20.04.1950

WÜNSCHELRUTE / WISSENSCHAFTAls verwerflich zu bezeichnen

Ich muß daran glauben, weil ich Wasser haben will!", sagte Bürgermeister Wilhelm Seitz in Homberg (Oberhessen) und befahl dem Drei-Mann-Kommando der Firma Stefan Kuhn (Tiefbohrungen, Inheiden) zum dreizehnten Male: "Weiterbohren!" Bohrmeister Theis grinste vor dem Bohrloch hart neben dem Hochbehälter nördlich der Kleinstadt: "Uns soll's recht sein. Ich habe vom ersten Tag an gesagt, daß hier kein Wasser kommt!"
Das, woran Bürgermeister Seitz glaubt, ist die Wünschelrute des in Dornholzhausen (Taunus) pensionierten Straßenbahnschaffners Fritz Mayer. Vor einem Jahr ließ sich Wilhelm Seitz von Mayers Wünschelrute die "starke Wasserader" in 35 Meter Tiefe "zeigen".
Mayer schlug die Rute 20 Meter neben dem Hochbehälter fast aus der Hand. "Das Wasser wird mit 40 cbm Stundenleistung aus der Erde schießen", avisierte er.
Es wurde losgebohrt. 35 Meter tief: kein Wasser. Auch bei 70 Meter nicht. Bei 95 Meter wollte sich Rutengänger Mayer steinigen lassen, wenn bei 105 Meter kein Wasser aus dem Loch geschossen käme. "Genug, um damit noch zwei andere Gemeinden zu versorgen. Ich habe mich nur wegen der stark zerklüfteten geologischen Formationen etwas in der Tiefe geirrt."
Als sich in 109 Meter Tiefe noch immer kein Wasser rührte, versprach Mayer es "ganz bestimmt" bei 116 Meter. Bürgermeister Seitz drohte ob der schon verbohrten 25000 DM im Spaß: "Ich lasse den Mann unter dem Bohrturm aufhängen!"
Heute holen Stefan Kuhns Tiefbohrer Buntsandstein aus 118 Meter Tiefe. Trotz des versprochenen Wasser-Finderlohns von einer Korbflasche Schnaps (5 Liter) pro Mann: Kein Wasser.
"Mayer ist bei uns kein Mitglied", entschuldigt sich im nahen Wetzlar Reichsbahnoberinspektor i. R. Karl Leonhard, Vize-Vorsitzender der westdeutschen "Arbeitsgemeinschaft für Ruten- und Pendelkunde (Radiästhesie)".
"Ich gebe zu, daß besonders bei weniger erfahrenen Rutengängern Fehlmutungen bei der Bestimmung von unterirdischen Wasserläufen vorkommen", schloß Leonhard gerade eine Brief-Fehde mit Bundes-Wünschelruten-Fachmann Nr. 1, Professor Dr. Franz Michels, Landesamt für Bodenforschung, Wiesbaden. "Weil mit den Leuten doch nicht zu diskutieren ist."
In der Arbeitsgemeinschaft für Radiästhesie wird jedes Mitglied (heute rund 400) von einer Kommission geprüft. Fritz Mayer aber gehört zu den 5000, die ihre Rutenkünste außerhalb der Arbeitsgemeinschaft in gute D-Mark umsetzen.
Skeptische Besucher dürfen sich bei Leonhard durch einen Bücherschrank mit Wünschelruten-Literatur zur Ueberzeugung lesen. Dann führt Leonhard vor, was eine Wünschelrute ist: ein kurz vor der Gabelung abgeschnittener gegabelter Zweig, meist aus Haselnuß, aber auch aus Weide, Birke, Ahorn und anderen Hölzern. Auch Metall-Ruten gibt es. Leonhard benutzt eine.
"Der Rutengänger packt seine Rute an beiden Enden mit Unter- oder Obergriff und trägt sie in waagerechter Haltung vor sich her", dozierte der Vize. "Durch das Auseinanderbiegen der Rutenenden entsteht eine so starke Spannung, daß schon eine ganz leichte, willkürliche oder unwillkürliche Muskelbewegung in den Händen die Rute zum Ausschlagen oder Rotieren bringt."
Eine unwillkürliche Muskelbewegung bewirken nach Rutengänger-Ansicht drei Faktoren:
* Psychische: Fremd- und Selbstbeeinflussung (Suggestion) usw.,
* Physiologische: Disposition, Ermüdungserscheinungen usw.,
* Physikalische: Einwirkung von durch unterirdische Wasseradern, Erzlager, Salzlager, Erdöl, Erdspalten usw. ausgesendeten "Erdstrahlen" auf das "menschliche Körperkraftfeld".
Leonhard nennt die Erdstrahlen "eine unbekannte Strahlung zwischen Ultra-Rot und kürzesten Hertzschen Strahlen".
"Schlaflosigkeit, Nervosität, Neurasthenie, Rheuma, Gicht, Zucker, Nieren-, Gallen-, Blasen-, Asthma-, Magen-, Herzbeschwerden und Schwachsinn (höhnt Michels: "Von der Bettnässe bis zum Krebs") werden von den Rutengängern auf die Einwirkung dieser Strahlen zurückgeführt.
"Die Rute entdeckt die Krankheitsader unter der Erde", versichert Karl Leonhard. Als Gegenmittel verschreibt er "Bettrücken." Oefter noch einen "Entstrahlungsapparat" oder "Abschirmungsapparat", der die Erdstrahlen "unschädlich macht". (Preis: 60 DM für 8 m Reichweite, 120 DM für 40 m Reichweite.) In dem geheimgehaltenen Innern der Apparate befindet sich ein Wirrwarr von Drähten und Metallplatten, Porzellanteilen, Zement und wachsartigen Massen, oft auch Spulen und Spiegelscheiben. (Michels: "Hokuspokus".)
Noch mehr wollen die Rutengänger können. Ihre Rute soll Mauerwerk, Gräber und Schätze unter der Erde verraten, die Ursachen mangelnder Akustik erklären, das Geschlecht des Embryos im Mutterleib und im Hühnerei voraussagen und den Verbleib "Vermißter" bestimmen.
Oft benutzen die Rutenleute dazu auch einen Pendel. Meist ein zehn Gramm schweres, an einem Faden hängendes Messingstück, "deutscher Normalpendel" genannt. Leonhard verwendet ein aufschraubbares 60 Gramm schweres Hohlpendel, das mit dem gesuchten Stoff gefüllt wird.
Besuchern gibt Pendeler Leonhard in seiner Wohnung Kost-Proben. Er legt sein Schlüsselbund auf den Tisch. Hält er seinen Pendel darüber, schlägt er in Nord-Süd-Richtung aus. "Das kann man gut gebrauchen, wenn man sich im Wald verlaufen hat." Mißlingt den Besuchern die Nachahmung, sagt Leonhard: "Das können nur 8-12 Prozent aller Menschen."
Gleich neben dem Hause Solmser Straße Nr. 26 schlägt auf dem Rasen neben einem Baum auch die Stahlrute aus. So lange, bis Leonhard den kleinen Entstrahlungsapparat, Marke "Phylax", gleich neben sich auf "Ein" stellt. "Der Apparat macht alle Erdstrahlen in einem Radius von 7 m tot."
Auch der Pendel reagiert in den Händen Leonhards auf die unterirdisch strahlende Wasserader. Gegen den Strom hängt er still, mit dem Strom schwingt er hin und her. Vor Presseleuten hatte Leonhard einmal Pech. Er vergaß den Entstrahler abzustellen. Sein Pendel schlug trotzdem aus.
Um solche Pannen auszugleichen, zeigt Karl Leonhard dann notariell beglaubigt vor, wie er sich im 44er Sommer eine Million Reichsmark hätte verdienen können. Die waren auf die Ergreifung des Leipziger Oberbürgermeisters Goerdeler ausgesetzt. Leonhard: "Ich saß in Wildbad (Schwarzwald) zur Kur, kaufte mir zwei Zeitungen, holte mir aus dem Lesesaal einen Atlas und pendelte Goerdeler im Ostseebad Rauschen aus. Drei Wochen später wurde Goerdeler in der Nähe von Rauschen verhaftet. Ich wollte meinen Parteifreund nicht verraten!"
Auch in puncto Wassersuche wollen die staatlichen Stellen der deutschen Bundesländer von den Rutengängern nicht viel wissen. Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Südbaden haben schon erlassen, daß für Gemeinden, die sich bei ihren Bohrungen auf Rutengängerangaben verlassen, keine staatlichen Bohrzuschüsse gezahlt werden.
Die Landesämter für Bodenforschung (oder Geologischen Landesanstalten) haben in allen Rutengänger-Angelegenheiten bei Franz Michels in Wiesbaden ihre inoffizielle Zentrale. Im Bielefelder Hydro-Geologischen Arbeitskreis führt der ehemalige Wünschelruten-Referent der Preußischen Geologischen Landesanstalt (später: Reichsamt für Bodenforschung) den "Unterausschuß Wünschelrute".
Michels Zugeständnisse bestehen nur aus Konjunktiven: "Es ist nicht ausgeschlossen, daß es Menschen geben könnte, bei denen irgendein psychologischer Vorgang durch aus dem Boden ausströmende Kräfte erzeugt werden könnte."
Aber: "Alle exakten Versuche von wissenschaftlicher Seite haben diesen Zusammenhang zwischen Zustandsänderung im Boden und Wünschelrutenausschlag unwahrscheinlich gemacht. Die Deutung und Auswertung eines Rutenausschlages ist daher als verwerflich zu bezeichnen."
Auch Michels hat einen Bücherschrank voll Wünschelruten-Literatur. Nach seinen Büchern sind es vier Faktoren, auf denen die Erfolge der Wünschelrutengänger beruhen:
* Zufallstreffer nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung,
* hydrologische und geologische Ortskenntnisse.
* psychologische und physiologische Einwirkungen,
* unkorrekte Erfolgsmeldungen. Aufbauschen der Erfolge. Verschweigen der Fehlmutungen.
Die Geologen behaupten: "Unter unseren klimatischen Verhältnissen ist es oft viel schwieriger, eine Stelle zu finden, wo kein Grundwasser ist, als umgekehrt."
Das Studium der hydrologischen und geologischen Verhältnisse durch Ortsbesichtigung und Karteneinsicht vor Beginn der Mutung gehört zum Handwerkszeug der Rutengänger Psychologen experimentierten: die Rute schlägt dort aus, wo der Rutengänger den gesuchten Stoff bewußt oder unbewußt vermutet.
"Da die Rute schon bei einer Unterarmdrehung von 1 Grad ausschlägt, diese Drehungen aber unter 7 Grad überhaupt nicht sicher wahrzunehmen sind, kann der Rutengänger gar nicht entscheiden, ob er nicht selbst ein mühsam aufrecht erhaltenes Gleichgewicht der gespannten Rute vernichtet und damit einen Rutenausschlag erzielt."
Das Verhältnis der "Nieten zu den Erfolgen" schätzt Michels auf 9 zu 1. "Einen Fehlschlag wird der Rutengänger immer verheimlichen. Mit den wenigen wirklichen Erfolgen geht er hausieren. Oft stellen Bohrfirmen den Rutengängern aus Geschäftsinteresse falsche Zeugnisse aus."
Professor Michels hat eine Schublade voller Experimente bereit, "die beweisen, daß die Rutenausschläge mit Erdstrahlen nicht das geringste zu tun haben." Im ersten Stock des Physikalischen Instituts der Universität München mußten fünf Rutengänger auf dem Flur ihr Können beweisen, als im Erdgeschoß ein Entstrahlungsapparat jeweils zwei Minuten an- und zwei Minuten ausgeschaltet werden sollte. Die Ruten im ersten Stock schlugen programmgemäß immer zwei Minuten aus und ruhten danach zwei Minuten. Obwohl die Prüfungskommission den Entstrahler während der ganzen Zeit aus dem Hause getragen hatte. Bis ans Siegestor.
Michels: "Stellen wir den Rutengängern eine Falle, nennen sie das Irreführung. Doch unsere geophysikalischen Instrumente lassen sich nicht irre führen." Diese Instrumente haben auch auf den "Todeskilometern" in Nord- und Süddeutschland, wo "den Autofahrern das Steuer an einer bestimmten Stelle einfach aus der Hand geschlagen wurde", keine "Erdstrahlen" entdeckt.
Sein Fazit: "Außer der einzig bekannten durchdringenden Gammastrahlung*) sind keine Erdstrahlungen erwiesen. Nachweisbar wirksame Entstrahlungsgeräte sind ohne Kenntnis der Zusammensetzung der abzuschirmenden Strahlung nicht konstruierbar."
Die Gefährlichkeit der Gammastrahlen sei nicht erwiesen. Außer Blei und dicken Betonplatten mit Eisenspänen seien alle Stoffe in praktisch anwendbaren Dicken gegen Strahlen machtlos. "Die Rute beweist gar nichts. Wir würden gerne mit den Wünschelrutengängern zusammenarbeiten, wenn der Beweis erbracht wäre, daß die Wünschelrute auch nur den Bruchteil der Genauigkeit eines geophysikailschen Instrumentes hat."
Dieser Nachweis fehlt. Dafür kann Michels die Rechnungen einiger Fehlbohrungen der letzten 25 Jahre, durch Wünschelrutengänger verursacht, vorlegen:
Gemeinde Schliersee, Bohrung Mark
nach Jodwasser ... 500000
Ostseebad Misdroy ... 50000
Bad Steben (Oberfranken) ... 16000
Eppstein im Taunus ... 40000
Bergrevier Amtsbezirk Celle.
Von 185 durch Rutengänger angeregten Bohrungen auf Kalisalz blieben 179 ohne Erfolg. Von 48 Oelbohrungen brachten 2 wenig Oel, Bohrungen mitunter über. 1000 m tief. Kosten: ... 8000000
Bahnhof Eichenberg, Schaden für die Reichsbahn ... 6000
Bahnhof Fulda (Rutengänger Leonhard) ... 8000
Bahnhof Tutzing bei München ... 25000
8645000
Westdeutschlands Geologen wollen die Konsequenzen ziehen. Die Direktoren der westdeutschen Geologischen Landesämter haben auf ihren letzten Konferenzen bereits den Text einer warnenden Stellungnahme ausgearbeitet. Demnächst soll sie der Presse überreicht werden. Etwa so:
"Die Geologie fast aller Kulturstaaten hat sich seit langen Jahren in zahlreichen exakten Versuchen mit der Wünschelrute, dem Pendel und den Apparaten nach Art der Wünschelrute beschäftigt. Sie hat keine Gelegenheit unterlassen, Angaben von Wünschelrutengängern mit den tatsächlichen Verhältnissen des Untergrundes zu vergleichen. Sie ist zu dem Ergebnis gekommen, daß ein Zusammenhang zwischen Ruten- bzw. Pendelausschlag und Untergrund noch nicht einmal wahrscheinlich ist.
"Die Direktoren der Geologischen Landesämter müssen deshalb nachdrücklich darauf aufmerksam machen, daß Rute und Pendel für das Aufsuchen von Bodenschätzen aller Art einschließlich Wasser völlig unbrauchbar sind."
*) Gammastrahlen: Bei radioaktiven Umwandlungsprozessen der Elemente auftretende Wellenstrahlung, mit der Röntgenstrahlung verwandt.

DER SPIEGEL 16/1950
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