20.04.1950

TUBERKULOSE / MEDIZINIn vier Tagen Samba

Die Operationstechnik für Tbc-Kranke konnte erst in den letzten zwei Jahren ausgebaut werden. Vorher fehlten uns die Mittel, eine Infektion der gesunden Lungenteile während der Operation zu verhüten." Prof. Otto Diebold, Sauerbruch-Schüler und Chefchirurg des Hamburger Heidberg-Krankenhauses, doziert vor den Assistenten am Fall Hans Fahsel. Der 25jährige Seemann leidet an Tuberkulose. Er soll operiert werden, ein Lungenlappen wird entfernt. "Lobektomie" nennen es die Aerzte.
Mit dem Penicillin, dem Streptomycin und dem PAS haben die Mediziner endlich die Mittel, Tbc-kranke Lungenteile operativ zu entfernen. Professor Sauerbruch und der New Yorker Professor Nissen arbeiteten die neue Operationsmethode aus.
Zwar wird die gewohnte Tbc-Heilmethode - Sanatorium mit Einheitsrezept: "Viel essen, viel liegen, viel frische Luft" - nicht aufgehoben. Aber in Sonderfällen, bei Kranken, die an chronischer Tbc leiden und bei denen ein operativer Eingriff die letzte Rettung bedeuten kann, wird sie wesentlich verkürzt.
Bisher ist in Deutschland noch kein Mißerfolg der neuen Methode verzeichnet worden. "Die eindämmende Wirksamkeit der erst in den letzten eineinhalb Jahren zur Anwendung gelangten pharmazeutischen Mittel vermehrt die bisherigen Heilmöglichkeiten der Tuberkulose*) beträchtlich", sagt Chef Diebold. In Bundesdeutschland zählt er zu den Kapazitäten der Lungenchirurgie.
Die Mittel, die den Aerzten bisher im Kampf gegen die Tuberkulose zur Verfügung standen, reichten nicht aus, um die Krankheit restlos zu vernichten.
Vor dem ersten Weltkrieg wurde den Lungenärzten mit dem "Pneumothorax" ein neues Mittel zur Bekämpfung des Tuberkuloseprozesses gegeben: Nach dem Prinzip, die infizierte Stelle im Lungengewebe zusammenzupressen, die Lunge somit ruhigzustellen und den Heilungsprozeß des Körpers zu unterstützen, wurde dem Kranken in den luftleeren Raum zwischen Lunge und Brustkorbwand Luft eingeblasen. So hatte die Lunge keine Ausdehnungsmöglichkeiten mehr. Sie klappte ganz zusammen. In gewissen zeitlichen Abständen wurde Luft nachgefüllt, da sie vom Rückenfell und anderen Körperteilen aufgesaugt wurde. Dem Kranken wurde solange Luft eingepumpt, bis der Tbc-Prozeß ausgeheilt war. Diese Methode führte nicht immer zum Erfolg.
Mit Pneu-Erfahrungen gerüstet begab sich die medizinische Wissenschaft schließlich auf das Gebiet der Chirurgie. Die "Thorako-Plastik" wurde angewandt: Prinzip wie beim Pneu, nur kostete die Prozedur den Kranken einige Rippen und schränkte das Atmungsvolumen spürbar ein. Ein Streifen von Rippen wurde operativ entfernt, der Brustkorb somit beim Zusammennähen eingeengt. Auch hier mußte der Kranke Geduld haben, bis die Luft den Tbc-Prozeß ausheilte. Das war nicht immer der Fall.
"Ein solcher direkter Eingriff war lange Zeit der äußerste Schritt, den der Lungenfacharzt zu gehen wagte", berichtet Professor Diebold. "Es wurde vor wenigen Jahren noch für ganz unmöglich gehalten, einen Lungenlappen oder Lungenflügel operativ zu entfernen."
Durch Röntgenaufnahmen stellte Diebold Verschattung eines Lungenlappens bei Hans Fahsel fest. Diagnose: "Tuberkulose des linken Lungenoberlappens mit großer Kaverne, die durch Pneu nicht zu beeinflussen ist."
Klinisch und röntgenologisch stand fest, daß Hans Fahsel dadurch in Lebensgefahr geraten kann. Die konservativen Heilmöglichkeiten zeigten keinen Erfolg. Prof. Diebold entschloß sich zur Operation.
Zur Vorbereitung der Operation werden Hans Fahsel in genauen Dosen Streptomycin, PAS und Tb 1 verordnet. Sie sollen eine Ausbreitung des Krankheitsherdes in das gesunde Lungengewebe, die "Streuung", verhindern.
Hans Fahsel liegt auf dem Bauch. Die Haut über den Schulterblättern ist leicht gerötet. Schon seit 1946 leidet er an offener Tbc.
Ein Arzt des Dieboldschen Operations-Teams führt die Kanüle an einer Spritze vorsichtig an der Wirbelsäule ein. Langsam drückt er 50 bis 60 ccm physiologischer Kochsalzlösung in den um die Rückenmarkshaut liegenden Spaltraum und füllt ihn damit auf. Hans Fahsel merkt nichts davon. Die örtliche Vorbetäubung mit Novocain hat die Stelle schmerzlos gemacht. Etwa 10 ccm eines Betäubungsmittels (Pantocain-Kollidon) werden in die Säule der Kochsalzlösung, die als Flüssigkeitspolster dient, eingespritzt.
"Das Betäubungsmittel muß irgendwo hin entweichen", sagt Prof. Diebold. "Das Flüssigkeitspolster preßt es durch die Zwischenwirbellöcher des Rückgrats direkt an die Spinalnerven (Nerven, die aus dem Rückenmark austreten). Durch ihre Ausschaltung tritt eine Lähmung der Nerven im Operationsbereich ein. Das unbewußte Nervensystem, der 'Grenzstrang des Symphaticus', das rechts und links der Wirbelsäule liegt, wird betäubt."
Somit ist im Bereich des Operationsgebietes alles schmerzunempfindlich. Hans Fahsel erlebt die schwierige anderthalbstündige Operation bei vollem Bewußtsein. Er hört jedes Wort, das im OP gesprochen wird.
Mit einem Schnitt legt Professor Diebold die Operationsstelle frei. Der Arm klappt nach unten. Blut fließt kaum. Nach der Operation wird der Arm wieder an den Körper gedrückt und die Schnittstelle zusammengenäht. Während des Schnittes auf dem Rücken atmet die Lunge noch. Durch das Einströmen der Luft fällt sie zusammen, nach der Operation wird sie durch Ueberdruck wieder aufgepumpt.
Chef Diebold nimmt die sechste Rippe heraus. Die fünfte und siebente teilt er und biegt sie zurück. Sie wachsen später wieder zusammen. Die Lunge liegt jetzt frei. Er legt einen festen Seidenfaden unter die Pulmonalarterie, die das Blut vom Herz in die Lunge führt.
"Wenn die fingerstarke Pulmonalarterie, reißt, geht es um Sekunden. Der Blutdruck ist zu stark. Der Patient würde verbluten, wenn nicht im selben Augenblick Abhilfe geschaffen wird. Sie ist mir toi, toi, toi, bisher noch in keinem Fall gerissen", freut sich Otto Diebold.
Die anderen Blutgefäße sind abgebunden. Jetzt der entscheidende Schnitt. Im Operationssaal könnte keine Nadel ungehört zu Boden fallen: Der von Tuberkelbazillen zerfressene linke Lungen-Oberlappen ist abgetrennt und kommt sofort unter Verschluß. Die für die Abbindung der Blutgefäße benützten Fäden, neben Seide auch Katzendarm, lösen sich nachher im Körper von allein auf. "Dadurch werden Entzündungen vermieden."
Während der Operation bekommt Hans Fahsel drei Bluttransfusionen durch die Unterschenkel. Ein anderer Arzt unterhält sich ständig mit ihm, fragt nach seinem Befinden und kontrolliert die Ueberdruckatmung.
Die Schnittwunde ist wieder geschlossen. Die Narbe zieht sich in einer Länge von mehr als 25 cm rechts neben dem Schulterblatt hin. Einige Kubikzentimeter Penicillin und Streptomycin werden injiziert. Sie sollen die Infektionsgefahr und ihre Nebenerscheinungen abfangen.
Hans Fahsel wird abgerieben, gereinigt und verbunden. Kaum einen Stich oder Schmerz hat er während der 90 Minuten verspürt.
Nach vier Tagen kann er schon wieder aufstehen. Im Nebenhaus tanzt Edeltraut Heider vor ihren Mitpatientinnen Samba. Vor vier Tagen operierte Prof. Diebold ihr den linken Oberlappen heraus. Sie hat jetzt links nur noch einen Lungenlappen, rechts drei. Der noch vorhandene linke Lungenlappen dehnt sich im Laufe der Zeit wieder aus. Edeltraut Heider könnte auch mit einer Lunge leben.
[Grafiktext]
LUFTRÖHRE
RECHTE LUNGE
LINKE LUNGE
3 LUNGEN-LAPPEN
2 LUNGEN-LAPPEN
BRONCHUSZWEIGE
WIRBELSÄULE
[GrafiktextEnde]
*) Pneumothorax, Pneumolyse, Thorakoplastik = Bezeichnungen für chirurgische Eingriffe bei Tbc-Kranken.

DER SPIEGEL 16/1950
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