13.04.1950

PROBLEMKINDER / ERZIEHUNGFernsehen macht dumm

Die Lehrer des Mills College in Kalifornien waren entsetzt. Sie hatten erfahren wollen, was ihre Schüler in den oberen Klassen über Zeitgeschichte wissen, und das Ergebnis war, in sauberen Prozentzahlen:
* 70 Prozent hatten nie etwas von der "überparteilichen Außenpolitik" der USA gehört;
* 28 Prozent wußten nicht Bescheid über den Atlantikpakt;
* 36 Prozent hatten keinerlei Meinung über die amerikanische Hilfe für Formosa;
* 39 Prozent wußten nicht, wer Präsident von Argentinien ist.
In der Abraham Clark High School in Roselle (New Jersey) machte Englischprofessor Burnett Cooper bei den Frühjahrsprüfungen ähnliche Erfahrungen:
* 72 Prozent der Schüler kannten nicht ein einziges Shakespeare-Zitat auswendig;
* 61 Prozent wußten von George Bernhard Shaw nur, daß er ein "sehr alter Herr" und Vegetarier ist;
* 32 Prozent meinten, die 1901 gestorbene Königin Viktoria sei "schon mindestens hundert Jahre" tot.
Mister Cooper hatte im vergangenen Jahr der Klasse im gleichen Grade die gleichen Fragen gestellt und viel bessere Resultate erzielt. Auf der Suche nach der Ursache der Verschlechterung, dem Virus der Unbildung, stieß er auf das Fernsehen.
Es zeigte sich, daß die Prüfungsresultate derjenigen, die keinen Fernsehapparat zu Hause hatten, durchschnittlich um 19 Prozent besser waren als die ihrer Klassenkameraden. Die "television fans" aber hatten keine Zeit mehr, ihre Hausaufgaben zu machen.
Sie wollten weder die Abenteuer von Hopalang Cassidy versäumen, dem wackeren Trapper, noch die Clownerie des populären Komikers Milton Berle vernachlässigen. Die zahlreichen "crime-shows", in denen geschossen, geraubt, gemordet wurde, waren besonders beliebt bei den jungen Leuten.
"Schließlich und endlich - bei Shakespeare liegen ja auch am Aktschluß eine Menge Leichen herum", verteidigte sich ein Schüler. Er verbringt wöchentlich 31 Stunden vor dem Fernsehapparat.
Coopers Bericht, gemeinsam ausgearbeitet mit der Gymnastiklehrerin Ruth Prisk, die klagte, daß der Fernsehapparat die Kinder vom Spiel und Sport abhalte, machte in Amerika Sensation. Aus allen Fernsehstädten - erst ein Teil der USA hat Fernsehempfang - kamen ähnliche Berichte.
Die "New York Times", Amerikas angesehenste Tageszeitung, dozierte in einem Leitartikel: "Diese Statistiken machen es überdeutlich klar, daß die Television ein neues Problem für die Welt der Erziehung darstellt ...
"Jedes Medium, das einen so großen Teil der Wachstunden unserer Kinder in Anspruch nimmt, kann nicht mehr lediglich als eine neue Form der Unterhaltung angesehen werden. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Kraft mit ungeheuren Möglichkeiten zum Guten und zum Bösen ... die Oeffentlichkeit muß sich dieses neuen Problemkindes in unserer Mitte, das Problemkinder erzeugt, annehmen"
Weniger gemessen klang es von anderer Seite Celia Letton, Lehrerin der Laboratory School an der Universität Chicago, sagte gerade heraus, was viele Eltern dachten:
"Das Fernsehen macht aus unseren Kindern Dummköpfe. Sie lassen diesen Unsinn Stunden nach Stunden über sich ergehen, weil er von so starker suggestiver Kraft ist. Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, wird der Intelligenzgrad unserer Nation darunter leiden."
Kinderärzte stimmten in den Chor ein. Sie erzählten, wie die Kleinen und Kleinsten, die man vor dem Wunderkasten sitzen lasse, in der Nacht von bösen Träumen gequält würden. "Sie glauben, daß die Welt von 'Killern' mit großen Revolvern und perversen Mördern bevölkert sei. Sie sind zugleich fasziniert und erschreckt."
So Professor Frederik Wertham. Der Professor führt seit langem einen Kampf gegen den auf Gewaltanwendung und primitiver Erotik fußenden Inhalt der in Millionen Exemplaren hergestellten "comics"-Bilderbücher.
Auch die Kinder selbst kamen zu Wort. Im wöchentlichen Jugendforum der "New York Times" erklärte Malcolm Mitchell (12 Jahre): "Television bringt die Kinder von den Straßen weg. Sie ist verantwortlich dafür, daß wir nicht mehr so viele Streiche begehen."
Gilbert Seymann (10) gestand: "Ich vernachlässige meine Schularbeiten, seit wir den Fernsehapparat im Haus haben. Ich esse, während ich dem Televisionsprogramm zuschaue. Es macht mir Magenschmerzen, aber ich drehe den Apparat doch jeden Abend wieder auf."
Während Amerika über das Für und Wider seines neuen Hausgastes, des Fernsehapparates, debattierte, berichtete das "Wall Street Journal" über die Fortschritte der neuen Erfindung, die, wenn auch nicht inhaltlich, so doch wenigstens materiell und technisch den Kinderschuhen entwachsen ist.
102 Stationen senden bereits in den USA, und bis zum Jahresende werden es 250 sein. Bisher hatten die wenigsten Stationen Gewinne erzielen können, aber jetzt standen, nach den Worten des Besitzers der Station von St. Louis, die großen Firmen mit den Reklamekontrakten Schlange, um "Fernsehzeit" zu kaufen.
Hollywood klagte über ein Drittel Einnahmeschwund in allen Fernsehstädten. Im Kampf um ein Stückchen der Freizeit des Amerikaners hatten die Fernsehprogramme dem Radio hie und da schon die Hälfte ihrer Zuhörer, den Zeitschriften ein Drittel, den Büchern ein Fünftel ihrer Leser weggenommen.
Trotz aller gegenteiligen Versicherungen waren die meisten Programme immer noch höchst primitiv. Alte und älteste Kulturfilme stellten die Konzession der Stationen an das Bildungsbedürfnis der Amerikaner dar. Die Mehrzahl der Sendezeit wurde mit Detektivgeschichten. Revuenummern, mittelmäßigen Komikerprogrammen und wildwestlichen Filmen ausgefüllt.
Und die Organisation zur Messung des populärsten Programms teilte kürzlich mit, daß die meisten Fernsehzuschauer Amerikas in der letzten Märzwoche die Sendung "A Couple of Joes" bevorzugt habe. Und deren Star ist ein dreijähriger Jagdhund namens J. J. Morgan Seine rührenden Hundeaugen sehen aus, als bemitleideten sie jedermann.

DER SPIEGEL 15/1950
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