinen Freund Hans Lobbes. Als Litzenberg das erste von Nebe selbst diktierte Protokoll liest, das sich mit Lobbes befaßt, erschrickt der Stapobeamte. Das Geständnis bedeutet das Todesurteil für Lobbes.
Litzenberg spricht mit Nebe. "Wissen Sie was das für Lobbes heißt?" Nebe weiß es. "Es ist aber wahr was ich diktiert habe", beharrt er.
Der Stapobeamte glaubt Nebe nicht. Er geht davon aus, daß Nebe niemanden in seine Karten hat gucken lassen. Wieder geht es um die Beamtenbereitstellung am 15. Juli. Lobbes hat in seiner Vernehmung erklärt, er habe nicht gewußt, noch habe er wissen können, daß diese Bereitstellung ein Teil der Aktion "Walküre" gewesen sei. "Er wußte es doch", sagt Nebe.
Litzenberg spricht lange mit Nebe über Lobbes, dann mit Müller. Auch Müller glaubt nicht, daß Hans Lobbes in die Putschpläne soweit eingeweiht gewesen sei, wie Nebe es jetzt angibt. Er ist an einem Verfahren gegen Lobbes nicht sonderlich interessiert. "Wenn ihr aber dem Werner etwas nachweisen könntet - " animiert er Litzenberg.
Wieder spricht Litzenberg mit Nebe. Aber so sehr Nebe auch bereit ist, jedes Fleckchen auszuräumen, das seine unbedingte Glaubwürdigkeit herabsetzen könnte, gegen Werner kann er Müller nicht dienen. Es wäre auch unklug von ihm, denn zwangsläufig müßte er sich dann in Widersprüche verstricken.
Seine Belastungen gegenüber Lobbes allerdings widerruft Nebe. Es wird ein neues Protokoll angefertigt und das erste vernichtet. Hans Lobbes hat dem Stapomann Litzenberg sein Leben zu verdanken.
So kommt der Name Lobbes, des wichtigsten Belastungszeugen gegen Nebe, in der Anklageschrift nicht vor, die der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof gegen die Begünstiger Nebes am 23. März ausfertigte.
Statt dessen steht in dem flüchtig hingehauenen Dokument, der Graf Helldorf habe "alsbald nach seiner Verhaftung Nebe belastet". Das ist erweislich unwahr.
In dieser Anklageschrift ("Geheime Reichssache", "Empfänger haftet für sichere Aufbewahrung", "Bei Postbeförderung als Wertbrief befördern, Wert 1050 RM") finden sich fast alle wieder, die Nebe geholfen haben und denen er so übel mitgespielt hat: die Pfarrer Böhm, Harder und Reinicke, die Eheleute Frick, Viktor Schulz, Aenne Hess und die kaufmännische Angestellte Else Hecht.
Fricks Angestellte Hecht erscheint in der Anklageschrift als "die dem Frick hörige Hecht". Ihr hat Nebe versprochen, ihr eine Färberei einzurichten, wenn sie schweigen würde.
All diesen Angeschuldigten wurde vorgeworfen: "Sie haben dem Hoch- und Landesverräter Nebe Fluchthilfe gewährt. Dadurch haben Sie den Kriegsfeinden des Großdeutschen Reiches Vorschub geleistet und sich außerhalb der Volksgemeinschaft gestellt."
Außer Walter Frick, der in der Nacht vom 22. zum 23. April ermordet wurde, hat es von diesen Angeklagten keinen mehr erwischt. Das Großdeutsche Reich war schon hinreichend klein geworden, und die "Kriegsfeinde" erschienen am 23. April rechtzeitig vor dem Prozeß. Else Frick und Aenne Hess bekamen bei der Entlassung aus Moabit sogar ihre Schmucksachen zurück.
Der Name der Jüdin Lilo Walzer taucht in der Anklageschrift nirgends auf. Sie ist nie wieder gesehen worden. Heide Gobbin kommt ebenfalls nicht vor. Sie tat Dienst bis zum Einmarsch der Russen und wurde im russischen KZ Buchenwald gesehen, aus dem sie im Schwunge der allgemeinen Entlassungen kürzlich entkam.
Am 3. Februar 1945 beendet Litzenberg die Vernehmungen Nebes. Allerdings, tagelang hat in der Zwischenzeit überhaupt kein Verhör stattgefunden. Allen Stapodezernaten stand der festgenommene Kripochef nämlich zur weiteren Befragung zur Verfügung.
Nur Huppenkothen, der Bearbeiter des Canaris-Kreises, hat Gebrauch davon gemacht. Aber Arthur Nebe kann nicht mehr aussagen, als daß er die einzelnen Personen - General Oster, Strünck, Gisevius, Oberst Hansen - kannte, daß er mit ihnen mehr oder weniger freundschaftlich verkehrte und daß er wußte, sie gehörten zu den Unzufriedenen. Nebes Aussagen brauchen nicht einmal protokolliert zu werden.
Huppenkothen interessiert besonders das Verhältnis Nebe-Gisevius. Der Kripochef äußert sich wenig schmeichelhaft. "Weshalb haben Sie Gisevius eigentlich nicht bei sich in der Kripo behalten?", fragt der Chef der Spionage-Abwehr der Gestapo.
Nebe ist rigoros in seinem Urteil: "Gisevius war mir zu faul, und ich mag Menschen nicht, deren Reiseabrechnungen nicht stimmen."
Mit dem 3. Februar verschwindet Nebe auch aus dem Gesichtskreis der mit ihm befaßten Stapobeamten. Von jetzt ab weiß nur noch Müller, wie über Nebe befunden wird.
Im Hausgefängnis hatte Nebe noch eine gespenstische Begegnung. Er stand im Waschraum und wusch seinen Oberkörper, da betrat Rudolf Diels den Waschraum. Beider Wächter hatten nicht aufgepaßt.
Diels hatte bemerkt, daß er seit einiger Zeit nicht mehr direkt in den Waschraum geführt wurde, sondern, dreimal am Tag, einen Umweg. Auf der kurzen Strecke des Flurs, den er nicht mehr betreten durfte, saß ein SS-Mann vor einer offenen Zelle auf einem Stuhl. Dieser Aufwand wunderte Diels. Immer, auch in den dunkelsten Bombennächten schien Licht aus dieser Zelle auf den Stuhl und beleuchtete die SS-Wache.
Im Waschraum nun fragte Diels den todesbleichen, restlos fertigen Nebe: "Sie sind der Gefangene in der offenen Zelle, Herr Nebe? Sind Sie schon verurteilt? Werden Sie gequält?" Nebe habe, erzählt Diels, ihn angestarrt wie eine Erscheinung und gemurmelt: "Ich hätte mit Ihnen gehen sollen."
Der erste Chef der Gestapo, Diels, war 1934 aus der Polizei des SS-Staates, zu seinem Glück, vertrieben worden, der erste Exekutiv-Chef der Gestapo, Nebe, war in der Polizei geblieben.
"Nun waren wir zwar auf verschiedenen Wegen zu demselben Ziel gelangt", meint Diels, "aber Nebe wollte wohl sagen, er habe mich in den letzten elf Jahren darum beneidet, weil ich mich von den Dingen nach dem ersten Vorgeschmack distanziert hatte."
Diels erzählt, der ihn damals vernehmende Kommissar habe zu verstehen gegeben, Hitler sei über des treuen, anständigen Nebe Verrat so empört gewesen, daß er in der ersten Rage überlegt habe, ob man ihm die Haut abziehen oder ob man ihn blenden solle.
Am 7. Februar wurde Nebe mit 15 anderen politischen Gefangenen nach Buchenwald geschafft, wahrscheinlich wegen der Bombenangriffe. Nebe, Pfarrer Dietrich Bonhoeffer und der spätere "Ochsensepp" Josef Müller wurden gefesselt transportiert. Nebe wurde besonders schlecht behandelt, er kam in die Extrazelle des Gefängniswagens.
In Buchenwald, in der SS-Kaserne, saß Nebe in Zelle 4 allein, Müller in Zelle 3 allein, in Zelle 5 saß der Buchenwalder Lagerarzt Dr. Hoven, später General Falkenhausen, in Zelle 8 saß Molotows Neffe, Wassilji Kokarin, in Zelle 6 ein Major vom Secret Service, in Zelle 2 der spätere Oberdirektor Pünder und der Korvettenkapitän Liedig aus dem Stabe des Abwehr-Admirals Canaris.
Josef Müller, ebenfalls Canaris - Mann, versuchte, mit Nebe in Verbindung zu kommen Die Bewachung war anfangs streng, lockerte sich aber später. Es ergab sich bald eine Gelegenheit. Sie verständigten sich, daß man nacheinander austreten wolle, und ließen die Türen so geöffnet, daß dies den Wachmannschaften nicht auffiel.
Es ergab sich etwa folgendes Gespräch, das Müller noch fast im Wortlaut erinnerlich ist:
Müller: "Nebe ich bin Josef Müller aus München, haben Sie verstanden?"
Nebe (war sofort im Bilde, brachte seine Freude zum Ausdruck und seine Anerkennung für Müllers Haltung im früheren Verfahren, das er aus seiner Tätigkeit her kannte): "Wie geht es? Wenn Sie weiter so durchhalten wie bis jetzt und dem Druck nicht nachgeben, was ich Ihnen bei Ihrer Bärennatur zutraue, haben Sie Aussicht, die Sache noch durchzureißen. Es sind auch Leute draußen, die Ihnen helfen wollen."
Müller: "Dann müssen Sie doch erst recht durchhalten können, Sie haben doch sicher auch Leute, die Ihnen helfen, auch unabhängig von meinen Freunden."
Nebe: "Ich kenne natürlich nicht mehr den heutigen Stand Ihres Verfahrens beim Volksgerichtshof. Aber vor dem Reichskriegsgericht konnte man Sie nicht überführen. Ihre Freunde haben geschwiegen und dem Lumpen hat man nicht geglaubt, wegen umstrittener Persönlichkeit."
Müller: "Wenn ich durchstehe, müssen Sie doch auch durchstehen. Nur nicht bluffen lassen, man darf nicht der Versuchung nachgeben und schwach werden, sonst ist man verloren."
Nebe: "Das hilft bei mir wahrscheinlich nichts mehr. Ich bin zu stark belastet. Wenn ich von hier wegkomme, dann wissen Sie, daß man mich umgebracht hat. Ich vermute, daß man mich nach Berlin bringen wird. Ich fürchte sehr, daß man mich plötzlich holt und umbringt. Es steht zu schlecht. Ich bin von drei Zeugen zu schwer belastet. Die haben dumm geschwätzt."
Müller: "Wer ist das?"
Nebe nennt Namen, die Müller nicht nennen will, darunter eine Frau.
Das war am 14./15. Februar. Durch Klopfzeichen konnten sich Nebe und Müller nicht verständigen, da sie die nicht beherrschten.
In der folgenden Nacht wurde Nebe fortgeschafft. Seine Wäsche ging nicht mit, was ein böses Zeichen war.
Die kommenden zwei Wochen sind in wohltätiges Dunkel gehüllt. Am 2. März stürzt ein Neffe von Tante Agnes in das idyllisch gelegene Landhäuschen Onkel Hugos in Gathow. Es ist Dr. Herbert Collatz, Referent im Propaganda-Ministerium. Er stürmt ohne Atem zu den beiden Alten herein und brüllt Onkel Hugo an: "Morgen wird er aufgehängt."
Dr. Collatz - er erschoß sich bei Einmarsch der Russen mit Frau und Tochter - hatte als Abgeordneter des Dr. Goebbels an der einzigen Verhandlung vor dem Volksgerichtshof gegen einen SS-General teilgenommen. Was Dr. Collatz seiner Tante und seinem Onkel erzählte, war:
Arthur sei zuerst sehr ruhig und gefaßt gewesen. Dann habe er sich einmal zur Seite gewendet und festgestellt, daß sein angeheirateter Vetter die Verhandlung protokollierte. Von dem Moment an sei er nervös und verstört gewesen.
Daß er gesagt habe: "Ich habe gesehen, wohin der Weg des Führers führt, ich konnte nicht mehr sein Gefolgsmann sein" diese Mär war plötzlich unter den Nebe-Verwandten zu hören, aber sie ist unverbürgt und unglaubhaft.
Ob Arthur Nebe am 3. oder am 4. März gehängt wurde, ob in Plötzensee, ob er überhaupt gehängt wurde und nicht vielmehr geköpft, weiß auch der SPIEGEL nicht.
- Ende -

Graphologisches Gutachten
über den Arthur Nebe des Jahres 1939: Trotz oder wegen seines weichen Wesens nimmt der Schreiber leicht eine zackige Haltung an. Milieu oder überkommene Vorstellungen betonter Männlichkeit und eine oft peinlich wirkende Selbstgefälligkeit mögen die Vorliebe für diese Haltung gefördert haben
Er wird von einem Ehrgeiz beherrscht, der ihm keine Ruhe läßt. Sein Ziel verfolgt er mit Zähigkeit. Außerdem stehen ihm ein kritischer Verstand, gutes Kombinations- und Abstraktionsvermögen und leichte Einfühlungsgabe zur Verfügung. Seine vielseitigen Interessen, die überwiegend praktisch sind und auf künstlerischem, psychologischem und philosophischem Gebiet im Dilletantismus steckenbleiben, erleichtern ihm Anknüpfungsmöglichkeiten im Umgang mit Menschen.
Die Tatsache, daß er sich in einem Zustand ständiger Anspannung befindet, deutet darauf hin, daß er im Hinblick auf seine Kraftreserven über seine Verhältnisse lebt. Hier liegt der kritische Punkt in diesem Charakter. Aus seiner fast mädchenhaft zarten Konstitution rührt sein unberechenbares Verhalten. Spontanes rücksichtsloses Sichdurchsetzen einerseits, unentschlossenes und ausweichendes Benehmen andererseits. Seine vielseitigen Neigungen sind nicht durchkultiviert und kommen nicht voll zur Entfaltung. Es fehlen ihm die Nerven, um große Verantwortung zu tragen und schwierige Lebenslagen durchzustehen.
Da sein Ehrgeiz über seine tatsächlichen Möglichkeiten hinausschießt, bringt er sich in Lebenslagen, denen er oft nicht gewachsen ist. Dadurch gerät er in den Bann von Angst und Unsicherheit und wird zum Lavieren gezwungen, das ihm jedoch auch nicht liegt, da ihm bei seiner Kleinbürgerlichkeit die diplomatische Eleganz fehlt.

DER SPIEGEL 16/1950
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