04.05.1950

BAYERNPARTEIUnd habe gar nichts

Im Münchener Hofbräuhaus holte Pepperl Baumgartner, Vorsitzender und Bonner Fraktionsvorstand der Bayernpartei, tief Luft: "Ein Floh hat den Bayern-Löwen gejuckt. Der hat nur einmal gezuckt, da war der Floh weg. Schmidhuber fliegt raus."
Ergo wurde Landesschatzmeister der Bayernpartei Konsul Dr. Wilhelm Schmidhuber vom Schiedsgericht des Kreisverbandes München der Bayernpartei ausgestoßen. Er sagt aber: "Was geniert mich ein Schiedsgericht des Kegelklubs Bavaria?"
Der Kampf um die Frage Schmidhubers Politik oder Baumgartners Politik tobte den April über durch die Bierstuben aller bayerischen Gaue. In Plattling wurde dem Pepperl Baumgartner vorgehalten, daß er am Aschermittwoch in Vilshofen zwar Christentum gepredigt, dennoch aber ein Fleisch gegessen habe. Wie er das mit seiner Ueberzeugung in Einklang bringen wolle?
Wegen seiner Ueberzeugung hatten die Niederbayern auch mit Baumgartners radikalem Spezerl, dem Parteigründer und Münchner Stadtrat Lallinger, etwas auszumachen: Lallinger hatte im Sturm einer Versammlung einen Geistlichen 'Saupfaff' geschimpft Und bei der Gelegenheit kam wieder zur Sprache, daß er als Kriminalkommissar der Hitlerzeit aus der Kirche aus- und bislang noch nicht wieder eingetreten ist
Als der Bierhauszauber Bürgerbräu-Keller-verdächtig wurde, stand der Brunnwirt von Gratenwiesen mit seinem Hakenstecken vom Tisch auf, hielt ihn dem Landesvorsitzenden Baumgartner Pepperl unter die Nase und fragte: "Baumgartner, kennst Du den?"
Haderten die Niederbayern im Kleinen mit dem Baumgartner - der gefeuerte Cassier Konsul Schmidhuber trat auf ideologischem Turnierfeld gegen die Radikalen um Baumgartner an.
Portugals Münchner Konsul Dr. Schmidhuber will "als bürgerlicher Blockpolitiker die CSU und die Bayernpartei soweit auf eine Linie bringen, daß die Grenzen verwischen." Für ihn ist die Bayernpartei nur eine vorübergehende Erscheinung gewesen, in der sich Kräfte sammelten, die wegen der Politik des Ochsensepp (Justizminister Josef Müller) keinen Platz in der CSU fanden.
"Nachdem sich dort der Hundhammer durchgesetzt hat, müssen wir mit dieser Partei zusammengehen."
Dem Konsul Schmidhuber und seinen christlich-konservativen Vertrauten Freiherr von Aretin (Kreisvorsitzender Niederbayern) und Anton Donhauser (2. Landesvorsitzender) geht es um die Sicherung einer christlich-bürgerlichen Mehrheit unter Ehard nach den nächsten Landtagswahlen durch gemeinsame Liste mit FDP und CSU.
Der bayerisch-radikale Baumgartner-Pepperl hat nach dem Krach an sein Büro geschrieben: "Läuten zwecklos, Briefe können eingeworfen werden." Hinter der Tür schimpfte er auf Schmidhuber: "Dieser rothaarige Judas. Er hat sich die Haare nur grau färben lassen."
Denn der Schmidhuber sagt, er habe dem Baumgartner das Geld abgedreht: "Die Schleusen sind zu, nun kriegt er höchstens noch was aus der Großmarkthalle und beim Schlachtviehhof. Da sitzen Leute, die ihm aus seiner Zeit als Landwirtschaftsminister noch zu danken haben."
Den Landesschatzmeister Schmidhuber, der seinen Ausschluß nicht anerkennt, rief in diesen aufgeregten Tagen sein Freund Freiherr von Aretin an: Ihm sei ein zinsloser Kredit auf ein Jahr angeboten worden
Schmidhuber: "Das ist ein Wunder Gottes, nach dem alle schreien, und keiner weiß, wo Geld herkommt. Nachdem der Gerichtsvollzieher bei der Geschäftsführung sowieso schon ein- und ausgeht. Bringen Sie den Mann hierher."
Der Mann kam und wollte es aus Begeisterung für die Bayernpartei tun. Sein Geldgeber wolle nur Lizenzen für Lieferungen aus Frankreich.
"Ich habe zwei große Importhäuser", erklärte ihm Schmidhuber. Ich kann also die Unterstützung mir nahestehender Firmen vermitteln. Mehr kann ich nicht tun. Aber Sie müssen Ihre Bedingungen formulieren."
Mehr hatte er nicht gesagt. Zwei Tage später wurde er brieflich vor diesem Mann gewarnt. Er komme als Agent Baumgartners.
Worauf Schmidhuber den Geld-Bieter, DP-Kozminski, beschatten ließ: "Ich muß doch wissen ob er Agent provocateur war, oder ein Mann, der über die Partei schwarzes Geld weiß machen wollte."
Beim zweitenmal wurde wieder über die Bedingungen verhandelt. "Dann stellt sich sowieso heraus, daß der von Baumgartner geschickt war", behauptet Schmidhuber und brach die Beziehungen ab.
Einmal beim Auspacken, überraschte Cassier Schmidhuber die Partei mit der Mitteilung: nur etw ein Zehntel der eingegangenen Wahlunterstützungs-Gelder sei tatsächlich der Wahl zugeführt worden.
"Als ich nach den übrigen Geldern fragte, hieß es: Was fällt Ihnen denn ein, diese Gelder sind uns in die Hand gedrückt, damit hätten wir machen können, was wir wollten. Wenn wir sie für uns verbraucht hätten, wäre das auch in Ordnung gewesen."
Wer denn der Bayernpartei solche Gelder in die Hand drücke? Französische Kreise, von denen immer wieder gemunkelt wurde, nach Schmidhuber, kaum: "Das waren höchstens mal kleine Tausenderbeträge".
Aber mit den kleinen Beträgen fängt es an - damit etwa, daß der Münchener Stadtrat Lallinger, Gründer und Radikaler der Bayernpartei, die Standverteilung beim Oktoberfest regelt. "Er schickt also seinen Kassierer vom Kreisverband rum und läßt den interessierten Geschäftsleuten sagen: Sie wissen doch, daß der Stadtrat Lallinger am Oktoberfest die Plätze verteilt." Das Weitere können sich die Geschäftsleute denken. Sagt Schmidhuber.
Fabrikant Seidel, Erding, gab 5000 Mark in den Wahlfonds. Was aber an Krediten läuft und lief, kann in dem Material nachgelesen werden, mit dem sich die streitenden Flügel gegeneinander stark machen.
DP-Kozminski, Schwandorf, vermerkte am 10. März 1950 in seinen Akten, der frühere Schatzmeister der Bayernpartei. Rechtsanwalt Eduard Mayer, den der Joseph Baumgartner schon vor Schmidhuber wegen Parteiverrats ausschließen ließ, habe ihn gefragt, ob er, Kozminski, Beziehungen zu Generalanwalt Dr. Auerbach habe, "Als ich dies bejahte, stellte er an mich das Ansinnen, ihm in seinem Verfahren, das von Baumgartner und der Bayernpartei gegen ihn anhängig gemacht worden sei, dadurch behilflich zu sein, daß ich ihm das Aktenzeichen beschaffe, unter dem bei Auerbach die Quittung über an die Bayernpartei ausgezahlte 10000 DM sich befindet.
"Mayer erklärte mir, der Abgeordnete Donhauser und er hätten bei Dr. Auerbach einen Kredit für die Bayernpartei in Höhe von 10000 DM beantragt und auch zugesagt erhalten. Als Donhauser einige Tage später zur Empfangnahme des Geldes erschienen sei, wurde ihm erklärt, das Geld sei bereits von Dr. Baumgartner abgehoben worden. Mayer bot mir für die Beschaffung des Aktenzeichens 1000 DM ...". Gezeichnet L. Kozminski.
Luzian Kozminski geriet zwischen die streitenden Fronten der Bayernpartei und notierte für seine Akten: "Am Montag, 13. März 1950, habe ich eine erneute Rücksprache mit Herrn Dr. Mayer in Schwandorf gehabt. Bei dieser Gelegenheit habe ich von Dr. Mayer erfahren, daß auch Baron von Aretin gegen Dr. Baumgartner arbeite. Diese Herren wollten die 'Bayerische Landeszeitung' durch einen Dritten aufkaufen, um dadurch die Presse der Bayernpartei in ihre Hand zu bekommen. Ich solle mich ... im Auftrag von Donhauser und Aretin bemühen, einen Geldgeber mit rund 100000 D-Mark zu finden."
Kozminski versprach zu suchen und er, der nach Schmidhuber ein Agent des Baumgartner ist, ging Aretin, Donhauser und Schmidhuber gegenüber scheinbar auf das Geschäft ein
"Das Ziel meines Chefs (Baumgartner) und der eingeweihten Herren ist, genau herauszubringen, ob diese Leute ein Geldgeschäft oder irgendwelche anderen Absichten hinter seinem Rücken hegen."
Bevor Baumgartner den Schmidhuber überführen konnte, hatte der schon seine Warnung bekommen. Er ließ den Kozminski durch die Zollfahndung überwachen und schloß keine Geldgeschäfte mit ihm ab
Waren die 100000 des Luzian Kozminski Fiktion. 30000 sind rauhe Wirklichkeit. Sie sind auf Wechsel am 24. Mai fällig. Dieser Wechsel läuft auf den Bayernverlag, in dem das Kampfblatt der Partei erscheint, die "Bayerische Landeszeitung" Baumgartner hat auch quergeschrieben.
Klar, daß beide Seiten diesem 24. Mai entgegen fiebern. Wie sehr man fiebert, das hat der Wortführer der konservativen Gruppe Schmidhuber, Hermann Aumer, Mitglied der Landesleitung, schon die Frau Baumgartner hören lassen, als er fragte: "Hat das der Pepperl scho bezahlt mit dem Wechsel, der am 24. Mai fällig wird? Schauts bloß, daß' das Geld zusammenbringt, sonst ist das schöne Häusl wieder hin."
Und das schöne Baumgartner-Häusl steht erst seit der Vorwährungsreformzeit in Waldtrudering bei München, Birkhahnstraße 43.
Was die politischen "Professionals" (nach Schmidhuber) der radikalen Seite kurzatmig macht, sind ihre Privateinkünfte. Natürlich weiß der reiche Konsul, Brauhaus- und doppelter Importhaus-Besitzer, daß Baumgartner als Mitglied des Bundestags, Mitglied des Landtags und Honorarprofessor der landwirtschaftlichen Hochschule Weihenstephan sein Auskommen hat. Aber er kennt auch diesen Ausspruch des Parteivorsitzenden: "Hätte mich nicht der Hundhammer schon zum ordentlichen Professor machen können? Wenn's jetzt im Herbst nicht klappt mit der Koalition. nachher stehe ich da und habe gar nichts."

DER SPIEGEL 18/1950
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