11.05.1950

MAGDEBURGHäschen, hier stinkt's

In Magdeburgs Stadtverwaltung ist eine Palastrevolution ausgebrochen. Im Polizeipräsidium traktiert der Präsident seinen Stellvertreter. Im Gewerkschaftshaus werden die Funktionär-Schreibtische durchsucht. Bei der SED-Kreisleitung tagte der Vorstandskader 8 Tage hinter verschlossenen Türen. Kreisvorsitzender Otto Paul wurde abgeführt.
Was Otto Grotewohl zu Ostern 1946 im Berliner Admiralspalast künstlich zusammenfügte, will der Magdeburger Altkommunist Bürgermeister Walter Kassner wieder scheiden. Sogar seinen OB-Kollegen Rudolf Eberhard hat er vor die Kontrollkommission gebracht. Jetzt läßt er nicht mehr locker, bis alle ehemaligen Sozialdemokraten aus den Spitzenstellungen entfernt und die schlimmsten Oppositionellen unter ihnen verhaftet sind. Drei sitzen bereits im Kerker.
Walter Kassner, 51, robuster Draufgänger, handelt nicht aus spontaner radikalistischer Anwandlung, sondern weil ihn der letzte Beschluß des SED-Politbüros, der eine verschärfte Selbstreinigung befiehlt, dazu ermunterte. Bis zum dritten Parteitag der SED am 20. Juli sollen noch viele Späne fallen.
Die eben angelaufene Säuberungswelle brandet nicht nur in Magdeburg, sondern auch in Schwerin, Rostock, Leipzig und Dresden. Die aufgerissenen Lücken werden von geschultem FDJ-Nachwuchs geschlossen. Das Ergebnis will Wilhelm Pieck in einem Bericht über die Tätigkeit der zentralen Parteikommission am 20. Juli persönlich verkünden, meldet sein Staatsorgan "Neues Deutschland".
Magdeburgs Opposition liegt dem Politbüro schon seit Jahren schwer im Magen. In der alten Stadt Otto von Guerickes, wo im 45er Mai die Schreie der von den Sowjets vergewaltigten Frauen und Mädchen aus der ostelbischen Vorstadt Krakau bis in die damals noch amerikanisch besetzte westelbische Stadthälfte hallten, hatten die Kommunisten nicht viel zu bestellen. Die Industriearbeiterschaft neigte mehr den Sozialdemokraten zu.
Die kamen dann in die Gewissenskrise, als die Sowjets auf Vereinigung drängten. Keiner der damaligen SP-Bezirksvorsitzenden wollte die Verantwortung übernehmen. In vier Wochen demissionierten drei. Bis die SPD auf Hermann Prübenau kam, einen gewiegten Druckereiverwalter, Sohn eines Töfpermeisters, der sich mit dem politischen Koordinierungsoffizier Grischin jeden Tag die Nase begoß.
Auf einer Woge von Alkohol schwammen die Prübenauer nach Ostern 46 in das große graue Haus in der Augustastraße am Schützenwall, wo einst Hindenburg residierte. Zu dessen Zeit war es Generalkommando der provinzialsächsischen Muschkoten, jetzt Generalkommando für den SED-Bezirk Magdeburg (Sachsen-Anhalt-Nord).
Aber sehr bald folgte die Ernüchterung. Die rechtssozialistischen Parteisekretäre, die sich vor der Vereinigung eingebildet hatten, sie würden die rigorosen Maßnahmen der Sowjets nunmehr bremsen können, kamen sehr schnell unter die kalte Dusche. Allzu Fürwitzige wurden für einige Zeit in den GPU-Keller der Porsestraße verfrachtet.
In dem roten Palast am Schützenwall gärte es ständig. Die Funktionäre bespitzelten sich gegenseitig. Bald wußte Polit-Major Grischin genau, wer gegen die Demontage der BRABAG (Synthesewerk) und der Börde-Zuckerfabriken gewettert hatte.
Nur ehemaliger Sozi Hermann Prübenau, der inzwischen noch Landtagsabgeordneter und Volksrat geworden war, hielt seinem linken Vereinigungspartner, dem heutigen Landwirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt Ernst Brandt die Einheitsbalancierstange. Er melkte für sich und seine Freundinnen die enteignungsreifen Betriebe. Angeblich "schenkten" ihm die Treuhänder immer alles: Heines Würstchen aus Halberstadt, Portola-Schokolade aus Magdeburg, Spirituosen aus Klötze (Altmark) und einen Renommierwagen, genannt "Der weiße Traum".
Ernst Brandt ließ ihn, spitzbübisch lächelnd, gewähren. Bis er hinter Prübenaus Komödiantenschliche kam. Der pflegte nach dem Besuch prominenter Altkommunisten, wenn er wieder mit seiner hübschen Sekretärin allein war, übermütig zu rufen: "Häschen, mach das Fenster auf, hier stinkt's nach Kommunisten!"
Als Prübenau wieder einmal ein Gelage im Parteihaus veranstaltete, dirigierte Schlaufuchs Brandt eine Arbeiterdelegation aus dem Krupp-Gruson-Werk ins Verlustier-Zimmer. Die erzählten nach diesem peinlichen Blick: "Nun wissen wir auch, wo unsere Mitgliedsbeiträge bleiben." Das war Brandts Rache. Kurz darauf wurde er Minister in Halle.
Prübenaus Name dagegen kam buchstäblich an den Strick. Den hatte sich Ehefrau Olga um den Hals gebunden, um der häuslichen Zerwürfnisse ledig zu werden Nachbarsleute schnitten sie los. Wütend stieß Hermann sie mit Füßen. Da flüchtete sie zu Ernst Brandt nach Halle und erzählte letzte Vertraulichkeiten: Prübenau habe niemals politisch gesessen. Er habe während des Krieges in seiner Druckerei Zigarettenmarken für den eigenen Nutzen gefälscht. Das war seine "Sabotage an der Kriegswirtschaft", mit der er sich brüstete.
Nun hatte Bernhard Koenen, einäugiger Landesvorsitzender in Halle, die geeignete Waffe, um den Magdeburger Bebelschülern die Ressentiments auszutreiben: "Seht, das sind eure ehemaligen Spitzenfunktionäre!"
Die Blamage tötete aber nicht die heimliche Rechtsopposition. Wenn schon August Bebel abermals verraten war, dann wollten wenigstens einige mit Anstand auf dem Posten bleiben. Dazu gehörten Magdeburgs 1946 gewählter OB Rudolf Eberhard, alter Heimstättenmann und Gewerkschaftssekretär mit großen Qualitäten, und sein Freund Stadtbaurat Koss. Ihnen verdanken 250000 Magdeburger, daß ihre zu 80 Prozent kriegszerstörte Stadt heute zu den bestaufgeräumten deutschen Schuttplätzen gehört. Tausende von Ausgebombten bekamen wieder Wohnungen.
Eberhard organisierte den Bund der ausgebombten Städte und kurbelte die Solidaritätshilfe im ganzen Land an: "Die nicht ausgebombten Gemeinden sollen Bauhandwerker, Material und Geldmittel für die Ruinenstädte stellen! Jede Woche eine Stunde Mehrarbeit und der Erlös dafür in unseren Aufbaufonds!"
Als die Russen kein Bauholz freigaben, wurde es bei Nacht und Nebel aus der Altmark und dem Harz nach Magdeburg hereingestohlen. Eberhard hatte Zivilcourage. Die größte Schuttaufbereitungsauflage der Zone wurde auf sein Betreiben konstruiert. Endlich verschwanden die Tropfsteinhöhlen.
Nur mit der Reparatur des Hungers haperte es nach wie vor. Die Russen kassierten Viehherden und Bördezucker und gaben dafür "Stalinkoteletts" (magerster Harzkäse) als Fleischersatz frei. Eines Tages wurde es den Arbeitern zuviel. Bei der volkseigenen Lignose im Vorort Schönebeck und bei Krupp-Gruson (Sowjet-AG.) traten sie im Sommer 48 in Streik. Major Grischin alarmierte Karlshorst. Die SMA mobilisierte eine Kommission. Sie bewilligte alles, forderte aber strengste Untersuchung.
Grischin pfiff seine deutschen V-Männer zusammen - voran Bürgermeister Kassner. Der blies den hohlwangigen Proleten den Demutsmarsch: "Und wenn wir alle in Lumpen und völlig barfuß gehen müssen, dann büßen wir nur ein winziges Maß an Schuld. Denkt an die Helden von Leningrad. Die haben bei 50 Gramm Brot täglich dem faschistischen Untier getrotzt". (Kassner selbst ließ sich von Verwalter Stützle auf dem Stadtgut Groß-Ottersleben ein Schwein mästen).
1949 setzte Kassner seinen Willen durch: Die auf seiner schwarzen Liste stehenden ehemaligen Sozis unter den Partei- und Verwaltungsfunktionären wurden zur Durchleuchtung auf Parteischulen abkommandiert, darunter der Kreisvorsitzende Otto Paul. An ihre Stellen rückten Kassners V-Leute. Sie sammelten systematisch Belastungsmaterial.
Vor sechs Wochen kehrten Paul und Genossen von der Schulungsburg Klein-Machnow zurück. Kassner konstatierte nach der ersten Begegnung: Die haben nichts zugelernt. Hauptvertrauter Willi Wallstab, der 45 vom Friseurgehilfen zum Polizeipräsidenten avanciert war, bekam einen Wink, und die Zentrale des MWD. in der Porsestraße bekam einen Wink.
Kurz vor der 1. Maifeier wurden Kreisvorsitzender Otto Paul (39) und Wirtschaftssekretär Rudolf Thiele (42) im Parteihaus verhaftet, "nachdem sie gestanden hatten, welchen schändlichen Verrat sie an der Partei begangen haben. Sie haben eine Gruppe geschaffen, mit der sie die Partei spalten wollten." (Magdeburger Volksstimme.)
Mitspalter erster Gewerkschaftsvorsitzender Hans Lemme mußte auch in Wallstabs Untersuchungsgefängnis in der Halberstädter Straße.
Gegen weitere 14 Funktionäre, Stadträte und Abgeordnete, einschließlich OB. Eberhard und Vize-Poprä Rosé, schweben Untersuchungsverfahren. Rosé hat einem Reporter erzählt, daß 3000 Deserteure der Roten Armee, die 47/48 Magdeburg und Umgegend terrorisierten, über 120 Verbrechen begangen haben. Diese Indiskretion kostet ihn die Stellung.
Nun brütet Landgerichtspräsident Lange im reparierten Justizpalast an der Halberstädter Straße darüber, wie er die Anklagepunkte gegen die Rebellen formulieren soll. Walter Kassner aber triumphiert in seinem Bericht an das Politbüro:
"Nur durch solche Maßnahmen kann der 3. Parteitag richtig vorbereitet werden."

DER SPIEGEL 19/1950
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